Der „Rocket Man“ geht ab wie eine Rakete

Was hat der Mann für eine Wahnsinns-Stimme. Sein Name: Andreas Kümmert. Klingelt’s? Der Unterfranke gewann 2013 die damalige dritte Staffel von „Voice of Germany“. Danach verschwand er zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen in der Versenkung. Und jetzt ein denkwürdiges Konzert auf der Kulturbühne, bei dem sich der 34-Jährige als eine solche Blues-, Rock- und Soulröhre zeigt, dass einem fast der Mund vor Staunen offen stehen bleibt.

Wer kann schon von sich behaupten, einen Songs besser zu performen als das Original? Kümmerts Meisterstück von 2013, seine Version von Elton Johns „Rocket Man“, glänzt durch die eindringliche Performance und die phänomenale Stimme, die viel mehr Substanz und Power hat als die des Briten. Da geht der Rocket Man wirklich ab wie eine Rakete, kommt der „Rock“ im Titel absolut zu seinem Recht.

Kümmert tut gut daran, möglichst viel Zeit des Konzerts der Musik zu widmen. Ein volles Bluesrock-Brett, groovende Soul-Nummern oder krachende Hardrock-Ausflüge werden immer von seiner über ein paar Oktaven ragenden Stimme getragen. Was er zwischen den Songs allerdings von sich gibt, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Da wäre weniger mehr und er würde sich eher Fans damit machen.

„The Voice of Rock“ nennt sich der ehemalige Deep-Purple-Sänger und -Bassist Glenn Hughes. Allerdings sind dessen besten Zeiten vorbei. Kümmert tritt mit ein paar Songs in Hughes‘ Fußstapfen, wenn er tief röhrt, gleichzeitig aber auch die hohen Töne problemlos schafft. Immer dann, wenn er alte Klassiker interpretiert, scheint sein Faible für die Musik der 60er und 70er Jahre durch. Denn diese Songs lebt er förmlich, zelebriert sie mit jeder Pore, geht ganz in ihnen auf.

Das eine ist sein Gesang, das andere sein Gitarrenspiel. Da merkt man, dass er schon als 13-Jähriger begann, sich den sechs Saiten zu widmen. Epische Soli in bester Blues- und Hardrock-Manier zeichnen die Lieder aus. Das Ganze im Zusammenspiel mit seinem Sidekick, dem Leadgitarristen Stefan Kahne. Wie beide sich die Saitenbälle zu werden, sich mit der Leadgitarre abwechseln, mal die Twin Guitars à la Wishbone Ash auspacken oder auch ein Battle liefern, ist große Klasse.

Asbjörn Gärtner am Bass und Michael Germer am Schlagzeug ist ebenfalls die große Spielfreude an diesem Abend anzumerken, auch wenn die Fans vor der Kulturbühne überschaubar bleiben. Aber die gehen umso mehr ab, wenn Kümmert sich entweder die Seele aus dem Leib singt oder wahlweise in ausufernden Gitarren-Exzessen mit Kahne fast verliert.

„Harlekin Dreams“ heißt sein aktuelles Album, mit dem er so langsam wieder auf Tour geht. Erschienen kurz vor dem Lockdown, konnte er es bisher kaum vermarkten, was er nun umso eindringlicher nachholt. Sind Kümmerts Cover eher roh, ungeschliffen, jammig, kommen die eigenen Stücke auf der CD etwas glattgebügelter, eingängiger daher, aber natürlich mit dem Fokus auf der außergewöhnlichen Stimme.

Im gefälligen „Milk“, der Midtempo-Nummer „Something in my Heart“ oder dem autobiografischen „Been down so long“ hat der Sänger und Gitarrist auch seinen eigenen Werdegang mit verarbeitet. Er war ganz unten, rappelte sich aber wieder auf und singt jetzt alles in Grund und Boden. Manches klingt ein wenig nach der Blues-Ära des legendären Gary Moore, während der Shouter anderswo die legendären Blues-Größen aus Chicago perfekt interpretiert.

Es ist schwer, auf den „Rocket Man“ noch einen draufzusetzen. Aber die Band hat als Zugabe noch ein besonderes Schmankerl in petto: Kümmert knallt „This is a mans‘ World von James Brown derart raus, dass man sich wieder fragen muss, wieso solch ein Sänger nicht viel mehr Beachtung erfährt. Aber Kümmert kümmert es scheinbar wenig, was andere von ihm denken, wenn man seine Worte zwischen den Songs heranzieht. Also am besten in dieser Zeit Ohren zu und dann wieder aufmachen, wenn er losröhrt.

„Summer of 69“ zum Schluss des Sommers 2020

Bryan Adams hat unzählige Hits geschrieben. Spätestens seit Mitte der 80er Jahre ist er mit „Run to you“ oder „Summer of 69“ nicht mehr aus dem Playlists wegzudenken. Dass von über 20 Songs eigentlich jeder im Ohr hängen geblieben ist, zeigt der Auftritt der „Adams Family“ auf der Kulturbühne des Hüttenwerks Michelstadt. Die fünf Musiker um Sänger und Gitarrist Bobby Stöcker widmen sich dem vielschichtigen Lebenswerk des Kanadiers.

Der hat viele Facetten. Es ging Anfang der 80er Jahre ziemlich rockig los, auch wenn Adams eher als Meister der radiotauglichen Rockballade bekannt ist. „Heaven“ ist das beste Beispiel dafür. „Kids wanna rock“ andererseits haut so richtig rein und zeigt, dass er durchaus losfetzen kann. „Reckless“ hießt die erfolgreichste Scheibe von Adams, die inzwischen 36 Jahre auf dem Buckel hat. Von der gab es gleich sieben Songs zu hören, die sich allesamt in den Gehörgängen eingenistet haben.

„Somebody“, „One Night love affair“ und „It’s only Love“. Die Gäste haben nur darauf gewartet, um wie bei anderen Stücken auch lautstark mitzusingen. Die Adams Family, vor knapp 20 Jahren gegründet, unternimmt beim Konzert ein vielumjubelten Streifzug durch das Schaffen des 59-jährigen Ausnahmemusikers. Willy Wagner (Bass), Jürgen Lucas (Drums), Heiko Elger (Rhythmusgitarre) und Axel Balke (Keyboards) setzen neben Stöcker die vielen Hits perfekt in Szene.

Aus dem MTV-Unplugged-Set gibt’s nach der Pause gleich vier Lieder zu hören. Das bekannte „Heaven“ macht sich natürlich in dieser Variante besonders gut, aber auch „Straight from the Heart“ rührt das Herz. Dass Bryan Adams sogar mal einen Country-Ausflug machte, zeigt „I think about you“.

Stöcker zeigt dabei seine große Wandlungsfähigkeit. Am einen Abend spielt er Soul und Funk mit „Spirit of Soul“, am nächsten dann Softrock und in die Vollen geht’s mit „Coversnake“, seiner Whitesnake- und David Coverdale-Coverband. Letztere ist für ihn musikalisch am anspruchsvollsten, erzählt er. Außerdem ist er genau mit der Musik aufgewachsen. Sein Herz hängt aber an „Spirit of Soul“, die er vor 20 Jahren gründete. „Das ist mein Baby“, meint er stolz.

„Du singst wie Bryan Adams“, sagte ein Bekannter Anfang der 2000er-Jahre mal zum Groß-Umstadter. Der ließ das nicht einfach so stehen, sondern hörte genauer ins Werk des Kanadiers rein, von dem er vorher nur die Hits kannte. „Ich bin dabei geblieben“, schmunzelt Stöcker im Rückblick. Die begeisterten Fans danken es ihm.

Inzwischen hat der Hans Dampf an allen Gitarren zehn Cover- und Tribute-Bands am Laufen. „Ich bin an den Aufträgen gewachsen“, berichtet er. „Groove Control“ bietet einen Querschnitt der bekanntesten Rockklassiker, „Bobby & Friends“ bedient die akustische Schiene. Anfragen, ob er nicht mal was von der einen oder anderen Band spielen könnte, führten unter anderem dazu, dass sich weitere Tribute-Projekte entwickelten. „Ich decke alles ab, was Spaß macht“, lacht er.

Überschneidungen gibt’s dabei keine, sagt Stöcker. Jede Band bedient eine andere Klientel, eine andere Zeit, einen anderen Stil. Im Sommer ist er mehr auf Firmenevents und Feiern unterwegs, im Winter stehen dann Konzerte mit Tribute-Bands in Clubs an. Durch den großen Künstlerpool mit Musikern aus der Rhein-Main-Region „sind wir flexibel aufgestellt“, erzählt er.

