Schleusentore werden in die Heimat gebracht

Für Tobias Bell ist die Fracht so eine Art Ehrensache: Es kommt schließlich nicht oft vor, dass der Binnenschiffer in seiner kleinen Heimatstadt Hirschhorn ausladen darf. In der Nacht von Montag auf Dienstag (25./26. Januar) macht der 27-Jährige sein Schiff „Somnium Videre“ an der Ersheimer Schleuse. Im Gepäck, sprich im Frachtraum, hat er sehnlichst erwartete Ware: die beiden neuen Schleusentore. Bell beförderte sie von Magdeburg aus durch ganz Deutschland in die hessische Neckarstadt.

Die Schifffahrt liegt der Familie im Blut – und sie ist die letzte in Hirschhorn, die diesen Beruf noch betreibt. Früher, erinnert er sich, gab es noch über 30 Partikuliere im südlichsten hessischen Zipfel, dem einzigen Landstrich, der an den ansonsten baden-württembergischen Neckar grenzt. Heute sind nur noch die Bells übrig geblieben. Tobias führt mit seinem Bruder Joachim in achter Generation die Tradition fort.

Während sein 30-jähriger Bruder das sich seit 1989 im elterlichen Besitz befindliche Schiff steuert, ließ sich der der 27-Jährige vor drei Jahren den Tanker „Bayernland“ für seine Zwecke umbauen. Heute ist er damit zusammen mit Frau Madeleine und dem fünf Monate alten Sohn Friedrich mitsamt zwei Hunden auf den Wasserstraßen unterwegs.

Für Tobias Bell gab es nie eine Alternative zum Binnenschiffer-Beruf. Schon mit 15 Jahren kam er nach dem Schulabschluss an Bord. Mit diesem Ziel schon frühzeitig vor Augen „war ich kein guter Schüler“, lacht er. Auf der Schiffer-Berufsschule in Duisburg ging die große Fahrt weiter. „Ich habe meine Berufswahl noch nie bereut“, berichtet er. Wobei auch klar ist: Rein aus wirtschaftlichen Erwägungen macht das niemand, „es gehört auch Passion dazu“.

Durchs vergangene Jahr schipperte die Familie ganz gut. Es gab zwar coronabedingt leichte Einbußen, erklärt der Hirschhorner. Aber die waren bei Weitem nicht so stark wie in anderen Berufsgruppen, wie Gastronomie oder Handel. Denn Warentransport ist immer gefragt – und auf dem Wasser nicht so stauanfällig wie auf der Straße.

An Weihnachten ankert die Familie schon traditionell in Hirschhorn. Denn übers Jahr hinweg ist man sonst nur zehn Nächte zuhause. Neben ganz Deutschland führte der Wasserweg bereits nach Belgien und Frankreich oder in die Schweiz und Niederlande. Auf Bells „To-do-Liste“ stehen noch Bremerhaven und die Fahrt auf der Donau bis ans Schwarze Meer. „Es ist immer etwas Besonderes, mit einer Fracht nach Hirschhorn zu kommen“, freut sich der 27-Jährige.

Den Auftrag für den Transport der Schleusentore wollte er auf jeden Fall bekommen, erzählt Bell. Vor einem Jahr transportierte er bereits Hochwasser-Sperrtore von Sachsen-Anhalt nach Ladenburg und erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass irgendwann die Fracht nach Hirschhorn anstehen würde. Bell blieb am Ball und bekam den Zuschlag, die beiden Tore von der Werft in Roßlau an der Elbe ins Hessische durchzuführen.

Die beiden Schleusentore, weiß er, lagerten dort einige Zeit. Denn das Bauvorhaben in Hirschhorn dauert um einiges länger als geplant. Vor sechs Jahren ging’s los – mit einer geplanten Bauzeit von 22 Monaten. Ein paar Baufirmen versuchten sich, es gab zwischenzeitlich ein paar verzögernde Baumängel. Ein Ende ist aber auch nach Ankunft der Tore noch nicht in Sicht, sagt Tobias Bell. Denn manchmal passen sie nicht gleich und müssen noch einmal in Roßlau nachjustiert werden.

Die 73 Tonnen der beiden Schleusentore machen trotz des enormen Gewichts nur einen Bruchteil der möglichen Schiffs-Tragkraft von 2620 Tonnen aus. Die Stahlungetüme haben jeweils zehn auf sieben Meter bei einer Dicke von einem Meter. Bell erläutert, dass diese Maße nicht in jeden Frachtraum passen. Damit sich die Fahrt auch rentiert, hat er gleich noch eine große Menge an Altmetall dabei, die in Mannheim gelöscht wird.

Das Schwerlastsegment als Spezialisierung ist eine Zielrichtung des Binnenschiffers. Denn immer mehr Projekte, weiß er, „werden von der Straße aufs Wasser verlegt“. Dazu zählt etwa der Transport von sperrigen Windrädern. Mit seinem niedrig gehenden Schiff ist er flexibel bei entsprechenden Durchfahrtshöhen, die andere Frachter nicht schaffen.

Der Binnenschiffer ist gespannt auf die Ausladung. Denn die passiert mit einem extra dafür aufgebauten Kran, wofür die Ersheimer Straße gesperrt werden muss. Zusammen mit der sowieso schon bestehenden halbseitigen Sperrung der Schleusenbrücke „wird das eine Herausforderung“, denkt er. Zusätzlich ist am Dienstag der Neckar von 7 bis 17 Uhr für die Schifffahrt dicht.

Die Länge der „Somnium Videre“ (lat. Träumen) von Tobias Bell beträgt 105 Meter, die Breite elf Meter. Die Tragkraft des Schiffes beträgt 2620 Tonnen bei einem maximalen Tiefgang von 3,20 Metern. Es wurde 1984 als Tanker in Erlenbach/Main gebaut und hieß damals Bayernland. Das Schiff war 108,5 Meter lang und wurde für die Verwendung auf kleinen Wasserstraßen während des Umbaus 2018 gekürzt.