Windkraft-Projektierer Juwi will das Projekt auf dem Katzenwinkel vor Gericht durchsetzen

Bei der Windkraft wird jetzt mit harten Bandagen gekämpft. Nachdem zwei Tage vorher Landrat Frank Matiaske mit Blick auf den neuen Regionalplanentwurf Erneuerbare Energien bei dessen Verwirklichung bereits eine Normenkontrollklage in den Raum stellt, muss die Stadt Oberzent wegen dieses Thema ebenfalls vor Gericht. Bürgermeister Christian Kehrer teilte der Stadtverordneten-Versammlung mit, dass die Klageschrift der Firma Juwi nun dem Gericht vorliege. „Wir haben aber bereits alles vorbereitet“, trifft die Stadt diese Entwicklung nicht unvorbereitet.

Der Windkraft-Spezialist Juwi mit Sitz in Wörrstadt bei Mainz (seit Ende 2014 ist die Mannheimer MVV Energie Partner und Miteigentümer) plant schon seit längerer Zeit, auf dem „Katzenwinkel“ zwischen Etzean und Airlenbach in Sichtweite des Galgens Windräder zu errichten. Die Firma lässt sich dabei auch nicht vom geballten Widersand erst der Stadt Beerfelden, jetzt ganz Oberzents, beirren, sondern will augenscheinlich das Projekt gnadenlos, ohne Rücksicht auf Verluste, durchziehen.

Bereits mehrfach war dem Unternehmen in Bezug auf dieses Ansinnen, früher in den Beerfelder Gremien, in diesem Jahr auch durch die Stadtverordneten-Versammlung Oberzent, mit einstimmigen Entscheidungen klipp und klar signalisiert worden, dass man es nicht haben will. Das scheint jedoch den Juwi-Verantwortlichen egal zu sein, wie nun die Einreichung der Klageschrift zeigt. Kehrer machte deutlich, dass es sich dabei erst einmal um die Erschließung handelt, die die Stadt ebenfalls verweigert. „Wir werden um eine Gerichtsverhandlung nicht drum herum kommen“, befürchtete er.

Diese Ignoranz gegenüber dem Bürger- und Gremien-Willen vor Ort stellte auch der Kreistag fest, als er den neuen Regionalplanentwurf zur Windkraft in Augenschein nahm. Obwohl die zwölf Städte und Gemeinden bereits mehrfach klar gemacht hatten, dass sie nur die Flächen ihres eigenen Flächennutzungsplans für Windenergie anerkennen, wird weiterhin mehr als doppelte der Kreisfläche (3,74 Prozent) zugeplant. Der Landrat spricht deshalb von einer „Komplett-Verspargelung“.

„Alle Bürgermeister sind gegen den Plan“, machte Kehrer die einhellige Meinung der Rathauschefs im Odenwaldkreis klar. Er wandte sich gegen die Zielrichtung des RP, den Odenwald zur „Ausgleichsfläche“ für dichter besiedelte und windärmere Landkreise in Hessen zu machen. „Wir brauchen die Energiewende“, betonte er, aber das Vorgehen der Darmstädter Behörde „ist nicht zielführend“.

Die vom Landrat ins Spiel gebrachte Normenkontrollklage „ist in den Gremien zu diskutieren“, so Kehrer. In der letzten Stadtverordneten-Sitzung des Jahres am 10. Dezember soll dann ein Beschluss fallen, ob Oberzent sie gutheißt und sich bei Bedarf anschließt. Denn die Regionalversammlung wird voraussichtlich ebenfalls im Dezember über den zweiten Entwurf des Windkraft-Regionalplans abstimmen.