Wie viel Songs er drauf hat? Da kommt der Groß-Umstadter ins Grübeln. Mehrere hundert, wenn nicht sogar Tausende, schätzt er. Auf der Gitarre sowieso auswendig, textlich muss er manchmal reinschauen – gerade wenn jetzt eine Band wie „Adams Family“ fast ein Dreivierteljahr nicht zusammenspielte.

Bryan Adams arbeitete viel und gern mit anderen Musikern zusammen. Auf „When your’re gone“ etwa mit Mel C., die an diesem Abend von Michi Tischler verkörpert wird. Das Duett hat Drive und gibt dem Song Pepp. Der „Summer of 69“ als Zugabe fetzt nochmal richtig los, ehe mit der Robin-Hood-Soundtrack-Schmuseballade „Everything I do“ der Abend leider zu Ende gehen muss.

Fetzige Musik mit viel Spirit und Soul

Ordentlich Spirit bringen die elf Musiker aus dem Rhein-Main-Delta in den Odenwald. „Spirit of Soul“ nennt sich die Truppe um Tausendsassa Bobby Stöcker, die weit über zwei Stunden die Besucher der Kulturbühne Michelstadt mit „The Finest of Black Music“ begeistert. 600 bis 800 Gäste sind es jedes Mal, die den Frankfurter Südbahnhof bei den etatmäßigen Gastspielen ausverkaufen. Ein Teil davon war jetzt auch nach Michelstadt gekommen.

„Spirit of Soul“ gibt es jetzt genau 20 Jahren. „Das ist unser Jubiläum“, freut sich Stöcker. Das aber durch die Corona-Pandemie gründlich vermiest wurde. Denn der Auftritt im Odenwald „ist der erste Auftritt der Formation seit dem Lockdown“, erzählt er. Umso hungriger waren die Musiker darauf, endlich wieder live performen zu dürfen.

Während der ersten 15 Jahre des Bandbestehens nur auf Firmenevents aktiv, erspielte sich „Spirit of Soul“ seit 2015 einen großen Bekanntheitsgrad im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus. Warum, zeigte sich von Beginn an auf der Kulturbühne. Die vier Frontleute wissen, wie man das Publikum animiert und bringen ihre Freude an der Musik rüber. Auch wenn natürlich Abstand gehalten muss, waren schnell die ersten am Mitklatschen, Mitwippen und später Mittanzen.

Für die eingefleischten Fans „produzierten wir eigens eine Live-CD mit fünf eigenen Songs“, erzählt Stöcker. Die wird unter dem Titel („20 Years Spirit of Soul live“) unters Volk gebracht. „Dann kam Corona und zerstörte uns dieses Jubiläumsjahr“, ärgert er sich. Das Gastspiel in Michelstadt dürfte angesichts der begeisterten Fans eine Entschädigung dafür gewesen sein, dass in Frankfurt nichts geht und sicherlich bis Jahresende nichts in der bisherigen Form gehen wird.

Ron Jackson, Derrick Alexander und Myk Snow bilden das Sänger-Trio aus den USA, das sich abwechselnd die Bälle am Mikrofon zuwirft und sich mit der Lead-Stimme bei den Songs abwechselt. Normalerweise ist auch Leah Jones mit dabei, aber die sitzt derzeit in den USA fest. Für sie sprang Another-Livetime-Frontfrau Michi Tischler ein und zeigte nach ihrer kürzlichen Teilnahme am Schlagernachmittag wieder einmal ihre Wandlungsfähigkeit.

Ron Jackson hat genau die richtige Stimme für „Kiss“ von Prince. Mit seinem Falsett bringt er den Song fast originalgetreu rüber. Zuvor hatte Tischler „Super Duper Love“ geschmettert, das durch Joss Stone bekannt geworden war. Motown, Disco, Soultrain, Rhythm & Blues, Hiphop und Soulklassiker: Sie alle werden durch die hochkarätigen Begleitmusiker zusammengehalten.

Bobby Stöcker verleiht manchen Songs durch seine Soli ein fast rockiges Gewand. Des Öfteren ist spürbar, wo seine musikalischen Wurzeln liegen. Mit Jürgen Lucas (Drums), der ebenfalls gerne den Hardrocker raushängen lässt, spielt er auch bei einigen anderen Formationen zusammen. Ein ums andere Mal macht außerdem die Bläsersektion auf sich aufmerksam.

Vor allem Christian Falke am Saxophon zaubert einige tolle Soli. Geppi Schmidt (Trompete) und Stephan Schlett (Posaune) sind daneben für einen fetten Sound zuständig. Frieder Gottwald (Bass) und Jimmy Cee (Percussion) komplettieren an diesem Abend das Line-up. Sie sorgen für ein imposantes Bild einer bis auf die letzten Ecke besetzten Bühne und super Stimmung.

Der Funke ist schon übergesprungen, kaum dass die Truppe begonnen hat. Gerade im ersten Set hagelt es nur so bekannte Stücke. Bei „Let’s groove tonight“ sorgt Lucas am Schlagzeug für den genannten. „Soul Man“, bekannt aus „Blues Brothers“, kracht so richtig rein und macht Lust auf viel mehr. Myk Snow röhrt den Klassiker prächtig raus.

Starken Frauen hat sich Michi Tischler verschrieben. Sei es „Ain’t nobody“ von Chaka Khan oder „Baby Love“ von Mother’s Finest und als Highlight Tina Turners Welthit „Simply the Best“, abgerundet durch ein Saxophon-Solo: „Spirit of Soul“ bringen ganz ganz, hochklassige Musik in den Odenwald, die sonst hier nicht zu hören ist. Das setzt sich nach der Pause mit „Ride Like The Wind“,  „Intoxicated“, „Uptown Funk“ und „Sexmachine“ fort.

 

Ein Comedian, der mehr singen sollte

Seine stärkten Momente hat Andy Ost auf der Kulturbühne vor dem Michelstädter Hüttenwerk dann, wenn er sich bekannte Songs vornimmt, denen einen neuen Text mit einem Thema verleiht, das er vorher angerissen hat und dann auf Keyboard oder Gitarre loslegt. Denn der Hanauer ist nicht nur Comedian, sondern auch ein begnadeter Sänger. Dazu noch hat er Sangesgrößen parodistisch klasse drauf.

Das Publikum ist an diesem Abend überschaubar, macht das aber durch Begeisterung wett. Außerdem hat’s ein paar eingefleischte Ost-Fans gen Süden gezogen, bei denen es nicht viel braucht, damit sie aus dem Kichern nicht mehr rauskommen. Das ist schon zu bemerken, wenn der bald 40-Jährige einen auf Herbert Grönemeyer macht – oder besser es erst einmal nur versucht.

Wenn der Comedian die ersten typischen Laute anstimmt, kommt nicht nur er ins Lachen, sondern auch etliche andere – was dazu führt, dass der Song erst mit einiger Verspätung starten kann. Aber dann: Grönemeyers „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ dichtet Ost um in ein Stück über eine Veganerin: „Sie macht Musik nur, wenn sie Kraut isst.“

Das zeigt, wohin die abendliche Reise in Michelstadt geht. Der Hanauer hat die klassischen Themen drauf: Früher war alles besser, die Zipperlein des Alterns, die Probleme des Mannes mit der unbekannten Welt des Putzens – und logischerweise darf der kulturelle Lockdown nicht fehlen, in dem er überhaupt erst auf diese Ideen kam.

Überhaupt: Was Gutes muss Corona ja auch haben: Die Feier zum 40. Geburtstag fällt aus. „Alles hat sich so krass geändert“, meint er im Rückblick auf die 20er. Die Leute werden immer seltsamer. Was in einer Aufzählung der vielen neuen hippen Bier- und Weinsorten endet, wo es früher zum Geburtstag nur einen Kasten Oettinger gab – für jeden. Das gerät in Summe teilweise etwas länglich.

Zum Aufhorchen wird’s dann, wenn Andy Ost nach seinem wortreichen Lamento zum Instrument greift. Er besingt kraftvoll frei nach Udo Jürgens die schlimme Zeit nach dem Besäufnis, als seine Frau ihn schon um 14.30 Uhr am nächsten Tag zur Hausarbeit verdonnert. Und wegen der fortgeschrittenen Alters sind die Nachwirkungen schlimmer als ein Männerschnupfen – das sagt schon alles.

