Birnen, gebrannt für Oberzenter Helden

„Gereift auf Oberzenter Hügeln, geerntet von Oberzenter Händen, gebrannt für Oberzenter Helden“: Dahinter verbirgt sich eine süffige Idee von Achim Schäffler, Ehrenamtliche „hinter den Kulissen“ für ihr beständiges Engagement in der neuen Stadt zu würdigen. Nämlich mit einem Birnen-Edelbrand, den es nur in einer Abfüllung von 300 Flaschen gibt. Die ersten 15 Helfer aus der zweiten Reihe erhielten nun ihr ganz eigenes Exemplar.

Im vergangenen Frühjahr hatte Schäffler die Idee, anlässlich der Fusion etwas Gemeinsames und Neues zu kreieren: einen Birnen-Edelbrand von Bäumen aus so vielen Ortsteilen wie möglich. Denn es sollte etwas sein, „was die Region symbolisiert“. Dazu zählt er die Birne mit dem „Parfüm der Oberzent“. Das Obst erfüllte alle Voraussetzungen. Ihm war daran gelegen, das Zusammenwachsen von der großen, politischen Ebene runterzuziehen auf die dörfliche, menschliche in den 19 neuen Stadtteilen und die Zusammengehörigkeit zu stärken. „Eine Initiative der Kommunalpolitik für die Bürger“, betont er.

„Die Zustimmung war und ist sehr groß“, stellt Schäffler fest. Um die 30 Helfer aus den verschiedenen Orten trugen das Obst in großer Menge zusammen und schafften es zur Verarbeitung nach Olfen. 1700 Liter Maische kamen bei der Brennerei Jahn-Kellermann an. Zwischenzeitlich wurde dann alles wieder in Achim Schäfflers Garage zum Gären geschafft und aufs Neue nach Olfen.

Die alkoholische Gärung ist dem Apotheker natürlich bekannt, aber für den Rest „habe ich mich bisschen eingelesen“ und zusätzlich den Fachmann gefragt. Das Ganze ist augenscheinlich bestens gelungen, konnten sich Interessierte bei einer Verkostung überzeugen. Es entstanden 113 Liter des 41-prozentigen Schnapses, abgefüllt in 300 Flaschen zu je 0,35 Liter. Jede hat ihre eigene Nummer und ist damit ein Einzelstück.

„Brandneu“ steht auf dem Etikett, das ebenfalls in Oberzent-Brainstorming entstand. Somit ist „von der Birne bis zur Flasche“ alles durch die Händen der fleißigen Helfer aus der fusionierten Stadt entstanden. „Hier gewachsen, hier geerntet, hier gemaischt, hier gebrannt, mit reinstem Hinterbacher Wasser eingestellt, hier abgefüllt, hier das Etikett entworfen … alles von hier“, erläutert Schäffler.

Der Jahrhundert-Sommer 2018 hat sein Übriges dazu beigetragen, „dass wir jetzt etwas ganz Besonderes haben“, schildert Claus Weyrauch die Bemühungen. Bei den Birnen handelt es sich um sehr alte Sorten, die in den vergangenen Jahren kaum Beachtung erfahren haben, „aber für unsere Region ganz charakteristisch sind“.

Die Idee hinter der Aktion ist, „dass man den Brand nirgends kaufen kann“, sondern er Personen als Geschenk übereicht wird, die sich durch Außergewöhnliches hervorgetan haben. Dazu kann das Ehrenamt zählen, aber auch besondere Hilfe anderen gegenüber oder kreative Leistungen, die über Oberzent hinaus Beachtung finden. „Den Brand muss man sich ehrenamtlich erarbeiten“, lacht der Ideengeber. „Die Auflage ist limitiert, jeder bekommt ein Unikat, auf das er stolz sein kann.“

Über einen Aufruf an die Mandatsträger auf Stadt- und Ortsebene kamen nun die ersten Geehrten zusammen. Es wurden viel mehr Namen genannt, als in einem ersten Durchgang ausgezeichnet werden konnte. „Das ist großartig“, freut er sich. Es werden daher wohl weitere Auszeichnungen folgen, schätzt Schäffler.

„Es soll damit ein Anreiz auch für andere geschaffen werden, ebenfalls Außergewöhnliches zu tun“, hebt der Initiator hervor. „Tradition, alte Sorten, gemeinsame Wurzeln“ verbindet er mit den städtischen Hügeln. „Die Leute helfen sich gegenseitig, sind zupackend, wollen was Gemeinsames erreichen“, steht für die Hände.