Advertisements

Gudrun Ensslin-Biografie von Alex Aßmann: Ein Blick ins Deutschland der 60er Jahre

Alex Aßmann kommt gar nicht als der typische Uni-Professor rüber, wie man ihn klischeehaft erwartet. Bei seiner Lesung im voll besetzten Gewölbekeller des Rothenberger „Hirschs“ präsentiert sich der in Beerfelden aufgewachsene Erziehungswissenschaftler humorvoll, selbstironisch und lebhaft, wenn er aus seiner vor kurzem erschienenen Biografie „Gudrun Ensslin – Die Geschichte einer Radikalisierung“ liest. Der Verein „Generation Oberzent“ (GO) hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Der heute in Gammelsbach wohnende Aßmann war sich der Komplexität des eventuell trockenen Themas durchaus bewusst. Deshalb holte er sich immer wieder Rückversicherung der Gäste, dass es diesen nicht zu langweilig wurde. „Sollte einer von ihnen einnicken, ist das kein Problem, ich bin Hochschuldozent“, spielte er witzelnd auf verschlafene Studenten in seinen Vorlesungen an.

GO-Vorsitzender Erik Kadesch führte in einem kurzen Gespräch mit dem Autor ins Thema ein. Als Leiter der Polizeidirektion Bergstraße, der die RAF-Zeit „auch noch dienstlich erlebt hat“, wollte er die Motivation des Buches wissen. Aßmann kam über seine Mollenhauer-Biografie dazu, erläuterte er. Die meisten Menschen aus dem damaligen Umfeld Klaus Mollenhauers, mit denen er sich in jenen Jahren unterhielt, fanden auch im Rückblick ihre Radikalisierung, die sich – zumindest aus deren Sicht – extrem sprunghaft und in sehr viel kürzerer Zeit ereignet zu haben schien, besonders unerklärlich.

Was ihm insbesondere bei Gudrun Ensslin ins Auge stach, war das offensichtliche Zusammenspiel von Bildungsaufstieg und Radikalität im Lebenslauf. In den meisten Darstellungen zur RAF-Geschichte werde, wenn es um ihre Radikalisierung geht, eher die Rolle Andreas Baaders hervorgehoben. „Da wird meines Erachtens etwas zu sehr unterschlagen, dass Ensslin ja eigenständige Entscheidungen traf“, betonte der Odenwälder.

Das Buch beleuchtet dem Autor zufolge die Zeit bis 1969. „Dann ist der Absprung in die Radikalisierung abgeschlossen“, so Aßmann. Zu dieser Zeit gab es die RAF noch nicht, „nur die Idee einer bewaffneten Radikalisierung“. Vom Passbild der 23-jährigen Germanistikstudentin aus dem Jahr 1963 bis hin zum späteren Fahndungsfoto: Aßmann warf einen Blick auf die familiären Verhältnisse und Liebesbeziehungen Ensslins in diesen Jahren.

Beim Blick hinter die Fassade wurde deutlich, wie die hochbegabte Schülerin vermeiden wollte, zum bürgerlichen Leben einer Dorfschullehrerin verdammt zu sein und sich eher im mondänen Berliner Verlagswesen sah. Dazu noch das On-Off-Verhältnis mit Bernward Vesper – alle Zutaten einer Seifenoper Mitte der 1960er Jahre waren gegeben.

Genau hier liegt das große Plus des Buches: Es ist keine staubtrockene geschichtliche Abhandlung über einen bewegten Teil der deutschen Geschichte. Vielmehr schildert Aßmann in allen Farben die zwischenmenschlichen Irrungen und Verwirrungen rund um Gudrun Ensslin und ihren Bekanntenkreis, stellt diese in einen größeren Zusammenhang und zieht daraus Schlüsse, warum sich manches wie ereignet hat.

Ein im besten Sinne populärwissenschaftliches Buch, auf Fakten gestützt, das Historie lebendig vermittelt und zum Schmökern einlädt. Auf die heutige Zeit bezogen, könnte es „Berlin Tag & Nacht“ sein, was da vor dem geistigen Auge vorbeizieht. Aber mit dem Unterschied, dass Aßmann für seine Veröffentlichung monatelang in einschlägigen Akten stöberte und die dort gefundenen Quellen in einen flüssigen Zusammenhang stellte, der ein anschauliches Gesellschaftsbild der damaligen Zeit vermittelt.

„Ich war absolut positiv überrascht“, so das Fazit von Aßmann nach der Lesung. Nicht nur wegen der Anzahl der Leute, „sondern auch wegen der wirklich klugen und engagierten Fragen, die am Ende gestellt und diskutiert wurden“.

