Alarmstufe Rot bei Veranstaltern und Künstlern

„Kurz gesagt: Katastrophe“ bringt es Achim Tischler vom Hüttenwerk, Inhaber der gleichnamigen Veranstaltungstechnikfirma, in Michelstadt, auf den knackigen Punkt. „Verloren haben wir durch den Corona-bedingten Lockdown seit dem 14. März alles“, sieht er für die Veranstaltungsbranche und mitbetroffenen Künstler noch keinen Silberstreif am Horizont. In seiner Aussage „Am schlimmsten ist es, dass es keinerlei Planungssicherheit gibt“, weiß er sich einig mit Fritz Krings von „Péripherique“.

„Es gibt einen großen Frust, dass wir nicht planen können“, betont Krings. Von Woche zu Woche werde neu entschieden. Deshalb beteiligten sich beide zusammen mit anderen Kulturschaffenden auf dem Michelstädter Rathausplatz auch an der bundesweiten Protestaktion der Branche, „Night of Light“. Tischler ließ das Verwaltungsgebäude eine Stunde lang in Rot erstrahlen, Krings‘ Firma deren „Schwarzen Adler“. Höhepunkt: Die Bengalo-Feuer vor beiden Gebäuden.

„Die Überlebenschancen für unsere Branche sehe ich nicht so rosig“, geht es für Tischler langsam, aber sicher, den Bach runter. Gerettet werden seiner Meinung nach „ganz bestimmt die öffentlichen Kulturstätten“, wie  Staatstheater, Opernhäuser, TV- und Rundfunkanstalten mitsamt ihren Veranstaltungen. „Denen passiert aber sowieso nie etwas.“ Ein öffentliches Opernhaus mit seinem kulturell wertvollen Programm hat es leichter, an Fördertöpfe und Subventionen zu kommen, als eine Livebühne für Populärmusik. „Warum eigentlich?“, stellt er in den Raum.

Alles, was privat betrieben ist, wird wohl für sich selbst sorgen müssen, befürchtet der Hüttenwerk-Macher. Im Rhein-/Main-/Neckar-Raum gibt es seiner Kenntnis nach schon genügend Aussagen von privaten Betrieben, „die nichts Gutes verheißen“, weiß er. Etwa das das Statement der Batschkapp-Betreiber in Frankfurt.

Und die Branche weiß einfach nicht, was Sache ist: Erst hieß es, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August verboten, nun wurde dieser Termin „trotz sinkender oder sogar gar nicht mehr messbarer Zahlen“ auf den 31. Oktober verlängert. „Was kommt dann? Der 31. Dezember? Und dann?“, sieht Tischler kein Ende der Spirale. Die Veranstalter befürchten die Kultur in der Hackordnung an letzter Stelle. Konsum ist weit höher angesiedelt. „Die Verhältnismäßigkeit ist nicht gegeben“, sagt Fritz Krings.

Beide kritisieren heftig die unterschiedliche Messlatte je nach Branche. Freizeitparks oder Schwimmbäder dürfen öffnen, ebenso Einkaufszentren in Weiterstadt oder Viernheim mit den entsprechenden Menschenmassen. Dass Konzerte aber nicht gehen, lässt sie einigermaßen fassungs- und verständnislos zurück. „Offensichtlich kann das Virus unterscheiden“, bringt es Tischler sarkastisch auf den Punkt. Und Krings ergänzt: Wo zu Beginn eine klare Richtung bei der Virus-Bekämpfung war, „wirkt jetzt alles orientierungslos“.

„Weitergehen wird es bei uns schon, irgendwie“, verspricht Achim Tischler. Allerdings sind die bisherigen Wohnzimmer-Konzerte im Hüttenwerk eher Schadensbegrenzung „und haben mit Geld verdienen zumindest kaufmännisch gesehen nicht viel zu tun.“ Es ist knapp, so der Veranstalter, um nicht zu sagen: „Es reicht vorne und hinten nicht.“ Die staatliche Hilfe ist schon längst wieder aufgebraucht. Verbindlichkeiten, auch wenn sie großzügig gestundet werden, „fallen einem am Ende wieder auf die Füße“.

Welches Unternehmen, fragt Tischler rhetorisch, egal aus welcher Branche, „kann es sich durch seine Rücklagen leisten, von April bis Ende des Jahres nicht mehr zu arbeiten oder zu produzieren? Er ist sicher: „Da haut es wahrscheinlich auch der deutschen Politik liebstes Kind, die Autoindustrie, vom Sockel.“

Allerdings blickt er auch nach vorn. Da man mittlerweile Freiluftveranstaltungen bis 250 Personen ohne Sondergenehmigung durchführen darf, „werden wir die ein oder andere Aktion im Hüttenwerk-Hof starten.“ Außerdem gibt es eine Kooperation mit weiteren Odenwälder Kulturschaffenden, die ebenfalls Veranstaltungen im Hof durchführen werden.

Riwwels rocken das Hüttenwerk

Schon bisher war es bei manchen Band-Auftritten im Hüttenwerk Michelstadt nicht einfach, sitzenzubleiben und nicht tanzen zu dürfen. Denn Abstands- und Hygieneregeln lassen dies noch nicht zu. Bei den „Riwwels“ gehörte schon eiserne Disziplin dazu, nicht gleich bei den ersten Tönen aufzuspringen. Die Gute-Laune-Truppe aus dem Odenwald rockte mit ihrem Rockabilly den voll besetzten, sitzenden Saal.

Nach einem halben Jahr spontan ungeprobt wieder auftreten zu dürfen, „war unglaublich befreiend“, erzählt Gitarrist Manuel Jörg. Die Batterien waren schon lange überladen und auch backstage war die Stimmung so gut wie lange nicht mehr. „Hätten wir nicht aufgepasst, hätten wir beinahe vergessen aufzutreten“, grinst er. So viel hatten sich die fünf Musiker zu erzählen.

Zum Stamm-Repertoire der Band gehören Rockabilly-Klassiker wie „Mystery Train“ von Junior Parker, das hauptsächlich durch Elvis bekannt und später von Brian Setzer wieder aufgegriffen wurde. Oder Chuck Berrys „Johnny B. Goode“. Modernen Stücken wie Blondies „Call me“ verleihen die Riwwels außerdem ein eigenes Rockabilly-Gewand in der Version der Hillbilly Moon Explosion. Bei „Feel it still“ von Portugal. The Man brauchen die begnadeten Entertainer nicht unbedingt eine bereits stiltransportierte Vorlage.

Die klasse Stimmung übertrug sich schnell aufs Publikum. „Den Leuten war anzumerken, dass sie sich ebenso wie wir erleichtert fühlten, endlich wieder ein Stück Normalität genießen zu können“, beobachtete Jörg. Die Fans und auch die Gruppe können das Ende der Krise nur schwer abwarten, „nach dem wir unser Leben zurückbekommen und wieder feiern und tanzen dürfen“, sagte er. Das Konzert vermittelte zwei Stunden lang einen Eindruck davon, wie es dann wieder abgehen wird.

Im Odenwald sprießt der Rockabilly. Manuel Jörg ist von Frankfurt nach Hering (Otzberg) gezogen. Seine Kollegen zeigen die ganze Vielfalt des Odenwaldkreises. Dirk Allmann (Kontrabass/Vocals) kommt aus Vielbrunn, Bernd Heimer (Piano/Akkordeon) ist in Breuberg zuhause, Rainer Rapp (Drums) in Sandbach und Sängerin Judith Weimar, die auch Saxophon spielt, nennt den Brombachtaler Ortsteil Birkert ihre Heimat.

Da Dirk Allmann Brian Setzer, Louis Prima und Bill Haley schon als Jugendlicher an der Wand hängen hatte und Rainer Rapp „bereits mit pomadisierter Tolle auf die Welt gekommen ist“, war die Idee naheliegend, Hits der Neuzeit in den Sound der 50er zu transportieren. „Rockabilly reißt mit seinem Groove, seinem Sound und seiner flockigen Leichtigkeit alle Generationen mit“, hat Jörg beobachtet.

Nicht nur für den Gitarristen, auch für den Rest der Truppe hat die Musikrichtung eine ganz besondere Faszination. Denn das Genre bildet den Grundstein für so viele Musikrichtungen, „dass die Bandbreite, die sich daraus ergibt, schier endlos erscheint“. Das Gerüst bildet ein schneller Blues, erläutert Jörg. „Nimmt man in der Hauptstimme ein paar Sexten dazu, landet man im Country-Feeling und dreht man alternativ den Zerrgrad der Gitarre hoch, wird ruckzuck Heavy Metal daraus.“

Dabei sind die Fronten klar verteilt. Bernd Heimer ist der ruhende Pol und Organisator, der die anderen bei den Proben wieder runterholt. Dass die öfters ganz oben sind, kann man sich bei Dirk Allmann gut vorstellen. Der hat Hummeln im Hintern und kugelt sich mit seinem Kontrabass schon mal vor der Bühne. Wie auch Rainer Rapp ist er um einen lockeren Spruch nie verlegen.

