Gastronomie wünscht endlich grünes Licht

„Wir brauchen unbedingt Perspektiven“, betont Angelika Beisel vom „Hirsch“ in Rothenbergs Ortsmitte. Um zu zeigen, dass die Gastronomen in den Startlöchern für eine Wiederöffnung stehen, beteiligte sich das Traditionsgasthaus an der Aktion „Grünes Licht“. Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Hessen, Initiative Gastronomie Frankfurt und der Leaders Club Deutschland hatten dazu aufgerufen, um vor dem heutigen politischen Spitzentreffen ein sichtbares Zeichen zu setzen.

Beisel macht klar, „dass wir nicht auf Biegen und Brechen aufmachen wollen“. Aber der Dauer-Lockdown ist nicht mehr durchzuhalten. Denn selbst wenn die Gastronomen wieder ihre Türen öffnen dürfen, „ist nicht gleich die Bude voll“. Es dauert, bis alles wieder angelaufen ist. Nicht nur die Betreiber, auch die Mitarbeiter brauchen Sicherheit. „Wir verlernen bald unserem Job“, meint die Wirtin mit etwas Galgenhumor.

Inzwischen gibt man sich ja in der Branche notgedrungen schon mit wenig zufrieden. Die November-Hilfen sind immerhin schon eingetroffen, die vom Dezember teilweise. Ein ganz andere Hausnummer und „das nächste Problem“ stellen die Überbrückungshilfen III dar. Durch den Riesenwust von Unterlagen „muss man sich durchwurschteln“, verdeutlicht sie die schwierige Beantragung. So ist unter anderem nicht klar, welche Kriterien wie auf den Hirsch zutreffen könnten.

Nach wie vor ist der Zuspruch fürs Take-Away-Speisenangebot groß, freut sich Beisel. „Wir lassen uns auch immer etwas Neues einfallen.“ Die Leute kommen längst nicht mehr nur aus Rothenberg, sondern aus vielen umliegenden Orten. Im Laufe der Zeit wurde einiges perfektioniert. Ein Online-Bestellsystem sorgt etwa dafür, dass alles vom Handy oder Computer aus geordert und gleich bezahlt werden kann.

Das Verpackungssystem beruht auf Bagasse, einem Überrest der Zuckerproduktion, und ist ökologisch abbaubar, erklärt Lukas Beisel. Da die Sets versiegelt werden, halten sie außerdem länger warm und sind auch problemlos später in der Mikrowelle wieder aufwärmbar, sagt er.  

Die Krise schweißt zusammen, fügt er hinzu. Wo früher Konkurrenzdenken herrschte, zählt heute das Miteinander. Man organisiert sich innerhalb der großen Gastronomen-Familie in einer WhatsApp-Gruppe, um die Neuigkeiten auszutauschen. Wer Hilfe bracht, dem wird geholfen. Auch über die Dehoga kommen viele Infos rein, lobt seine Mutter.

Beim Hygienekonzept ist der „Hirsch“ auf dem neuesten Stand, sagt Angelika Beisel. Derzeit werden sogar einige Optimierungen, wie Luftfilter, Digitalisierung oder Verlegung des Geschäftsbetriebs in den Außenbereich, vom Staat gefördert. Mit ein paar Tagen Vorlaufzeit könnte man wieder loslegen, erklärt sie. Ihre Hoffnung geht Richtung Ostern.

Die Gastronomie, hebt die Wirtin hervor, sieht sich aufgrund ihrer durchdachten Konzepte nicht als Coronatreiber. Schnelltests könnten zusätzlich helfen, damit die Öffnung in greifbare Nähe rückt. Beisel geht es auch um Fairness: Aktuell laufen die Öffnungsdiskussionen, Friseure und Gartenmärkte durften schon loslegen, aber von den Gaststätten redet keiner. „Man kann nicht alles aufmachen und uns zulassen.“

Aufgabe der Politik ist es jetzt, jetzt alles dafür zu tun, dass die Betriebe keinen Tag länger als gesundheitspolitisch geboten geschlossen bleiben müssen, fordert der hessische Dehoga-Präsident Gerald Kink in einer Pressemitteilung. „Wir erwarten deutlich mehr Tempo und Professionalität bei den Impfungen.“ Auch bei Schnellteststrategie und Digitalisierung der Gesundheitsämter gibt es seiner Meinung nach Luft nach oben.

Restaurants und Hotels hätten während der Öffnungen von Frühjahr bis Herbst bewiesen, dass sie strenge Hygiene- und Schutzmaßnahmen entwickeln und erfolgreich umsetzen können, hob Kink hervor. Das Gastgewerbe weist Untersuchungen zufolge kein relevantes Infektionsgeschehen auf, ergänzte er. Das Ansteckungsrisiko gerade bei Zusammenkünften im Freien und in Hotels sei niedrig. „Restaurants und Hotels sind keine Pandemietreiber, sondern sichere Orte“, so Kink weiter.

84 Prozent der Betriebe drängen laut der jüngsten Verbandsumfrage auf eine Öffnung vor Ostern. Das Gastgewerbe befindet sich seit Beginn der Pandemie insgesamt sechs Monate im Lockdown, erläutert er. „Verzweiflung und Existenzängste nehmen in der Branche dramatisch zu.“ Hotels und Restaurants brauchen dringend Perspektiven, ist der Dehoga-Präsident auf einer Linie mit den Gastronomen vor Ort.