Warnstreik bei Meto in Hirschhorn: Flucht aus Tarifvertrag sorgt für Ärger bei Beschäftigten

Die Geduld ist am Ende. Seit mehr als einem halben Jahr bemühen sich der Betriebsrat der Meto International und die IG Metall um konstruktive Gespräche mit der Geschäftsführung des größten Hirschhorner Arbeitgebers. Jedoch bisher vergeblich. Denn dieser wechselte zum Jahresende in eine „Ohne-Tarif-Mitgliedschaft“ im Arbeitgeberverband. Deshalb gab es nun einen ersten Warnstreik vor dem Unternehmen.

In dessen Mittelpunkt standen nicht nur die „internen“ Meto-Forderungen, sondern auch die in der aktuellen Tarifauseinandersetzung von der IG Metall propagierten nach sechs Prozent mehr Entgelt und dem Anspruch auf eine Reduzierung der Arbeitszeit. Betriebsratsvorsitzender Gernot Walter und Ulrike Köhler von der IG Metall Darmstadt zeichneten vor den etwa 65 Warnstreikenden die bisherige Entwicklung nach.

„Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen“, betonte Köhler. Denn bisher weigere sich die Geschäftsleitung um Peter Sperl, mit der Gewerkschaft zu verhandeln. Diese fordert einen Anerkennungstarifvertrag, damit sämtliche bisherigen Errungenschaften erhalten bleiben und die Mitarbeiter auch in den Genuss der künftigen Verhandlungsergebnisse kommen.

Gernot Walter bezog sich in seinen Worten sowohl auf den aktuellen Tarifstreit als auch die Meto-spezifischen Punkte. „Wenn wir uns die Tarifbindung nicht erkämpfen, ist alles, was in Zukunft ausgehandelt wird, nicht mehr für uns gültig“, betonte er. Ohne einen Anerkennungstarifvertrag sieht er über kurz oder lang auch früher erkämpfte tarifliche Leistungen gefährdet.

Seit über einem halben Jahr setze man sich dafür ein, dass der Betrieb nicht in die Ohne-Tarif-Mitgliedschaft wechsle – aber ohne Erfolg. Die Geschäftsleitung verweigere sich Gesprächen. „Freundliches Bitten half nichts“, sagte Walter. Erst als der Betriebsrat Überstunden verweigerte, gab es Bereitschaft. „Glaubt bitte nicht, dass es uns Spaß macht, Überstunden abzulehnen“, meinte er.

Alles schien seinen Worten zufolge nach eine Gespräch Köhler/Sperl Ende Oktober auf einem guten Weg, als dann kurz vor knapp Mitte Dezember die Geschäftsleitung den anberaumte Verhandlungstermin platzen ließ. Danach schlug die Gewerkschaft den offiziellen Weg ein. Seitdem lehnt der Betriebsrat laut seinem Vorsitzenden Mehrarbeit auch wieder kategorisch ab. Darauf folgten laut Walter Drohungen, „Arbeit wegzugeben und Investitionen nicht zu tätigen“.

Der BR-Vorsitzende wie auch Köhler machten weiterhin ihre Gesprächsbereitschaft deutlich, hoben aber gleichzeitig hervor, dass ein Anerkennungstarifvertrag eine elementare Komponente ihrer Forderungen ist. Walter zitierte den Spruch „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“. Seiner Meinung nach lohnt es sich zu kämpfen – auch im Hinblick auf weitere Einschnitte, die folgen könnten. Je mehr sich am Ausstand, umso schwerer werde es für die Geschäftsleitung, „ihre Verweigerungstaktik weiter zu betreiben“.

Ulrike Köhler warf Geschäftsführer Sperl vor zu taktieren. Im Gespräch mit ihm habe sie mehrere Optionen aufgezeigt, der Betriebsrat habe sich kompromissbereit gezeigt. Die Absage von Verhandlungen habe sie ernüchtert. Sie befürchte deshalb nun, sagte die IG-Metall-Sekretärin, dass es dem Unternehmen um mehr als nur die Abfederung von Tariferhöhungen gehe. Denn der Manteltarif ist derzeit offen, erläuterte sie. Deshalb könne die Geschäftsleitung ohne Tarifmitgliedschaft an der Arbeitszeit oder Zuschlägen für Mehrarbeit herummachen.

Der Warnstreik sei ein erstes Zeichen dafür, „dass man mit uns nicht so umspringen kann“, betonte Köhler. Leider, bedauerte sie, „versteht die Geschäftsleitung wohl nur Druck“. Es ist ihren Worten zufolge nicht prickelnd, draußen zu stehen und zu streiken. Wenn das aber die einzige Sprache sei, die der Arbeitgeber verstehe, dann sei man dazu bereit. „Wir reichen die Hand, aber die Geschäftsführung muss sich bewegen und mit uns an einen Tisch setzen“, hob die IG-Metall-Sekretärin hervor.