Die Idee ist, daraus eine wiederkehrende Veranstaltung zu machen, sie quasi zu institutionalisieren und immer mal wieder Personen für Außergewöhnliches zu ehren. In die Zukunft gedacht suchen die Initiatoren einen interessierten Verein oder Person eine, die das Projekt weiterführen, „damit die Sache nicht im Sande verläuft, wenn die Flaschen verschenkt sind“.

 

 

Die ersten 15 Geehrten

Kategorie Dorfentwicklung: Josef Pokoy (Hesselbach), Willi Maurer (Falken-Gesäß), Georg Herbert Ihrig (Schöllenbach), Edmund Schnetz (Kailbach), Frieder Götz (Rothenberg)

Kategorie Kultur: Iris Thierolf (Etzean)

Kategorie Menschen helfen Menschen: Hans-Peter Fink (Rothenberg), Brigitte Schanbacher (Beerfelden), Cornelia Frank (Erbach), Gerhard Friedrich (Beerfelden), Bruno Lindy Angert (Olfen), Anja Krautschneider (Airlenbach)

Kategorie Wirtschaft: Daniel Pracht (Falken-Gesäß)

Kategorie Vereinswesen: Freiwillige Feuerwehr Kortelshütte (Timo Fink), Verein Waldseebad Beerfelden (Ina Bottelberger)

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Jugendförderverein bündelt Fußball-Aktivitäten

Oberzent als Vorreiter: In der neuen Stadt wurde jetzt der erste Jugendförderverein des Odenwaldkreises gegründet. In ihm bündeln sieben Fußballvereine ihre Arbeit im Jugendbereich. Ziel ist es, ab der Saison 2020/21 Mannschaften von den A- bis G-Junioren in die Wettbewerbe zu schicken. Derzeit eifern etwa 130 Kinder und Jugendliche in Oberzent dem runden Leder nach, angeleitet von 20 Trainern und Betreuern.

Das Orga-Team mit Sebastian Siefert, Hartmut Beisel, Marcel Daub und Steffen Ulrich ging vor etwa einem Jahr an die Vorbereitung. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde es für die Vereine immer schwieriger, eigene Jugendmannschaften zu stellen, schilderte Beisel vom SV Beerfelden. Der ist neben FC Finkenbachtal, SV Gammelsbach, TV Hetzbach, SG Rothenberg, TSV Sensbachtal und Türkspor Beerfelden einer der Partner.

Die Folge war die Gründung von immer mehr Spielgemeinschaften, so vor zehn Jahren auch die JSG Oberzent, „um den Jugendfußball zu stabilisieren“. Aber auch dieses Modell erwies sich über die Jahre hinweg als problemanfällig. Denn logischerweise, so Beisel, standen für die beteiligten Einzelvereine erst einmal die eigenen Interessen im Vordergrund. „Wir haben dann überlegt, wie sich das verbessern lässt“, schilderte er.

Heraus kam der Gedanke, einen eigenständigen Verein für Jugendfußball zu gründen. In den verschiedenen Vortreffen wurden die Vereinsvertreter mit ins Boot genommen. „Wir haben vieles schnell erreicht“, freute sich der SV-Mann. Über einen Kooperationsvertrag wird die jeweilige Mitwirkung im JFV Oberzent vertraglich geregelt. Der soll offiziell zu Beginn des neuen Jahres an den Start gehen, damit zur kommenden Runde alles steht.

Sebastian Siefert dankte den beteiligten Vereinen „für die schnelle und positive Einigung“. Es gab zehn Organisationstreffen im Vorfeld, dann „nur“ zwei mit den Vereinsvorständen und der neue Verein war im Sack. „Die sind uns sehr entgegengekommen“, war die Kooperationsbereitschaft groß. Er hätte, schmunzelte Siefert, „mehr Widerstand erwartet“.

Es gab noch ein zusätzliches Bonbon: Der neue Verein bekommt von seinen Gründervätern mehr Geld zur Verfügung gestellt, als die Organisatoren gedacht hatten. Der offizielle Startschuss war das eine, „die eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst“, meinte Siefert. Ziel sei es, in allen Altersklassen eine Mannschaft zu melden und mit Großfeldteams auch höherklassig zu spielen.