Der Comedian ist auf der Bühne immer in Bewegung. Interaktion mit den Fans, auch wenn sie nicht in Massen gekommen sind, wird bei ihm groß geschrieben. Kommt mal ein Gluckser aus dem Publikum oder kriegt sich einer vor Lachen nicht mehr ein („Ist das jetzt ein Asthma-Anfall?“), steigt er drauf ein.

Männer und Aufräumen? Fast so ähnlich wie Männer und Romantik. Dreckige Hemden sehen dann gut aus, wenn man sie neben noch dreckigere legt. Geschirr schimmelt nicht, wenn man es in die Tiefkühltruhe legt. Diese und andere Tipps für Putzmuffel hat Ost für seine Artgenossen parat, ehe er dann mit dem dazu passenden Song rausrückt, für den er sich eigentlich die Vorrede hätte sparen können.

Wenn Jon Bon Jovi (oder „Schon bon Schovi“ aus Büttelborn) mal schlecht bei Stimme sein sollte, kann er den Hessen als Ersatz buchen. Wenn Ost erzählt, hört man zwar den heimischen leichten Singsang raus, singt er aber seine Parodie auf „Bed of Roses“, bleibt der Mund offen stehen. Zwar weiß Ost nicht, „wo mei bleedi Hos ist“, aber er knallt das stimmlich so raus, dass man sich wünscht, er würde mehr von der Sorte bieten.

Stattdessen geht’s in die Kochuntiefen mit Horst Lichter, dem der Comedian (zu) viel Platz im Versuch der natürlich zum Scheitern versuchten Nachahmung gibt. Die auf Erbsengröße geschrumpften Blumenkohlröschen, die er mit dem Lieblingsschraubenzieher aus dem Topf meißeln will, brennen sich ins Gedächtnis ein.

Männer und Beinenthaarung: Das geht ins Mark. Ein jammernder Udo Lindenberg, weiß, wovon er nuschelt: „Ist das Wachs erst ab, brennt’s weiter, dieser Schmerz geht so tief rein, ich verlier mein linkes Bein.“ Klasse. Mit diesen Parodien hätte Ost gern seinen gesamten Auftritt bestreiten dürfen.

Mitklatschen ist noch erlaubt

Alles ist (fast) wie immer. Spielfreudige, vor Energie sprühende Musiker, ein lauer Sommerabend, begeisterungsfähige Gäste, ausverkauftes Haus in der Seebühne des Luisenparks Mannheim. Aber trotzdem ist die Atmosphäre durch die Corona-Auflagen ein wenig kalt und steril. Die Gäste tun mit Abstand ihr Bestes, um diesem Eindruck beim Sascha im Quadrat-Konzert entgegenzuwirken. Mitklatschen ist zum Glück noch erlaubt, wenn schon nicht Mitsingen oder Mittanzen. Und so wird’s ein toller Abend mit Perlen der Rockmusik, dargeboten von zwei Ausnahmesängern.

Die beiden Ausnahmesänger Sascha Kleinophorst und Sascha Krebs dominieren ganz klar die Bühne. Nach fast fünf Monaten des publikumslosen Streamens ohne Zuschauer aus dem Capitol brennen die beiden darauf, auch endlich wieder live aufzutreten. Das führt dazu, dass die Musik manchmal hinter der Fülle an schnoddrigen Bemerkungen fast in den Hintergrund rutscht. Die Tierwelt des Luisenparks leistet ihren Beitrag dazu, dass sich Sascha² vom eigentlichen Sinn und Zwecks des Abends gern mal ablenken lassen.

Da bleibt den beiden Sidekicks Frank Schäffer (E-Piano) und Christof Brill (Gitarre) nur, auf ihren Instrumenten zu glänzen, wollen sie nicht vom Redeschwall des Duos erdrückt werden. Aber das tun sie mehr als eindrucksvoll. Brill etwa, wenn er perfekt den Richie Sambora auf „Bon Jovis“ Bed of Roses“ gibt oder bei Queens „Somebody to Love“ passgenau die großen Fußspuren von Brian May ausfüllt.

Überhaupt die britische Supergroup Queen. Beide Saschas sind Spezialisten in der Interpretation von Freddy Mercury. Der lange Sascha (Kleinophorst) mit der Coverband „We Rock Queen“, der kürzere Sascha (Krebs) bei den „Queen Kings“. Ihr Duett eines der eindrucksvollen Songs des Vierers ist zum Niederknien und wird mit viel Jubel belohnt. Kleinophorst kommt Mercury mit seiner Stimme schon sehr nahe, was auch die Konzerte mit seiner eigenen Coverband immer wieder zum Erlebnis werden lässt.

Ein Raunen geht durch die Menge, als Christof Brill die ersten Takte von „Hotel California“ anstimmt. Ein gefühlvolles „Rocket Man“ von Elton John mit den perlenden Pianotönen von Schäffer ist schon ganz nah dran, damit Feuerzeuge und Handys angehen – was dann bei „Bed of Roses“ Realität wird. Ob der „Lonesome Loser“ der Little River Band oder „Dancing in the Dark“ von Bruce Springsteen“ – beide Saschas glänzen mit ihren Stimmen. Der eine eher mit seinem starken Reibeisen-Rock, der andere, größere mit den feineren, klareren Zwischentönen.

Grenzenlose Gastfreundschaft am Dreiländereck

Mit einem Bein in Bayern und dem anderen in Baden? Der Drei-Länder-Stein mitten im Wald oberhalb von Hesselbach macht es möglich. Während anderswo die Hitze wabert, sind die kühlen Wälder rund um den kleinen Oberzent-Stadtteil ein willkommener Zufluchtsort, um hier die schattigen Seiten des Odenwalds kennenzulernen. Und nebenbei in die Geschichte einzutauchen: Denn quer durchs Dorf führte vor knapp 2000 Jahren ein Teil des römischen Limes.

Klein, aber oho, könnte man über den Ort sagen. Obwohl gefühlt mitten in der Pampa gelegen, mindestens zehn Kilometer von größeren Ortschaften entfernt, ist Hesselbach ein beliebtes Ausflugsziel mit einem gewissen Geheimtipp-Charakter. Doch wer sich im Biergarten des Landgasthofs „Grüner Baum“ umhört, stellt schnell fest, dass hier Gäste aus allen drei Bundesländern einkehren.

Denn das Lokal mit seinen Übernachtungsmöglichkeiten ist Dreh- und Angelpunkt der Touren auf diesem Höhenrücken. Hier kehren (Mountain-)Biker, Wanderer und Ausflügler ein, um zu rasten und frische Kräfte für die weitere Strecke zu sammeln. Familie Grünvogels Domizil ist der gesellschaftliche Mittelpunkt Hesselbachs. Hier kocht der Chef noch selbst. Die Gäste werden Odenwälder Herzlichkeit verwöhnt.

Mit dem Nibelungensteig und dem Limeswanderweg führen gleich zwei bekannte Wanderer-Strecken durch den Ort. Von Zwingenberg an der Bergstraße bis nach Freudenberg am Main führt der zertifizierte Qualitätsweg auf den Spuren der Nibelungen über die Höhen des UNESCO-Geoparks Bergstraße-Odenwald. Auf 130 Kilometern Länge mit mehr als 4000 Höhenmetern warten eindrucksvolle Naturerlebnisse. Hesselbach ist Start- und Zielpunkt einer Etappe.

Der Limes-Lehrpfad führt am Ortsrand zum Numeruskastell, wo von 100 bis 160 n.Chr. eine rund 160 Mann starke Auxiliareinheit stationiert war. Am Wachtturm Vogelbaumhecke gibt es einen mit Originalsteinen restaurierten Turm mit Palisadenzaun zu sehen. Das Römische Reich sicherte mit dem Odenwaldlimes seine Grenzen zu Germanien. 80 Kilometer zieht sich die Grenzlinie, vor mehr als 50 Jahren in Grabungen wiederentdeckt, von Süden nach Norden.

Weiter südlich gibt es die Kleinkastelle Zwing und Seitzenbuche und das Kastell Schloßau. In die andere Richtung geht die germanische Grenze Richtung Römerkastell Würzberg und weiter nach Eulbach. Nördlichster Punkt ist Wörth am Main, südlichster Neckarburken. Um das Jahr 160 war es schon vorbei mit den Römern: Der Limes wurde 30 Kilometer nach Osten auf die Linie Miltenberg–Jagsthausen–Lorch vorgeschoben.

Aber auch kulturhistorisch hat der 170-Seelen-Ort in Gestalt der Kirche St. Luzia und St. Odilia einiges zu bieten. Denn Hesselbach war wegen seiner Zugehörigkeit zum Kloster Amorbach durchgehend katholisch, während sich in der restlichen Grafschaft Erbach die Reformation durchsetzte. In der heutigen Form besteht die Kirche seit 1766, allerdings wurde ein Vorgängerbau für die Zeit um 1400 nachgewiesen.

