Eigentümer sollen ihr Grundstück nicht hergeben

Wehret den Anfängen. Schon heute haben die Rothenberger freie Sicht auf drei Windenergieparks auf den gegenüberliegenden Hügeln. Greiner Eck, Stillfüssel und Kahlberg blinken aus den verschiedenen Himmelsrichtungen, als die BI Gegenwind Beerfelden-Rothenberg zur Info über die aktuelle Planung der Projektierer für 13 Rotoren in den Wäldern auf der Hirschhorner Höhe eingeladen hat. Über 100 Interessierte quetschen sich in den Saal des Hotels „Hirsch“.

Eines einte die Referenten: Der Appell an die Grundstückseigentümer, nicht den kurzfristigen Profit zu sehen, sondern die langfristigen Auswirkungen. Denn in den vergangenen Wochen war durchgesickert, dass interessierte Firmen an die Bürger herangetreten waren, um für den Bau notwendige Flächen zu pachten.

Bürgermeister Christian Kehrer formulierte seinen Aufruf eher salomonisch, indem er die Verantwortung der Einwohner ansprach. Vera Krug von der BI Ulfenbachtal und Siedelsbrunn nahm kein Blatt vor den Mund und sah eine Spaltung des Dorfs voraus, wenn wenige auf Kosten der Mehrheit Geld machen wollten. Geld übrigens, das ein schöner Schein sein könnte, wenn nämlich nach dem Abschreibungszeitraum die Rückbaukosten an den Grundstückseigentümern hängen bleiben.

Andreas Krauch von der örtlichen BI führte in die Veranstaltung ein. Im Hintergrund liefen auf der Leinwand verschiedene Animationen, wie die Odenwald-Hügel zugepflastert werden könnten, wenn alle dafür ausgewiesenen Gebiete für Windenergie genutzt werden. Finkenberg, Katzenwinkel, Flockenbusch und eben die Hirschhorner Höhe: Rothenberg wäre eingekesselt.

Bürgermeister Kehrer lobte die sachliche und fachliche Diskussion mit der Bürgerinitiative. „Die breite Masse schweigt“: Damit umschrieb der Rathauschef die Schwierigkeit der Kommunalpolitik in der Abschätzung, „wohin die Reise gehen soll“. Er zeichnete die Planung der Odenwald-Kommunen nach, einen eigenen Flächennutzungsplan für Windkraft auszustellen, der aber vom Regierungspräsidium kassiert wurde. Doch einen Plan braucht’s, sonst gilt laut Kehrer das Baugesetzbuch ohne weiter Einschränkungen.

Der Rathauschef kritisierte das Zustandekommen des Regionalplans, der den Kommunen „übergestülpt“ wurde. Daneben sind die potenziellen Betreiber sehr zugeknöpft, wann um den Ertrag der Anlagen geht, monierte er. Auch der Rückbau sei ein großes Thema. „Da sind viele Fragen offen“, so der Bürgermeister. Er verwies auf einen Bericht des Umweltbundesamts, in dem der Rückbau und die damit einhergehenden Probleme thematisiert werden.

„Bitte überlegen Sie es sich gut“, meinte er in Richtung der Grundstückseigentümer, auch wenn das schnell verdiente Geld verlockend sei. „Denken Sie an die nachfolgenden Generationen.“ Kehrer wünschte sich von den Windkraft-Betreibern mehr Transparenz. „Wir müssen uns ernsthaft Gedanken um die Energiewende machen“, betonte er. Deutschland könne die Welt nicht retten, aber mit gutem Beispiel vorangehen. In der kommenden Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wird ein FDP-Antrag behandelt, der die künftige Haltung Oberzents zur Windenergie festzurren soll.

Deren Fraktionsvorsitzender Frank Leutz, Geschäftsführer des Reha plus, beleuchtete die gesundheitlichen Risiken. Er ging vor allem auf den Infraschall ein. Das sogenannte „Windturbinensyndrom“ tritt seinen Worten zufolge bei 20 Prozent der Bevölkerung auf. „Es ist fahrlässig, so mit der Gesundheit der Menschen umzugehen“, sagte er. In anderen Ländern gehe man mit dem Thema viel kritischer um. Die Bürger auf dem Land bezeichnete Leutz als „Versuchskaninchen fürs große Geld“, denn in der Stadt gibt es keine Windräder.

Ein Antrag des Ärzterats auf Untersuchung dieses Phänomens ist bis heute nicht erfolgt. Er sah „kein besonders begründetes öffentliches Interesse“ in der Windenergie, sodass dafür die Wälder abgeholzt werden dürften. 30.0000 Windräder produzierten nur vier Prozent des Primärstroms, stellte Leutz die Wirtschaftlichkeit in Frage. Er bezeichnete die Planungen als „einen Wahnsinn, der gestoppt werden muss“.

Als Gast erläuterte Vera Krug als Wald-Michelbach-Siedelsbrunn, wie der dortige Windpark „Stillfüssel“ zustande kam. Sie hatte ferner eine Karte aus dem Teilflächennutzungsplan mitgebracht, der die verschiedenen Planungsflächen in Südhessen aufführt. Daraus wurde deutlich, dass auf etlichen benachbarten Hügeln Gebiete ausgewiesen sind. Obwohl im Gebiet Stillfüssel viele gefährdete Arten nachgewiesen wurden, gab es eine Genehmigung. „Wir waren geschockt“, so Krug. Die Bürger „fühlen sich von der Politik verlassen“. Die Vorsitzende des Vereins Leben und Freiheit, selbst in der Nähe von Stillfüssel wohnhaft, berichtete von ihren eigenen Infraschall-Erfahrungen. „Wenn wir könnten, würden wir sofort gehen“, sah sie die Lebensqualität nicht mehr gegeben. Krug baute einen großen moralischen Druck Richtung Grundstückseigentümer auf, nicht ihr Gelände zu verpachten. „Wir alle wollen das Klima retten, aber nicht durch Naturzerstörung“, postulierte sie.