Mittelfristig, sagte er, werde mit dem JFV die Qualität verbessert, da man als Verein andere Möglichkeiten habe, an qualifizierte Trainer zu kommen. Siefert zeigte sich optimistisch, in spe auf genügend Betreuer zurückgreifen zu können. Zwar ist die Vereinsbindung nicht mehr wie früher, aber wenn die eigenen Kinder kicken, „ist vielleicht einfacher, die Eltern zur Mitwirkung zu bewegen“. Robin Hemberger vom SVB bezeichnete die Entwicklung als „alternativlos“. Dem Orga-Team sprach er seinen großen Danke für die viele Arbeit aus.

Bürgermeister Christian Kehrer wertete die Zusammenarbeit im JFV als „Schritt in die richtige Richtung“. Die Stadt werde ihren Beitrag dazu in Form einer Anschubfinanzierung leisten. Eine freiwillige Fusion, so Kehrer mit Blick auf den Oberzent-Zusammenschluss, „ist immer zielführend“. Den ersten Jugendförderverein im Odenwaldkreis begrüßte ebenfalls Kreisjugendwartin Birgit Johe. „Das macht es organisatorisch um einiges einfacher“, erläuterte sie. Denn die Spielgemeinschaften müssten jedes Mal aufs Neue gemeldet werden.

 

Info: Der neue Jugendförderverein (JFV) 2020 Oberzent wird im Herbst bei einer Info-Veranstaltung allen Interessierten vorgestellt.

 

Oberzent will eine „Smart City“ werden

Die Stadt will „Smart City made in Germany“ werden. Der Vorteil der Teilnahme am entsprechenden Förderprogramm: Die Digitalisierung der Verwaltung wird mit mindestens 65 Prozent der Kosten bezuschusst. Wenn eine Kommune als „arm“ eingestuft wird, dann sind es sogar 90 Prozent. „Ob wir arm genug sind, muss sich noch zeigen“, meint Bürgermeister Christian Kehrer mit etwas Galgenhumor. Denn das Land hat ja bekanntermaßen eine andere Definition von bedürftigen Gemeinden als diese selbst.

Digitalisierung innerhalb der Verwaltung ist laut Kehrer „dringend notwendig“. Nicht nur um den Bürgern Wege abzunehmen und das Verfahren unkomplizierter zu gestalten, sondern auch aufgrund der E-Government-Gesetze. Der Odenwaldkreis will die Aufgabe gemeinsam stemmen und sich mit seinen angeschlossenen Gemeinden um Aufnahme ins Programm bewerben.

Es ist wie in anderen Bereichen auch, bedauert der Bürgermeister. Durch das Online-Zugangsgesetz werden den Kommunen neue Aufgaben übertragen, „ohne dass deren Umsetzung durch adäquate Finanzmittel kompensiert wird“. Mit dem „Smart-City“-Programm könne man der Digitalisierung „nicht nur reaktiv, sondern gestaltend begegnen“, betont er. Positiver Nebeneffekt: Die Effizienz der Verwaltung wird erhöht.

Das Stadtoberhaupt verspricht sich davon auch eine höhere Attraktivität der Stadt. Da geht es dann um eine bessere Online-Auffindbarkeit, Reservierungs- und Lieferdienste oder Stärkung von Einzelhandel und Gastronomie. Natürlich spielt ebenso die Vernetzung des touristischen Angebots eine Rolle wie die Optimierung der Internetanschlüsse und bedarfsorienteiere, flexible Betreuungsmöglichkeiten.

Wie Kehrer erläutert, wird eine Fachjury zehn Bewerbungen für eine erste Staffel auswählen. Für diese steht ein Förderbudget von 150 Millionen Euro zur Verfügung, maximal 15 pro Teilnehmer. Start ist mit einer ein- bis zweijährigen Strategiephase, gefolgt von einer Umsetzung mit bis zu fünf Jahren Dauer. Eine Strategieerstellung könnte im Odenwald eng mit der Erneuerung des Kreisentwicklungskonzepts verknüpft werden.

Die Umsetzung geht dem Bürgermeister zufolge einher mit der Einstellung eines Projektverantwortlichen. Im ersten Jahr rechnet man mit Kosten von 94.000 Euro, die jährlich leicht nach oben gehen werden. Der Kreis übernimmt von der Summe nach Abzug der Fördermittel die Hälfte. Sollte die Förderung also 65 Prozent belaufen, müssten die Kommunen noch zusammen 16.500 Euro schultern, bei 90 sonst 4700.