Noch nie war es mit Abstand halten so schwer wie an diesem Abend. Manuel Jörg schlängelt sich mit seiner Gitarre zwischen den einzelnen Tischen hindurch. Judith Weimars Saxophon-Arbeit bildet den Farbtupfer in verschiedenen Songs, die dadurch ein ganz anderes Gewand bekommen.  Wenn dann alle zusammen loslegen, gibt es wie bei „Words up“ von Cameo kein Halten mehr. Gitarren- und Piano-Solo, dazu noch ein Singalong – das Stück will kein Ende nehmen.

 

Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung

Bisher flitzte Michaela Tischler seit Wiederaufnahme der Konzerte im Hüttenwerk Michelstadt immer zwischen den Tischen hin und her, um es den Gästen während der akustischen Auftritte von befreundeten Künstlern so angenehm wie möglich zu machen. Jetzt griff die Frontfrau der Hausband „Another Livetime“ und begehrte Gast- und Hochzeitssängerin selbst zum Mikro und zur akustischen Gitarre. „Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung“, lautete ihr Fazit nach dem Abend, bei dem der Heidelberger Michael Quast in die Keyboard-Tasten griff.

Quast alias „Amandus“ stellte ein eigenes Stück aus seiner im Herbst rauskommenden CD vor.  „Heavenly Day“ von Patti Griffin und „Believe“ von Amanda Marshall standen ebenso auf der Setliste wie Jazz-Standards. „Dream a litte Dream“ von Mamas and the Papas, dazu ein paar groovige Stücke und „Golden Eye“ Tina Turner rundeten ein schönes gemischtes Programm von ganz ruhig bis fetzig ab.

„Ich singe wahnsinnig gerne und sehe mich als Unterhalterin“, erzählt die Entertainerin. Wenn die Menschen Freude an ihrem Gesang haben, ihr gerne zuschauen und mitmachen, „dann habe ich einen riesigen Spaß“. Als Kind von Barbra Streisand fasziniert, durfte die heute 47-Jährige durch den frühen Start bei der Coverband „Melibokus“ so viele Sängerinnen interpretieren, „dass ich musikalisch selbst auch eher der Mainstream-Musik zugetan war und bin“.

Bruce Springsteen, die Ärzte, alle großen Stars der 80er/90er Jahre wie Tina Turner, Phil Collins, Whitney Houston, Aerosmith oder Journey haben sie beeinflusst. „Heute bin ich noch ein großer Fan von Alicia Keys“, sagt die Sängerin. Vor allem wegen ihrer Stimme, ihrer Message und ihrer Persönlichkeit. Neuere Musiker berühren sie dagegen kaum. Als sie sich 2004 entschied, hauptberuflich freiberufliche Sängerin zu werden, waren Ina Morgan (vor kurzem im Hüttenwerk) und viele weitere Kolleginnen ein Vorbild und Unterstützung.

Gitarre üben, Mini-Job in der Verpackungsfirma, ihre Hunde und seit Mitte Mai die Organisation und Bewirtung der kleinen Konzerte im Hüttenwerk nennt Michi Tischler als Tätigkeit der vergangenen Monate, als überwiegend Stillstand herrschte. Deshalb freut sie sich umso mehr auf die kommenden Hausbandabende mit Another Livetime. „Unsere Gäste warten natürlich sehnsüchtig auf Bounce“, die Bon-Jovi-Coverband. „Eines unserer Konzerthighlights“, weiß sie.

„Ich darf endlich wieder Geld verdienen“, sagt sich die 47-Jährige über das langsam wieder zurückkehrende Business. Es gibt kleine Aufträge bei Hochzeiten auf dem Standesamt oder kleine Gartenpartys. Die Hüttenwerk-Mini-Konzerte bezeichnet sie schmunzelnd als „Beschäftigungstherapie“. Nicht am Wochenende zu Hause sitzen müssen.  Etwas wunderbar Schönes hat sich ihren Worten zufolge daraus entwickelt: „Ich lerne unsere Stammgäste immer besser kennen und wir erfahren eine ganz herzliche Unterstützung.“

Die kommt nicht nur von den Besuchern, sondern auch von den Musikern. Umgedreht freuen sich die über das besondere Erlebnis im Hüttenwerk, das quasi als einzige Location im weiteren Umkreis überhaupt wieder aufgemacht hat und Konzertchen anbietet. „Das berührt mich sehr“, sagt Tischler. „Alles bleibt im Fluss.“

Denn Michaela Tischler hat Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Gesang ist etwas sehr Persönliches“, betont sie. „Ich würde mich gerne mehr selbst auf der Gitarre begleiten und auch mal einen Sektempfang nur mit Gitarre und Gesang spielen“, verrät sie ihre kommenden musikalischen Ziele.

Ohne Großveranstaltungen kann das Hüttenwerk nicht überleben, betont Michi Tischler. Sowohl Veranstaltungstechnik als auch Locations und Musiker sind von vielen Zuschauern abhängig. „Veranstaltungen müssen bald wieder ohne Abstandsregelungen durchgeführt werden dürfen“, lautet deshalb ihre Forderung. „Ohne echte Hilfen vom Staat und ohne Perspektiven, was wann wieder geht, gibt es die Branche bald nicht mehr“, ist ihre große Befürchtung.

Mehr zu Michaela Tischler unter http://www.michaela-tischler.de

Im Hüttenwerk auf großer Fahrt

„Rumsingen mit Polly“ hieß es schön doppeldeutig beim Auftritt der Brensbacherin Maike Gaul, die jetzt mit Piraten- und Seemannsliedern im Hüttenwerk Michelstadt zu Gast war. Für die Background-Vocals bei Pollys Liedern sorgte Markus Schmitt alias Käpt‘n Jamie McIntyre. Mitgebracht hatte sie ihre Freundin Julia Möller, die einen Teil des Programms mit Gitarre und eingängigen Popsongs bestritt. Die drei sorgten für viel Stimmung im gut besetzten Saal.

„Mittelaltermärkte und Musik wie etwa von der Band Schandmaul fand ich schon lange vor dem Einstieg in mein Hobby gut“, erzählt Maike Gaul. Eine Freundin nahm sie 2007 auf ihre erste Live-Rollenspiel-Veranstaltung (LARP) mit. „Der Mix aus mittelalterlicher Gewandung, Rätsel lösen, Gegner bekämpfen und ohne Technik die Tage zu verbringen, hat mir gleich Spaß gemacht“, erklärt sie. Besonders das mittelalterlich-fantastische Genre hat es ihr angetan.

Auf den LARP-Veranstaltungen, den „Cons“, tritt die Brensbacherin seit etwa fünf Jahren auf – allerdings nicht im klassischen Sinne. Man sitzt zusammen am Lagerfeuer oder in der Taverne und fängt einfach an zu spielen.  Auf offenen Bühnen außerhalb des Hobbys ist sie seit etwa einem Jahr unterwegs. „Es macht mir wahnsinnig Spaß, Leuten meine Geschichten zu erzählen“, erläutert Maike Gaul ihre Faszination an der Sache. Wenn sie es schafft, durch ihre Musik die Stimmung hervorzurufen, „die ich beim Schreiben verspüre, ist das wirklich toll“.

Eine Freibeuterin mimt die 34-Jährige, weil sie von einer Freundin gefragt wurde, ob sie nicht mit ihr als Kapitänin mal einen „Just for fun“-Charakter spielen wollte. „Ich habe einen Musikercharakter gewählt, weil mir zu der Zeit zu viele Balladensänger abends am Feuer saßen“, meint Piratin Polly. Sie wollte einfach mehr Spaß haben. „Also habe ich mir ein Instrument gesucht, das man schnell lernen kann und das gut zu transportieren ist.“

Maike Gaul ist Teil des LARP-Vereins Münzquell mit Sitz in Brensbach (www.münzquell.de). Der fährt mit seinen fast 100 Mitgliedern hauptsächlich auf Veranstaltungen der Firma „Live Adventure“. Dazu zählt auch das größte Live-Rollenspiel Europas, „Conquest of Mythodea“. Der Verein richtet jedoch ebenfalls eigene Veranstaltungen (Tavernen oder Abenteuer-Cons) aus. „Auf Mittelaltermärkte gehen wir auch gerne gemeinsam“, berichtet sie.