Alex Aßmann, Jahrgang 1977, studierte Sozialpädagogik, Soziologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Ludwigshafen, Heidelberg und Frankfurt a.M. Aus Groß-Rohrheim stammend, wohnte er bis zu seinem 17. Lebensjahr in Beerfelden, bevor er nach Heppenheim und später nach Mannheim zog. Er promovierte 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit über „Pädagogik und Ironie“. Die Habilitation erfolgte 2015 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2017 hat er eine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München.

Zum Inhalt: Im Fokus des Buches steht die Kehrtwendung von Gudrun Ensslins aus einer vornehmlich bürgerlichen Existenz zu einem Dasein im Untergrund. Diese Wende der späteren Mitbegründerin der RAF in die Militanz und den Terrorismus scheint sich ohne nennenswerten ideologischen Anlauf vollzogen zu haben. Bis ins Jahr 1967 nimmt Ensslin beispielsweise kaum an Demonstrationen teil. Im Vordergrund steht für sie der Aufstieg ins linksliberale Kulturestablishment der Bundesrepublik, eine geplante Dissertation über Hans Henny Jahnn, schließlich auch ihr Kind.

Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 markiert den Beginn ihrer Radikalisierung, die sie geradezu zur Kaufhausbrandstiftung und daran anschließend zur RAF-Gründung katapultiert. Folgt man dem Radikalisierungsverlauf Gudrun Ensslins durch die Bildungsinstitutionen hindurch, dann wird sichtbar, wie sich darin langsam das Erleben von Bildung und das von Radikalität immer ähnlicher werden.

Alex Aßmann rekonstruiert den Weg von der Studentenbewegung in den Linksradikalismus als Bildungsgeschichte. Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung in den 1940er und 50er Jahren, denen das besondere Augenmerk des Autors gilt. Sein Buch eröffnet auf diese Weise einen neuen Blick auf die RAF-Protagonistin und räumt mit weit verbreiteten Missverständnissen auf.

Neue DRK-Rettungswache in Beerfeldens Hirschhorner Straße wurde eingeweiht

Die rettungsdienstliche Versorgung der Menschen im Südkreis hat jetzt ein weiteres Standbein: Die neue DRK-Rettungswache in der Hirschhorner Straße wurde eingeweiht. Von ihr aus lassen sich Rothenberg, Gammelsbach und Ober-Hainbrunn, aber auch Güttersbach oder Olfen innerhalb der Zehn-Minuten-Hilfsfrist erreichen, wo das DRK zuvor von der Mümlingtalstraße aus länger unterwegs war. Die Verantwortlichen, zu denen auch der Landesverbands-Präsident Norbert Södler zählte, zeigten sich erfreut über diese Verbesserung.

DRK-Kreisvorsitzender Georg Kacila wies auf die gestiegenen gesetzlichen Anforderungen und Qualitätsansprüche hin. Das Rote Kreuz besetze alle zehn Rettungswachen im Kreis, wovon sich sechs in eigenem Besitz befinden. Er blickte zurück in die Geschichte: 1990 wurde die erste Wache in der Gammelsbacher Straße in Betrieb genommen. 2004 begann man damit, den Standort in die Mümlingtalstraße zu verlegen, wo die neue Rettungswache Ende 2007 in Betrieb genommen wurde.

Damit war aber noch lange nicht Schluss. Die Zunahme von Einsätzen im südlichen Kreisgebiet führte laut Kacila dazu, dass im Mai 2013 eine weitere Rettungswache in Hetzbach errichtet wurde. Sie deckt vor allem das Gebiet von Hiltersklingen über Krähberg bis Sensbach ab. Zuvor war dort seit 2011 ein Rettungswagen im Feuerwehrhaus untergebracht.

Um Richtung Rothenberg schlagkräftiger zu werden und die Hilfsfristen einhalten zu können, begannen bereits 2015 die Überlegungen, den Beerfelder Standort weiter Richtung Westen zu verlagern. Als treibende Kräfte erwähnte Kacila in diesem Zusammehang den verstorbenen Dr. Roland Krauhs und den früheren Rothenberger Gemeindevertreter-Vorsitzenden Dr. Horst Schwinn.