Die vorhandenen Potenziale im Odenwaldkreis könnten dabei ziemlich gut in die geforderten Kriterien passen, hoffen die Verantwortlichen. Angeführt werden Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz, Klimaschutz, Innovation oder Partizipation und Inklusion. Auch wird die gute Infrastruktur durch die Breitbandabdeckung erwähnt. Diese ermögliche digitale Projekte.

Kehrer wünscht sich, mit einer Smart-City-Strategie Kreativität und Kompetenz zusammenzubringen, „um dem Megatrend Digitalisierung nicht nur zu begegnen, sondern ihn zu gestalten“. Die soll nicht nur als Projekt, sondern auch als dauerhaft wirksame Veränderung verstanden werden. Das Ganze soll bedarfsgerecht sein und von den Bürgern aktiv mitgestaltet werden. „Günstiger kommen wir nicht weg“, so der Stadtchef.

Schilder-Versteigerung: Kleinere Ortsteile gab’s für schmales Geld

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: Falken-Gesäß ist mehr wert als Beerfelden, aber nur weil hinten Airlenbach draufsteht: Stolze 900 Euro zahlt die Familie Beck für das ehemalige Ortsschild des damaligen Beerfelder Stadtteils. Auf den Plätzen: Natürlich die „Haupt-Stadt“ selbst mit 800 Euro, gefolgt von Rothenberg und Airlenbach mit 350: Die Versteigerung der früheren gelben Ortseingangsschilder während der Oberzent-Expo war eine Riesengaudi mit großen Andrang.

Da die Gebote allesamt dreistellig waren, kamen am Schluss fast 5700 Euro für den guten Zweck zusammen: Der Erlös wird gedrittelt und geht an die drei Schwimmbad-Initiativen in Beerfelden, Hetzbach und Finkenbach für benötigte Anschaffungen. Hinten raus schwächelten die Bieter ein wenig, sodass die kleineren Ortsteile für relativ wenig Geld zu haben waren.

Das Mindestgebot lautet 20 Euro, informierte Auktionator Stefan Münkel zu Beginn. Um gleich unterbrochen zu werden: „Geh‘ ein bisschen runter.“ Aber keine Chance, die Summe blieb. Die war „BAT“, bar auf Tatze, fällig, so seine Ansage. Da alles alphabetisch vor sich ging, „können sich die Unter-Sensbacher noch ein Bier holen gehen“. Münkel mit seinen launigen Ansagen und den lokalen Spitzen war mit ein Garant für den Erfolg und den Spaß bei der Versteigerung.

Der rechtliche Hinweis, quasi die AGB, durfte nicht fehlen. „Es ist nicht erlaubt, die Schilder vors Haus zu hängen, damit einer dort 50 fährt“, informierte er. Denn sonst kommt derjenige vor den Kadi oder besser gesagt, Stadtpolizist Nabil El-Kadi schaut vorbei. Im Garten oder im Partykeller ist es aber kein Problem, scherzte Münkel.

Um Airlenbach lieferten sich Lothar und Alexander Beck eine Bieterschlacht, die Beck Senior schließlich für sich entschied. Auch Beerfelden schoss sofort in die Höhe. Dieses Mal war Beck Junior am Zug. Dass auch die Rückseiten der Ortsschilder von Belang sein konnten, zeigte sich an Falken-Gesäß. Da setzte der Run ein, als der Hinweis auf Airlenbach zu lesen war. Beim Biet-Battle zwischen den Familien Pracht und Beck hieß es schließlich: Noch ein Becks.

Etzean mit seinen 150 Einwohnern fiel zu Beginn angesichts der Platzhirsche ein wenig hinten runter, schlug sich aber dann doch sehr achtbar. „Knapp weniger Bürger als Beerfelden“, so Münkel, aber stolze 350 Euro. Fast wäre Finkenbach ein Ladenhüter geworden. Das konnte der gebürtige Finkenbacher Bürgermeister Christian Kehrer nicht auf sich sitzen lassen.

Gammelsbach schoss plötzlich noch auf 350 Euro, nachdem Münkel zuvor gemutmaßt hatte, der anstehende, teure Gailsmarkt-Montag könnte bei manchen den Geldbeutel verschlossen halten. Hebstahl und Hesselbach fielen ein bisschen zurück hinter beim Schilder-Hype, der dann bei einem Unikat wieder in die Gänge kam: das grüne Weiler-Schild Rothenberg-Hinterbach. 300 Euro ließ Kehrer mit dem Hinweis springen, dass es der Dorfgemeinschaft zur Verfügung gestellt wird.