Die Anfänge der Firma Meto reichen genau 100 Jahre zurück. Sie wurde 1918 in Köln gegründet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Firmensitz nach Hirschhorn verlegt. Inhaber Oskar Kind entwickelt 1959 den ersten Handauszeichner „Jedermann“ und läutet damit die Geburtsstunde der Handauszeichnung ein. 1999 wird der Betrieb an den amerikanischen Warensicherungsspezialisten Checkpoint Systems verkauft. 2016 erfolgte die Übernahme durch den kanadischen CCL Industries. Meto wird als eigenständige Abteilung weitergeführt. Waren vor 25 und mehr Jahren noch 600 Mitarbeiter am Standort Hirschhorn tätig, so sind es heute noch um die 150. Von diesen sind 65 Prozent gewerkschaftlich organisiert. Meto ist aber weiterhin größter Gewerbesteuerzahler und Arbeitgeber in der 3500-Einwohner-Stadt am Neckar

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„Bryan 69“ spielt im Michelstädter Hüttenwerk die bekannten Songs des kanadischen Rockers hoch und runter

Bryan Adams ist der König der Rockballaden. In seinen fast 40 Musiker-Jahren hat er viele Welthits geschrieben, die im Radio hoch und runter laufen. Sein „(Everything I do) I do it for you“ wurde letztens sogar bei RTL zur besten Rockballade aller Zeiten gekürt. Wenn dann eine Coverband wie „Bryan 69“ im Hüttenwerk gastiert, ist klar, dass sich ein bekanntes Stück wie an einer Perlenkette ans nächste reiht. Doch das Quintett hatte auch ein paar unbekannte Songs des kanadischen Musikers im Gepäck, die es sonst kaum zu hören gibt.

„Somebody“, „It’s only love“, aber vor allem „Run to you“ und „Summer of 69“ sind es aber, die den Rockbarden zum Weltstar gemacht haben. Gerade seine Hommage an die erste Liebe gehört inzwischen zum Repertoire wirklich jeder Partyband. Da ist es ziemlich wohltuend, ein solches Stück von fünf Musikern aus dem Bad Homburger Raum zu hören, die ihr Geschäft verstehen, in etlichen anderen Bands aktiv sind und einen fetten Sound auf die Bühne bringen, wie es Bryan Adams selbst kaum besser könnte.

Wie Matthias Baselmann (Gitarre/Gesang) den Bryan gibt, ist eine Show für sich. An die Reibeisenstimme kommt er zwar nicht ganz ran, aber der Gesang und das Auftreten passen. Die Songs schmettert er ins Publikum, dass es eine wahre Pracht ist. Die Stimmung braucht etwas um zu zünden, denn vor der Bühne bleiben trotz viel Animation die letzten zwei Meter frei. Aber die Band versteht es, die bekannten Lieder richtiggehend zu zelebrieren, ihnen Leben einzuhauchen, sie oft auch bisschen knackiger zu spielen als das Original.

Wenn der hessische Kanadier Baselmann in seiner Moderation munter drauf losbabbelt, glaubt man kaum,  dass er im nächsten Atemzug ein  „18 till I die“ raushaut, dass so richtig schön fetzt. „Cuts like a knife“ ist ein weiterer Kracher, den die Band mit viel Schmackes runterspielt. Hier wie auch bei den anderen 30 Songs machen Holger Kindereit (Guitar & Vocals), Carsten Wagner (Bass & Vocals), Andreas König (Keyboards) und Patrick Hauert (Drums) klar, dass es alte Hasen auf ihren Instrumenten einfach draufhaben.

Wenn dann mal was doch nicht so klappt wie gedacht, sich Baselmann vor lauter Hessisch Babbeln im Akkord vergreift und das falsche Stück anspielt („die sind auch so ähnlich“, lacht er), dann ist das ein herrlicher Running Gag. Die Fünf haben es nicht nötig, mit exzessiven Soli darauf aufmerksam zu machen, dass sie es können. Allein Holger Kindereit, der von Outfit und Bewegungen her eindeutig in den 70er Jahren stehen geblieben ist, zeigt des Öfteren mit fettem Sound, was alles in seinen Fingern steckt. Ansonsten sind die Songs wohltuend kurz, auf den Punkt gespielt, knackig, ohne unnötige Schnörkel.