Im Frühjahr 2015 starteten die Planungen, zwei Jahre später wurde der Kaufvertrag für das 800 Quadratmeter große Gelände unterschrieben. Vor etwa einem Jahr begannen die Bauarbeiten. Rettungsdienstleitung und Mitarbeiter waren in diese mit einbezogen. Zwölf regionale Handwerker waren laut Kacila mit den Gewerken beauftragt. Die prognostizierten Gesamtkosten von 530.000 Euro für das „optimale, zweckmäßige und schöne Funktionsgebäude“ wurden eingehalten, freute er sich.

Michael Reuter als Mitglied des Kreisausschusses sprach von einer Verdopplung der Einsätze in den vergangenen zehn Jahren seit Einzug in die Mümlingtalstraße. Es gelte, „den veränderten Anforderungen Rechnung zu tragen“, sagte er.  Der Ärztliche Leiter Dr. Bernhard Krakowka sah die Einweihung als weiteren Schritt zur lückenlosen Notfallversorgung im Odenwaldkreis. Das Phänomen steigender Einsatze sei „in relativ kurzer Zeit entstanden“, sagte er.

Gab es Odenwaldkreis-weit 2011 noch 13.000 rettungsdienstliche Einsätze, waren es 2017 schon 18.000. Pro Jahr stellte er im Schnitt eine fünfprozentige Steigerung fest. Damit ist man aber nicht allein. „Das ist überall in Hessen so“, betonte er. Die Schließung des Krankenhauses in Lindenfels vor knapp zwei Jahren „wirkt sich massiv aus“, so der Arzt. Dazu kämen noch eingeschränkte hausärztliche Notdienste.

Krakowka machte aber klar, „dass die Notarzteinsätze fast gleich geblieben sind“. Das ist für ihn ein Zeichen dafür, „dass die Bevölkerung nicht kranker wird“. Er wies darauf hin, dass Hessen „die strengste Hilfsfrist in ganz Deutschland hat“. Mit der neuen Rettungswache seien Rothenberg sowie die Ortseingänge von Olfen und Güttersbach in 9,5 Minuten erreichbar, wo es vorher 12 oder 13 waren. Eine ganz klare Verbesserung, weshalb er von einer „super Abdeckung des Südkreises“ sprach.

Der DRK-Rettungsdienst bewältigt landesweit jedes Jahr etwa 500.000 Einsätze und legt dabei 20 Millionen Kilometer zurück. Zwei Drittel der Rettungswachen sind vom Roten Kreuz besetzt. Der herrschende Fachkräftemangel macht auch vor den Helfern nicht halt, weswegen laut Landesverbands-Präsident Norbert Södler unkonventionelle Wege gefragt sind. Er sprach ebenso wie Bürgermeister Christian Kehrer Grußworte.

Die DRK-Rettungswache in der Hirschhorner Straße Beerfelden ist derzeit von 7 bis 22 Uhr mit je zwei Personen besetzt, einem Rettungs- und einem Notfallsanitäter. Die Fahrzeughalle des 160 Quadratmeter großen Gebäudes ist mit einem Rettungswagen besetzt. Ruhe-, Sozial-, Aufenthalts- und Sanitärräume komplettieren das Innere.

Am Kindergarten soll es bald Tempo-30-Schilder geben

Die öffentliche Toilettenanlage am Brunnenparkplatz ist in keinem guten Zustand. Sie stinkt quasi wortwörtlich zum Himmel. Ortsbeirat Rico Scheuermann hatte ein paar Bilder vom Stein des Anstoßes in die Sitzung mitgebracht. Handlungsbedarf wurde allgemein gesehen. Zum einen ist das Pissoir defekt, zum anderen wird nur einmal die Woche geputzt. Was für ein öffentliches WC eindeutig zu wenig ist, monierte Ortsvorsteher Christian Zimmermann. Außerdem fehlen im Behinderten-WC die Stangen zum Festhalten beim Aufstehen.