Jörg Wehrle vom dortigen Haus Cordula hätte sich gern „Kortelshütte“ ins Azurit-Seniorenzentrum gehängt. Aber Gianluca Eifert machte mit 310 Euro mehr locker. Der feierte seinen Biet-Erfolg danach mit Bier: einem frisch gezapften, logischerweise Beerfeldener aus den Felsenkeller-Spezialitätensortiment. Winfried Friedrich hatte bei Ober-Hainbrunn leichtes Spiel. Das hätte fast die rote Auktions-Laterne bekommen, ging dann aber noch auf die 150.

In Olfen ist die Welt zu Ende, könnte man mit Blick auf die Rückseite des Ortschilds meinen. Denn hinten ist der Name rot durchgestrichen, aber es fehlt der Hinweis aufs nächste Dorf. „Zum Selbstausmalen“, meinte Münkel trocken. 160 Euro hier und 150 für die Raubach: Es läpperte sich.

Claus Weyrauch sicherte sich seinen Heimatort Rothenberg, Karlheinz Ihrig von der Sparkasse „sein“ Schöllenbach. Unter-Sensbach musste der Auktionator nochmal richtig schmackhaft machen, dann wurden auch hierfür 130 Euro von Christina Obenauer gezahlt. Für die hohe Endsumme, akkurat vom Sparkassenchef ausgerechnet, gab’s zum Schluss einen Riesenbeifall.

100 Liter-Schmucker Freibier unters Volk gebracht

Gleich 100 Liter Freibier lässt die Privatbrauerei Schmucker beim Fassbieranstich in der Reithalle zur Eröffnung des Pferdemarkts springen. Damit auch alle Gäste ein Glas des süffigen Mossautaler Gebräus erhalten und sich von seiner Qualität überzeugen können. Ein Zufall angesichts der vorherigen Diskussion darüber, ob nicht der heimische Gerstensaft aus der Stadt am Berge zum Zuge hätte kommen sollen? Natürlich, lächelt Schmucker-Vertreter Andreas Heckmann. „Das haben wir spontan am Nachmittag so entschieden.“

Die Bier-Wellen blieben an diesen Abend flach, die Woge schwappte nicht über. „Ich habe keine Rückmeldungen zu dem Thema bekommen“, meint Bürgermeister Christian Kehrer. Keiner traut sich scheinbar so richtig aus der Deckung hinter dem Freibier-Glas und outet sich als „Bier-Fan“ der einen oder anderen Seite. Da wird lieber schnell noch ein Schluck genommen und das Thema weggelächelt. Oder, wie es ein Anonymus sagte: „Es wäre zwar angebracht, wenn beim Pferdemarkt Beerfelder Bier in der Reithalle ausgeschenkt wird, aber das von Schmucker aus Ober-Mossau schmeckt mir auch.“

Der Spielmannszug Schöllenbach hatte mit seinem Zug über das Festgelände lautstark auf die nahende Eröffnung aufmerksam gemacht. In der Halle angenommen, durfte Bürgermeister Kehrer als Dirigent ran. Der freute sich darüber, dass die Musiker genau das machten, was er vorgab – ob das eine kleine humorvolle Anspielung aufs Rathaus war? Mit Blick auf die Regentropfen am Eröffnungs-Freitagabend hoffte er auf beständiges Wetter.

Wie viel Arbeit in der Organisation des Pferdemarkts steckt, „merkt man erst, wenn man hinter die Kulissen blickt“, dankte Kehrer den vielen Helfern. Landrat Frank Matiaske machte es in seiner Begrüßung kurz, der grüne Landtagsabgeordnete Frank Diefenbach etwas länger. Er sprach den Dreiklang von Menschen, Tieren, Traditionen/Attraktionen an. Einen kleinen Seitenhieb konnte sich Diefenbach nicht verkneifen: „Ich hoffe, dass allen das Bier schmeckt.“

Das floss schnell aus dem Fass, denn das Stadtoberhaupt benötigte nur einen kräftigen Schlag für den Zapfhahn. Flugs wurde es von Schmucker-Helfern unters Volk gebracht, die damit deutlich schneller zugange waren, als die wenigen Bedienungen in der sehr gut besuchten Halle mit dem Rest. Die Ärmel hochgekrempelt, gab’s für etliche Besucher auch ein persönliches Bürgermeister-Kehrer-Bier.