Die fünf erfahrenen Musiker von „Bryan 69“ bieten eine kurzweilige Zeitreise durch die mehr als 30-jährige erfolgreiche Schaffensphase von Bryan Adams. Die vielschichtige Mischung aus bodenständigen Rocksongs und gefühlvollen Balladen unterhält prächtig. Wenn es manchmal, wie nach drei Balladen am Stück, zu sehr nach Feuerzeugen und Wunderkerzen riecht, dann kommt mal wieder viel Power hinterher, dass die Fans nicht gleich wegkippen.

Bei „When you’re  gone“, eigentlich als Duett mit Melanie C, übernimmt Michi Tischler von der Hüttenwerk-Hausband den weiblichen Part – und prompt hat der Song den richtigen Groove. Der „Summer of 69“ war als letztes Stück vor dem regulären Schluss natürlich bestens gewählt, um als Zugabe noch drei Hits dranzuhängen. „Can’t stop this thing we started“, der Knaller „Kids wanna rock“ und „Straight from heart” zeigen einmal mehr, wie das musikalische Schaffen von Bryan Adams Eingang in die Gehörgänge gefunden hat. Spontan würden einem diese Songs nicht beim Namen des Kanadiers einfallen, aber einmal  gehört, erkennt man sie gleich wieder.

Dass die Stücke zeitlos sind, zeigt sich auch beim Blick  in die Menge. Etliche kennen Bryan Adams wohl noch aus Jugendtagen und sind mit ihm und seiner Musik mitgealtert. Andere, neue, kamen im Laufe der Jahre dazu, weil die Rock- und Schmusesongs des harten Rockers mit dem weichen Kern einfach zeitlos sind.

Info: http://www.bryan-69.de. Nächster Auftritt Freitag, 26. Januar, 20.30 Uhr, 61348 Bad Homburg, Englische Kirche, Ferdinandsplatz

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Posted by Thomas Wilken on Tuesday, January 16, 2018

Sofia Glaser und Berk Demiray spielen im Michelstädter Hüttenwerk eine bunte Palette von Pop- und Rocksongs bis hin zu irischer Folklore

Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig Aufwand sich ein eindrucksvoller musikalischer Abend gestalten lässt. Eine Gitarre und eine Stimme reichen Sofia Glaser aus, um im Hüttenwerk stürmischen Beifall einzuheimsen. Wenn dann Duopartner Berk Demiray, liebevoll-ironisch „der Praktikant“ genannt, zu seinem Instrument greift und virtuos seine Künste auf den sechs Saiten demonstriert, dann erzeugen die beiden eine Klangfülle, die wohl auch ohne Verstärkung bis in den hintersten Winkel dringen würde.

Die 22-jährige Sofia Glaser aus Beerfelden, früher dort in der Mädelsband „Die Optimisten“ aktiv und in der vergangenen Zeit auf Solopfaden unterwegs, hat sich mit Berk Demiray aus Lorsch einen erfahrenen Hasen als Mitmusiker „geangelt“. Mit ihm spielt sie auch seit vergangenen Jahr in der keltischen Folk-Gruppe „Dhalias Lane“ zusammen. Zuletzt war sie in dieser Konstellation bei der Beerfeldener Musiknacht Ende Oktober zu sehen.

Demiray ist ein Meister seiner Gitarre und zudem ein ausdrucksstarker Sänger, der es versteht, sich facettenreich darzustellen. Neben der Gitarre und der Langhalslaute ist das Komponieren seine große Leidenschaft. Er schreibt viele der eigenen Stücke der Gruppe. In über 20 Jahren hat er mit seinen Bandkollegen weit über 1000 Konzerte bundesweit absolviert – früher als Wild Silk, heute mit Dhalias Lane. Das Programm mit Sofia Glaser firmiert unter dem Namen „Duo Sehnsucht“.

Wenn zwei Musiker mit völlig verschiedenem musikalischen Background ihre Interessen zusammenwerfen, kommt dabei ein mehr als abwechslungsreiches Set zusammen. Was Sofia Glaser stimmlich drauf hat, zeigt sie gleich beim ersten Song. „Talkin’ bout a revolution“ von Tracy Chapman lässt ihr bestens Raum, um eindrucksvoll die Wandlungsfähigkeit und den Umfang ihrer Stimme zur Geltung zu bringen.

Nur mit der akustischen Gitarre begleitet, verleiht sie dem Song große Dynamik, Inbrunst. Sie ist voll drin in den Stücken, lebt sie förmlich bis zum letzten Ton, zelebriert manche Passagen förmlich. Ihre Leidenschaft für die Lieder wissen auch die Fans zu schätzen. Die füllen den Gastraum im Hüttenwerk bis auf den letzten Platz. Für einen Freitag ist es so brechend voll im Eventlokal, dass sogar noch im Gang einige zusätzliche Bistrotische aufgestellt werden müssen.