Der Ortsbeirat wünscht sich eine vernünftige Sanierung, betonte er. Es gab daneben die Anregung, die Behinderten-Toilette mit einem Euro-Schlüssel zu versehen, damit sie nicht allgemein zugänglich ist. Um Vandalismus zu verhindern, gab es weiterhin die Idee, die Toilette in spe mit einem Münzschloss zu versehen, sodass 50 Cent entrichtet werden müssen. „Da geht dann nur der rein, der wirklich muss“, so Zimmermann.

Laut Bürgermeister Christian Kehrer sollte das Ansinnen über die Stadtverordneten-Versammlung angestoßen werden, damit dann auch eine Kostenaufstellung erfolgen kann. Das Budget des Ortsbeirats reicht für diese Maßnahme nicht aus. Kehrer erläuterte daneben, dass die angesprochenen Punkte aus der vorigen Ortsbeirats-Sitzung peu à peu abgearbeitet werden.

Dazu zählt unter anderem die wöchentliche Bekanntgabe, wo sich gerade in der Mümlingtalstraße die Baustelle befindet. Die 30er-Schilder, die auf der Gammelsbacher Straße beim Kindergarten angebracht werden sollen, sind bestellt. Die rechtliche Prüfung, ob in diesem Bereich ein Zebrastreifen aufgebracht werden darf läuft, sagte der Bürgermeister. Ebenfalls geordert sind die Hinweis-Beschilderungen für den Friedhof.

Dem Ortbeirat sind die Raser ein Dorn im Auge. Mit dem Sicherheits-Verkehrsmännchen „Buddy“ will man Autofahrer dafür sensibilisieren, die Geschwindigkeit innerorts und am Ortseingang anzupassen. Dabei handelt es sich um etwa einen Meter hohe, grün-orangefarbene Männchen mit Reflektoren, die am Straßenrand aufgestellt werden. Sie sind je nach gewünschtem Einsatzort versetzbar, da lediglich der Fuß mit Sand verfüllt wird und sie über eine Kette befestigt werden. Zehn Stück à 50 Euro will man nun be- und an neuralgischen Stellen aufstellen.

Von zwei Vertretern der Generationshilfe wurde auf der Sitzung das Thema Bürgerbus angesprochen. In Bad König hatte man sich informiert, wie dieses System funktionieren könnte. Der Bürgerbus steht ebenfalls auf Kehrers To-do-Liste, stellte sich heraus. Zusammen mit der OREG und dem Gesundheitsversorgungszentrum will er sich der Sache annehmen. Aufgrund der großen Fläche von Oberzent könnte es mit einem Fahrzeug nicht getan sein, kristallisierte sich heraus.

Oberzent-Schüler gedachten der Reichspogromnacht

80 Jahre Reichspogromnacht, 100 Jahre Weltkriegsende: Zwei deutsche Schicksalsdaten am 9. November, denen die neunten und zehnten Klassen der Oberzent-Schule gedachten. „Mahnung zum Frieden“ hieß das Oberthema des Rundgangs, der von der Schule aus über evangelische Kirche und ehemalige Synagoge zum katholischen Gotteshaus führte. Auf einem Teil des Weges waren auch Vertreter der muslimischen Ditib-Gemeinde mit dabei.

Brücken bauen, für den Frieden beten, die Geschichte nicht vergessen: Diese drei Punkte stellte Schulleiter Bernd Siefert während seiner Begrüßung in den Vordergrund. Vorbei am Versammlungshaus der muslimischen Gemeinde in der Marktstraße ging es dann in die gegenüber liegende Martinskirche. Dort freute sich Pfarrer Roger Frohmuth, dass über 200 Schüler den mittleren Teil des Kirchenschiffs füllten.

