Im Odenwald auf Römerspuren

Mehr römische Geschichte an einem Tag geht nicht. Dazu noch Nadelgehölz ohne Ende, dass es manchmal fast zu viel wird, ein architektonisches Schmuckstück in Gestalt von Schloss Waldleiningen und natürlich fabelhafte Odenwälder Küche: Der Drei-Länder-Weg rund um Hesselbach führt tief in die Historie und macht Appetit auf mehr.

Der Landgasthof „Grüner Baum“ leidet derzeit unter den Corona-Beschränkungen wie andere Gasthäuser auch. Mit dem Take-Away-Angebot ist die Familie Vogel weiterhin für ihre Gäste da und bietet schmackhafte Speisen an. Da ist es schwierig, im Vorfeld der Tour eine Entscheidung zu treffen: nach dem Mittag mit vollem Magen die zwölf Kilometer angehen, oder sich erst einmal das opulente Mahl verdienen? Oder beides: Mit einem leckeren Frühlingssalat als Appetizer starten und später mit dem Hesselburger die verbrannten Kalorien wieder reinholen.

Gleich am Ortsende biegen wir, immer der 6er-Markierung folgend, auf den kleinen Pfad nach links ein, der in lichtem Wald oberhalb der Straße Richtung Kleinkastell Zwing führt. Verschiedene Infotafeln geben uns hier einen Einblick in die Geschichte der älteren Limes-Odenwaldlinie.

Wohl eher Zufall dürfte es sein, dass dort, wo sich vor fast 2000 Jahren der Limes entlang schlängelte, heute die Ländergrenze zwischen Hessen und Baden-Württemberg ist. Der 6er-Weg, vorher offen, eben, geschottert, biegt nach links in den dichten Wald ab und legt an Gefälle einen gewaltigen Zahn zu. Mit zwei Serpentinen und auf weichen Nadeln verlieren wir innerhalb kürzester Zeit mehr als 100 Höhenmeter.

Die Strecke ist ein schöner Kontrast zur bisherigen, als wir auf der Höhe mit Blick auf Hohberg und Krähberg den weiten Blick genossen. Den gibt’s ganz plötzlich im Talgrund, als sich der Blick weitet und denselbigen auf sattes Grün freigibt. Wir sind in Waldleiningen angekommen.

Langsam schält sich das Schloss aus der Landschaft heraus, ein imposantes Gebäude, das man nie und nimmer in dieser Odenwald-Diaspora erwartet. Erbaut wurde es ab 1828 in Anlehnung an britische Vorbilder, wie beispielsweise Abbotsford des schottischen Schriftstellers Walter Scott. Auf einer der vielen Bänke am Wegesrand können wir die Frühlingssonne in vollen Zügen genießen, bevor wir danach auf vielen Kilometern ein Schattendasein fristen müssen.

Unser Rundweg zweigt unterhalb des Schloss scharf nach links oben ab. Mit ein wenig Wehmut lassen wir die Postkarten-Landschaft hinter uns und machen uns an den kurzen, aber eher gemütlichen Aufstieg. Nur ein paar Meter weiter dürfen wir das nächste Bundesland auf unserer Tour abhaken: Wenn von oben kommend der Nibelungensteig die Strecke kreuzt, sind wir im Naturpark Bayerischer Odenwald angekommen.

Eine deftige Brotzeit und ein kühles Helles wären optimal als Start der nun folgenden, immer monotoner werdenden Strecke unterhalb des 547 Meter hohen „Kollis“. Der Wanderweg macht jede Hügel-Ausbuchtung mit. Hinter jeder Ecke sieht’s gleich aus. Das unterhalb liegende Tal mit der Straße Richtung Kirchzell lässt sich nur schemenhaft erahnen.

Doch alle Mühsam hat ein Ende. Langsam, aber sicher, gewinnen wir ein paar Höhenmeter, was darauf hindeutet, dass ein Ende der Monotonie bevorsteht. Als der Rundweg einen scharfen Knick macht und sich, Bayern verlassend, hoch zur Verbindungsstraße zwischen Würzberg und Hesselbach windet, ist unsere Erleichterung groß. Denn ab jetzt, zeigt der Blick in die Karte, wird die Landschaft offener, es geht fast nur noch eben weiter.

Was schon zwischendurch ins Auge fiel, sorgt an der Straßenüberquerung noch einmal für Irritation. Die Wege sind zwar gut ausgeschildert, aber es gibt einige Veränderungen gegenüber der noch nicht einmal drei Jahre alten Oberzent-Wanderkarte. Was früher eine „5“ war, wurde zum „V“-Weg. Wo der 6er-Weg nach links abbog und entlang der kleinen Straße führte, quert er diese nun und geht auf der anderen Seite in den Wald hinein.

Wir vertrauen der Markierung, weil wir sowieso ein weiteres römisches Zeugnis, den Wachturm WP 10/30 mit Palisaden, in Augenschein nehmen wollen. Das herrliche Waldweg-Stück mit Stopp am ehemaligen Wachtposten in den Vogelbaumhecken lohnt sich. Gedanklich machen wir uns die Notiz, im Sommer noch einmal vorbeizukommen, wenn die unzähligen Heidelbeer-Hecken vollhängen werden.

Das Wissen um die letzten beiden Kilometer und auf viel offenes Feld mobilisiert die Reserven. An der kommenden Kreuzung müssen wir uns zwischen Licht und Schatten entscheiden. Unser etatmäßiger Weg zweigt nach links in den Wald ab und verläuft durch diesen bis kurz vor die Ortschaft. Optimal für heiße Tage. Wir aber laufen auf der Suche nach wärmenden Sonnenstrahlen geradeaus auf dem 2er-Weg weiter, auf dem bald unterhalb der sattgrünen Wiesen Hesselbach erscheint.

Auch wenn’s kein Halb-, sondern nur ein Viertelmarathon war, drehen wir auf diese Weise aber eine halbe Ehrenrunde um den Ort. Kurz vor diesem geht’s nach links auf ein kurzes Nibelungensteig-Intermezzo, ehe uns der 6er-Weg wieder vom Wald her einholt – der Wanderkarte nur mit viel Phantasie folgend. Aber egal: Wir können das duftende Rumpsteak vom Angusrind aus dem „Grünen Baum“ fast schon riechen.

Das ehemalige Kastell Hesselbach, wohlklingend Bodendenkmal genannt (was so viel heißt, dass man außer den Info-Tafeln nichts, rein gar nichts mehr, sieht), lassen wir schnellen Schrittes rechts liegen, um so nach der Geschichte schnell etwas Gutes für Leib und Magen zu tun.

Name: Drei-Länder-Weg

Länge: 12 Km

Dauer ohne Pausen: ca. 3,5 Stunden

Höchster Punkt: 500 m

Niedrigster Punkt: 340 m

Kategorie: leicht

Wanderzeichen: gelbe 6 in gelbem Kreis

Ausschilderung: gut (Differenzen zur Wanderkarte 10 „Oberzent“ des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald)

Verpflegung: http://www.gruenerbaum-hesselbach.de, Telefon 06276-280

Sehenswürdigkeiten: Limes, Kleinkastell Zwing, Schloss Waldleiningen, römischer Wachturm, Numeruskastell