Still ruht die Ruine Freienstein

Das Vereinsnetzwerk funktioniert nach wie vor, freut sich Gammelsbachs Ortsvorsteher Konrad Helm. „Die Möglichkeit, auf Leute zuzugreifen, ist nach wie vor vorhanden“, betont er. Zwar steht das Vereinsleben bei Feuerwehr, Turnverein, Sängern und Sportvereins aktuell quasi still. Ist aber im Dorf Not am Mann, lassen sich schnell Helfer organisieren. Denn: „Die Aktiven sind gut vernetzt und wissen, was zu tun ist.“

Helm bedauert, dass die Feste und Veranstaltungen im Jahreslauf ausfielen – und damit auch die damit verbundenen Einnahmen für die Vereine. „Langfristig wird das noch ein Thema.“ Denn Feuerwehr und TV unterhalten eigene Gebäude und brauchen Mittel. Es könnte sinnvoll sein, die Förderung der Stadt für solche Zwecke auszubauen, meint er.

Der Ortsvorsteher zeigt sich aber überzeugt: „Wir werden hinterher das Ding wieder zum Laufen bringen.“ Denn die Vereine sind unterm Jahr die Motoren des kulturellen Lebens. Spätestens 2022, so Helm, soll sich doch bitte alles wieder in normalen Rahmen bewegen. Denn dann steht das 1250. Jubiläum von Gammelsbach an – und das will gebührend gefeiert werden.

Die Lage an der Nord-Süd-Achse mit guten Verkehrsverbindungen macht das Dorf interessant für Zuzügler. Beerfelden und Erbach sind auf der B 45 schnell zu erreichen – ebenso wie Eberbach mit dem S-Bahn-Haltepunkt auf der Neckartalstrecke. Dort gibt es neben der Oberzent-Schule auf dem Berg auch die nächstgelegenen Berufs- und weiterbildenden Schulen.

„Leerstände sind ruckzuck wieder besetzt“, erläutert Helm. Häuser werden gekauft und übernommen. Somit bleibt die Bevölkerungszahl ziemlich konstant. Junge Leute ziehen zwar für Beruf oder Studium erst einmal weg, kehren aber teilweise zurück. Familien aus Frankfurt oder Heidelberg wissen das günstigere Landleben zu schätzen. Auch die funktionierende Dorfgemeinschaft ist ein wichtiger Punkt. Um noch attraktiver zu werden, sollte das Glasfasernetz ausgebaut werden, betont er. Dazu kommt die notwenige flächendeckende Versorgung mit einem funktionierenden Handynetz.

Es gibt noch ein paar andere Standortfaktoren, mit denen der Ort wuchern kann. Da ist zum einen die Grundschule – klein, aber oho. Zum anderen die Bäckerei im Unterdorf, die Käserei und die drei Wirtschaften. „Sie machen Gammelsbach lebenswert“, betont er. Fürs Frühstück und zum Kuchen backen ist alles zu bekommen. Teilweise ist der Nachwuchs auch schon mit eingestiegen und sichert damit das Fortbestehen. Helm bedauert, dass es die Tankstelle nicht mehr gibt.

Ein Kindergarten wäre zwar das Nonplusultra, aber er weiß auch, dass dafür gewisse Anforderungen notwendig wären. Gerade für die U3-Betreuung müssen bestimmte, auch räumliche Voraussetzungen gegeben sein. Außerdem ist eine gewisse Kinderzahl im Ort notwendig. Die Familien „sind es gewöhnt, dass die Kinder nach Beerfelden gehen“, sagt er, und sprechen sich bei den Fahrten ab. Durch die dörfliche Struktur funktioniert das. 

„Gammelsbach ist ein Pendlerdorf“, erklärt der Ortsvorsteher. Es gibt ein paar kleine Handwerksbetriebe, wie Maler, Etikettendruckerei, Auto- oder Spritzgusswerkstatt – wobei es seinen Worten zufolge durchaus überlegenswert ist, sich das Auto und die Fahrzeit zu sparen und dafür einen geringeren Lohn für den Job im Ort in Kauf zu nehmen.

Dazu kommt ein andere, gerade während der Pandemie wichtiger Punkt: „Wir können in die Fläche oder in den Wald gehen“, nennt er als Vorteil. Auf dem Land ist man nicht so eingeschränkt wie in der Stadt, was das Leben im Odenwald attraktiv macht. Dazu noch Bauplatzpreise von 50 oder 60 Euro, wovon man an der Bergstraße nur träumen kann.

Landwirtschaftsbetriebe im Haupterwerb sind selten geworden. Die Steillagen und der eher karge Boden taugen vor allem als Weideflächen. Der Strukturwandel sorgte mit dafür, dass es immer weniger Bauern gibt. „Die Fläche bleibt, aber der Verwaltungsaufwand verdreifachte sich“, weiß Helm aus eigener Erfahrung. Solange der Trend zum günstigen Essen geht, werden diese strukturellen Probleme weiter bestehen, vermutet er. Auch mit der Waldwirtschaft lässt sich derzeit – Klimawandel, Sturmschäden und Borkenkäfer grüßen – nichts mehr verdienen.

Gammelsbach lebt von und durch seine Vereine. Mai-Fest als Jahresauftakt oder die von allen gestemmte Kerwe: Die Bevölkerung nimmt teil und hilft mit. „Viele sind in zwei oder drei Vereinen aktiv“, schmunzelt der Ortsvorsteher. Auf die Ehrenamtlichen ist Verlass.

Der Tourismus steht im Fokus der anstehenden Vorhaben. Helm nennt den Lückenschluss des Fahrrad- und Wanderwegs zwischen Beerfelden und Eberbach als dringenden Wunsch. Denn dann, so seine Hoffnung, gibt es eine Verbindung zum Neckarsteig und es wird attraktiver, einen Abstecher in den Odenwald mit seinen Gaststätten zu machen. Außerdem sorgen E-Bikes dafür, dass so manche Steigung ihren Schrecken verliert. Aktuell fehlen um die 150 bis 200 Meter, um die vorhandenen Wege zu vernetzen. „Es geht ja nicht um eine Fahrrad-Autobahn“, gibt es eher bescheidene Vorstellungen.

Ein zweites Projekt ist eigentlich kein neues, sondern köchelt schon lange vor sich hin. „Es wäre schön, wenn bei der Burg Freienstein etwas passieren könnte“, hofft Helm. Denn aktuell ruht die Ruine. Er wünscht sich, dass dieses Wahrzeichen Gammelsbachs wieder öffentlich zugänglich gemacht und eventuell für eine kulturelle Nutzung zur Verfügung gestellt wird. „Die Burg ist ein Aushängeschild für ganz Oberzent“, hebt Helm hervor. Es kommen immer wieder Anfragen, ob sich was tut. Der Ortsvorsteher muss jedes Mal antworten: „nichts“.