Außerdem gab es Ende der 1960er Jahre Ausgrabungen, nach denen das Gotteshaus sogar schon im 13. Jahrhundert bestanden haben könnte – und damit vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes 1334 unter dem Namen Heselbuch. Das sogenannte „Hesselbacher Kreuz“ lässt sogar einen Bau im 12. Jahrhundert möglich werden. Acht Bildstöcke im Ort zeigen die katholische Prägung. Sie wurden zwischen 1726 und 1840 errichtet.

Dass der Grenzstein am Dreiländereck schon bald 200 Jahre auf dem Buckel hat, ist ihm selbst im Dunkel des Waldes anzusehen. Ein schmaler Pfad führt die letzten Meter dorthin. Baden und Bayern machen hinter der Grenze dicht: Ein hoher Wildzaun bildet die „Landesgrenze“ und erschwert ein weiteres Fortkommen.

Auf dem Stein sind neben der Jahreszahl 1837 die Buchstabenpaare GH (Großherzogtum Hessen), GB (Großherzogtum Baden) und KB (Königreich Bayern) eingemeißelt. An anderen Hesselbacher Gemarkungs- und Landesgrenzen finden sich weitere historische Grenzsteine.

Fitzek hat ein Geschenk für die Odenwälder

Im vergangenen Herbst probte er in der Erwin-Hasenzahl-Halle seine anstehende „Soundtrack-Leseshow“ mit dem neuen Psychothriller „Das Geschenk“ in ganz großem Stil, jetzt kommt Bestseller-Autor Sebastian Fitzek („Der Augensammler“) wieder in den Odenwald. Am Sonntag, 30. August, liest er auf der Kulturbühne vor dem Hüttenwerk Michelstadt aus seinem aktuellen Buch.

Von Anfang an ging es dem 48-Jährigen darum, „nicht nur Werbeveranstaltungen für mein Buch zu machen“, sondern auch in Kontakt mit Lesern und Fans zu kommen. Seit 14 Jahren zieht er dieses Prinzip „gnadenlos“ durch. Das war noch einfach, als bei seiner ersten Lesung in Rostock 2006 fünf Gäste kamen. Wenn es heutzutage mehrere tausend sind, schreibt Fitzek trotzdem Autogramme, bis jeder eins hat. Wir unterhielten uns im Vorfeld mit dem Berliner.

Herr Fitzek, es zieht Sie inzwischen in schöner Regelmäßigkeit in den Odenwald, zuletzt im vergangenen Herbst. Was schätzen Sie besonders an der Region?

Sebastian Fitzek: Ganz eindeutig die Menschen. Ich habe hier viele Freunde gewonnen, die alle einen merkwürdigen Sinn für Humor haben, so wie ich auch. Zudem sind sie aber hochkreative, flexible Macher-Persönlichkeiten. Ich weiß nicht, ob das an der schönen Natur oder dem idyllischen kleinen Städtchen liegt. Das scheint zu inspirieren.

Auf was dürfen sich die Besucher der Lesung am 30. August in Michelstadt freuen?

Fitzek: Wie immer werde ich keine herkömmliche Lesung halten, sondern versuchen, den Gästen einen hoffentlich ebenso spannenden wie heiteren Einblick hinter die Kulissen meiner Autorentätigkeit zu geben.

Sie sagten vergangenes Jahr sinngemäß, dass Sie sich bei den Ideen auch von Ihren eigenen Erlebnissen beeinflussen lassen. Ist somit bald mit einer Veröffentlichung zu rechnen, die im Odenwald spielt?

Fitzek: Noch ist in dieser Hinsicht nichts geplant, ich könnte mir aber sehr gut vorstellen, zumindest einen Ausflug in diese Region zu unternehmen. Und wer weiß, vielleicht passiert ja auf der Lesung etwas, das meine Phantasie anregt.

Seit fast 15 Jahren veröffentlichen Sie praktisch im Jahresrhythmus Psychothriller. Wie kommen Sie zu diesen vielen Ideen?

Fitzek: Der Ursprung einer Idee stammt bei mir immer aus dem Leben. Zum Beispiel bei „Das Paket“ habe ich für einen Nachbarn, dessen Namen ich nicht kannte, ein Paket angenommen. Das ist ungewöhnlich, denn ich wohnte zu der Zeit in einer sehr kleinen Straße, in der man sich eigentlich kennt. Da dachte ich, was wäre, wenn in dem Paket etwas drin wäre, was gefährlich ist … Oder der Nachbar ein gemeiner Verbrecher wäre … So entstand der Plot zu „Das Paket“. Auf „Das Geschenk“ bin ich gekommen, als ich auf der Frankfurter Buchmesse an den Stand der Analphabeten eingeladen war. Das hat mich sehr beeindruckt. Der Hauptprotagonist meines Buches ist Analphabet.

Wie ist Ihre Arbeitsweise, wie schaffen sie es, in wenigen Monaten mehrere 100 Seiten zu Papier zu bringen?

Fitzek: Ich gehe arbeiten wie jeder andere auch. Das heißt, ich stehe morgens auf, fahre ins Büro, das ich mir mit einer Bürogemeinschaft teile, und setze mich an den Schreibtisch. Dann schreibe oder recherchiere ich von 9 bis 17 Uhr durch oder auch länger. Da schafft man dann schon einiges.

Wie erleben Sie die aktuelle Zeit? Waren Lesungen oder Veranstaltungen geplant, die abgesagt werden mussten? Oder nutzen Sie die Monate ohne Veranstaltungen, um wieder ein neues Buch vorzubereiten?

Fitzek: Ich habe versucht, die Zeit des Lockdowns zu nutzen, um zu helfen und habe unter dem #wirschreibenzuhause auf Instagram mit meinen Leserinnen und Lesern ein Buch geschrieben. Das heißt, sie haben jeweils eine Geschichte zu dem Thema „Identität“ geschrieben. Dann haben wir auch einige Kolleginnen und Kollegen dafür gewinnen können, wie Frank Schätzing und Charlotte Link. Droemer Knaur bringt das Buch am 30. September heraus und sämtliche Erlöse gehen in den Buchhandel.

 

Info: Lesung von Sebastian Fitzek aus „Das Geschenk“ am Sonntag, 30. August, 20 Uhr, Kulturbühne Odenwald in Michelstadt. Tickets unter http://www.kulturbuehne-odw.de

Heißer Schlagernachmittag

Es war wohl einfach zu heiß für einen Schlagernachmittag. 32 Grad im Schatten zeigte das Thermometer, als die Österreicherin im Odenwald, Acarina, mit ihren Friends die Kulturbühne am Hüttenwerk Michelstadt enterte. Auch wenn das Publikum in der sengenden Sonne überschaubar war, ließen sich die Musiker davon nicht beeindrucken und boten eine dreistündige Show.

Man kennt sich halt im Odenwald. Deshalb waren Acarina und ihr Team auch gleich dabei, als die Kulturbühne als Veranstaltungslocation in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt wurde. „Wir wollten schon immer etwas zusammen machen“, sagt ihr Mann Mike van Summeren mit Blick Richtung Hüttenwerk. Vor Corona war bereits ein Event der Schlagersängerin geplant, der dann aber leider ausfallen musste.

Denn das Team „Mike’s Music Records“ schwört auf die Tischler’sche Veranstaltungstechnik. „Wir sind oft im Odenwald auf Festen unterwegs“, erzählt er. Acarina kann sich etwa an einen Auftritt auf dem Beerfelder Pferdemarkt erinnern. „Da bin ich durch die ganze Halle gegangen.“ Der Sound war super und „ich habe ich an jeder Stelle selbst perfekt gehört.“

Deshalb war es für die beiden auch eine Ehrensache beim Schlagernachmittag mitzumachen. „Wir haben noch verschiedene Künstler dazzugeholt, die wir promoten und produzieren“, erläutert Mike. Alle waren sie sofort bereit, kostenlos mitzumachen und damit die Künstlerszene in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen. Der Odenwald-Sepp aus Heppenheim hatte dabei die wenigsten Kilometer zu bewältigen, die anderen Gruppen kamen eher aus der weiteren Umgebung wie etwa Aschaffenburg.

