Musikalisch den Kopf nicht in den Sand stecken

Das Jahr hat begonnen „und, wie wir alle wissen, ist nichts ist normal“, sagt Iris Thierolf. Die Kantorin an der evangelischen Martinskirche Beerfelden hat aber für diesen Fall „vorgesorgt“. Denn sie ging bereits im vergangenen Oktober davon aus, dass 2021 kein Jahr wie immer mit einem Konzert-Großprojekt (Chor, Orchester, Solisten) werden kann. Deshalb machte sich die in Etzean wohnende Musikerin Gedanken, wie man es in Corona-Zeiten musikalisch in der Beerfeldener Kirchengemeinde gestalten könnte.

Thierolf hatte die Idee, monatlich kleine Konzerte anzubieten, „die überschaubar im Rahmen sind“. Damit wäre der Verlust nicht zu groß, wenn sie ausfallen würden. „Die Kirchengemeinde hat es gut geheißen“, freut sie sich. Somit gibt es immer am letzten Sonntag im Monat um 18 Uhr (aber keine Regel ohne Ausnahme) ein Konzertangebot in der Martinskirche. Alle Veranstaltungen dauern bei freiem Eintritt – sofern sie öffentlich stattfinden – etwa 60 Minuten.

Start ist bereits am 31. Januar, 18 Uhr, mit einem Klavierkonzert der Kantorin. Das wird ab der Konzertzeit auf ev-kirchengemeinde-beerfelden.ekhn.de/startseite/unsere-gemeinde/videobotschaften.html online gestellt. Auch im Februar kann sie sich noch kein öffentliches Konzert vorstellen. Jedes zukünftige, das ohne Zuschauer stattfinden muss, wird unter dem Link zu finden sein, erläutert sie. Die Videoseite wurde inzwischen zu einer großen Fundgrube. „Unendlich viele Videobotschaften kann man mittlerweile dort ansehen.“

Thierolf will die ausfallenden Konzerte ungern komplett absagen. Da das Online-Neujahrskonzert, das sie mit Arne Müller einspielte und von Roland Bahre aufgenommen wurde, in der Kirchengemeinde sehr großen Erfolg hatte, „hat mich das inspiriert, folgende Termine, die wir nicht mit Publikum machen können, auch online zur Verfügung zu stellen“. Dann war die ganze Vorbereitung nicht umsonst und „außerdem bleibt man an den Menschen dran“.

„Ein großes Highlight wollten wir in diesem Jahr doch bieten“, sagt die Musikerin: die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin für Klavier und Orchester. Dabei handelt es sich um ein sehr bekanntes und beliebtes Werk, weil es durch seine Rhythmik, Harmonik und Popularität die Menschen anspricht. „Es war extra kein Riesen-Chorprojekt geplant, weil das zu viele Menschen vereint hätte“, erklärt Thierolf.

Für die „Rhapsody in Blue“ braucht man aber dennoch ein 44-köpfiges Orchester. „Leider haben wir schweren Herzens dieser Tage dieses Projekt aufgegeben, weil es mit dem heutigen Wissen einfach zu unsicher ist, ob es stattfinden kann“, bedauert sie. Da es eine sehr kostspielige Angelegenheit geworden wäre, ist es aus ihrer Sicht unverantwortlich, es weiter aufrecht zu erhalten. „Das ist sehr schade“, blutet ihr das Herz. Als Ersatz soll es ein kleines, aber feines Orchesterkonzert geben – mit einer überschaubaren Zahl an Mitwirkenden.

Nach der Gesangsklasse im Februar ist am letzten Sonntag im März unter dem Titel „Swinging Ladies“ der Frauenchor aus Oberzent dran. Der Posaunenchor im April leitet über zum Mai-Frühlingskonzert des evangelischen Kinder- und Jugendchors. Nach dem Kirchenchor im Juli ist Ende August ein Mitsingkonzert vorgesehen.

Ein Gospelkonzert des gleichnamigen Projekts folgt im September, ehe Iris Thierolf Ende Oktober auf der Dreymann-Orgel spielt. Ab jetzt ändern sich die Aufführungstage: Musik zum Totensonntag erklingt am 21. November, das Adventskonzert findet am 12. Dezember statt und Musik zum Jahreswechsel gibt es am 30. Dezember.

Iris Thierolf ist keine, die sich von der gegenwärtigen Situation entmutigen lässt. „Ich stelle mich darauf ein und sofort kommen Ideen, die man angehen könnte“, verdeutlicht sie. Das war bereits im ersten Lockdown so, als sie ihren Chören viel Material zukommen ließ. Jede Stimme wird von ihr einzeln eingesungen, damit es viel Probenstoff gibt.

Dass die Kantorin „nicht lange in Resignation hängen bleibt“, hat auch mit der sehr positiven Resonanz auf die Alternativangebote zu tun. Etwa auf den Weihnachtsgottesdienst, der nur im Netz stattfinden konnte. „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand, wenn mal was nicht geht“, erzählt sie. Ruckzuck werden neue Ideen entwickelt.

Die Musikerin kann sich nur an einen Durchhänger im Dezember erinnern. „Och ne“, lautete da ihre Reaktion, als alles wieder umgeworfen werden musste. Das dauerte aber nur einen Tag an und dann „ratterte es wieder“, meint sie schmunzelnd. Die Zeit ist derzeit anders verteilt als früher, sagt sie. Aber langweilig wird es nie. So spielt Thierolf etwa für jeden Sonntagsgottesdienst die Musik ein.

Der private Einzelunterricht für ihre Schüler läuft online weiter. Den Chören „fehlt es sehr, dass nicht gesungen werden kann“, weiß sie. Deshalb nutzt die Kantorin auch „jede Möglichkeit, um an den Leuten dranzubleiben“ und stieß unter anderem mit dem Kirchenchor ein Online-Projekt an.

Außerhalb der Musik geht man in der Kirchengemeinde neue, corona-gezeichnete Wege. Am Sonntag, 7. Februar, steht ein „Kanzeltausch“ an, schildert Pfarrer Roland Bahre: Das Beerfeldener „MusikKreuzWort“ wird in der Kirchengemeinde Reichelsheim gesendet, dafür gibt es in Beerfelden den Reichelsheimer „SonntagsImpuls“ als Videobotschaft zu sehen.

Am 14. Februar heißt es „MusikKreuzWort trifft SonntagsImpuls“ aus den Kirchen in Beerfelden und Reichelsheim mit Pfarrerin Erika Bahre und Pfarrer Roland Bahre, Iris Thierolf und Matthias Ernst. Dahinter verbirgt sich eine Verknüpfung der Videobotschaften beider Gemeinden zu einer gemeinsamen.