Michi Tischler unterhielt im Anschluss mit einem ganzen Potpourri von vornehmlich deutschen Schlagern. Wurde die Tanzfläche im Laufe des Abends schon deutlich voller, so füllte sich sie vollends mit der später startenden Mallorca-Party, bei der alles, was das deutsche Liedgut in den vergangenen 50 Jahren so zutage gebracht hat, zum Zuge kam.

Vor 30 Jahren, schwelgte der aus Breuberg stammende Landrat in der persönlichen Erinnerung, war es noch eine gewisse Herausforderung, einen Pferdemarkt-Fahrer zu finden, der vor Ort nichts trinkt und den Rest der Meute nachts heimfährt. „Manchmal hat es nicht funktioniert“, schmunzelte er. Es sei toll, sagte er, „dass es die heutige Jugend so konsequent ohne Alkohol am Steuer durchzieht“. Den Pferdemarkt bezeichnete er als „einzigartig über den Odenwald hinaus“. Salomonisch äußerte sich Matiaske zum Bier: „Als Landrat bin ich froh über eines aus dem Odenwald.“

Wenn es zeitlich reicht, kommt Eberbachs Bürgermeister Peter Reichert jedes Jahr auf die Höhe. „Der Pferdemarkt gehört einfach dazu“, sagt er. Viele Bürger aus dem Neckartal machen es ihm nach und besuchen das Volksfest. Beim Rundgang über das Marktgelände schaut das Stadtoberhaupt auch mal etwas genauer hin: „Vielleicht ist ja der eine oder andere Stand für unseren Kuckucksmarkt dabei“, lacht er. Denn der findet Ende August am Neckar statt.

„Ich bin von klein auf dabei“, erzählt der frühere Hessenecker Bürgermeister Thomas Ihrig. Freitags fuhr er zu den Pateneltern nach Beerfelden und montags wieder heim. „Das ist unser Fest“, das von ganz Oberzent, betont er – nicht nur das Beerfeldener. Das Wiedersehens-Hallo ist immer groß: „Hier sieht man Leute, die man das ganze Jahr nicht trifft.“

Info: Am Montag beginnt um 8 Uhr die größte und vielseitigste Tierschau Hessens mit Kälbervorführwettbewerb, Stuten- und Fohlenschau sowie Pferdeschauprogramm. Um 9 Uhr ist Öffnung der Verkaufs- und Fahrgeschäfte, um 10 Uhr der Oberzent-Expo. Der Frühschoppen mit der Feuerwehrkapelle Beerfelden Prof.-Walter-Hofmann-Halle startet um 10 Uhr, der im Apfelweinzelt um 10.30 Uhr. Um 17 Uhr treten die „Zwoa Spitzbuam“ in der Reithalle auf, um 20 Uhr   beginnt die Endspurt-Party im Apfelweinzelt, um 22.30 Uhr das synchronisierte Musikfeuerwerk. Mehr unter www.beerfelder-pferdemarkt.de

„Es tut sich was in Oberzent“

Präsentieren, was Oberzent alles zu bieten hat: Das steckt als Motiv hinter der Oberzent-Expo (OX), die in diesem Jahr zum zweiten Mal in neuer Form anstatt der früheren Gewerbeschau stattfand. 29 Aussteller in der Oberzenthalle verdeutlichen eindrucksvoll die große Angebotsbreite in der neuen Südkreis-Stadt. Dazu noch ein buntes Unterhaltungsangebot mit Musik und Vorträgen: Die Macher freuten sich übers ganze Pferdemarkt-Wochenende über einen regen Andrang. 24 Sponsoren und Unterstützer halfen bei der Realisierung der Veranstaltung.

„Die OX bunt halten und bunt gestalten“ ist laut Alexander Beck eines der Ziele des Orga-Teams. Das sei im zweiten Jahr bestens gelungen, indem weitere Aussteller gewonnen wurden. Diese verdeutlichen die Vielfalt der neuen Stadt und deren Gewerbetreibenden. Das bekräftigte auch Landrat Frank Matiaske in seinem Grußwort, der sich über das breite Angebot freute. Das passe zur zweiten Mal in Folge wachsenden Einwohnerzahl. Ein Zeichen dafür, dass es vorwärts geht.