Für alle bedeutete das Event den ersten Auftritt nach dem Corona-Lockdown. „Wir freuen uns alle wahnsinnig“, sagt Acarina. „Schon die Proben waren toll.“ Sie weiß von ihrem aktiven Fanclub, der an den T-Shirts unschwer erkennbar ist, „dass die alle ganz aufgeregt waren und dem Konzert entgegenfieberten“. Die Leute sind ausgehungert, weiß sie. Die Künstler auch, die endlich auf die Bühne wollen. „Endlich wieder Bühnenluft schnuppern“, sagt ihr Mann. Aber die Verantwortung trägt eben der Veranstalter.

Der Schlagernachmittag soll nur der Auftakt sein, um im Hüttenwerk diese Musikrichtung bald mehr zu bespielen. „Wir wollen auch außerhalb der Kulturbühne mehr machen“, erklärt van Summeren. Allerdings hat er auch beobachtet, dass viele Veranstalter noch abwarten, „weil die Lage unsicher ist“. Immerhin, ergänzt Acarina, „habe ich wieder ein paar TV-Sachen im Kalender stehen“. Live hofft sie im Spätherbst oder Winter wieder auftreten zu können. Aber immer mit der Einschränkung, „wie sich die Lage entwickelt“.

Ein ganzes Spieljahr „ist komplett weg“, macht die Österreicherin die Misere deutlich. Alle Feste „wurden einfach auf 2021 verschoben“, sagt sie. Etwa das „Spatzenfest“ in Südtirol, wo jedes Jahr 30.000 Besucher erwartet werden. In „Mitleidenschaft“ gezogen wurde dadurch auch das neue Album des Ösigirls bisschen auf sich warten lässt.

Allerdings hatte sie natürlich für ihre treuen Fans vier neue Stücke aus der kommenden Scheibe „The Ösigirl Way of Schlager“ mit dabei: Die Single „Darf ich nehmen?“ wird am 4. September als Vorabauskopplung erscheinen. „Hunger Pipi Kalt“, „Blumen, die im Schatten steh’n“ und „Ein Kind wie du“ finden sich ebenfalls im großen Repertoire. Quasi der erste Live-Test für die Songs.

Den beiden ist es ein Anliegen, die lokale Kulturszene zu unterstützen. „Wir wollen den Odenwald bekannter machen“, betont Mike van Summeren. Dazu gehört auch, dass die Schlagersängerin einen speziellen Odenwald-Preis hat, der sich von dem etwa für Nordrhein-Westfalen unterscheidet. Die Förderung der Region wird ganz groß geschrieben.

Michi Tischler, sonst im Hüttenwerk eher durch ihre Arbeit mit der Hausband bekannt, durfte ihrem Faible für Schlager frönen. „Blue Bayou“, „Ein bisschen Frieden“ oder „Tornerò“: Die Frontfrau war in ihrem Element bei den Songs, die jeder schon einmal gehört hat „und die ich schon immer singe“. Nachtaktiv, Mario Monty, DJ Matrix und „Die Capris“ waren ebenfalls mit dabei.

Finkenbach-Festival-Feeling fast wie früher

Ein wenig kommt an diesem Abend das Festival-Feeling der vergangenen Jahre auf. Auch wenn nicht wie sonst zwei Tage gefeiert wird, schaffen es Adax Dörsam, Timo Gross und Alex Auer beim FC Finkenbachtal, die Magie früherer Zeiten im Kleinen zu beschwören. Mit ihrer Hommage an Hudson „Leadbelly“ Ledbetter und etlichen Solostücken zaubern sie vor allem nach Einbruch der Dunkelheit eine besondere Atmosphäre auf den FCF-Sportplatz. Kein Wunder, dass begeisterte Fans am Schluss nicht gehen wollen.

Der Anfang ist bei sengender Sonne noch eher gediegen. Unter den Zuschauern sind einige Finkenbach-Festival-Versprengte auszumachen, die froh sind, dass es in diesem Jahr überhaupt noch Open-Air-Musik zu erleben gibt. Der eine oder andere obligatorische Camper und hustende VW-Bus ist auf dem Parkplatz auszumachen. Fans mit mehr Haaren unterhalb des Gesichts als auf dem Kopf bevölkern neben den „normalen“ den Zuschauerbereich.

Den hat der FC Finkenbachtal als Veranstalter ganz coronakonform hergerichtet. Allerdings hätten die Macher gern noch mehr Gäste begrüßt, denn Platz wäre für 250 gewesen. Somit gibt’s noch mehr Abstand als eigentlich nötig. Ist der Andrang verhaltener als gedacht, so geht’s zu späterer Stunde umso mehr ab. Alex Auer motiviert bei seinem Solo-Set die Besucher zusehends, während es im Tal langsam gemütlicher und angenehmer wird.

Spätestens wenn dann im dritten Set alle drei zusammen loslegen und losrocken, gibt es kein Halten mehr. Der Naidoo-Gitarrist Auer fühlt sich in kleinem Rahmen merklich wohl, kann improvisieren und drauf losjammen, wie es ihm gerade beliebt. Eine Freiheit, die bei großen Konzerten sicherlich nicht in dieser Form möglich ist.

Leadbelly (1885-1949) dürfte einer der verkannteste Bluesmusiker überhaupt sein. Denn er schrieb oder arrangierte Songs, die erst durch die Coverversionen in späteren Zeiten zu Weltruhm gelangten. Etwa „Cotton Fields“ gleich zu Beginn, dem Dörsam mit seiner Slide Guitar einen fast psychedelischen Touch gibt. Das Stück wurde 1969 durch Creedence Clearwater Revival (CCR) bekannt und auch von Udo Jürgens interpretiert.

Adax Dörsam mit seinem Faible für Saitenklänge von verschiedenen Kontinenten hat sich Leadbellys Stücke zur Brust genommen und ihnen ein ganz neues Klangbild verliehen. „Black Betty“, ein Klassiker bekannt durch Ram Jam, sieht ihn auf der Coral Sitar, während der Mörlenbacher Gitarrist bei „Midnight Special“ die Saz auspackt. Dieses Stück wiederum bezeichnet Dörsam als „Pfeiler des Auftritts“. In der früheren CCR-Version hatte es wie auch „Cotton Fields“ einen Folk-Touch.

Der stimmgewaltige Bluessänger Hudson Ledbetter aus Louisiana beeinflusste aber noch viele weitere Bands, machen Dörsam und Gross deutlich. „Take this Hammer“ wurde etwa von den Beatles eingespielt und geht fast schon in Richtung Tanzmusik. Das Duo macht es in Finkenbach und auf seiner kommenden CD zum schweren Blues.

„Western Plain“ gehörte zum Standardrepertoire von Rory Gallagher. Und „Good Night Irene“ hat sogar Eric Clapton im Repertoire. „Where did you sleep last Night“ wurde 1994 von Nirvana gespielt. Drösam und Gross covern aber nicht nur, sie haben auch einige Stücke als Hommage an Leadbelly komponiert und lassen ins Konzert noch ein paar andere selbst geschriebene Songs einfließen.

Eigentlich sollte ja Alex Auer auf dem diesjährigen Finkenbach-Festival mit seinen „Detroit Blackbirds“ wieder auftreten. Daraus wurde bekanntermaßen – Corona sei Dank – nichts. Stattdessen bietet er nun einige seiner eigenen Stück wie „Changes“ oder „If you lost someone“ solo dar. Mit Dörsam, der in der Band als Gast mitspielt, gibt’s „Smoke“ und „When it all comes down“ zu hören. Das macht sehr viel Lust auf mehr, die im dritten Set dann gestillt wird, wenn es den ersehnten Trio-Auftritt gibt.

Die Zugabe ist gleichzeitig auch die Krönung des Abends. Mit drei Gitarren gibt’s eine Melange von Rockklassikern. Alex Auer stimmt Led Zeppelins „Whole lotte Love“ an, das nach verschiedenen Einschüben, Breaks, Soli und Improvisationen schließlich als Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ in rauschendem Beifall endet. Das macht es schwer, sitzenzubleiben und führt zu ungewöhnlichen Anblicken – etwa der einer einsamen Tänzerin vor der Bühne mit Maske.

Baden darf man in Baden und Hessen nicht

Der Eutersee ist der typische Geheimtipp, der eigentlich keiner mehr ist. Hierher, in die Pampa des Odenwalds im idyllischen Eutergrund, kommen die Ausflügler, wenn sie Ruhe und Idylle suchen. Nur eine schmale Straße führt von Schöllenbach am See entlang Richtung Hesselbach hinauf. Im Tal gelegen, lässt es sich am oft schattigen Ufer auch bei großer Hitze gut aushalten. Und das Quellwasser ist kalt – sehr kalt.