Als musikalischen Einfluss bezeichnet sie einen „wilden Mix von LARP-Barden“, die Maike Gaul im Laufe der Zeit kennengelernt hat. Die Ideen für ihre selbst verfassten Songs bezieht sie aus vielen verschiedenen Anlässen. „Das Liebeslied habe ich zum Beispiel für meinen Freund geschrieben“, erläutert sie. Der Feuervogel wiederum „entstand aus einer Situation in unserem Rollenspiel“. Manchmal hat die Brensbacherin auch eine Melodie im Kopf und überlegt, welches Thema dazu passen könnte.

Die Resonanz der Zuschauer ist ganz unterschiedlich, hat sie beobachtet. „Im LARP wissen die Zuhörer sofort, dass ich eine Bardin bin und können meine Musik einordnen“, weiß sie. Auf offenen Bühnen haben die meisten allerdings noch nie was von ihrem Hobby gehört und sind erst mal gefordert, das ganze Konzept zu verstehen. Allerdings ist hier natürlich auch ihre Aufregung etwas größer, da sie nicht weiß, wie ihre Musik ankommt.

Durch die Corona-Pandemie „fällt leider viel von dem aus, was ich vorhatte“, bedauert Maike Gaul.  Deswegen wird es wohl bei Straßenmusik und offenen Bühnen bis zum Ende des Jahres bleiben. Die 34-Jährige spielt aktuell mit dem Gedanken, sich eine Drehleier anzuschaffen. „Dieses Instrument fasziniert mich nun schon lange‘“, erzählt sie.

 

 

Maike Gaul (34) aus Brensbach kam durch ihr musikalisches Elternhaus schon früh mit Musik in Kontakt. Ein paar Jahre sang sie in einem Kinderchor. Mit zwölf begann sie Querflöte zu spielen und war über zehn Jahre aktiv bei den Schützenmusikanten Petersberg. 2015 fing sie an, Ukulele zu spielen. Jetzt stehen auch Bodhran und Cajon bei ihr herum. „Neben der Musik“ übt sie hauptberuflich einen Bürojob aus.

Es wird gerockt als gäbe es kein Morgen

Die kleinen, aber feinen Akustik-Konzerte im Hüttenwerk Michelstadt haben sich herumgesprochen und finden immer mehr Fans. Wenn dann so ein Hochkaräter wie Sängerin Ina Morgan dort mit Tom Stryder auftritt, sind die Plätze an den schön nach Abstandsregeln aufgestellten Tisch praktisch alle besetzt. Stammgäste finden sich zuhauf, aber an diesem Abend auch einige von außerhalb, die die beiden in den Odenwald gezogen hatten.

Zwei Stimmen, zwei Gitarren: Mehr braucht es nicht, um bekannte Rocksongs fetzig ungewöhnlich zu interpretieren. Immer abwechselnd gibt’s mal männlichen, mal weiblichen Leadgesang. Dass die Chemie stimmt, wird gleich zu Beginn deutlich. Das Duo Morgan/Stryder albert kräftig herum, ein paar Spitzen zum Gegenüber inklusive.

Für beide ist es der erste Live-Auftritt nach der coronabedingten Pause. „Es fühlt sich ganz komisch an, dass es so lange kein Veranstaltungen gab“, erklärt Stryder. Was dazu führt, „dass wir nach drei Monaten ohne Auftritt nervös sind“, übt er sich in Understatement. Was aber natürlich unnötig ist, denn man ist ja quasi „unter sich“. Und so löst sich die Spannung, sollte es eine gegeben haben, schnell wieder.

Die große Spielfreude, gepaart mit dem musikalischen Können, tut ein Übriges, dass gleich beim ersten Lied super Stimmung herrscht, die Gäste gern mitgehen, mitklatschen und ab und zu auch mal mitsingen. Der Mann aus Nidda beherrscht nicht nur seine Gitarre, sondern hat auch eine voluminöse Reibeisenstimme, mit der er Songs seinen Stempel aufdrückt. „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd, „One Horse Town“ von Blackberry Smoke oder „Whiskey in the Jar“ bringt Stryer damit klingend unters Volk.

Über Ina Morgan muss man im Hüttenwerk keine großen Worte mehr verlieren. Sie war dort schon des Öfteren bei der Hausband „Another Livetime“ zu Gast und ist als außergewöhnliche Rockröhre bekannt. Chefin Michi Tischler bezeichnet sie sogar als ihr Vorbild, hauptberuflich Sängerin geworden zu sein. Kein Wunder, wenn man Morgans Werdegang betrachtet.

Vergangenes Jahr war sie als Backgroundsängerin mit Tobias Sammets Avantasia in den ganz großen deutschen Hallen auf Tour, Ende des Monats unterstützt sie Avantasia-Gitarrist Oliver Hartmann bei dessen CD-Release-Stream in Aschaffenburg. Ihre musikalischen Sporen verdiente sie sich 1988/89 – damals noch als Ina Morgenweck – mit der Ostrockband „Charlie“.

Nach der Wiedervereinigung wurde sie 1990 als Solosängerin für Udo Lindenbergs „Bunte Republik Deutschland“ Tour gebucht. 1991 arbeitete sie für ihre erste eigene CD „Alles Easy“ mit Tony Carey zusammen. Auch mit Anne Haigis, Chris Norman, Luther Allison und Joana Connor war sie auf Tour. Da ist ein kleiner Saal wie das Hüttenwerk für sie fast wie „Back to the roots“, ganz zurück zu den Anfängen. Was auch Stryder betont, der wieder die Verbindung zwischen Fans und Künstlern spürt, wo „vor Corona“ alles manchmal „nur noch“ ein Job war.

Die starken Frauenstimmen sind Ina Morgans Ding. „Jolene“ von Dolly Parton, „Love is free“ von Sheryl Crow oder auch „Empty Heart“ von Grace Potter verleiht sie mit viel Power und Substanz Ausdruck. „Sweet Child O’Mine“ bekommt eine ganze andere Note, wenn nicht Axl Rose sein Krächz-Organ ertönen lässt. Einziges Haar in der Suppe: Morgans Blick geht zu oft runter zur Gitarre, um die Riffs richtig zu greifen. Das lässt die Stimme zwischendurch etwas schwanken.

Doch dadurch lassen sich die Besucher nicht ihre Begeisterung trüben. Melissa Etheridges „Like the way I do“, Journeys „Don’t stop believing“ und schließlich „Angels“ von Robbie Williams als „Rausschmeißer“ bewirken das Gegenteil: Die Fans wollen mehr. Bekommen Sie auch. Ein Paradestück von Ina Morgan ist Janis Joplins „Me and Bobby McGee“, bei dem sie noch einmal richtig aus sich herausgeht. Große Gaudi dann ganz am Ende, als Michi Tischler mit ans Mikro kommt und alle drei „Shallow“ von Lady Gaga darbieten.

Folk-Klänge über Odenwald-Hügeln

Draußen trauriges irisches Wetter, drinnen fetzige irische Musik: Die Irish-Folk-Band „Heebie-Jeebies“ brachte das Hüttenwerk zum Mitklatschen, Mitsingen und sogar – im Rahmen des Erlaubten – Mittanzen. Die Band aus Oberzent und Überwald zog viele Gäste an die penibel nach Abstandsregeln aufgestellten Tische im Veranstaltungsaal. Balladen, Reels, Tänze, Jigs, Pubsongs, untermalt von vielen Irland-Fotos, holten ein paar Stunden Urlaubsträume in die Location.

Für Martin Müller, Michael Pascuzzi, Franz Lechner und Tina Czemmel-Zink war es der erste Auftritt, seitdem ihnen im März wegen Corona alles abgesagt worden war. „Da wir gerne für Publikum spielen, finden wir das mega-schade“, meint Czemmel-Zink. Zum Glück, sagt sie, machen die vier ihre Musik nicht hauptberuflich und sind deshalb nicht auf die Einnahmen daraus angewiesen. „Unser Verlust ist die Leidenschaft, die flöten geht“, ist es eher ein ideeller Faktor. Umso mehr freuten sich die vier auf den Neustart.

In die Gruppe haben ihre Mitglieder die Instrumente eingebracht, die sich schon lange vorher spielten. Beim Kortelshütter Mike Müller sind es die Gitarren, beim Rothenberger Michael Pascuzzi die diversen Schlaginstrumente. Beide machten bereits früher Mittelalter-Musik bei den Hirschhorner Rittern. „Wir haben zu dritt angefangen“, so Tina Czemmel-Zink, „und dann gemerkt, dass uns eine Geige fehlt“, ergänzt Müller.