Die Gäste werden nicht enttäuscht. Dass Sofia Glaser auch „folkig“ kann, zeigt sie bei „Black is the Colour“ oder „Sally Gardens“ zusammen mit Berk Demiray. Der weiß zu den keltischen Stücken viel zu sagen. Sie sind für mit die schönsten Liebeslieder, die Irland hervorgebracht. Sein virtuoses Spiel auf der akustischen Gitarre, zusammen mit Sofias volltönender Stimme, die jeden Pub auf der Grünen Insel unverstärkt bis ganz nach hinten ausfüllen würde, zaubert eine ganz besondere Stimmung in den grauen Odenwald.

Da geht einigen das Herz auf. Das Paar gleich neben der Bühne umarmt sich noch inniger als zuvor. Aus der Ecke, wo die Eltern Sonja und Udo Glaser sitzen, ist ein leises „sehr schön“ zu hören, als die melancholischen, aber trotzdem frohen Klänge verebben. „Meine Eltern sind die besten Fans, aber auch Kritiker“, meint Sofia scherzend auf die lachende Einlassung von Berk Demiray, für ihn wäre es ein Horror, immer den Erzeugern „vorspielen“ zu müssen.

Die 22-Jährige beweist an diesem Abend auch immer wieder, dass ihr vor der „Kritik“ nicht bange sein muss. „Hedonism“, „Read about it“ von Emeli Sandé oder „The different“ von Melissa Etheridge zeigen, dass sie aktuelle Pop- und Rocksongs ebenso drauf hat wie mit dem „Schnitter“ ein mittelalterliches Stück. „Don’t Be So Shy“ von Imany, „Runnin‘“ von Beyonce oder Tom Petty „Free Fallin“ stehen in schönem Kontrast zu den irischen und schottischen, eher ruhigen und getragenen Songs.

Aus der grünen Odenwald-Landschaft „beamt“ es dann die Zuschauer von einer Sekunde auf die andere in die windumtosten, leicht welligen, ebenso grünen Hügel von Irlands Westen, wo sich der Tau des häufigen Regens in der Sonne spiegelt und hinter jeder Straßenecke eine Schafherde friedlich grast. Es gibt vier Jahreszeiten an einem Tag, die sich auch in der Musik widerspiegeln. Von tieftraurig bis himmelhoch-jauchzend ist alles dabei.

Sofia Glaser ist die Tochter des Fotografen-Ehepaar Sonja und Udo Glaser aus Beerfelden. „Musik mache ich eigentlich schon immer“, erzählt sie. „Gitarre habe ich mir selbst auf der zwölfsaitigen Gitarre meines Vaters beigebracht.“ Die ersten Auftritte gab es dann mit der Mädels-Band „Optimisten“, die sich an der Oberzent-Schule gegründet hatte. Dazu zählten neben ihr die ebenfalls aus der Stadt am Berge stammenden Tabea Hartmann, Elena und Rebecca Reinhard. Anfangs spielte Sofia Glaser dort Schlagzeug. „Mit der Zeit haben wir angefangen, die Instrumente einfach durchzuwechseln“, erinnert sie sich. So blieb sie bei der Gitarre hängen.

2009 machte die damals 14-Jährige beim Gesangstalent im Michelstädter Hüttenwerk mit. „Daraufhin bin ich zusätzlich zu den ‚Optimisten‘ noch in die Band ‚Second Wave‘ gekommen“, war schon damals der Erfolg vorgezeichnet. Zusätzlich fing Sofia Glaser damit an, kleine Akustik-Duo/Solo-Projekte aufzuziehen. Und sie war des Öfteren in Lampertheim und Bürstadt bei Live-Jams dabei.

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Posted by Thomas Wilken on Saturday, January 13, 2018

Alle wollen die Fusions-Tipps aus der Oberzent

Das Beispiel aus dem südlichen Odenwaldkreis macht in ganz Hessen Schule. Seitdem sich Beerfelden, Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal auf den Weg machten, einen freiwilligen Zusammenschluss auf die Beine zu stellen und dies auch erfolgreich durchzogen, finden sich immer mehr Nachahmer ein. Die greifen natürlich gerne auf das in der Oberzent gesammelte Wissen zurück. Denn die vier Kommunen müssen ja ziemlich viel richtig gemacht haben, wenn es erstmals seit der Gebietsreform wieder mit einer Fusion klappte. Im Leitfaden gibt’s Tipps fürs richtige und reibungslose Fusionieren.