Woher der See seinen Namen hat?  Am ehesten wohl vom gleichnamigen Grund, der sich bis nach Bullau zieht. Aber es gibt auch die Theorie, schmunzelt Ortsvorsteher Martin Pollak, dass im starken Quellgebiet das Wasser aus der Erde heraussprudelt wie Milch aus einem Euter. So oder so: Von der Ergiebigkeit profitieren nicht nur die Schöllenbacher und Kailbacher, sondern auch das weiter südlichere Eberbach mit seinen an der Itter gelegenen Stadtteilen.

1970 als Hochwasserrückhaltebecken gebaut, rückte schon schnell der touristische Aspekt in den Vordergrund. Das Gewässer wurde als Bade- und Freizeitsee genutzt. Der Wasserstand kann nur manuell abgesenkt werden, weiß Pollak. Aber da wird praktisch nie was gemacht – außer es stehen Arbeiten an. Der Eutersee hat keinen Überlauf, sondern einen unterirdischen Abfluss.

Gebaut wurde der See, direkt auf der hessisch-badischen Grenze gelegen, in Absprache mit Eberbach. Mündlich überliefert ist seinen Worten nach, dass sich die Hessen um alles zu kümmern haben. Was früher Hesseneck erledigte, ist nun auf Oberzent übergegangen. Die Hütte am Nordufer steht Pollak zufolge auf badischer Gemarkung, das Grundstück gehört aber Oberzent – die Verzahnungen sind groß.

Früher, erinnert sich der Ortsvorsteher, „war Baden noch auf eigene Gefahr erlaubt“ – in Baden wie in Hessen. Heutzutage ist es allerdings verboten. Meistens wird diese Vorgabe „relativ gut befolgt“, hat er beobachtet. Die dazu auffordernden Schilder bedürften allerdings einer kräftigen Ertüchtigung. Das ist wiederum – auch für die auf der anderen Seite der Landesgrenze – Sache der Hessen.

Der Kailbacher erlebt die Ausflügler als sehr diszipliniert. Viele Camper, aber auch Familien mit Kindern, machen Station in der ländlichen Idylle. Der Zeltplatz ist an den Wochenenden ausgebucht. Sind es sonst oft Jugendgruppen, so beobachtet er in diesem Jahr mehr Familien. Drei Mal in der Woche wird der Müll abgeräumt.

Weil der Marbachstausee nicht genutzt werden darf, kommen mehr Besucher in den Eutergrund – viele auch von weiter her, aus Mosbach oder Miltenberg. Um den Menschen wenigstens noch ein bisschen Ausflugsmöglichkeit zu geben, setzte sich der Ortsvorsteher dafür ein, den Eutersee nicht auch noch zu sperren.

„Die Leute können auch nur die Füße ins Wasser strecken ohne zu baden“, meint Pollak. Denn neben der schriftlichen Aufforderung, es nicht zu tun, gibt es noch eine ganz natürliche. Stellenweise kommt der See auf 20 Grad – aber als Höchsttemperatur. „Mehr wird es selten“, weiß er. Und in der Nähe des Durchflusses  sind es eher bibbernde 16. An der tiefsten Stelle misst der 9000 Quadratmeter große See fünf Meter. Ein Steg wurde nie angelegt, um die Leute nicht zum Baden zu animieren.

Der Eutersee ist laut dem Ortsvorsteher „eines der reinsten Gewässer überhaupt“ und so gut wie nicht belastet. Denn im weiter nördlich liegenden Einzugsgebiet gibt es keine Landwirtschaft und so gut wie nur Wald. Damit hat das Wasser extrem niedrige Nitratwerte und sogar Babynahrungsqualität.

„Tiere und Menschen stören sich nicht“, ist sein Fazit, wenn am Wochenende mal 200 Erholungssuchen an einem Tag vorbeikommen. Es gibt keine Auswirkungen durch den Tourismus. Ökologisch ist alles im grünen Bereich. Teichhühner, Enten, Biber Eisvogel, Fischreiher und Kormorane sind hier heimisch. Zwar wurden schon lange keine Fische mehr eingesetzt, aber die Fischtreppe wird immer eifrig genutzt. Deshalb wird sie von den Ehrenamtlichen regelmäßig gepflegt.

Neuer Hangar ist schon ausgebucht

Kaum fertiggestellt und schon ausgebucht: Der Hangar-Neubau des Aeroclubs am Flugplatz Michelstadt erfreut sich großer Nachfrage. Was den Verein mit seinem Vorsitzenden Joachim Walther natürlich freut, denn insgesamt investierte er eine halbe Million Euro in das Projekt. In weniger als einem Jahr wurde die Baumaßnahme durchgezogen.

Mit sieben Flugzeugen ist der neue Hangar komplett belegt, berichtet Kassenprüfer und Beiratsmitglied Michael Reinhard. Dabei handelt es sich sowohl um Maschinen, die bisher im Freien standen, als auch um Neuzugänge. Ein Flieger kam mit seiner Maschine vom geschlossenen Flugplatz Babenhausen nach Michelstadt, ein anderer stellt nun sein zweimotoriges Reiseflugzeug aus Aschaffenburg hier ab.

„Es ist wohl noch nicht das Ende des Ausbauzustands“, meint Reinhard. Dann aktuell könnte der Aeroclub schon wieder zwei oder drei Maschinen mehr oberhalb von Michelstadt unterbringen. Und die steigenden Mitgliederzahlen, verbunden mit einem großen Interesse an der Fliegerausbildung, lassen ihn vermuten, dass bald wieder gebaut werden könnte.

Ganz im Kostenrahmen blieb das Projekt nicht. Das führt Reinhard auf die gestiegenen Baupreise seit der ersten Schätzung Ende 2017 zurück. Dazu kamen ein paar unvorhergesehene Kostentreiber wie die Böschung, die stärker abgefangen werden musste als geplant. Auch gestalteten sich Elektro-Installationen aufwändiger als vorgesehen. Somit verzeichnete man etwa 20 Prozent mehr Ausgaben als vorgesehen.

Ein Fünftel der Bausumme akquirierte der Verein jedoch als Zuschüsse. Der größte Batzen davon mit 45.000 Euro kommt aus der europäischen Leader-Förderung. Bei deren Beantragung wirkte auch die IGO-Geschäftsstelle in Erbach mit. 35.000 Euro steuerte das Land Hessen zu, kleinere Beträge der Landessportbund, die Stadt und der Odenwaldkreis.

Für den Rest ist der Verein zuständig. Neben einem kleineren Teil von eigenen Mitteln wurden laut dem Kassenprüfer 360.000 Euro auf dem Kapitalmarkt aufgenommen. Angesichts der niedrigen Zinsen ist das zu stemmen, so Reinhard. Die Refinanzierung geschieht zu einem großen Teil über die Vermietung. „Damit können wir den Schuldendienst decken“, erläutert er.

An der Maßnahme führte seinen Worten zufolge kein Weg vorbei, um den Aeroclub zukunftsfähig aufzustellen. Die Stärkung der Flugplatz-Infrastruktur war laut Reinhard unverzichtbar. „Der Odenwald hat keine Autobahn“, argumentiert er. Deshalb kommt einer professionellen Landebahn im Zuge (wieder) steigenden Flugverkehrs eine große Bedeutung zu.

Positiver Nebeneffekt des neuen Hangars, der mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde: Der Verein wird mehr wahrgenommen, bekommt neue Mitglieder und steht damit auf soliden finanziellen Füßen. Wobei die Erweiterung nicht nur ein Selbstzweck ist, betont Reinhard: „Wir bringen die gesamte Region voran.“

Das Rettungswesen kann seinen Worten zufolge auf einen fortschrittlichen Flugplatz zurückgreifen. Denn der Aeroclub betreibt den einzigen Verkehrslandeplatz im Kreis. Er sieht daneben das Areal auch als Standortfaktor, wenn es um Firmenansiedlungen in der Mittelgebirgsregion geht. Denn Reinhard beobachtet immer mehr geschäftlich genutzte Maschinen.

Mit den Investitionen, hebt er hervor, „bleibt das viele Geld in der Region“. Es wurde ein lokaler Mehrwert geschaffen, da einheimische Firmen die Aufträge bekamen. Die Arbeiten gehen nicht aus: Neben den üblichen Unterhaltungsmaßnahmen steht auch eine Präzisionsanflugbefeuerung auf der Wunschliste. Erst einmal muss jedoch wieder der „Vor-Corona-Stand“ erreicht werden. Denn von März bis Mai tat sich sehr wenig und auch aktuell „sind wir noch nicht auf dem alten Niveau“, bedauert der Kassenprüfer. Aber es wird.