Mit dem Hinterbacher Franz Lechner wurde diese Lücke gefüllt. „Er ist der einzige der uns, der Noten lesen kann“, hebt Pascuzzi lachend die „Vorteile“ des Geigers hervor. Seine folkloristischen Wurzeln in der „Egerländer Familienmusik Hess“ sind für die Band „ein wahrer Gewinn“, freut sich Müller. Gitarren, Mundharmonika, Bodhran, Cajon, Tambourin, Shake-Ei und Geige sind die Instrumente, mit denen die „Heebie-Jeebies“ die Lieder begleiten und untermalen.

Im Hüttenwerk spielt die Band die irischen Klassiker hoch und runter. Ein Mehrstunden-Programm, gespickt mit 40 Stücken, erwartet die Gäste. Klassiker wie „Whisky in the Jar“, „Drunken Sailor“ oder „Galway Girl“ sind ebenso dabei wie „Ye Jacobites by name“ oder das typische „Molly Malone“. Pascuzzi wie auch Müller mögen die fetzigen Reels und Jigs mit der Geige, „bei denen man kräftig Gas geben kann“.

Für Tina Czemmel-Zink darf’s gerne auch mal die eine oder andere Ballade sein. Das merkt man bei „Danny Boy“ mit gezupfter Gitarre und ihrer Stimme. Später setzt dann noch die melancholische Geige ein. Dass die Iren auch jedem Schicksalsschlag noch etwas Positives abgewinnen können, merkt am an dem direkt folgenden Instrumental.

Pub und Kirche prägten die irische Geschichte, viele der Auseinandersetzungen in der Vergangenheit hatten kirchliche, religiöse Hintergründe. Das hat sich bis in die Neuzeit nicht geändert, Beispiel Nordirlandkonflikt. Die Iren suchten in der Musik einen Ausgleich für ihr hartes Leben, für ihre zahlreichen Konflikte, für die bittere Not nach Missernten, Kartoffelfäule, Pest, Not oder Auswanderung als letztes Mittel um zu überleben.

„Ye Jacobites by name“ gründet auf der Schlacht von Culloden 1746 zwischen englischen Regierungstruppen und aufständischen, katholischen Jakobiten. Sehr melodische Elemente wechseln sich ab mit den laut vorgetragenen Kriegsgedanken oder der Kriegstrommel. Die martialischen Einflüsse sind unüberhörbar, verdeutlichen sie doch auch, dass durch die Schlacht Schottland ein für alle Mal seine Unabhängigkeit verlor. Gleichzeitig wird das brutale Vorgehen der Engländer thematisiert.

Ein Song beschäftigt sich mit Connemara, der rauen Schwester der lieblichen Kerry-Halbinsel. Karg ist die Landschaft, hart das Leben, außer Schafen gibt es kilometerweit keine anderen Lebewesen. Die „Hills of Connemara“ sind ein typischer Mitklatsch-Song sind. Manche Besucher hält es schon im ersten Set kaum mehr auf ihren Plätzen, wenn musikalisch so richtig die Post abgeht. Das setzt sich im Verlauf des Abends fort, wenn die fröhliche irische Stimmung Wellen schlägt.

 

Info: http://www.heebie-jeebies.de

 

Eutersee wird rege frequentiert

In ganz Hessen sind Freibäder und Badeseen noch geschlossen. In ganz Hessen? Nein, in einem kleinen Odenwald-Dorf gehen die Uhren etwas anders. Der Eutersee bei Schöllenbach ist frei zugänglich „und wird auch gut frequentiert“, hat Hessenecks Ortsvorsteher Martin Pollak festgestellt. Der ist allerdings offiziell auch kein Badesee. Damit einher geht ein höheres Müllaufkommen, was in der Ortsbeiratssitzung angesprochen wurde.

Die Besucher aus dem Mosbacher, Miltenberger und sogar Heidelberger Raum sorgen jedoch auch dafür, dass man sich im Dorf eine häufigere Kontrolle durchs städtische Ordnungsamt wünscht, ob die coronabedingten Abstandsregeln eingehalten werden. Dazu kommt: „Eigentlich darf man nicht baden“, schildert Pollak, dass dies manchmal ein frommer Wunsch bleibt.

Um es den Gästen aber nicht immer wieder mündlich einbläuen zu müssen, wünscht sich der Ortsbeirat, die einschlägigen Hinweisschilder auf den neusten Stand zu bringen. Außerdem sollten sie, so Pollak, auf Oberzent umgewidmet zu werden, wo jetzt noch die frühere Gemeinde Hesseneck darauf zu lesen ist.

Vor ein paar Monaten wurde der Eutersee am nördlichen Zufluss im Auftrag der Stadt ausgebaggert. Die Genehmigung hierfür hatte im vergangenen Jahr längere Zeit auf sich warten lassen, weil mehrere Behörden beteiligt waren. Mit den Arbeiten wollte man eine zunehmende Verlandung verhindern. Das Material soll an anderer Stelle verwendet werden, um dort eine Art Badeinsel entstehen zu lassen.

Das Hochwasser vor über zwei Jahren hatte einige Zerstörung hinterlassen, die wieder in Ordnung gebracht werden musste. Denn sonst wäre der See an bestimmten Stellen „zugespült worden“. In diesem Zuge wurde jetzt auch die Fischtreppe repariert. Die Vorarbeiten leisteten die Helfer der IKEK-Gruppe bereits im vorvergangenen Jahr, als sie dort die wild gewucherten Sträucher entfernten.

Finkenbach-Festival ist auf 2021 verschoben

Lange, ganz lange warteten die Macher des Finkenbach-Festivals, ob sich die wegen der Corona-Pandemie verhängten Auflagen noch lockern würden. Doch zwei Monate vor Veranstaltungstermin musste der ausrichtende FCF jetzt die Reißleine ziehen und das Traditionsevent am zweiten August-Wochenende absagen. Ein Trost für alle Fans: Es wird exakt mit der gleichen musikalischen Besetzung um ein Jahr auf 2021 verschoben. Die Karten behalten ihre Gültigkeit.

„Wir bedauern das sehr“, teilt der zweite Vorsitzende Armin Löffler mit. „Aber uns blieb keine andere Wahl.“ Man habe außerdem Gästen und Helfen Planungssicherheit geben wollen. Die Hoffnung auf weitere Lockerungen erfüllte sich letztendlich nicht so schnell wie es nötig gewesen wäre. Abstands- und Hygieneregeln, wie sie aktuell für Veranstaltungen in Hessen gelten, „können wir nicht erfüllen“, bedauert Löffler.

Im Jahr 1 nach dem Neustart unter Regie des Fußballclubs hatten die Macher ein besonders attraktives und umfangreiches Programm zusammengestellt. Zwölf Bands statt bisher zehn in den Vorjahren sollten an zwei Tagen den Fans im idyllischen Tal beim „Woodstock des Odenwalds“ einheizen. Gebucht wurden sie von Bernd Magin.

Ein Name steht dabei für Krautrock pur: „Kraan“. Die alten Recken, schon mehrfach aufgetreten, hätten auch wieder ihre Instrumente erklingen lassen. „Arthur Kay & The Clerks“ oder „Thorbjørn Risager & The Black Tornado“ sind ähnliche klangvolle Namen, auf deren Auftritt die Festival-Besucher nun ein Jahr länger warten müssen. „Riddim Posse“ und der letztjährige Kracher „Alex Auer & The Detroit Blackbirds“ halten die lokale Fahne hoch.

Neu dabei (wären gewesen und jetzt in 2021): „Leadbelly Calls“, die Band von Timo Gross und Adax Dörsam (der greift auch bei Alex Auer als Gast in die Saiten). Die beiden veröffentlichen dieses Jahr ihr Album in Reminiszenz an den legendären Bluesmann Huddie Ledbetter aus Louisiana, besser bekannt als „Leadbelly“.

Sechs weitere Bands trommelte Magin für das Wochenende zusammen, die 2021 im 450-Seelen-Dorf zwei Tage lang für ausgelassene Stimmung und einen Hauch von Odenwald-Woodstock sorgen werden. Darunter auch die „Grandsheiks“ mit ihren Frank-Zappa-Covers. Sie werden seit vielen Jahren für ihre Virtuosität und musikalische Vielseitigkeit gelobt.

Im Vorfeld der Absage liefen bereits Gespräche mit den teilnehmen Gruppen. Die Bands „kennen das leider schon“, weist Löffler auf die vielen Stornierungen von Musikveranstaltungen hin. Sie sagten durch die Bank weg fürs kommende Jahr zu, wenn dann ebenfalls am zweiten August-Wochenende das Finkenbach-Festival 2.0 stattfindet. 1977 ins Leben gerufen, gab es in den bisherigen 43 Jahren bereits zwei Mal Unterbrechungen, sodass die jetzige Veranstaltung erst die 38. gewesen wäre.