„Aktuell haben wir gerade eine Anfrage aus Nordhessen“, berichtet Christian Kehrer, der als Fusionsprojektleiter des Kommunalservices Oberzent die Fäden mit in der Hand hielt. Wahlsburg und Oberweser ließen bereits eine Machbarkeitsstudie erstellen. Dritter im Boot ist der Flecken Bodenfelde, allerdings schon in Niedersachsen liegend. Länderübergreifend wird das schwierig, weiß Kehrer, weshalb erstmal die Hessen dran sind.

„Im März sind wir zu zwei Bürgerversammlungen eingeladen“, erläutert er. „Wir“, das sind Kehrer und Kommunalberater Thomas Fiedler von der hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, die auch in der Oberzent federführend waren. Fiedler war daneben bereits im Bereich Ulstertal/Rhön unterwegs. Mit Ehrenberg, Hilders und Tann könnte dort eine neue Gemeinde entstehen, die flächenmäßig größer als Oberzent ist. Und die ist ja schon in dieser Hinsicht die drittgrößte Stadt Hessens.

„Es braucht immer einen günstigen Zeitpunkt für eine Fusion“, ist laut Kehrer das richtige Timing mit entscheidend. „Wir konnten nicht bis ins Jahr 2019 oder 2020 warten“, weist er bei Oberzent auf das Auslaufen von zwei Bürgermeister-Amtszeiten Endes vergangenen Jahres hin. Die Neuwahl hätte man nur ein Jahr aussetzen dürfen. Ganz wichtig ist es auch, „dass die Bürgermeister untereinander können“. Ein paar Jahre Vorlaufzeit hält er deshalb für dringend nötig zum gegenseitigen Beschnuppern.

Elementar ist seinen Worten zufolge eine Fusion „auf Augenhöhe“ mit gegenseitigem Vertrauensverhältnis. „Es darf nicht so sein, dass einer den anderen auffrisst.“ Die Rothenberger hätten nie mitgemacht, wenn sie nach Beerfelden eingemeindet worden wären, weiß er. Diese Gleichbehandlung war laut Kehrer durch den gemeinsamen Zweckverband KSO ab 2008 gegeben. Es ging Verwaltungspersonal in allen vier Orten mit neutralem Blick an die Sache heran.

Es gibt andere Fallstricke: „Vor allem die Kommunalpolitik muss wollen“, so der Fusionsleiter. „Sonst wird es sehr schwer, die Bürger zu überzeugen.“ Die technische Seite muss ebenfalls stimmen. Ein einheitliches Finanzprogramm mit der gleichen Software ist nötig, „damit der Ersthund überall die gleiche Nummer hat“. Vor allem muss er auch überall das Gleiche kosten. „Es wäre ein Unding, wenn es in den verschiedenen Teilorten unterschiedliche Gebühren oder Steuern gibt“, betont Kehrer. Angelburg und Steffenberg im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind ein solches Negativbeispiel, wo die Fusion scheiterte.

Der Blick auf die Kleinigkeiten zählt. Das fängt bei den Notizen über die Stromzähler an. Die sind im einen Ort in Word gehalten, die andere Verwaltung pflegt sie in Excel, der dritte schreibt die Zahlen „auf einen Schmierzettel“. Ein großer Brocken ist die Datenzusammenführung. „Es gibt in den einzelnen Orten unterschiedliche Aktenpläne, wonach abgelegt wird“, sagt Kehrer. Ab April soll es in Oberzent ein neues Dokumentenmanagementsystem geben. Je früher fusionswillige Kommunen hier vorarbeiten, „desto einfacher wird es später“.

Ein Fusionsprozess „muss von unten erarbeitet werden“, hebt Kehrer hervor. Bürgerversammlungen, Workshops, feste Ansprechpartner sind wichtig. Er sieht mehr Vorteile, wenn dies vor allem verwaltungsintern geschieht und nur für bestimmte Module externe Fachleute herangezogen werden. Das fördere die Identifikation. Außerdem kosten externe Berater viel „und binden ebenso stark Verwaltungsressourcen“.

Thomas Väth kandidiert für die Grünen als neuer Oberzent-Bürgermeister

Wie die Vorstandsmitglieder der Grünen Oberzent, Elisabeth Bühler-Kowarsch (Beerfelden) und Walter Braner (Finkenbach) mitteilen, schlagen diese nach Gesprächen mit möglichen Kandidaten dem Stadtverband vor, den Sprecher der Grünen in der Stadt Oberzent, Thomas Väth (Gebhardshütte), als Bürgermeisterkandidat zu nominieren. Am 29. April werden in der neuen Stadt Oberzent, die am 1. Januar aus den früheren Gemeinden Beerfelden, Rothenberg, Sensbachtal und Hesseneck hervorgegangen ist, Stadtverordnetenversammlung, Ortsbeiräte und Bürgermeister gewählt.