 

Info: Der Aeroclub hat derzeit etwa 200 Mitglieder (Tendenz steigend) mit 45 Flugzeugen auf dem Platz. Wer Interesse am Fliegen hat: Unter Telefon 06061-967695 und E-Mail info@flugplatz-michelstadt.de gibt es ebenso weitere Infos wie auf http://www.flugplatz-michelstadt.de.

Hausband bringt Stimmung in die Bude

Auf „Another Livetime“ ist eben Verlass. Die Hausband des Hüttenwerks Michelstadt ist ein Garant für viele Zuschauer – auch in Coronazeiten. Mit Abstand die meisten Besucher seit dem Start der Veranstaltungsreihe finden sich auf dem Vorplatz ein. Auf der Open-Air-Kulturbühne wird der Auftritt zu einem großen Fest, was auch an den beiden Gästen liegt. Mediha „Mickey“ Rustempasic aus Aschaffenburg und Nico Gomez aus Köln begleiten Frontfrau Michi Tischler am Mikro.

Ganz stark sind alle drei zusammen, wenn sie bekannte Klassiker neu interpretieren. Das ist flott, hat Drive, macht Stimmung, die sich auch sofort überträgt. „Rolling with the Tiger“ ist ein solches Stück, bei dem sich Michi und Mickey musikalisch fast schon duellieren. Der Mix aus „Eye of the Tiger“ von Survivor und Adeles „Rolling in the Deep“ ist ein echter Gute-Laune-Kracher.

Sowieso hat es die Atmosphäre im Freien den Musikern angetan. „Das können wir gern auch ohne Corona mal wiederholen“, meint Tischler. Kein Wunder: Nach einem heißen Sommertag ist der laue Abend wie geschaffen für fetzige Wohlfühlmusik des Damen-Duos, das mit Nico Gomez zum dröhnenden Dreier wird. Fast alle Songs performen sie als Trio, was diesen eine große Tiefe und viele Nuancen verleiht.

Da zusätzlich Johannes Zeiß von der Pop-Akademie Mannheim, aus Fürth stammend, an den Percussions mitwirkt, geht es teilweise zu neunt auf der Bühne ab. Mit „Stone cold sober“ und „Kiss on my List“, gesungen von Gitarrist Jens Reyer, findet die Hausband den optimalen Beginn, um gleich Stimmung in die mit dem nötigen Abstand postierte Menge zu bringen. Lange dauert es nicht, dann fangen die ersten Einzeltänzer an, sich zu den Klängen von oben zu bewegen. Kein Wunder, denn „Sweet Dreams“ oder „Treasure“ haben das optimale Potenzial dazu.

Ein Kracher ist „Message in a Bottle“ von Police, das Mediha Rustempasic auf ganz eigene Weise mit einem Reggae-Ausflug interpretiert. Ganz stark Anke Rible auf dem Saxofon, wenn sie den von Nico gesungenen Stücken „Adventure of a Lifetime“ und dem eigenen „Vorhang auf“ einen ganz neuen Dreh verleiht. Letzterer ist ein selbst geschriebener Song des Kölners mit Rap-Anklängen, der sich dabei von einem Spaziergang durch die Straßen seiner Heimat interpretieren ließ.

„Ride like the Wind“ von Christopher Cross ist nach der Pause der beste Evergreens, um viel Laune auf eine tolle zweite Halbzeit zu machen. Die Dämmerung bringt nun die professionelle Lightshow bestens zu Geltung. „Superstitious“ oder „No diggity“, von Nico Gomez gesungen, Billie Eilishs „Bad Guy“ oder Chaka Khans „Ain’t Nobody“ in der Interpretation von Mickey sind Stimmungskanonen, bei denen die Post abgeht.

Mit den fetzigen Saxofon-Solos begeistert Anke Rible (Lindenfels) ihre Fans. Es ist immer eine Wucht, welche Töne sie dem Instrument entlockt. Sie drückt damit etlichen Songs gerade aus dem Blues- oder Soul-Bereich ihren Stempel auf. Dazu unterstützt sie Michi Tischler als Background-Sängerin.

Gitarrist Jens Reyer (Erlenbach) zeigt ein ums andere Mal, dass er ein Meister auf den sechs Saiten ist. Er war in früheren Tagen mit den Bands „Headless“ (1994 bis 2002 mit Anke Rible) oder „Eightteam“ im Raum Bergstraße/Odenwald unterwegs. Der 46-Jährige begann mit 18 Gitarre zu spielen und nahm Unterricht bei Stefan (Ivan) Schäfer (Jazz Pistols). Reyer ist für die fetzigen Soli zuständig, mit denen er etliche Songs von „Another Livetime“ virtuos bereichert.

Bandgründer Thomas Klein am Schlagzeug und Keyboarder Axel „Aji“ Imhof (beide aus Michelstadt) machen mit Bassist Christoph Victor Kaiser (Heppenheim) die Rhythmus-Sektion komplett, die bei jedem Lied für den perfekten Sound sorgt. Sängerin und quasi Allrounderin in Diensten der Band ist Michi Tischler. Sie ist Dreh- und Angelpunkt von „Another Livetime“ und hat die Fäden in der Hand. Neben ihrer freiberuflichen künstlerischen Tätigkeit ist sie für die Organisatorin des gesamten Hausband-Abends verantwortlich.

Finanzspritze für die Voraushelfer

Die Finkenbacher Voraushelfer werden seit April wegen der Corona-Pandemie nicht mehr alarmiert. Umso mehr freute die sich zwölfköpfige Gruppe jetzt, eine Spende über 2500 Euro von der Krombacher Brauerei entgegennehmen zu dürfen. Denn die Ersthelfer bekommen keine Zuschüsse und müssen ihre Ausrüstung selbst finanzieren. Es gab in der Zwischenzeit laut Wolfgang Buchert einige Fälle im Ort, bei denen „unsere Hilfe sicher benötigt worden wäre“.

Die Hängepartie geht weiter. Während Feuerwehren inzwischen schon wieder in Kleingruppen üben dürfen, fehlt den Voraushelfern die Perspektive. Eine Info, „wie und wann wir wieder aktiv werden können, haben wir bisher keine“, so der stellvertretende Wehrführer. Mit der Spende können die Ehrenamtlichen nun immerhin daran gehen, ihre Ausrüstung weiter zu optimieren. Denn ein Set mit Tasche, Material und Kleidung kostet pro Person an die 500 Euro.

Außendienstmitarbeiter Thomas Gösmann kam mit dem Scheck der Brauerei im Odenwald vorbei.  Die Finkenbacher sind einer von jährlich 100 Spendenempfängern. Die Vorschläge kommen von Verbrauchern und den Institutionen selbst. Nach intensiver Sichtung und Prüfung überzeugten die Voraushelfer das Auswahlgremium durch ihre ehrenamtlichen Rettungseinsätze.

Seit 2018 überbrückt die Gruppe die Zeitspanne zwischen Alarmierung und Eintreffen des Rettungsdienstes. Insbesondere auf dem Land kann dies etwas länger dauern, sodass die Voraushelfer bereits vor dem Erscheinen der Sanitäter schon Erste Hilfe leisten. Die Weiterbildungskurse sowie die Ausstattung werden rein durch Spenden finanziert.

Die Voraushelfer leisten aber nicht nur medizinische Hilfe. Sie kümmern sich auch um Angehörige, bis deren Verwandte oder das Kriseninterventionsteam eingetroffen sind. „Uns kennt man im Ort“, hebt Buchert hervor. Die Betroffenen sehen im Notfall bekannte Gesichter, denen sie sich anvertrauen. „Es muss in die Köpfe der Leute, dass es uns gibt“, sagt er.

Ein tödlicher Motorradunfall im Sommer 2017 in der Raubach gab den Ausschlag: DRK-Mann Christian Niesen wurde aus dem Schwimmbad per Piepser heraus als Ersthelfer alarmiert, die Finkenbacher Feuerwehr kam dann an die Unfallstelle hinzu. Aus dem späteren Gespräch heraus entstand die Idee, unter dem Dach des DRK eine Voraushelfer-Gruppe aufzubauen, die überwiegend mit Feuerwehrleuten „bestückt“ ist. Damit soll gewährleistet werden, dass immer jemand vor Ort in Notfällen greifbar ist.

