Auf der Spur eines „sehr gefährlichen Subjects“

Wild-West im Odenwald. 1838 gab es eine Großfahndung nach dem „sehr gefährlichen Subject“ Jean Baptist Rieger. Der war beim Ulfner (Olfener) Bild „den begleitenden Gensdarmen entsprungen, obwohl er geschlossen (also gefesselt) war“, berichtet das Heppenheimer Kreiswochenblatt am 22. August des betreffenden Jahres. Der Landkreis Erbach gehörte wie auch der Kreis Heppenheim damals zur Provinz Starkenburg, in der nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 die hessischen Gebiete östlich des Rheins und südlich des Mains zusammengefasst wurden.

34 Jahre ist der Waidpflanzer (dabei handelt es sich um eine Färbepflanze) aus Wasselonne im Elsass alt, als er die öffentliche Sicherheit im Großherzogtum Hessen bedroht. Seine „Entweichung“ mobilisiert die „Gensdarmerie des Kreises“ samt den Bürgermeistern. Auf dem Weg zwischen Fürth und Beerfelden, wo er augenscheinlich vor Gericht sollte, machte sich der Betreffende aus dem Staub. Über die näheren Umstände schweigt sich die Nachricht aus. Der entsprechende Bildstock befindet sich etwa auf halber Strecke zwischen Olfen und Güttersbach.

Vom „Kreisrath“ werden die Häscher beauftragt, „schleunigst und eifrigst auf denselben zu invigilieren, ihn … geschloßen und wohlbewahrt am Gr. Landgericht Freienstein  zu Beerfelden oder hieher abzuliefern und mir davon Anzeige zu machen“. Die Beschreibung ist sehr detailliert. Rieger trug zu dieser Zeit einen dunkelblauen Stutzer, alte dunkelblaue tuchene Beinkleider, eine blautuchene Schildkappe mit herabhängendem Deckel, gestreifte Weste mit gelbem Grund, roth und gelb gedrucktes Halstuch mit Knoten angeknüpft sowie Stiefel. Und das mitten im August.

Auch der Rest von Riegers einschlägigen Merkmalen ist mangels Fotografie sehr genau beobachtet. Als 7‘ 2 ½ Zoll wird seine Größe beschrieben, was über 1,80 Meter gewesen sein dürfte. Er hatte dunkelbraune Haare, eine „bedeckte“ Stirn, dunkelbraune Augenbrauen und Bart sowie dunkle Augen. Dazu kamen „gewöhnliche“ Maße, ein „mittelmäßiger“ Mund, rundes Kinn, ein „längliches Angesicht“ und eine frische Gesichtsfarbe.

Wie viele der Odenwälder Bildstöcke steht auch das „Olfener Bild“ an einem historischen Wallfahrtsweg nach Walldürn, weiß die einschlägige Literatur. Somit dürfte sich an dieser Stelle 1838 wie auch heute ein Rastplatz befunden haben, an dem der Tross, von Fürth kommend, nach den etlichen Odenwald-Hügeln pausierte.

Der Flucht-Bildstock gilt als einer der einfachsten und altertümlichsten nahe des alten Wegs von Olfen nach Güttersbach. Mit Sockel ist er knapp drei Meter hoch. Von Hexen und sonstigem Spuk erzählt an dieser Stelle der Volksmund. Für Olfen dürfte der Hinweis auf Hexen ohne Zweifel nicht ursprünglich, sondern wohl nachträglich und recht spät sein, meint Friedrich Mößinger in seinem 1962 erschienen Buch „Bildstöcke im Odenwald“.

„Es fällt das weg, was wir gerne machen“

Es ist einfach alles weggebrochen. Die Veranstaltungen, die Gastronomie, die Vermietungen im Hüttenwerk Michelstadt. Dazu die Beschickung von Volksfesten, Kerwen und Open-Air-Events mit Licht- und Tontechnik der Firma von Achim Tischer. Und darüber hinaus die musikalischen Engagements von Michi Tischler, unter anderem bei Hochzeiten. „Seit 14. März läuft bei uns beiden gar nichts mehr“, erzählt der Hüttenwerk-Betreiber. Er ist froh, bisher gut gewirtschaftet zu haben, um nicht sofort vor dem Nichts zu stehen.