Väth ist verheiratet, Geschäftsführer der Schaaf & Väth OHG und lebt seit einigen Jahren in der Stadt. Das schnelle Internet im Odenwaldkreis machte es ihm möglich, von Groß-Zimmern hierher zu ziehen und in der Region zu leben und zu arbeiten. Die Grünen erhoffen sich mit einer neuen Person in der neuen Stadt frische Impulse in der Kommunalpolitik. Thomas Väth ist selbstständig und seit der Gründung im Juli 2017 Sprecher des Stadtverbandes. Außerdem leitet er den Arbeitskreis Naturschutz der Grünen Odenwald.

Der künftige Bürgermeister darf weder Sachbearbeiter noch Verwalter des Status quo sein, sondern muss die Stadt aktiv gestalten, die verschiedenen Stadtteile und die Bürger zu einem starken Wir-Gefühl führen, so die Grünen. Die Themen Stadterneuerung auch unter Berücksichtigung von Fragen und Fördermöglichkeiten des Denkmalschutzes statt Zerfallsduldung, Förderung des Tourismus, Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, verbesserter Internet Auftritt der Stadt, Bewerbung der Gewerbegebiete und die weitere Verbesserung des Angebots in den Kindertagesstätten sind laut den Grünen Schwerpunkte, die der neue Bürgermeister angehen muss.

Ansonsten erwartet die Öko-Partei, dass im ersten Quartal endlich „Nägel mit Köpfen“ in der unendlichen Debatte „Ärztehaus“ gemacht werden. Was dringend fehlt, sind nach wie vor Hausarztpraxen. Die Fördergelder des Landes für eine zukunftweisende Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum sind der Mitteilung zufolge bald verbraucht, aber am grundsätzlichen Problem des Ärztemangels habe sich für die Bürger nichts geändert. „Nach den vielen Konzepten müssen jetzt konkrete Entscheidungen folgen“, fordern sie.

Trotz jahrelanger intensiver Diskussion und unzähligen Veranstaltungen um das geplante Ärztehaus sind laut Braner kaum Fortschritte zu erkennen. Seit vielen Jahren versuchten die Oberzent-Kommunen vergeblich neue Hausärzte für die Region zu gewinnen. Bisher ohne vorzeigbares Ergebnis. Sehr positiv zu bewerten sei, so Horst Kowarsch, dass das Modellprojekt „Garantiert mobil“ angelaufen ist und die Bahnverbindungen sich zum Fahrplanwechsel 2017/2018 in den Abend- und Nachtstunden wesentlich verbesserten.

Nunmehr bietet der RMV zum Fahrplanwechsel freitags, samstags und an Werktagen vor Feiertagen zusätzliche Verbindungen an. Mittelfristiges Ziel der Grünen ist, dass an allen Tagen diese Abend- und Nachtverbindungen angeboten werden, so Kowarsch. Nach den Worten von Elisabeth Bühler-Kowarsch geht man davon aus, dass die neue Stelle bei der OREG für die Wirtschaftsförderung in der Oberzent dazu beitragen wird, positive Impulse für die wirtschaftliche Weiterentwicklung der Region zu setzen. Wie bekannt, erhält die neue Stadt einen höheren Anteil am kommunalen Finanzausgleich des Landes Hessen und davon profitiert auch der Odenwaldkreis.

Hirschhorner Neujahrsempfang: Mit Ruhe die wichtigen Entscheidungen angehen

Es ist wieder Ruhe eingekehrt im Städtchen – eine Aussage, die sich wie ein roter Faden durch die Reden beim Neujahrsempfang im evangelischen Gemeindehaus zog. Nimmt man den Besuch der Veranstaltung, so wirkte sich diese Rückkehr zum gefühlten normalen Umgang miteinander extrem positiv auf den Besuch aus. Der Saal platzte aus allen Nähten, was die Redner sehr erfreut feststellten. Umrahmt wurde der Empfang von Hirschhorner Musikschülerinnen.

Hausherr Pfarrer Jörg Awischus lobte das ehrenamtliche Engagement. Es sei beileibe kein Selbstläufer und nicht selbstverständlich, dass sich Menschen politisch, sozial oder kulturell einbringen. Sie tun dies, um zur Lebensqualität im Ort beizutragen und ihren Mitbürgern ein Umfeld zu schaffen, in dem sich diese wohlfühlen. „Wir leben in einer Zeit, in der das, was früher selbstverständlich war, es nicht mehr ist“, sagte er.

Für die anstehenden Zukunftsprobleme gibt es keine Patentlösungen, stellte der Geistliche fest. Ihm machte Mut, dass zum Neujahrsempfang „so viele gekommen sind“. Veränderungen wird es immer geben, betonte der Pfarrer. Man könne die Zukunft zum Wohl der Mitmenschen entwickeln, wenn man im Gespräch bleibe, forderte er.

