Auf der Suche nach dem Panoramablick

Würzberg. Anspruch und Wirklichkeit klaffen etwas auseinander. Weiß der Wanderer das im Vorfeld, dann kann er sich auf lange, ausgedehnte Waldstücke einstellen. Verlässt er sich auf die Beschreibung der Odenwald-Tourismus im Internet, dann ist er auf dem Hubenweg beständig auf der Suche nach den vielen angepriesenen Panoramablicken rund um Würzberg. Immerhin: Mit dem Römerbad und der Heinstermühle gibt’s tiefe Einblicke in die regionale Geschichte.

Zu Beginn und am Schluss hat der knapp 16 Kilometer lange Weg etwas mehr Flair, wenn sich enge, auch mal breitere Pfade auf weichen Tannennadeln durch den Wald winden. Auf dem Rest der Strecke ist der Schotter mal dicker, mal dünner, mal fein, mal grob, aber meistens vorhanden.

Frohgemut machen wir uns auf die Strecke, biegen nach dem Friedhof links in den Wald ab, um dann dem Limeswanderweg ein gutes Stück zu folgen. Irgendwann spuckt uns das Gehölz nach Überquerung der Zufahrtsstraße von Michelstadt kommend an der Mangelsbach wieder aus, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Üppige Wiesen, viel Grillengezirpe, ein plätscherndes Bächlein: Hier ist die Welt in Ordnung.

Auf dem frisch angelegten Wander-Highway reißen wir danach Kilometer um Kilometer ab. Links der Wald, rechts das Feld: Das war’s. Danach erwartet uns nur noch Wald: optimal für die kommenden, hoffentlich heißen Sommertage. Wenn wir nicht genau hinschauen, genießen wir den noch länger, denn die Beschilderung ist an der wichtigsten Stelle schlecht.

Zwischendurch liegt die Heinstermühle an unserer Strecke. Um sie ranken sich zahlreiche Sagen und Anekdoten, wahre und nicht ganz so wahre Geschichten. Bis 1870 wurde sie noch von Müller zu Müller weitergegeben. Der letzte aktive Heinstermüller war bis 1927 Johann Leonhard Heß. 1540 wurde die Mühle erstmals urkundlich erwähnt. Nach einem Brand 1846 wurde sie 1847 wieder so aufgebaut, wie sie heute noch aussieht.

Bevor der Mühlenbetrieb eingestellt wurde, trieb das Wasserrad einen Dynamo an, um das Haus mit elektrischem Strom zu versorgen. Die kleine Landwirtschaft wurde nach Aufgabe der Mühle von der Eigentümerfamilie weiter bewirtschaftet. Leonhard Heß schrieb 1928 die Geschichte der Heinstermühle auf und begann 1936 die Chronik des Dorfes Würzberg. 1967 starb er als Ehrenbürger des Ortes.

Zwischenzeitlich fragen wir uns, warum ein überregional beworbener Wanderweg unbedingt auf solchen breiten Strecken verlaufen muss, die man auch problemlos mit dem Auto befahren könnte. Es zweigen so viele kleinere Wege oder Pfade unterwegs ab, dass man sicherlich eine etwas abwechslungsreichere, interessantere und nicht so monotone Wegführung hätte finden können.

Sehnlichst herbeigewünscht, dürfen wir gleich nach dem Wanderparkplatz rechts in den Wald abbiegen und uns auf dem kleinen Pfad zwischen Heidelbeeren Richtung Römerbad entlangschlängeln. Das ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Auch wenn es zu den kleinsten Thermen am obergermanischen Limes zählt, gewährt es einen eindrucksvollen Einblick in die weit entwickelte römische Badekultur.

Das Kastell wurde bereits in der Lorscher Urkunde von 819 als „Wullineburch“ erwähnt. Neben vielen Wachturmsockeln in der Region, so auch beim südlich gelegenen Hesselbach, ist das Römerbad eines der am besten erhaltenen Zeugnisse am Odenwald-Limes. Es war damals üblich, dass zu einem römischen Kastell auch ein Badehaus gehört. So erhielten die im kalten Norden stationierten Soldaten ein wenig Luxus und das Gefühl von heimischer Lebensart.

Teilweise restauriert, lässt die Ruine des Badehauses den Aufbau der Therme leicht nachvollziehen: Kaltbäder, Schwitzraum, Kalt- und Warmwasserbecken sowie Hypokausten-Heizung. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das Bad etwa 60 Jahre lang genutzt. Danach wurde die römische Grenze weiter nach Osten verschoben, entlang der Linie Walldürn–Osterburken–Jagsthausen–Öhringen.

Hatten uns auf dem ersten Teil der Strecke viele Sitzbänke begleitet, so waren diese nach und nach immer seltener geworden. Jetzt gibt es sie am Bad inklusive Hütte alle auf einmal. Allerdings will es gut überlegt sein, eineinhalb Kilometer vor dem Tourende noch eine größere Rast einzulegen. Es wird danach schwer, die müde gewordenen Knochen noch einmal zu motivieren.

Wir halten es deshalb mit den Doors: „The End“, singt Jim Morrison. Deshalb: Zähne zusammenbeißen und nach ein paar Schluck Wasser auf zu den letzten Metern. Vorbei an einem Wachturmsockel kommen wir zu dem Punkt, der wohl dem Prädikat „aussichtsreich“ in der Beschreibung seinen Namen gab.

Kurz taucht rechts Würzberg mit den dahinter liegenden Hügeln auf, nach links gibt es einen ebenso schönen Blick über die Höhen des Mümlingtals. Wir folgen nun am Tierheim vorbei der alten römischen Handelsstraße. Am Parkplatz angekommen, bilanzieren wir: Wü 4 bräuchte auf jeden Fall ein Qualitätsupdate. Quasi ein Wanderweg Wü 4.0. Mit Aussicht.

Name: Hubenweg Würzberg

Länge: 15,6 Km

Dauer ohne Pausen: 4 Stunden

Höchster Punkt: 542 m

Niedrigster Punkt: 407 m

Höhenmeter insgesamt: 232

Kategorie: leicht bis mittel

Wanderzeichen: grünes Wü über grüner 4 im Hufeisen

Ausschilderung: mittel, an zwei wichtigen Verzweigungen schlecht  

Verpflegung: Rucksack, für danach: Odenwälder Caféstube, Telefon 06061/3506, https://odenwaeldercafestube.page4.com/#

Sehenswürdigkeiten: Römerbad, Heinstermühle

Mehr Infos: www.bergstrasse-odenwald.de/detail/id=5f15411f0e3c1c0fedd15a08

Wilkens Wander-Wimpel: 3 von 5 Sternen (pro: Römerbad mit Info-Tafeln, Heinstermühle, contra: Weg mit wenig Abwechslung)