Info:

Voraushelfer-Gruppe Rothenberg-Finkenbach: Zwölf Aktive aus Feuerwehr und DRK

Im Notfall weiterhin die 112 wählen

Weitere Infos bei Wolfgang Buchert unter E-Mail wolfgang.buchert@freenet.de

Spenden sind möglich auf das Konto des DRK Rothenberg-Finkenbach unter dem Verwendungszweck Voraushelfer Feuerwehr Finkenbach, IBAN DE16 5085 1952 0031 0000 60.

Den Rasern Einhalt gebieten

Kaum eine Woche ohne tödliche Motorradunfälle. Vor kurzem unterhalb von Kortelshütte, dann bei Heiligkreuzsteinach und jetzt zwischen Schöllenbach und Hetzbach: In diesem Sommer ließen schon einige Menschen auf zwei Rädern ihr Leben. Oliver von Falkenburg (CDU) thematisierte die Unfallserie auf der vergangenen Stadtverordneten-Versammlung. Er wollte wissen, inwieweit Planungen laufen, um die Straßen sicherer zu machen.

Wie Bürgermeister Christian Kehrer entgegnete, befasst sich ein Arbeitskreis mit dem Thema. Ihm gehören an: die Bürgermeister von Mossautal, Brensbach, Höchst und Oberzent, die Straßenverkehrsbehörde des Odenwaldkreises und die hessische Polizei. Resultate waren laut Kehrer folgende Maßnahmen: verstärkte Polizeipräsenz, mehr Kontrollen, Zivilstreifen und Plakataktionen mit Beteiligung der Verkehrswacht.

Angestrebt wird die Bildung eines Netzwerkes mit anderen betroffenen Kommunen und Landkreisen. Außerdem laufen Gespräche mit der Initiative „Silent Rider“ gegen Motorradlärm. Mit dieser bundesweiten Initiative gegen unnötigen Motorradlärm soll ein Zusammenschluss aller betroffenen Akteure stattfinden, damit Kräfte gebündelt und Symbiosen geschaffen werden, um Veränderungen herbeizuführen. Sie geht von acht Eifel-Kommunen aus, denen sich bereits viele andere anschlossen.

Im vergangenen Jahr war im Rahmen der Biker-Präventionskampagne eine Schwerpunktaktion der Polizei auf der B 45 bei Beerfelden geplant, die aber wegen schlechten Wetters erst verschoben und dann abgesagt wurde. Es gibt weiterhin die Schilder in manchen Ortschaften, die auf Lärmbelästigung hinweisen. Außerdem war 2019 der südhessische Polizeipräsident Bernhard Lammel in der Bürgermeisterrunde zum Thema Motorradlärm zu Gast.

Von Falkenburg hält wenig von weiteren Straßensperrungen, weil sie eine Verdrängung auslösen. Die Biker wandern dann in andere Täler ab, wo sie noch fahren dürfen, befürchtet er. Für ihn sind ein härteres Durchgreifen und eine stärkere Sanktionierung die geeigneteren Mittel gegen Raser – wobei der CDU-Fraktionssprecher klar machte, dass es sich dabei nur um einen kleinen Teil der Motorradfahrer handelt.

Nachdem im vergangenen Jahr bei Rothenberg und Kortelshütte eine fast schon himmlische Ruhe herrschte, weil die Landesstraße saniert wurde, hat jetzt der Verkehr wieder stark zugenommen. Von Falkenburg bekommt aber nicht nur Rückmeldungen wegen Lärmbelästigung durch laute Bikes, sondern auch durch getunte Autos.

Er sprach daneben die frisch sanierte Mümlingtalstraße in Beerfelden an. Hier verzeichnete der Parlamentarier Nachfragen mit der Bitte um Einrichtung von zusätzlichen Zebrastreifen. Kehrer sagte die Nachfrage bei der Straßenbaubehörde Hessen Mobil zu. Er schränkte aber auch ein: „Bei Beginn der Planungen vor vielen Jahren wurde einiges versucht, aber vieles nicht als möglich deklariert.“

„Undercure“ machen den Originalen alle Ehre

„Heute treten wir das erste Mal im Hellen auf“, scherzt Sänger Holder Schwinn. Ziemlich ungewohnt für die Odenwälder Mannen von „Undercure“, die der legendären britischen Pop-/Rock-/Wave-/Gothic-Band The Cure huldigen. Denn ihr „regulärer“ Termin ist immer am Karfreitag im Hüttenwerk Michelstadt. Der fiel dieses Jahr wegen Corona aus. Dann eben Open-Air auf der Kulturbühne davor: Die Fans dankten es dem Quintett, das in bewährter Manier die Klassiker hoch und runter spielte.

Allzu oft ist die Band nicht auf den Konzertbühnen zu sehen. Das hat zum einen mit den Berufen zu tun: Bassist Jens Weimar ist oft im Ausland unterwegs, Bruder Dirk am Keyboard nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Gitarrist Markus Fabian hat vielfältige andere musikalische Verpflichtungen, etwa mit „Betty and the Daltons“, „Herr Fabian“ oder „Bob ist dein Onkel“. Holger Schwinn spielt darüber hinaus noch Theater.

Es gibt aber Traditionsevents. Wie im Hüttenwerk, wo die Band das 14. Mal auftrat. Oder beim Wave Gothic in Leipzig. Frankfurt, Hannover, Mannheim: Die Odenwälder kommen mit ihrer Reminiszenz an die Briten weit rum. Und haben ihre Fans auch weit verstreut, wie sich an den Autokennzeichen zeigt. „Wir wollen uns aber auch nicht überspielen“, betont Drummer Heiko Birkenstock.

Der Band ging es wie vielen anderen: Viele Monate war tote Hose. Da zu Jahresbeginn sowieso nichts anstand, bedeutete der Auftritt in Michelstadt der erste überhaupt in diesem Jahr. Was natürlich noch mehr Freude verhieß, den vor heimischem Publikum zu absolvieren. Als Gast war Mario Schuck dabei, der auf dem Keyboard einige Stücke anstimmte. Denn eigentlich wäre Dirk am Karfreitag nicht verfügbar gewesen und Mario wurde „eingearbeitet“. Dann fiel das Konzert aus – aber der Ersatzmann sollte natürlich nicht um seinen Einsatz kommen.

„Wir leben nicht davon, sondern dafür“: Birkenstock bringt es auf den Punkt, warum die Odenwälder Coverband „Undercure“ einen solchen Kultstatus genießt. „Wir kommen authentisch rüber“, erläutert der Schlagzeuger, denn die Bandmitglieder sind mit den Songs aufgewachsen und wurden vom New Wave der 80er Jahre geprägt. „Das ist unheimlich zeitlos“, betont er.

Das Konzert im Hüttenwerk „ist ein bisschen wie ein Familientreffen“, weiß Birkenstock. „Uns verbindet alle auch eine Freundschaft und nicht nur die Musik“, nennt er ein weiteres Geheimnis des Erfolgs. Auch wenn sie nicht so oft proben und auftreten können, „gibt es ein blindes Verständnis zwischen uns“. Birkenstock zählt am Schlagzeug den Takt an „und wir legen sofort los“. Das gemeinsame Musizieren ist locker, macht Spaß.

Er spricht von einem „Flow“, der auf der Bühne auch spürbar ist, wenn sich Jens Weimar und Markus Fabian musikalisch beharken. „Kein Lied hat uns je gelangweilt“, sagt der Schlagzeuger. Wenn Holger singt, „könnte da Robert Smith auf der Bühne stehen“, meint er. Und ist sich mit dem Publikum einig: „Die fühlen genauso.“ Was die Konzerte wie auch jetzt immer sehr gut besucht macht. Und für ein „tolles Feedback“ sorgt.

Den Bandmitgliedern geht es nicht darum, nur die Akkorde und Texte wiederzugeben, sondern bei aller musikalischen Detailtreue den Geist der Songs auferstehen zu lassen und aufs Publikum zu übertragen. Schwinn mit seiner hellen Stimme, die schon Richtung Falsett geht, schmaler Gestalt, schwarzen Klamotten, extrem rot geschminkten Lippen, toupierten Haaren und dem geschminkten Gesicht gibt den Smith par excellence. Er weiß die Musik, die grenzenlose Melancholie und die Atmosphäre der Kult-Formation ansprechend in Szene zu setzen.

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Hits The Cure geschrieben haben, die man irgendwo alle schon einmal gehört hat. „Undercure“ spielt die eingängigeren, bekannteren Songs vor allem im zweiten Set. „Pictures of You“, „Boys don’t cry“,  oder „Lovecats“ sind solche unvergesslichen Stücke aus den vergangenen 40 Jahren. „Friday I’m in love“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ gehören ebenfalls zum vielbeklatschten Set.