„Die Entscheidung fiel uns im Vorstand nicht leicht“, erläutert Löffler. Doch sie musste diese Woche getroffen werden. „Wir konnten leider nicht anders.“ Für den Verein bedeutet die Absage einen herben wirtschaftlichen Verlust, denn das Festival war die Haupteinnahmequelle übers Jahr hinweg. „Wir müssen jetzt sehen, wie wir über die Runden kommen“, erklärt der zweite Vorsitzende. Sollten ab September Lockerungen kommen, kann es sich der FC gut vorstellen, „spontan was Kleines zu veranstalten“. Auch mit Musik, aber eben nicht in diesen Dimensionen wie das Festival.

Gerade als der FC im März so richtig in die Bewerbung gehen wollte, schlug Corona zu. Danach lag erst einmal alles auf Eis. Orga-Pläne, wer was macht, lagen schon in der Schublade – und müssen dort nun ein Jahr bleiben. Da der Verein aufgrund der vielen Veranstaltungsjahre sehr routiniert in der Ausrichtung ist, hätte man auch noch zwei Monate vorher in die Vollen gehen können. Aber es sollte nicht sein.

„Wir haben nur aus Zwang gehandelt“, macht Löffler klar, dass eigentlich keiner darauf verzichten wollte. Denn nun ist das August-Wochenende leer. Was er dann macht? „Ich werde auf dem Balkon sitzen, runterschauen und bedauern, dass nichts stattfindet“, meint der Mit-Organisator.

Info: Die für dieses Jahr gekauften Tickets sind auch in 2021 gültig. Der FC bittet Besucher, sie zu behalten und kommendes Jahr wiederzukommen. Ist das nicht möglich, kann eine Rückgabe an der jeweiligen Vorverkaufsstelle erfolgen. Mehr unter http://www.finkenbach24.de

Dem Bier bei der Entstehung zuschauen

Eigentlich wollte Uwe Meixner mit dem Biergarten an der Schmucker-Brauereigaststätte Ober-Mossau noch nicht dieses Jahr starten. Dann kam Corona und er hatte während der Schließung viel Zeit. Die er sinnvoll nutzte und im Nachklapp sagen kann: „Ich habe alles richtig gemacht“. Denn während der Innenraum durch die bis vor kurzem geltende Fünf-Quadratmeter-Beschränkung (nur ein Gast pro dieser Fläche) schlecht nutzbar war, brummte es draußen, weil dort sehr viel Platz zur Verfügung steht.

Vor mehr als einem Jahr übernahm der gelernte Koch Meixner die Gaststätte. Obwohl er aus Hassenroth stammt und in Michelstadt seine Lehre machte, was es seine Frau Leah, die den Ausschlag dafür gab. Die kommt aus Australien – dem Land, wo die Meixners seit 20 Jahren lebten. Aber sie hatte sich bei einem Besuch in den Odenwald verliebt und zog die Familie, zu der noch die Kinder Elisabeth und Felix gehören, mit.

Der neue Biergarten „Am Sudhaus“ bekommt von Gästen begeisterte Rückmeldungen, hat Meixner beobachtet. Er liegt zwischen dem alten Gasthof, der die Brauerei seit 1780 im Keller hatte, und dem verglasten Sudhaus. Durch dessen große Fenster lässt sich ein tiefer Blick in die Brauerei erhaschen. Dazu kommt noch das weitläufige Gelände, auf dem sich keiner auf die Füße tritt.

„Die Gäste haben sich sehr verantwortungsvoll verhalten“, freut sich der 55-Jährige. Damit war es kein Problem, die Verordnungen einzuhalten – was bisher in Innenräumen praktisch nicht umsetzbar war, wenn sich das Geschäft lohne sollte. Deshalb blieben diese erst einmal zu.

„Die Besucher hatten Spaß und uns hat es auch Freude gemacht“, bilanziert Meixner die ersten Wiederöffnungstage. Bei schönem Wetter kommen schon um die 500 bis 600 Gäste über den Tag verteilt vorbei. Er hat draußen 500 Quadratmeter Fläche zur Verfügung, womit bisher 76 Plätze bei einer Zweierbelegung der Tische machbar waren. Unter Einhaltung der Verordnungen konnten es aber auch mehr sein.

„Ich hatte Muffe vor der Eröffnung“, gibt der frühere Australier seine Nervosität zu. Umso erleichterter war er, dass alles reibungslos ablief. Waren die ersten Biergarten-Besucher noch verhalten, so stellte sich nach einiger Zeit die Erleichterung ein, „dass die Menschen wieder rauskonnten“.

Die Meixners setzen aufs Urige. Den halben Liter Schmucker gibt’s zu vernünftigen Preisen, dazu aktuell Steaks und Bratwürstchen vom Schwenkgrill sowie Pommes und Eiscreme. Langfristig soll natürlich das Speisenangebot größer werden. „Ich koche wie vor 40 Jahren“, setzt der Küchenchef aufs Rustikale. Fertigprodukte kommen bei ihm nicht in die Tüte: Er setzt unter anderem auf selbst gemachte Soßen ohne Geschmacksverstärker.

Parallel zum gut frequentierten Biergarten zieht langsam auch das Hotel-Geschäft wieder an. Das war im vergangenen Jahr die Bank für die Wirtsleute und half ihnen, die beiden geschlossenen Monate durchzustehen. Vor Corona war das „Braumeister-Wochenende“ der Renner bei den Übernachtungsgästen. Der 55-Jährige freut sich, nach seiner Übernahme „den Laden wieder zum Laufen“ gebracht zu haben. Inzwischen sind sechs Angestellte für ihn tätig.

Für den Herbst, erläutert Meixner, plant er einen Biker-Gottesdienst, der in Zukunft zweimal jährlich stattfinden soll. Die Motorad-Klientel zwischen 40 und 70 „sind sehr angenehme Gäste“, hebt er hervor. „Das ist unter anderen unsere Zielgruppe, nicht die mit ausgebauten Schalldämpfern“, betont er. Der Sudhaus-Biergarten soll seinen Worten nach ein Treff für Ausflügler, Wanderer, Mountainbike-Fahrer „und Leute, die gerne Schmucker-Bier trinken, werden“, schmunzelt er.

Er weiß aber auch um die Befindlichkeiten der Mossautaler in Sachen Motorradlärm. Deshalb steht ein Infostand mit der Polizei auf seiner Wunschliste, eventuell abgerundet durch eine Geräuschmessung. In der Zwischenzeit wollen die Meixners den Biergarten weiter ausbauen und dort auch mehr Speisen ähnlich wie in der Gaststätte anbieten.

Info: Aktionen und Angebote auf http://www.brauereigasthof-schmucker.de

Wenn Dr. Soul Mr. Blues musikalisch verarztet

„Mr. Blues und Dr. Soul“: eine hervorragende Kombi für einen Gute-Laune-Abend im Hüttenwerk Michelstadt. Das liegt nicht nur an der Musikauswahl des Akustik-Duos, sondern auch an den gegenseitigen Neckereien und schnoddrigen Bemerkungen. Dass Klaus Wilka und Marco Born damit viele Fans erreichen, zeigt sich an den vielen besetzten Stühlen – beide ziehen bisher die meisten Gäste, seit das Hüttenwerk „nach Corona“ wieder öffnen darf.

Den beiden „Ourewällern“ geht es wie anderen Bands auch: Seit Ende Februar war Stillstand. „Wir haben uns nicht mehr gesehen und auch nicht geprobt“, grinst der Hetzbacher Wilka. Aber das ist bei einem Duo mit einer solchen Routine auch nicht nötig. Zwei akustische Gitarren, zwei Stimmen: Die sympathischen Musiker ergänzen sich bestens. Marco Borns Gesang steht im Vordergrund, während es bei den sechs Saiten die filigrane Arbeit von Wilka ist.

„Es ist seltsam, das Hüttenwerk bei Tageslicht zu sehen“, meint der Gitarrist mit Blick nach oben – eigentlich starten die Konzerte immer erst, wenn es dämmert oder bereits dunkel ist. „It never rains in California“ ist zum Glück nur der Songtitel und nicht aufs Wetter gemünzt. Wilka und Born albern sich weiter kräftig durchs Programm („jetzt kommt der Country- und Western-Teil“), um zwischendurch viele musikalische Perlen einzustreuen.