„Zusammen sind wir stark“, fasst Daniel Pracht vom Orga-Team die Motivation zusammen. Es sei entscheidend, „gemeinsam etwas auf die Bühne zu stellen“. Er sieht in der Expo auch eine gewisse Symbolkraft in der Außenwirkung: „Es tut sich was in Oberzent.“ Der Schreinermeister aus Falken-Gesäß will auch den Stolz über das vermitteln, was die Stadt zu bieten hat. Oberzent soll mit der Leistungskraft seines Gewerbes „als attraktiver Standort präsentiert werden“.

Pracht verbindet damit auch einen Appell gegen das Schlechtreden. „Wir sollten mit gesundem Selbstbewusstsein auftreten“, betont er. Das Ziel der Macher: „Jedes Jahr ein bisschen besser werden.“ Von vornherein sei die Neukonzeption nicht auf ein Jahr beschränkt gewesen. „Sonst hätten wir uns vergangenes Jahr auch nicht so viel Mühe mit dem Standbau gemacht.“ Der Spaßfaktor kommt dazu, „die OX jedes Mal ein bisschen zu optimieren“.

Nachdem sich 2018 die Besucher schon vor Beginn die Nase an der Hallentür platt drückten, öffneten sich die Pforten dieses Mal etwas früher. So waren auch alle rechtzeitig in der Halle, als dort der Fassbieranstich mit Original Beerfelder Felsenkeller-Bier stattfand. „Wir OXen müssen zusammenhalten“, spielte Beck lächelnd auf die vorherige Bierdiskussion an, und deshalb gab es auf der Expo einheimischen Gerstensaft.

Metallbauer Volker Holschuh aus Falken-Gesäß sieht die Mitwirkung an der Gewerbeschau als wichtig für seinen Betrieb an. Denn ansonsten betreibt er nicht so viel Werbung, kann aber über die Teilnahme an Kunden herankommen, „die ich sonst nicht erreichen würde“. Holschuh bezeichnet die OX als „Schaufenster der Oberzent“.

Moritz Schumacher von der Airlenbacher Schreinerei Bellut hat an die Erstauflage gute Erinnerungen. Die bescherte ihm ein großes Projekt in Neckarsulm, das er gerade abschloss. „Wir erreichen Leute über unseren eigentlichen Einzugsbereich hinaus“, freut er sich. Es geht um die Präsenz, ums Gesehen, Wahrgenommen werden – und um damit einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

„Beerfelden hat viel zu bieten“, betont Pfarrer Roland Bahre. „Das merkt man an der OX.“ Zum einen gebe es die Tradition mit Pferdemarkt und Tierschau, zum anderen die „Moderne“ in Form der Ausstellung. Dieses Jahr, schmunzelt er, heiße es: „Kirche goes OX.“ Der Sonntags-Gottesdienst fand gestern zum ersten Mal in der Oberzenthalle statt. „Wir wollen neue Wege gehen und näher an den Menschen sein“, sagt Bahre.

Amadeus van Lier von der Oreg-Wirtschaftsförderung freut sich über die Verstetigung. Er lobt die Organisatoren, die den „Wow-Effekt der Premiere“ ins zweite Jahr mitnehmen. So kondensiert wie hier gebe es sonst nirgends einen Einblick in die Gewerbewelt von Oberzent. Die erreiche damit einen überregionalen Markt. Der „Work in Progress“, die stetige Weiterentwicklung, sei eine „tolle Leistung“, befindet er. „Wir wollen zeigen, was alles geht“, hebt Thomas Väth hervor, der mit seinem Patent „Flowerpads“ vor Ort ist. Die werden zusammen mit der Integra regional produziert.

„Blüte“ steht in voller Pracht

Frische Luft tut gut, weiß der Volksmund. Das ist nicht nur bei Menschen so, sondern augenscheinlich auch bei Kühen. Auf dem Biobauernhof Zimmermann im Walterbachweg tummeln sich einige Senioren auf der Weide, die für diese Tierart fast schon ein biblisches Alter erreicht haben. Eine davon ist „Blüte“, die mit ihren elfeinhalb Jahren in voller Pracht steht und ihrem Besitzer Christian Zimmermann in schöner Regelmäßigkeit Preise beschert. Wie jetzt den ersten Bundessiegertitel für eine Fleckviehkuh bei der „Nationalschau für alle Milch- und Zweinutzungsrassen“ in Oldenburg.