Nach dem Ersten Weltkrieg „gab es keine Sieger“, sagte er. Stattdessen lag Europa in Trümmern. In fast jeder Familie waren Verletzte oder Tore zu beklagen. Anhang von zwei kleinen Geschichten stellt er dar, wie schnell aus einem kleinen Streit eine große Auseinandersetzung entstehen kann. Aus Drohungen wurde ein Krieg der Völker. „So etwas darf es auf der Welt nicht noch einmal geben“, betonte der Geistliche. „Alles, was wir haben, ist auf Frieden aufgebaut.“ Für seine mahnenden Worte erhielt er Beifall von den Jugendlichen.

Mevlüt Erdogan, Vorstandsmitglied der islamischen Ditib-Gemeinde, eröffnete seine Begrüßung mit einem Koranzitat, den ersten Worten, die dem Propheten Mohamed offenbart wurden. „Es geht darin um Lesen und Lernen“, erläuterte er. „Wissen ist der Schlüssel“, sagte er. Gerade heutzutage, wenn sich eine Aussage oder ein Gerücht in Minutenschnelle übers Internet verbreite, „müssen wir lernen zu hinterfragen“, forderte er die Schüler auf. Man dürfe nicht alles ungeprüft übernehmen.

Die Jugendlichen könnten nicht nur von den Lehrern lernen, sondern auch von Gesellschaft, Nachbarn und Freunden. Man lerne gemeinsam und voneinander, „wir lernen, um die Welt gestalten zu können“, so Erdogan. Emily Zimmermann und Ronja Pehmüller gingen in ihren mahnenden Worten auf die mehr als 1400 zerstören Synagogen am 9. November 1938 ein.

Dieser Tag „bildete den furchtbaren Auftakt zur Shoah, dem Holocaust“. In ganz Deutschland gab es über 400 Tote. „Von guten Mächten“ rezitierten Nina Ruf, Sina Haas und Carolin Samstag sowohl in der Kirche als auch an der ehemaligen Synagoge, wo sich heute das „S‘Lagger“ befindet. Diese war in der betreffenden Nacht vor 80 Jahren zerstört worden. Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten jüdischen Gotteshäusern wurde sie nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte.

Um das Jahr 1900 gab es in Beerfelden noch über 100 jüdische Mitbürger. In der heutigen Judengasse wohnten keine Juden. Nur ein Weg führte durch die Straße zur Synagoge. Die Juden waren, das zeigt ein Stadtplan aus dem Jahre 1905, überall in der Stadt verteilt. Schon vor dem Novemberpogrom von 1938 war die jüdische Einwohnerschaft aber stark zurückgegangen. Viele emigrierten, vor allem in die USA.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. „Für diese Menschen haben wir 2012 die Stolpersteine verlegen lassen“, so Siefert. Er las die Eindrücke eines Augenzeugen vor, die dieser 50 Jahre nach 1938 wiedergegeben hatte. Julia Samstag sprach später in der katholischen Kirche zum Thema Frieden. Andreas Weinmann sang dort den Kanon „Herr gib uns Frieden“ und Pfarrer Richard Benner sprach den Segen.

Gewaltiger Nachholbedarf bei der Instandhaltung

Nach der Fusion „schwimmen wir nicht in Geld“, macht Bürgermeister Christian Kehrer deutlich. Denn in den vergangenen Jahren blieb in den vier vorherigen Kommunen eben wegen Geldmangel so viel liegen, dass jetzt gewaltiger Nachholbedarf besteht. Der Erhalt und die Ertüchtigung der Infrastruktur stehen dabei im Fokus. In Beerfelden muss etwa das Bürgerhaus saniert worden, in Falken-Gesäß wird das „Käffchen“ im Dorfgemeinschaftshaus über IKEK-Mittel angegangen.