Etwa „Wish you were here“ von Pink Floyd, „Johnny be good“ von Chuck Berry oder „The Passenger“ von Iggy Pop. Auf die Tanzfläche darf zwar keiner, aber die Fußzuckungen und klopfenden Finger auf den Tischen machen deutlich, dass es so manchem Zuschauer schwer fiel, bei den eingängigen Songs ruhig auf dem Platz sitzen zu bleiben.

Bei „Sympathy for the devil“ von den Rolling Stones darf das Publikum dann so aktiv werden, wie es die Abstandsregeln zulassen, und den Rhythmus auf den Tischen mittrommeln. „I’m on Fire“ von Bruce Springsteen war ein ebensolcher Kracher. Sängerin Michi Tischler, die vorher durch die Reihen geflitzt war, um die Gäste mit Getränken und Snacks zu versorgen, hatte ebenfalls wieder ihren Auftritt: Mit ihr wurde „Like the way I do“ von Melissa Etheridge gespielt. Das Publikum war von der Rockröhre begeistert.

Natürlich wollte an einem solchen Abend keiner früh gehen, weshalb sich die Besucher noch Zugaben erklatschten. Nach dem Klassiker „Hey Jude“ von den Beatles folgte Eric Claptons „I shot the sheriff“ in einer „Special extended Soul-/Blues-Version“. Klaus Wilka, der schon zuvor auf der Gitarre gezaubert hatte, zeigte hier noch einmal so richtig, was er draufhat. „Gefühlte 100 Töne in einem Takt“, lacht er.

Beide Odenwälder waren in früheren Zeiten Mitglieder des legendären „Beerfelden Blues Brojects“: der Rai-Breitenbacher Marco Born als Sänger, Klaus Wilka als Gitarrist. Nach dessen Auflösung vor etwa 18 Jahren trat Born eine Zeitlang in kleinen Kneipen solo mit Akustikgitarre auf. „Irgendwann haben wir uns mal getroffen, gemeinsam gejammt und gemerkt, dass das gut funktioniert“, erinnert sich Wilka. Der spielt außerdem noch Leadgitarre bei der Odenwälder Hardrock-Band „Fools Crossing“, sein Kompagnon betreibt in Fränkisch-Crumbach die Musikschule „Born to Play Music“.

Der Schwerpunkt der Songauswahl liegt klar in den 60er und 70er Jahren. Aber wenn es passt und den jedem gefällt, kommen natürlich auch „jüngere“ Lieder ins Programm. Aus den 80ern, schmunzelt Wilka. Seine Leidenschaft gehört deshalb ganz klar den Gitarren. Er ist eigentlich ein „Strom-Gitarrist“, der sich seine ersten Sporen in einer Oberzent-Schulband verdiente. Für „Dr. Soul & Mr. Blues“ greift er zur akustischen, die er auch mit dem Bottleneck im Stile des Delta-Blues spielt.

Marco Borns gefühlvolle, tiefe Bluesstimme sticht gerade bei den eher ruhigen Stücken wie „Wish You were here“ hervor und ist prägend für den Sound. Als ausgebildeter Sänger ist er in der Lage, vielseitig zu agieren, aber trotzdem immer eigenständig zu klingen. So werden die Lieder mit viel Leidenschaft zelebriert und kommen sehr authentisch rüber.

 

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Autarkie-Rechnung ohne die Behörden

Eigentlich war es als Autark-Projekt im Unter-Sensbacher Alten Weg gedacht. Doch dann machten die Initiatoren Bekanntschaft mit der restlichen Welt, die nicht einfach draußen bleiben wollte. Den Eigentümern rückten die versammelten Behörden auf die Pelle, da es verschiedene, nicht genehmigte Veränderungen auf dem Gelände gab. „Projekt Sensbachtal“ nennt sich das Vorhaben unter dem Dach des Vereins „Neuland-Siedler“.

Die angedachte und angegangene Umsetzung der Autarkie im Odenwald rief vor einiger Zeit den Sensbachtaler Ortsbeirat auf den Plan. „Wir haben dort die illegalen Erdbewegungen und Bauten bemängelt“, erläutert Ortsvorsteher Tobias Kuhlmann. Hessen-Forst, Stadt Oberzent und Landratsamt kamen so ebenfalls mit ins Boot.

Es ging in erster Linie um Geländeveränderungen im Außenbereich wie die Herstellung der Grundstückszufahrt, den Bau von Stellplatzflächen oder zwei abgestellte Wohnwagen auf der Fläche, schildert er die Situation. Die Bewohner bekamen nach Prüfung der Situation vor Ort durch die zuständigen Ämter seiner Kenntnis zufolge „drastische Auflagen“. Ein Rückbau wurde angeordnet und inzwischen durchgeführt.

Auf der Vereinswebseite ist über das Projekt im früheren Sensbachtal zu erfahren, dass der jetzige Eigentümer das Grundstück vor einigen Jahren kaufte. 4000 Quadratmeter, teilweise bewaldet, sowie mehrere Nebengebäude stehen neben dem Haupthaus zur Verfügung. „Das Grundstück verfügt über eine starke Hanglage, welche aber nach und nach mit Terrassen versehen werden soll“, heißt es weiter.

Außerdem soll der Beschreibung nach das gesamte Grundstück mithilfe von permakulturellen Prinzipien/Methoden beackert werden, wodurch man die vergleichsweise wenigen, durch die Tallage bedingten Sonnenstunden möglichst gut ausgleichen will. Denn im Winter verschwindet die Sonne zwischen 15 und 16 Uhr hinter den Bäumen, lässt sich der Beschreibung auf der Webseite entnehmen. Es besteht der Erläuterung zufolge zudem die Möglichkeit, in der direkten Umgebung viel landwirtschaftlich nutzbare Fläche dazu zu pachten.

Gegenüber des Grundstücks verläuft der Sensbach, direkt angrenzend gibt es große Wälder, heißt es weiter. Das Gelände befindet sich an einer Anliegerstraße mit nur sehr wenig Durchgangsverkehr „und mit nur einem Nachbarn im Abstand von 100 Metern“. Es ist sehr ruhig gelegen. Wichtig für die Initiatoren: „Durch die Tallage ist der Mobilfunk stark eingeschränkt/nicht vorhanden“. Es gibt kein mobiles Internet wie UMTS (3G) oder das geplante 5G, womit das Sensbachtal „eine der wenigen komplett strahlungsfreien Zonen in Deutschland“ ist, freuen sich die Projektierer.

 

Das andere Zeugs mit dem besonderen Zauber

„Some other Stuff“, etwas anderes Zeugs, trifft es ganz gut, was die gleichnamige fünfköpfige Band an diesem Abend im Michelstädter Hüttenwerk bietet. Akustisch bearbeitet, dazu noch interessant arrangiert und ungewöhnlich instrumentalisiert: Das Quintett aus dem Darmstadt-Dieburger Raum braucht nicht lange, um das begeisterungsfähige Publikum trotz der sterilen „Corona-Atmosphäre“ mit weit auseinander stehenden Tischen mitzureißen.

Die Pop- und Rock-Songs der etwas anderen Art leben von der Interpretation durch Sängerin Isabell Dupke. Die hat eine klasse, voluminöse Stimme, die man ihrem zierlichen Körper gar nicht zutraut. „Si jamais j’oublie“ von ZAZ oder „Rolling in the Deep“ von Adele: An die Stücke muss man sich erst einmal herantrauen. Mit zunehmendem Set wird Dupke selbstsicherer, haucht Michael Jacksons „Man in the Mirror“ in seiner akustischen Interpretation mit Akkordeon eine große Intensität ein.

Den fünf Musikern ist die Freude anzumerken, endlich wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Denn für sie, erläutert die Sängerin, war die Pause noch länger als für andere. Die Winterpause war etwas ausgedehnter geplant und sollte im März enden – genau dann, als wegen Corona alles abgesagt wurde. „Es ist jetzt sechs Monate her, dass wir das letzte Mal auf der Bühne standen“, verdeutlicht sie den langen unfreiwilligen Aussetzer.

Den haben auch die Gäste hinter sich, die am Wochenende zuvor erstmals wieder ins Hüttenwerk durften. War der Zuspruch bei der Premiere „nach Corona“ noch verhalten, so trauten sich neben denen, die immer da sind, dieses Mal ein paar mehr in den Saal, sodass sich die Tische – streng nach Abstandsregeln aufgestellt – sehr gut besetzt präsentierten. Vorn auf der kleinen Bühne taten die Musiker auch ihr Bestes, sich nicht allzu nahe zu kommen.

