Der Tod als Mittel zur Fluchtverhinderung

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall fasziniert dieses prägende Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte junge Menschen immer noch. Über 100 Schüler der neunten und zehnten Klassen an der Oberzent-Schule Beerfelden lauschten gebannt den Ausführungen von Volkmar Raabe, früher Grenzschützer und dann Polizeihauptkommissar in Erbach. Vor dreieinhalb Jahren hatte er den heutigen Schulleiter Bernd Siefert mit dessen zehnter Klasse nach „Point Alpha“ an der innerdeutschen Grenze begleitet, erläuterte dieser in der Begrüßung.

Das prägendste Erlebnis seiner Tätigkeit als Grenzschützer hatte Volkmar Raabe 1982. Genauer gesagt am 29. März. Damals musste er mit anschauen, wie ein DDR-Flüchtling an der innerdeutschen Grenze von zwei NVA-Soldaten im Todesstreifen angeschossen wurde und 25 Meter vor dem rettenden bundesdeutschen Gebiet verblutete.

„Wir mussten den Notarzt festhalten, damit der nicht auch noch erschossen wird“, schilderte der ehemalige Polizeihauptkommissar die traumatische Situation, die ihn fast 40 Jahre später immer noch erfolgt. Ein Kreuz und ein Schild erinnern heute an die fehlgeschlagene Flucht von Hans-Josef Große. „Hier wurde ein Mensch erschossen, der von Deutschland nach Deutschland wollte“, ist darauf zu lesen. Große war einer von 715 Menschen, die von 1961 bis 1989 an der innerdeutschen Grenze zu Tode kamen, schilderte Raabe. Mit Berlin waren es sogar 872.

Dass der sogenannte „antifaschistische Schutzwall“ nur dem Zweck diente, die DDR-Bevölkerung an der Flucht in den Westen zu hindern, machte der ehemalige Grenzbeamte an der Tatsache fest, dass die Selbstschussanlagen nur nach Osten, ins eigene Land, gerichtet waren. „Vom Westen her konnte man die Befestigungen leicht überwinden“, sagte er.

Wie stark die heutige Gesellschaft durch Migration geprägt ist, machte der ehemalige Polizist anschaulich deutlich. Er ließ alle Schüler aufstehen und fragte dann nach und nach ab, wer selbst einen Migrationshintergrund hat, wessen Eltern und Großeltern zugewandert sind. Diejenigen durften sich setzen. Am Schluss stand nur noch ein Drittel der Jugendlichen.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961, als in Berlin der Mauerbau begann, gab es eine „brandgefährliche Situation“ mit den beiden Machtblöcken kurz vor einem erneuten Krieg. Genau in dieser Nacht flüchtete auch Raabes Familie von Ost- nach West-Berlin. Der Vater hatte aufgrund seiner Tätigkeit als Finanzbeamter Wind von den geplanten Ereignissen bekommen, war als Christ aufgrund seines öffentlichen Bekenntnisses zuvor schon verfolgt worden.

Nach dem Mauerbau wurde laut dem ehemaligen Grenzpolizisten auch der Aufbau der innerdeutschen Grenze immer mehr vorangetrieben. „Ab 1975 habe ich das selbst erlebt“, so Raabe. Zaun, Kfz-Sperrgraben, Spurensicherungsgraben, Kolonnenweg, Wachtürme, Minengürtel, später Selbstschutzanlagen – in deutscher Gründlichkeit wurde auf 1400 Kilometern quer durchs Land ein monströser, menschenverachtender Tötungsapparat hochgezogen.

Die DDR-Grenzanlagen sahen laut dem früheren Erbacher Polizisten „den Tod als Mittel zur Fluchtverhinderung“ vor. Erst waren es Minenstreifen, die die Flucht von Ost nach West verhindern sollten, dann ab 1971 die Selbstschussanlagen. Bevor die Mauer 1989 fiel, habe es bereits Pläne gegeben, alles elektronisch aufzurüsten.

Die Grenzziehung brachte laut Raabe aber auch so manch abstruse Ereignisse mit sich. So musste bei Lindewerra der hessische Zug ein Stück über thüringisches Gebiet fahren – was dazu führte, dass er dort von russischen Soldaten kontrolliert wurde. Um das zu ändern, gab es eine Grenzbegradigung, vereinbart zwischen Amerikanern und Russen: die sogenannte Whisky-Wodka-Linie.

Von Schülerseite wurde darauf hingewiesen, dass es auch heute noch Mauern zwischen Staaten gibt: Nord- und Südkorea sowie Israel und Palästina sind nur zwei Beispiele. Von Lehrerseite wurden die USA und Mexiko ergänzt. Lehrerin Barbara Bohn betonte zum Schluss die Wichtigkeit, keine neuen Grenzen zu errichten.

 

 

Volkmar Raabe, 1955 in der ehemaligen DDR geboren, flüchtete 1961 mit seinen Eltern erst von Ost- nach West-Berlin, kam vom Auffanglager Marienfelde dann ins Saarland und wuchs in Saarlouis auf. 1975 fing er beim Bundesgrenzschutz an und war danach an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in den verschiedensten Funktionen stationiert. 1992 wechselte er zur hessischen Polizei und erlebte dort verschiedene große Einsätze mit. Im Jahr 2000 kam Raabe zur Erbacher Polizei. Dort war der Polizeihauptkommissar bis zu seiner Pensionierung als Jugendkoordinator und Pressesprecher tätig. Heute ist Raabe als Diakon in der katholischen Kirchengemeinde Michelstadt aktiv.