Kehrers Ziel ist es, für jedes städtische Gebäude eine Bewertung zu erstellen, in welchem Zustand es ist, ob es und wenn ja wann (energetisch) saniert werden muss. Denn im Jahr gibt die Stadt allein 420.000 Euro für Strom aus, für Gas und Heizöl noch einmal 100.000 Euro. Ganz zu schweigen von den Instandhaltungskosten in Höhe von 600.000 Euro. Allerdings müsse auch geschaut werden, was „realistisch machbar ist“. Eine dringende Baustelle ist unter anderem die Hetzbacher Sporthalle. „Da muss unbedingt die alte Heizung ausgetauscht werden.“

Auch auf den vielen Friedhöfe in den einzelnen Stadtteilen stehen Umbaumaßnahmen an. Hier geht unter anderem um Urnengrabfelder. In den drei Schwimmbädern läuft derzeit eine Analyse, um an Mittel aus dem Landesprogramm „Swim“ ranzukommen, sagte Kehrer. Pumpen, Filteranlagen und Becken sind meist in die Jahre gekommen. „Wir wollen die Bäder zukunftsfähig machen“, betonte der Bürgermeister.

Ein großer Brocken sind ebenfalls Gemeindezentrum und Sporthalle in Unter-Sensbach. Letztere ist noch auf dem Stand des Baus vor 50 Jahren. Elektrik, Sanitär und Dämmung müssen angegangen werden. Etwa ein Drittel der Gesamtsumme von 450.000 Euro kommt über KIP-Mittel rein, der Rest bleibt an der Stadt hängen.

Dafür und für andere anstehende Dinge will mit die knapp drei Millionen Euro aus der Hessenkasse verwenden. Zehn Prozent davon muss die Stadt aus eigener Tasche dazulegen. Dazu kommt noch „viel Kleinkram“, wie der Rathauschef verdeutlicht. So fehlt dem Bauhof ein Pkw, weshalb die Mitarbeiter „mit dem Unimog auf einen Termin fahren müssen“, weil das andere Fahrzeug gerade belegt ist.

Ein anderes Thema ist eine zentrale Schließanlage für alle städtischen Gebäude. „Die Putzfrau hat einen monströsen Schlüsselbund dabei“, breitet Kehrer die Arme weit aus. Im Schlüsselschrank seines Büros hängen über 50 Haken voll mit jeweils mehreren Schlüsseln. „Da blickt keiner mehr durch“, betont er. Für ihn gilt dabei aber: „Erst einmal die kleinen notwendigen Dinge erledigen, bevor man an Großes denkt.“

Eine Erfolgsgeschichte ist die Stadtbücherei, für die man nun größere Räume sucht. „Die platzt aus allen Nähten“, so Kehrer. Einmal in der Woche von Ehrenamtlichen betreut, stoßen die 4000 Medien aus allen möglichen Sparten auf viel Nachfrage. Jedes Jahr kommen ein paar neue Bücher dazu. Gesucht wird ein Platz in der Innenstadt. Dafür steht die Stadt mit der Oreg in Kontakt, um freie Räume aufzutun.

Oberzent will sich daneben besser nach außen präsentieren, erläutert der Bürgermeister. Da geht es um neue Broschüren über die Sehenswürdigkeiten, die Fertigstellung der Homepage, neue Stadtpläne oder Neubürgerbroschüren. Außerdem soll für jeden Stadtteil eine einheitliche Beschilderung her. Friedhöfe, öffentliche Gebäude, touristische Punkte, Gaststätten, Pensionen stellt sich Kehrer darauf vor.

Info: Die Stadtbücherei Oberzent im Erdgeschoss des Bürgerhauses Beerfelden ist immer donnerstags von 16 bis 17.30 Uhr geöffnet.

Hausärztliche Gemeinschaftspraxis am Haus Henneböhl als Leuchtturmprojekt

Der Grundstein ist gelegt. In spätestens zwei Jahren soll die hausärztliche Gemeinschaftspraxis an der Seniorenresidenz Haus Henneböhl fertiggestellt sein, sagte Geschäftsführer Michael Vetter. „Unser Ziel ist aber deutlich früher.“ Damit will man die medizinische Versorgung der Bewohner und der Patienten der häuslichen Alten- und Krankenpflege in der Mobilen Pflege Oberzent sicherstellen. Gleichzeitig ist die Praxis auf einer Fläche von 550 Quadratmetern auch für die Bevölkerung frei zugänglich.