Die Atmosphäre ist sichtlich gelöster als ein paar Tage zuvor, als der Neustart noch einige Unsicherheiten in sich barg, manche sich noch nicht trauten. Jetzt ist im Hüttenwerk deutlich die zurückgekehrte Lebensfreude zu spüren. Musiker und Besucher sind dankbar dafür, dass die Eventlocation als eine der wenigen überhaupt solche Veranstaltungen in kleinem Rahmen ermöglicht – der große Saal macht‘s möglich, den geforderten Abstand einzuhalten und trotzdem knapp 70 Besucher unterzubringen.

Bernd Höhner am Akkordeon ist an diesem Abend eine hörbare Bereicherung des Standard-Vierers. Seine Einsätze und Soli bringen Pfiff in bekannte Songs. Die bekommen durch Kim Remspecher an der Cajon einen ganz anderen Anstrich, als wenn hinten ein fettes Schlagzeug stehen würde. Frank Schäfer, der neben Remspecher die Background-Vocals beisteuert, hat mit seinem runtergezogenen Mundschutz etwas vom Chirurgen mit akustischer Gitarre.

Fünfter im Bunde ist Bassist Oliver Hess, der ohne Bart fast als Charlie Sheen durchgehen könnte. Seine Fingerfertigkeit auf dem Fünfsaiter ist ein ums andere Mal gut rauszuhören. Gerade beim „Man in the Mirror“ belebt sein funkiges Spiel das Stück deutlich. Isabel Dupke steht aber klar im Mittelpunkt des Geschehens. Die verlängerte Winterpause nutzte die Band, um sich einige neue Songs draufzuschaffen. Einer davon: der von ZAZ. „Sieben Jahre Französisch haben sich gelohnt“, scherzt sie.

Die mal gefühlvollen, mal intensiven, dann wieder fetzigen Interpretationen sorgen dafür, dass „Some other Stuff“ viel Beifall einheimst. Rhythmisches Mitklatschen wie etwa beim „Englishman in New York“ muss nicht extra eingefordert werden. Ein paar Lieder gibt’s auch auf Deutsch, so die „Welt hinter Glas“ von Max Mutzke oder den „Lieblingsmensch“ von Namika. „Need you now“ von Lady Antebellum ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie der akustische Faktor greift und ein ganz neues Gewand schafft. Nach der Pause geht’s ähnlich ungewöhnlich weiter. Es sind die verstreckten Perlen abseits der Charts, denen sich die Band angenommen hat und die akustisch ihren Zauber entfalten

 

Endlich spielt wieder die Live-Musik

Die Spielfreude ist den Musikern in jeder Minute anzumerken. Endlich wieder live auf der Bühne stehen: Das ist nicht nur für Bobby Stöcker, Jürgen „Lucki“ Lucas und Christiane Weber das Salz in der Suppe ihres künstlerischen Wirkens. Im Hüttenwerk Michelstadt durfte das Trio nach über zwei Monaten „Lockdown“ aufs Neue losrocken. Wie das in Perfektion geht, zeigte ein „Special Guest“: Heiner Albus aus Groß-Umstadt, der mit seiner Blues Harp einigen Songs einen gnadenlos fetzigen Anstrich verlieh.

Bobby Stöcker gehört durch seine vielen Auftritte eigentlich fast schon zum Hüttenwerk-Inventar. Er ist ein musikalischer Tausendsassa, der unter anderem in verschiedenen Tribute-Bands aktiv ist. „The Adams Family“, „Coversnake“ oder die Kiss-Wiederauferstehung gehören dazu. Mit dem Trio „BoBbastic“ rockt er die Republik powervoll in Form von bekannten Coversongs, mit „Spirit of Soul“ feiert er in Frankfurt regelmäßig große Soul- und Black Music-Erfolge.

Natürlich keine Frage, dass er den Songs mit seinem Gitarrenspiel seinen Stempel aufdrückt. Das zeigt sich selbst bei einem Popsong wie „Time after Time“ von Cindy Lauper, von „Miss Christine“ interpretiert. Die teilt sich den Leadgesang mit Stöcker, während beide den jeweils anderen im Background begleiten. Das macht aus einem Trio gleich eine größere Band.

„Lucki“ Lucas ist sowieso ein ständiger Wegbegleiter von Bobby Stöcker, unter anderem bei „BoBbastic“ oder „Coversnake“. Die beiden brauchen keine Proben, damit es passt. Die gab es nämlich auch gar nicht, wie der schmunzelnd meint. Die den Takt haltenden Hintergrund-Töne von Lucas, der immer auch ein paar lockere Sprüche einstreut, zeigen: „Bobby & Friends“ haben viel Spaß und machen gute Laune.

So richtig die Post geht ab, wenn „der Heiner“ mit seinem großen Sortiment an Mundharmonikas die Bühne entert. Für jedes Stück gibt’s das passende Stück – wenn er nicht wie in Michelstadt genau die eine Tonlage vergessen hat. Aber kein Problem, es gibt genug andere Songs, die die Profis in petto haben.

Und so drückt der Vollblut-Blueser etwa „Long train running“ von den Doobie Brothers, „Wonderwall“ von Oasis, „Hard to handle“ von den Black Crowes oder „Stand by me“ von Ben E. King seinen Stempel auf. George Michaels „Faith“ ist ein Kracher, der das Original übertrifft. Das Ganze logischerweise „unplugged“ mit akustischer Gitarre und Cajon statt Schlagzeug, was den bekannten Pop- und Rockklassikern eine ganz neue Farbe verleiht.

Ein paar eingestreute Statements machen deutlich, wie sehr den Künstlern der ungewohnte Stillstand an die Nieren gegangen ist. „Ich habe nach dem letzten Gig Ende Februar zwei Wochen mein Auto nicht ausgeladen“, erzählt Stöcker. Weil er es nicht wahrhaben wollte, dass nun nichts mehr gehen sollte. Als dann wieder grünes Licht vom Hüttenwerk kam, „wollten es die Kollegen erst gar nicht glauben, dass es wieder Konzerte gibt“, lacht er.

Die Musik der drei – und zeitweise vier – passt gut in die Wohnzimmer-Atmosphäre, die sich aber durch die großen Abstände manchmal etwas kahl anfühlt. REM, Beatles, Duffy, Jupiter Jones, Bill Withers oder Luis Fonsi: Bobby & Friends machen Gute-Laune-Musik.

Christiane Weber aus Ludwigshafen kennt man im Hüttenwerk als Gast der Hausband „Another Livetime“ bereits. Für Claus Eisenmann, Edo Zanki oder Rolf Stahlhofen von den Söhnen Mannheims ließ sie ebenfalls schon ihre Stimme ertönen. Sie ist für die powervollen weiblichen Stimmen in den Songs zuständig. Etwa „Like the way I do“ von Melissa Etheridge oder „Valerie“ von Amy Winehouse.

Vier Songs feierten an diesem Abend ihre Premiere: Die hat Nicole Göbel getextet, während Bobby Stöcker die Musik dazu schrieb. Sie sprach den 51-Jährigen während eines Konzerts im Hüttenwerk an, ob er ihre Gedanken vertonen würde. Die dazugehörige CD mit deutschen und englischen Stücken soll Ende August erscheinen, kündigte Stöcker an.

 

Info: http://www.bobbystoecker.de

Musiker brennen für die Live-Auftritte

Die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben, dass nach mehr als zwei Monaten Pause endlich wieder ein Fitzelchen Kultur in Corona-Zeiten möglich ist. Zwar in kleinem Rahmen und mit vielen Auflagen, aber immerhin. Der Heidelberger Musiker Olli Roth machte im Hüttenwerk Michelstadt den Auftakt zum Neustart. Die Optik des Veranstaltungssaals war gewöhnungsbedürftig. Weit verstreute Tische, vorn in „sicherer Entfernung“ die Bühne mit dem Vollblut-Musiker.

„Ein Glück, dass wir wieder loslegen können“, meint Hüttenwerk-Chef Achim Tischler. Denn zum Schluss hin „wurde es doch ganz schön langweilig“. Die Konzerte in kleinem Rahmen sieht er als „Schadensbegrenzung“ an, denn die Location lebt von den Events mit mehreren hundert Gästen. Natürlich werden alle Vorgaben umgesetzt. Dazu zählt, dass das Personal Masken tragen muss – wie seine Frau Michaela, die diese auf Dauer als unangenehm empfindet, wenn sie viel mit den Gästen redet.

Achim Tischler fremdelt mit den unterschiedlichen Bestimmungen je nach Bundesland und Art des Betriebs. „Wir müssen regelmäßig die Türklinken desinfizieren“, erläutert er – was grundsätzlich ja eine gute Sache ist. Andererseits aber gibt es in den Supermärkten keine Pflicht, dass die Einkaufswagen desinfiziert werden müssen, moniert er. Der Hüttenwerk-Chef hofft einfach darauf, dass die Ansteckungszahlen niedrig bleiben und es bald mehr Lockerungen gibt.

