Musiker brennen für die Live-Auftritte

Die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben, dass nach mehr als zwei Monaten Pause endlich wieder ein Fitzelchen Kultur in Corona-Zeiten möglich ist. Zwar in kleinem Rahmen und mit vielen Auflagen, aber immerhin. Der Heidelberger Musiker Olli Roth machte im Hüttenwerk Michelstadt den Auftakt zum Neustart. Die Optik des Veranstaltungssaals war gewöhnungsbedürftig. Weit verstreute Tische, vorn in „sicherer Entfernung“ die Bühne mit dem Vollblut-Musiker.

„Ein Glück, dass wir wieder loslegen können“, meint Hüttenwerk-Chef Achim Tischler. Denn zum Schluss hin „wurde es doch ganz schön langweilig“. Die Konzerte in kleinem Rahmen sieht er als „Schadensbegrenzung“ an, denn die Location lebt von den Events mit mehreren hundert Gästen. Natürlich werden alle Vorgaben umgesetzt. Dazu zählt, dass das Personal Masken tragen muss – wie seine Frau Michaela, die diese auf Dauer als unangenehm empfindet, wenn sie viel mit den Gästen redet.

Achim Tischler fremdelt mit den unterschiedlichen Bestimmungen je nach Bundesland und Art des Betriebs. „Wir müssen regelmäßig die Türklinken desinfizieren“, erläutert er – was grundsätzlich ja eine gute Sache ist. Andererseits aber gibt es in den Supermärkten keine Pflicht, dass die Einkaufswagen desinfiziert werden müssen, moniert er. Der Hüttenwerk-Chef hofft einfach darauf, dass die Ansteckungszahlen niedrig bleiben und es bald mehr Lockerungen gibt.

Olli Roth, der übers Jahr ständig auf Tour ist und von seinen musikalischen Verpflichtungen lebt, trafen die Corona-Beschränkungen heftig. „Bisher 76 Absagen bei 152 gebuchten Terminen in diesem Jahr“, listet er akribisch genau auf, was ihm seit Ende Februar alles wegbrach. Ausfallgagen hat er dafür nicht gesehen. Der in Leimen Wohnende versuchte sich auf vielen Feldern über Wasser zu halten. „Das Streaming hat gut funktioniert“, nennt er ein Hauptbetätigungsfeld.

Das würde nicht ohne die Fans funktionieren, denen der 57-Jährige großes Lob zollt. „Ich habe ein super Publikum“, erzählt er. Die riesige Solidarität bei den Musikfans half Roth, diese schwierige Zeit durchzustehen. Denn die Künstler sind von der Krise mit am heftigsten betroffen. „Das ist schon sehr strange, nach über zwei Monaten wieder aufzutreten“, gesteht der alte Hase, der seit über 40 Jahren im Geschäft ist.

Nicht nur für ihn, schätzt Roth: „Die Gäste müssen sitzen bleiben, dürfen nicht tanzen oder sich zu nahe kommen“, hofft auch er auf baldige Verbesserungen. Aber: „Man muss es probieren“, denn ein ganzer Berufsstand steht auf der Kippe. Deshalb ist es für Olli Roth mit dem Rhythmus im Blut eine große Freude, „endlich wieder live vor Menschen spielen zu können“. Das war schon immer sein Lebensziel und -inhalt „und so soll es bleiben“.

Wie geht’s Musiker-Kollegen, so, zumindest mal wieder zuzuschauen oder demnächst selbst aufs Neue in die Saiten greifen zu können? „Geil“, bringt es Klaus Wilka aus Beerfelden auf den Punkt. „Endlich wieder Live-Acts“, sagt er. Bei ihm herrscht bis August ähnlich tote Hose wie bei Olli Roth. „Alles abgesagt“, meint er lakonisch. „Wir haben es vermisst wegzugehen“, freut sich Wilka über die Abwechslung zu Büchern, Hausarbeit und Netflix.

Ähnliches kommt auch von Bobby Stöcker aus Groß-Umstadt. „Nach zwei Monaten wieder rausgehen“, ist für einfach klasse. Denn das Streamen ist eben einfach nicht das Gleiche, wie vor Publikum aufzutreten. Michi Tischler lobte den Mut der Besucher, sich wieder in einen Veranstaltungssaal zu „wagen“. Wenn sich auch noch nicht die Masse aus dem Haus traute. Einige der knapp 70 Plätze blieben frei.

Tischler dankte Olli Roth und Bobby Stücker, dass sie zum Auftakt sofort dabei waren. „Die brennen beide darauf, endlich wieder live aufzutreten“, sagte sie. „Man merkt, dass du den Menschen was Wert bist“, ergänzte Roth. Nahm seine akustische Gitarre zur Hand und spielte sich drei Stunden lang „durch den Gemüsegarten in meinem Kopf“. Das bedeutete: viele altbekannte Rockklassiker, wie gewohnt perfekt dargeboten.

 

Info: Das nächste Konzert im Hüttenwerk findet am Freitag, 22. Mai, um 20 Uhr mit „Some other Stuff“ statt. Weitere Infos unter http://www.huettenwerk.info