Die Rückkehr der Ruhe stimmte den stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Martin Hölz zuversichtlich für die kommende Zeit. Er sah darin das beste Fundament, um zur Sacharbeit zurückzukehren. Hölz pflichtete Awischus in dessen Worten grundsätzlich bei. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, schloss er mit einem bekannten Buchtitel von Erich Kästner.

In der heutigen Zeit sei jeder gefragt, „die Fahne der Demokratie hochzuhalten“, betonte Bürgermeister Oliver Berthold. „Demokratie braucht Menschen, die Demokratie leben, sie braucht Demokraten, damit sie gut funktioniert und stabil bleibt“, meinte er mit Blick auf so manche Entwicklungen. Das gelte es aber auch fürs eigene Land zu beherzigen. Protest wählen zeige nicht, „dass die da oben“ etwas was ändern müssen. Vielmehr verhindere es, dass etwas geändert werden könne, weil keine vernünftige Regierung zustande komme.

Berthold nannte die Entscheidungen der hessischen Landesregierung aus dem vergangenen Jahr erfreulich. Er bezog sich dabei auf Hessenkasse und eine Teilübernahme der Kindergartengebühren. Erstere dient dazu, die Kommunen bei der Tilgung ihrer Kassenkredite zu unterstützen. Das Land übernimmt die Hälfte, die andere Hälfte müssten die Städte mit etwa 25 Euro/Einwohner/Jahr selbst aufbringen. Für Hirschhorn bedeutet dies, dass innerhalb von 16 Jahren 1,4 Millionen Euro getilgt werden müssen.

Ab August übernehme das Land die Kosten für sechs Stunden Kindergartenbetreuung eines drei- bis sechsjährigen Kindes, führte er weiter aus. Das sei aber nur der Anteil, den eigentlich die Eltern bezahlen müssen, sagte Berthold. Früher war alles schlechter, drängte sich der Eindruck nach den weiteren Worten auf. Das vergangene Jahr habe man dazu genutzt, „wieder Struktur in die Verwaltung zu bringen, Altlasten aufzuarbeiten und zerrissene Bande neu zu knüpfen“, so der Bürgermeister.

„Die Verwaltung habe viele Fehler der vergangenen Jahre aufgedeckt, ist ihren Ursachen auf den Grund gegangen und hat Lösungsansätze erarbeitet“, meinte er. Er sei guter Hoffnung, dass die wichtigen politischen Entscheidungen in 2018 „im offenen Dialog zum Wohle Hirschhorns getroffen werden“, schloss Berthold.

Ehrungen

  • Jugendgruppenpreis für die katholische Kirchenmusik mit ihrem Jugendorchester. Das Ensemble ist vielfältig bei Veranstaltungen in der Stadt aktiv: 150 Euro
  • Silberne Ehrennadel für Arnt Heilmann, seit 15 Jahren Vorsitzender des Gewerbevereins
  • Goldene Ehrennadel für: Marlis Flachs, seit 1991 Vorsitzende, Dieter Klement, seit 1991 Präses des Kolpingvereins; Achim Heiduk, 1980-83 und seit 2008 Notenwart, 1992-2005 Schriftführer der katholischen Kirchenmusik; Karl Neidig, seit 1985 zweiter Vorsitzender, Klaus Zentler, seit 1985 Kassenwart und Vorsitzender des Akkordeon-Orchesters Langenthal.   

Von der Oberzent lernen heißt fusionieren lernen: Leitfaden für künftige Zusammenschlüsse

. Die Oberzent-Fusion als Blaupause für weitere freiwillige Zusammenschlüsse von hessischen Kommunen: Was im Vorfeld immer wieder wohlmeinend zur Sprache kam, wird nun auch in Dokument gegossen. Der bisherige Fusions-Projektleiter Christian Kehrer erstellt aus den Erfahrungen von Beerfelden, Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal bis zur Jahresmitte einen Leitfaden, der anderen Gemeinden an die Hand gegeben wird. Das erfolgreiche Prozedere im südlichen Odenwaldkreis soll so landesweit Nachahmer finden.

Das vielseitige Werk entspringt dem im Vorfeld aufgestellten Projektplan, was im Zuge der Fusions-Vorbereitungen alles zu erledigen ist. Dabei ging es auch darum, welche Fördermöglichkeiten die vier Gemeinden beim Land akquirieren können. Dass sich nun Kehrer und Kommunalberater Thomas Fiedler an die Zusammenstellung machen, bedeutet für die neue Stadt einen geldwerten Vorteil: Denn die Landesregierung kam Oberzent dadurch bei der Entschuldungshilfe entgegen.

