Auf dass so etwas nie mehr passieren möge

Vor vier Jahren wurde vor der evangelischen Martinskirche Beerfelden der Stolperstein für Herbert Creutzburg verlegt. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Jedes Jahr wird der Gedenkstein von den Oberzentschülern bei einem Gedenken gereinigt. Dieses Jahr – zur 75. Wiederkehr der Ereignisse – war coronabedingt nur der Religionskurs von Schulleiter Bernd Siefert beteiligt.

Angestoßen wurde die Stolperstein-Verlegung 2016 von den Religionsklassen der Oberzent-Schule mit ihrem (damaligen) Lehrer Bernd Siefert. Der wurde von Verwaltungsmitarbeiter Helmut Ulrich im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern im Jahr 2012 erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam gemacht.

Daraus entwickelte sich dann der Kontakt zu Franz Ulm, der damals als junger Soldat zu Creutzburg in die Zelle gesperrt wurde, um dessen Selbstmord zu verhindern und ihn auch auf dem Weg zum Galgen begleitete. Ulm hatte noch ein Gnadengesuch verfasst, das aber nicht mehr angenommen wurde.

Durch seine Recherchen machte Siefert den über 90-Jährigen vor sechs Jahren in Köln aus. „Franz Ulm konnte sich noch sehr gut an das Ereignis erinnern.“ Dem ehemaligen Soldaten sei das „präsent gewesen, als ob es gestern war“. Das späte Gedenken durch die Stolperstein-Verlegung erlebte Franz Ulm aber nicht mehr: Er starb 2015.

Creutzburgs war Unteroffizier im Zweiten Weltkrieg und hatte sich kurz vor Kriegsende unerlaubt von seiner Truppe entfernt. Er hatte genug vom Krieg, wollte zu seiner Verlobten und sich Heiratspapiere beschaffen. An der Bahnüberführung zwischen Gammelsbach und Eberbach wurde er von Feldgendarmen festgenommen, nach Beerfelden ins Gefängnis gebracht, von einem Standgericht zum Tode verurteilt und vor der evangelischen Kirche hingerichtet.

Der Oberzent-Lehrer wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau am Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber des Befehls von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt.

Dies ist im Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945“ von Dirk Strohmenger nachzulesen. Laut Strohmenger blieb der Leichnam des Unteroffiziers Creutzberg zur Abschreckung der Bevölkerung „noch einige Zeit am Baum zwischen dem Kriegerdenkmal und der Kirche hängen“. In Beerfelden sei das Standgericht der Heeresstreife 17 für das Urteil Fahnenflucht und Hinrichtung zuständig gewesen. Wie der Autor weiter schreibt, seien die verantwortlichen Offiziere trotz Ermittlungen deutscher Justiz- und Polizeibehörden nach 1945 nie gefasst worden.

Der damalige Pfarrer May beobachtete die damaligen Ereignisse aus der evangelischen Kirche heraus und verurteilte sie aufs Schärfste. Die entsprechenden Passagen und Strohmengers Aufzeichnungen brachten die Neuntklässler Caroline Siebert und Sina Pehmöller zu Gehör. Letzte zitierte auch das Leitbild der Oberzent-Schule: „Wir begegnen uns in der Schule mit Respekt, Wertschätzung und Empathie.“ So etwas darf sich nie wiederholen, meinte Noah-Leon aus der 9a. Und Luisa wollte die damaligen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Bernd Siefert wies auf aktuelle Ereignisse hin. Wehret den Anfängen, so sein Tenor. Er nannte den Mord an Walter Lübcke im vergangenen Jahr als erschreckendes Beispiel, dass rechte Gedanken in Deutschland weiterhin präsent sind und unselige Auswüchse zeigen. Die Beschäftigung der Schüler mit diesem Thema ist laut dem Schulleiter wichtig bei der Erziehung zum mündigen Bürger. Nach der Reinigung des Stolpersteines wurden Kerzen angezündet, Blumen auf den Stolperstein gelegt und das Vater Unser gebetet.