Selina kann nun endlich Fahrrad fahren

Selinas Traum ist in Erfüllung gegangen. Die blinde Zwölfjährige aus Kailbach bekam ein Spezialtandem, mit dem sie nun endlich Fahrrad fahren kann. Denn das war seit Langem ihr größter Wunsch. Sehr dankbar ist die Familie Burth für die vielen Spenden, die zu diesem Zweck aus der gesamten Umgebung zusammenkamen. Auch der Echo-Artikel im Januar trug seinen Teil dazu bei, dass das Tandem nun ausgeliefert werden konnte.

5000 Euro kamen bei der Aktion zusammen, darunter auch etliche Spenden aus Selinas Heimatort, dem Oberzent-Stadtteil Kailbach. Weitere 4000 Euro steuert eine Familie aus Michelstadt bei. „Selina liebt es“, sagt ihre Mutter Michaela über das Tandem. Natürlich wurde es gleich ausgiebig genutzt. Für die Realisierung von Selinas Herzenswunsch setzte sich zusammen mit der Familie und dem Behindertenclub Odenwald (BCO) auch der Rotary-Club Erbach-Michelstadt ein.

Eigentlich wollte Präsident Roger Frohmuth den Scheck über 1000 Euro bereits im vergangenen Jahr im Rahmen der 45-Jahr-Feier des BCO übereichen. Doch diese, geplant in der Adventszeit, musste wegen der Pandemie ausfallen. Sie soll aber, möglichst in diesem Spätjahr, nachgeholt werden, dann zum 46-jährigen Bestehen, wie der Geistliche schmunzelt.

Die Rotarier begleiten seit Jahrzehnten die Arbeit des Behindertenclubs mit seiner Vorsitzenden Elfi Kissinger, Selinas Oma, erläutert Frohmuth. Ein solches Tandem „gibt es nicht von der Stange“, erklärt er. Deshalb war eine größere Summe als für eine „normale“ Ausführung nötig. Jetzt wurde die Spenden-Übergabe an die Familie nachgeholt.

Eine weitere große Leidenschaft der Zwölfjährigen ist die Musik. Sie spielt bei der Weihnachtsfeier des BCO immer Lieder auf dem Keyboard vor. Das Klavier spielen hat sie sich vor vier Jahren selbst beigebracht, erzählt ihre Mutter. Selina leidet unter dem seltenen MLS-Syndrom, so Michaela Burth. Deshalb dauerte es auch über ein Jahr, bis die Labore es herausfanden.

Die Zwölfjährige geht in Elsenfeld (Main) auf die Blindenschule. „Leider gibt es nur diese eine“, bedauert sie. Das Mädchen fährt am Tag fast drei Stunden mit dem Bus, da auch andere Kinder abgeholt und auch wieder nach Hause gebracht werden. Selina steigt in Kailbach als erste ein und als letzte wieder aus, sagt sie. Im Moment ist die Zwölfjährige zuhause. „Darüber bin ich auch froh“, betont Michaela Burth. Denn das Mädchen hat kein gutes Immunsystem – und bei einem Schulbesuch „hätte ich noch mehr Angst“.

Die Schule baut gerade in Aschaffenburg neu, erzählt Burth. Dann ist ihre Tochter noch länger unterwegs. Aber: „Die Schule ist sehr gut und bietet auch Klavierunterricht.“ Denn Selina spielt sehr gerne das Instrument. Sie ist sehr musikalisch und singt natürlich auch gerne. Die junge Kailbacherin hat noch eine ältere Schwester, Anastasia. Die 14-Jährige besucht derzeit den Konfirmandenunterricht bei Pfarrer Frohmuth.

Das Fahrradfahren lernte Selina in der Schule, da es dort ein Spezialrad gibt. Die Familie wünschte sich schon lange, erläutert ihre Mutter, zusammen mit ihr Rad-Ausflüge zu machen. Sonst ist das nur getrennt möglich. Michaela Burth stellte bereits oft einen Antrag bei der Krankenkasse, der jedes Mal wegen Selinas Blindheit abgelehnt wurde. Die aktuelle Spendenaktion wurde von einer Freundin der Familie, Natascha Gippert, ins Leben gerufen.

Die Zwölfjährige „hat sich riesig gefreut“, zeigte sich Pfarrer Frohmuth bei der Spendenübergabe bewegt. Daran merkte er, „wie schön es ist, wenn Träume in Erfüllung gehen“. Überall stellte er ein Strahlen auf den Gesichtern fest. Mit dem Schenken „beschenkt man sich auch selbst“, so der Geistliche. Er bezeichnete es als „schöne Sache für die Rotarier, dass wir helfen konnten“.

Natürlich wurde das Tandem gleich in Betrieb genommen. Zuvor hatte es Wolfgang Dittrich, Außendienstmitarbeiter der Firma Draisin, entsprechend eingestellt. Denn die Spezialanfertigung hat eine Rückenlehne, einen Anschnallgurt und spezielle Pedale, damit die Füße drin bleiben. Das vordere Lenkrad bewegt sich analog zum hinteren, das vom Mitfahrer bedient wird. Damit die Odenwald-Hügel bewältigt werden können, gibt es einen E-Antrieb. „Wir fahren jeden Tag damit“, erzählt Michaela Burth. Zuerst ging es Richtung Mudau, dann nach Schöllenbach. Die erste Probefahrt unternahm Selinas Schwester Anastasia mit ihr, während die glückliche Zwölfjährige ihre Freude durch lautes Singen zum Ausdruck brachte.