Fiedler von der hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung kümmert sich um den geschichtlichen Teil und die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Kehrer steuert den praktischen Teil bei, in dem es um die Umsetzung und die dabei möglicherweise auftretenden Fallstricke geht. Inhaltsverzeichnis, diverse Informationen und Checklisten stehen schon. „Inzwischen haben wir bereits 60 Seiten“, sagt Kehrer.

Zu den Checklisten gehört unter anderem die, was die neue Stadt als Arbeitgeber beachten muss. (Umsatz-)Steuer-, Zusatzversorgungskassen- oder Arbeitgeberbetriebsnummer, neue Bankverbindung sowie Regionalschlüssel lauten die Schlagworte, die bei Erledigung abgehakt werden können. Es geht aber auch um die neuen Anschriften für Feuerwehren oder Bauhöfe sowie die Klärung mit der Post, wenn sich Postleitzahl und/oder Straßennamen ändern.

„Wir empfehlen, ganz früh mit allem anzufangen“, berichtet Kehrer aus der eigenen Erfahrung. Sofort wenn der Bürger zugestimmt habe, sollte man loslegen. Denn erfahrungsgemäß wird es zum Ende hin sehr eng, weil immer wieder ein paar Punkte auftauchen könnten, die man im Vorfeld gar nicht auf der Rechnung hatte. „Zum Schluss war es bei uns sehr sportlich“, schmunzelt er im Nachhinein über die Hektik zum Jahresende. Die neuen Verwaltungsstrukturen und –aufgaben sollten ebenfalls sehr frühzeitig definiert werden.

Vor allem anderen muss seinen Erfahrungen nach sowieso das gemeinsame Beschnuppern stehen. „Bürgermeister und Parlamentarier müssen zusammen können“, sagt er. Schert einer der Beteiligten aus, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Sollte es bisher noch keine interkommunale Zusammenarbeit geben, empfiehlt Kehrer als erste Maßnahme einen Gemeindeverwaltungsverband. „Der ist zwar bürokratischer, aber man lernt sich kennen und weiß, wie der anderen tickt.“ Im Oberzent-Fall war es der zehn Jahre bestehende Kommunalservice KSO, der der jüngsten Stadt Hessens auf die Beine half.

Ein gemeinsames Mitteilungsblatt als andere Konstante ist für Kehrer unverzichtbar. „Wer das nicht hat, braucht gar nicht erst anzufangen.“ Darüber lasse sich einheitlich berichten und gebe es die Möglichkeit, den Fusionsprozess für alle Bürger gleich transparent darzustellen. „Ohne ‚Oberzent aktuell‘ hätte die Fusion nicht geklappt“, misst der Projektleiter dem seit 1995 existierenden Blättchen eine zentrale Bedeutung zu.

Vom Grenzänderungsvertrag werden seinen Worten zufolge viele weitere hessische Gemeinden profitieren. „Der geht schon stark in die Tiefe“, betont Kehrer. „Andere müssen nichts mehr neu erfinden.“ Daneben geht es aber auch darum den Bürgern zu verdeutlichen, „dass etwas effektiver bearbeitet werden kann“. Kehrer macht das etwa an der Wasserablesung fest. Die dauerte vorher in alter Form eine Woche, der KSO schaffte es, bis heute auf einen Tag runterzukommen. „Das funktioniert aber auch nur bei einer größeren Einheit.“ Die Bürgerbeteiligung, wie sie in der Oberzent mustergültig vorgelebt wurde, ist für ihn „das A und O“.

Christian Kehrer beziffert sich Oberzent-Fusionskosten auf etwa eine halbe Million Euro. Allerdings verbirgt sich hinter dieser Summe auch eine Vielzahl von Maßnahmen, die in den kommenden Jahren sowieso hätte angegangen werden müssen. Ein Stichwort ist zum Beispiel das „E-government“. Auch ein neues Datenmanagementsystem mit Stichwortsuche für die bisherigen Aktenpläne ist nötig. 20.000 Euro kostet eine Software, die der Hersteller extra fürs neue Einwohnermeldeamt schreibt, um die bisherigen Daten zusammenzuführen. Davon profitieren die nächsten fusionswilligen Gemeinden. Das neue Wappen kommt auf 7000 Euro, Ärmelabzeichen für die Feuerwehr auf 2200 Euro, die neuen Beschriftungen für 46 Feuerwehr- und sechs Bauhoffahrzeuge kosten 4000 Euro – um nur einige kleine Summen zu nennen. Der Fusionsprojektleiter weist im gleichen Atemzug aber auch darauf hin, dass das Land der neuen Stadt 4,5 Millionen Euro an Altschulden abnimmt – ursprünglich waren 3,8 Millionen angedacht.