Die geplanten Praxisräume sind für fünf Hausärzte in Voll- oder Teilzeitbeschäftigung geeignet. Die Pflegestiftung Odenwald als Träger will sie Ärzten in den ersten beiden Jahren mietfrei und anschließend zu einem attraktiven Preis zur Verfügung stellen. Die Veranstaltung wurde umrahmt von der Blaskapelle Gammelsbach. Gleich zwei Fässer Freibier wurden angestochen, dazu bot das Küchenteam der Seniorenresidenz Verpflegung für die bei ungemütlichem Wetter ausharrenden Besucher.

Annegret Hoffmann vom Vorstand der Pflegestiftung wünschte sich, dass der Bau gelingen möge, in den dann Menschen ein- und ausgehen. Ziel der 2009 gegründeten Stiftung sei es, die ambulante und stationäre Pflege zum Wohl der Bevölkerung zu unterstützen. Es geht darum, „die Versorgung der Patienten und die Qualität der Pflege nachhaltig zu sichern“, sagte sie. Die bauliche Weiterentwicklung geschehe wie auch die Errichtung der Seniorenresidenz „ohne öffentliche Mittel“.

Diese, 2013 errichtet, war mit ihren 106 Plätzen schon drei Jahre später belegt, freute sich Vetter. „Diese Entwicklung ist nicht selbstverständlich.“ Er dankte seinen Mitstreitern bei diesem und beim aktuellen Projekt. Ein freundliches und kompetentes Team sei Basis „für alles, was wir tun“, sagte er. Wie auch Hoffmann hob er hervor, dass man von Anfang an eine generationenübergreifende Begegnungsstätte schaffen wollte. „Das ist hervorragend gelungen.“

Man habe lange auf ein Ärztehaus gewartet, erläuterte Vetter. Denn die hausärztliche Versorgung sei für die Zukunft der Seniorenresidenz sehr wichtig. Nachdem sich in der Stadt nichts tat, schritt man selbst zur Tat. Aktuell hat sich seinen Worten zufolge die ärztliche Versorgung in Oberzent stabilisiert. Vetter zeigte sich überzeugt, „dass unser Standort mit der vorhandenen Infrastruktur der beste in Oberzent ist“. Die vier Behandlungsräume bieten die Möglichkeit, bis zu 3000 Patienten zu betreuen. Damit könne die Praxis „zu einem Leuchtturm in der Region werden“.

Vetter betonte: „Wir wollen kein medizinisches Versorgungszentrum errichten.“ Sollten konkrete Anfragen zur Ansiedlung von Fachärzten kommen, werde man diese prüfen, aber nicht von selbst tätig werden. Die Pflegestiftung habe bisher zehn Millionen Euro ins Haus Henneböhl investiert, so der Geschäftsführer. „Jedes Jahr sind es mindestens weitere 500.000 Euro.“ Bisher gebe es 100 Arbeitsplätze. Mit der geplanten Erweiterung „werden zusätzliche qualifizierte Jobs entstehen“, stellte er in Aussicht.

Denn aktuell läuft ein vorhabenbezogener Bebauungsplan, damit es eine Erweiterung Richtung Krähberger Weg geben kann. Dafür wurden im Vorfeld Grundstücke gekauft, auch um die notwendigen Ausgleichsflächen bereitzuhalten. Insgesamt besitzt die Stiftung in diesem Gebiet nun sechs Hektar Fläche. Im kommenden Frühjahr rechnet der Geschäftsführer mit dem Start.

Bevor es mit Volldampf an die Arztpraxis geht, werden im Untergeschoss des benachbarten Gebäudes acht Büroräume ausgebaut und erhält das Restaurant weitere 15 Sitzplätze. Parallel läuft aber bereits der Erdaushub für das neue Projekt. „Wir kaufen viel Material in den Betrieben vor Ort ein“, kündigte Vetter an. Außerdem werden neben den eigenen Kräften lokale Handwerker mit eingebunden.

Pflegedienstleiterin Angela Scheil hob die Bedeutung der neuen Praxis für die Pflege hervor. „Die Menschen sind oft mehrfach erkrankt“, sagte sie. Die Bedeutung einer Ärzteansiedlung sei früher bei weitem nicht so hoch gewesen.