Mit zehn Kälbern ist Blüte in einer Liga, in die sonst die wenigsten Tiere kommen. Doch die gute Höhenluft von Beerfelden wirkt Wunder. Hier sind einige Kuh-Senioren zuhause, die sogar schon 14 oder 15 Lenze zählen. Seine älteste Kuh kalbte bereits 13 Mal. „Viel Bewegung, viel auf der Weide, nicht so intensive Fütterung und weniger Milch“: Das ist laut Zimmermann mit ein Grund für die Langlebigkeit. Eine Extrawurst bekommt Blüte nicht: „Die läuft ganz normal in der Herde mit“, betont er.

10.000 Liter Milch im Jahr bei einer „Standard-Kuh“ sind der Schnitt, Blüte liefert „nur“ 7000, erläutert der Landwirt. Er vergleicht es mit einem Auto: „Wenn man das immer mit Vollgas fährt, hält es auch nicht so lange.“ Die Preisträger-Kuh wurde bereits auf dem Zimmermann-Hof geboren. Auf dem Pferdemarkt ist Christian Zimmermann mit seinen Tieren bei der montäglichen Tierschau natürlich immer dabei. Der Termin ist als einheimischer Betrieb „gesetzt“ und eine Art Pflichtveranstaltung.

„Das ist für uns Tradition“, schon Vater und Großvater waren dabei. Dem Landwirt gefällt es, dass noch relativ viele Betriebe vertreten sind und damit ein hohes Niveau verbunden ist. Der Titel ist somit „nicht 08/15“, hebt er hervor. Auch wenn es viel Arbeit im Vorfeld bedeutet. Drei Mal wurde Blüte bereits „Miss Beerfelden“, auch jetzt geht sie wieder um diesen Teil „an den Start“. 14 Kühe von seinen 65 Tieren hat der Bauer dieses Mal angemeldet. Die sind in der Regel auf dem Feld anzutreffen, solange dort Vegetation vorhanden ist: also etwa ab Mitte März bis in den November hinein.

Wenn es passt, geht es für Zimmermann auch zur Landesschau in Alsfeld, manchmal auf den Maimarkt. Mit „Blüte“ hat er die größten Chancen auf Preise, was sich bereits an der dreimaligen Auszeichnung als hessische Landessiegerin zeigt. Vergangenes Jahr kam der Staatsehrenpreis für herausragende Erfolge in der hessischen Rinderzucht hinzu.

Und jetzt quasi das Sahnehäubchen, der Bundessiegestitel. „Ein herausragender, züchterischer Erfolg, der kaum zu toppen ist“, lobt Zuchtleiter Jost Grünhaupt vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Bei diesem Wettbewerb waren Kühe aus allen Fleckvieh-Zuchtregionen Deutschlands vertreten „und alleine die Teilnahme ist schon etwas Besonderes“, stellt er anerkennend fest.

Zunächst gewann die Oberzent-Kuh souverän ihre Altersklasse und ließ dann auch in der folgenden Konkurrenz mit erheblich jüngeren Tieren diese hinter sich. Der Preisrichter aus Österreich vergab dann aus über 30 Tieren den Bundessiegertitel „an diese Ausnahmekuh“, so Grünhaupt. Für Zimmermann kein Wunder: „Blüte sieht für ihr Alter noch ziemlich jugendlich aus“, schmunzelt er.

Vier Hauptmerkmale werden von den Preisrichtern bei Fleckvieh bewertet, erläutert der Landwirt: der sogenannte Rahmen, also Höhe, Breite, Länge, Tiefe, dann die Bemuskelung, das Fundament (Beine, Klauen, Sprunggelenke) und schließlich der Euter. Blütes Vater „wurde mir damals vom Zuchtleiter empfohlen“, erinnert er sich. Ein guter Rat, wie sich zeigt. Aber letztlich ist es trotzdem „Glückssache, was bei einer Kuh rauskommt“. Ein paar Tendenzen lassen sich seinen Worten zufolge allerdings erkennen, „was der Bulle vererben wird“.

Die Vorbereitung für Oldenburg war etwas Besonders. Wo sonst ein Tag vorgesehen ist, war Blüte dieses Mal eine Woche in Alsfeld, wurde ans Futter gewöhnt, betreut, geführt, gewaschen. „Die war ganz schön lange von zuhause weg“, meint Zimmermann.