Olli Roth, der übers Jahr ständig auf Tour ist und von seinen musikalischen Verpflichtungen lebt, trafen die Corona-Beschränkungen heftig. „Bisher 76 Absagen bei 152 gebuchten Terminen in diesem Jahr“, listet er akribisch genau auf, was ihm seit Ende Februar alles wegbrach. Ausfallgagen hat er dafür nicht gesehen. Der in Leimen Wohnende versuchte sich auf vielen Feldern über Wasser zu halten. „Das Streaming hat gut funktioniert“, nennt er ein Hauptbetätigungsfeld.

Das würde nicht ohne die Fans funktionieren, denen der 57-Jährige großes Lob zollt. „Ich habe ein super Publikum“, erzählt er. Die riesige Solidarität bei den Musikfans half Roth, diese schwierige Zeit durchzustehen. Denn die Künstler sind von der Krise mit am heftigsten betroffen. „Das ist schon sehr strange, nach über zwei Monaten wieder aufzutreten“, gesteht der alte Hase, der seit über 40 Jahren im Geschäft ist.

Nicht nur für ihn, schätzt Roth: „Die Gäste müssen sitzen bleiben, dürfen nicht tanzen oder sich zu nahe kommen“, hofft auch er auf baldige Verbesserungen. Aber: „Man muss es probieren“, denn ein ganzer Berufsstand steht auf der Kippe. Deshalb ist es für Olli Roth mit dem Rhythmus im Blut eine große Freude, „endlich wieder live vor Menschen spielen zu können“. Das war schon immer sein Lebensziel und -inhalt „und so soll es bleiben“.

Wie geht’s Musiker-Kollegen, so, zumindest mal wieder zuzuschauen oder demnächst selbst aufs Neue in die Saiten greifen zu können? „Geil“, bringt es Klaus Wilka aus Beerfelden auf den Punkt. „Endlich wieder Live-Acts“, sagt er. Bei ihm herrscht bis August ähnlich tote Hose wie bei Olli Roth. „Alles abgesagt“, meint er lakonisch. „Wir haben es vermisst wegzugehen“, freut sich Wilka über die Abwechslung zu Büchern, Hausarbeit und Netflix.

Ähnliches kommt auch von Bobby Stöcker aus Groß-Umstadt. „Nach zwei Monaten wieder rausgehen“, ist für einfach klasse. Denn das Streamen ist eben einfach nicht das Gleiche, wie vor Publikum aufzutreten. Michi Tischler lobte den Mut der Besucher, sich wieder in einen Veranstaltungssaal zu „wagen“. Wenn sich auch noch nicht die Masse aus dem Haus traute. Einige der knapp 70 Plätze blieben frei.

Tischler dankte Olli Roth und Bobby Stücker, dass sie zum Auftakt sofort dabei waren. „Die brennen beide darauf, endlich wieder live aufzutreten“, sagte sie. „Man merkt, dass du den Menschen was Wert bist“, ergänzte Roth. Nahm seine akustische Gitarre zur Hand und spielte sich drei Stunden lang „durch den Gemüsegarten in meinem Kopf“. Das bedeutete: viele altbekannte Rockklassiker, wie gewohnt perfekt dargeboten.

 

Info: Das nächste Konzert im Hüttenwerk findet am Freitag, 22. Mai, um 20 Uhr mit „Some other Stuff“ statt. Weitere Infos unter http://www.huettenwerk.info

„Greifen Sie zum Hörer, rufen Sie uns an“

„Die Situation ist besonders“, formuliert es Rothenbergs evangelischer Pfarrer Reinhold Hoffmann vorsichtig. Ihn treibt die Seelsorge in Coronazeiten um. Denn die Angehörigen können von ihren Lieben nicht mehr so Abschied nehmen, wie dies bisher der Fall war. Das betrifft vor allem diejenigen Verwandten, die in den Pflegeheimen untergebracht sind und für die nun ein Kontaktverbot gilt. „Wir sind für Sie da“, fordert der Geistliche deshalb zur Kontaktaufnahme auf. „Greifen Sie zum Hörer, rufen Sie uns an“, sind seinen Worten zufolge die Pfarrer immer ansprechbar.

Die Beerdigung ist laut Hoffmann nur ein kleiner Teil dessen, was die Kirche anbietet, wenn jemand stirbt. „Es gibt auch Trauergespräche, die nach Bedarf ausgedehnt werden können“, sagt er. Allein zu Hause, ohne die Möglichkeit des Besuchs, „können Fantasien und Gedanken entstehen, wie es den kranken und älteren Menschen geht“. Die wiederum, weiß Hoffmann, verselbständigen sich und „malen ein dunkleres Bild der Realität“, als sie es eigentlich ist.

Ist ein nahe stehender Mensch gestorben, kommt noch hinzu, dass die Möglichkeit fehlt, nach dessen Tod mit jemandem darüber zu reden, „wie die letzten Stunden waren“. Oder wie es war, zu Hause zu leiden, unsicher zu sein über das was kommt.

Der Pfarrer kennt einen Fall, als ein Angehöriger an Covid-19 starb und die Angehörigen drei bis fünf Wochen auf die Beerdigung warten müssen. „Das macht mit den Menschen was“, erläutert er. Denn diese wollen einen bestimmten Schritt abschließen. „Aber hier passiert nichts.“ Die Kirchengemeinde lässt die Leute nicht allein, betont er – unabhängig von den Konfessionen. „Wir müssen es nur wissen.“

Hoffmann weist auf die Möglichkeit hin, auch zuhause Zeit für sich zu gestalten, Schwerpunkte zu setzen. Dafür hat die Rothenberger Kirchengemeinde auf ihrer Homepage sechs Haltepunkte formuliert. „Es ist normal, was passiert“, spricht der Geistliche den Hinterbliebenen Mut zu, wenn sie erschrocken auf sich selbst schauen. „Man braucht Zeit, um alles zu verarbeiten.“ Selbst mit den Toten sprechen zu wollen, kann in dieser besonderen Situation vorkommen.

„Sie sind nicht allein“, ist Hoffmanns wichtigste Botschaft. Die Pfarrer des Dekanats im Odenwaldkreis, zu dem auch die evangelischen Kirchengemeinden Hirschhorn und Neckarsteinach gehören, gehen auf die Menschen zu. In solchen Ausnahmesituationen ist es für ihn ganz wichtig, „mit jemandem zu sprechen, dem man vertraut“. Er animiert dazu, die Scheu abzulegen und den Hörer in die Hand zu nehmen.

Da der Geistliche um diese Zurückhaltung weiß, agiert er proaktiv, ruft Menschen an, die mit der Kirche verbunden sind, fragt sie, wie es ihnen geht. Seine Erfahrung: Nach dem ersten Erstaunen lässt sich spüren, „dass es ihnen guttut, wenn sie jemand Vertrautes hören“. Deshalb kann Hoffmann gar nicht oft genug betonen: „Ja, Sie dürfen anrufen.“ Es ist keine Belästigung. Es handelt sich um ein Angebot, „mit dem wir Pfarrer für die Menschen da sind“.

Der Rothenberger Pfarrer hat beobachtet, dass die Kontaktlosigkeit, das Abstandhalten, die Menschen bedrückt. „Ein Stück Vertraulichkeit geht verloren“, nennt er es. Das Landleben wird in dieser Zeit besonders geschätzt, wenn man noch in den eigenen Garten raus kann. Es kommt aber kein Besuch mehr.

Selbst wenn die Enkel im selben Haus wohnen, soll kein Kontakt stattfinden. „Jemand ist da und doch nicht da“, legt er den Finger in die Wunde. Die persönlichen Berührungen, übers Haar fahren, in den Arm nehmen – all das fehlt den (älteren) Menschen.

Für Hoffmann ist auch das zurückliegende Osterfest ein Beispiel für langsames Lernen, „wie man sich Entlastung und Trost holen kann“. Denn auch die Osterereignisse hätten laut der Bibel Zeit gebraucht, um bei den Menschen anzukommen. Seine Empfehlung: „Lasst uns üben, uns am Telefon gutzutun.“ Die Pfarrer wollen begleiten, dabei sein, Angebote machen, hebt er hervor.

Info: Sechs Haltepunkte auf dem Weg der Trauer: erinnern und begreifen, wertschätzen, deuten, Zukunftsblick, vergewissern, Zuspruch. Mehr dazu auf dem gemeinsamen Internetauftritt der evangelischen Kirchengemeinden Rothenberg, Hirschhorn und Neckarsteinach unter http://www.suedkurve-ekhn.de/