Zwei Konzerte in der Woche, private Feste, Firmenfeiern, oder Bank-Motivationsveranstaltungen: Der Saal war bis zum Sommer gut gebucht. Jetzt hat Achim Tischler genau noch einen Auftrag abzuarbeiten und das war’s dann: In Mörlenbach-Weiher montiert er in der Sporthalle eine Traverse, damit die örtliche Theatergruppe dort einen Scheinwerfer aufhängen lassen kann.

Eine gewisse Zeit kann sich der 59-Jährige noch über Wasser halten. „Zum Glück habe ich nicht so hohe Verbindlichkeiten, dass mir alles um die Ohren fliegt“, sagt er. Aber es ist für ihn klar, dass er staatliche Zuschüsse beantragen wird. „Geld ist das einzige, was hilft“, sieht er dazu keine Alternative. Und das am besten nicht zurückzahlbar. „Um ein Darlehen aufzunehmen, brauche ich den Staat nicht“, bringt er es auf den Punkt.

Tischer sieht im Shutdown nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe für die Kulturmacher, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung. „Es fällt das weg, was wir gerne machen“, erzählt er. Denn der Hüttenwerk-Betreiber, selbst Hobby-Musiker, vermisst Gäste und Personal. „Mein Herz hängt an dem Laden“, betont er. Für seine festangestellten Mitarbeiter hat Achim Tischler bereits Kurzarbeit beantragt.

Freitags fand Mitte März im Hüttenwerk noch ein Clubkonzert statt, der Samstag wurde bereits abgesagt. Michi Tischler trat dienstags bei einer Tagungsveranstaltung auf, der Freitag wurde gecancelt. „Das kam von jetzt auf nachher“, berichtet Tischler. Er hatte bereits etliche Jobs für Ton- und Lichttechnik bei Veranstaltungen in der kommenden Wochen.

Während die 47-Jährige nun als Produktionshelferin bei einem Industriedienstleister arbeitet, kümmert er sich ums große Gelände. „Wir machen Lagerarbeiten und räumen auf“, berichtet er. „Da ist immer was zu tun.“ Die Tischlers sind da gleich gestrickt, schmunzelt er: Wenn eine Sache nicht läuft, wird was anderes gesucht. „Wir müssen ja essen.“

Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. „Wir müssen da halt durch, damit es weitergeht“, hebt er hervor. Sollte allerdings die Sommersaison inklusive Bienen- und Wiesenmarkt wegfallen, „dann wird es ganz eng“, weiß er. Denn sowohl in Erbach als auch in Michelstadt ist er gleich an mehreren Stellen eingebunden. Dazu noch die Freilichtbühne Bad König, das Finkenbach-Festival, ganz zu schweigen vom eigenen Hoffest an Christi Himmelfahrt, „das noch in den Sternen steht“ – seine Sorgenfalten werden tiefer.

Der Hüttenwerker hofft darauf, dass ab dem 20. April das öffentliche Leben wieder hochgefahren wird – quasi in ähnlicher Form, wie es runtergefahren wurde, nur rückwärts. Wenn kleinere Veranstaltungen dann wieder möglich wären, könnte man peu à peu freitags wieder starten, spekuliert er. Denn die Kosten auf den 1000 Quadratmetern des Komplexes laufen natürlich weiter.

Etliche Musiker, die im Hüttenwerk auftreten, haben nebenher noch einen festen Job, weiß er von Unterhaltungen. Andererseits gibt es wiederum auch sehr viele, „die nur Musik machen“ und dringend darauf angewiesen sind, dass sie wieder auftreten dürfen. Nicht mal mehr Musikunterricht ist möglich – ein zweites Standbein von einigen Künstlern.

„Die Leute drehen alle hohl“, hat Achim Tischler beobachtet. Leider werde nur noch mantraartig die Losung runtergebetet, dass alle zu Hause bleiben sollen. „Über andere Meinungen wird nicht geredet“, wünscht er sich eine differenziertere Betrachtung der Situation.

 

Einkaufsservice für die Bürger im Finkenbachtal

Wenn das Leben nicht seinen geregelten Gang geht, Corona-Chaos herrscht und manche Menschen in Not geraten, dann steht die Dorfgemeinschaft ihren Mann. Auf dem Land ist man eben füreinander da. Die Ortsbeiräte aus Ober-Hainbrunn, Falken-Gesäß, Finkenbach, Hinterbach und Raubach haben sich in diesem Sinne zusammengetan und einen Einkaufsservice für die Bürger auf die Beine gestellt.

„In der aktuellen Situation sind Mitmenschen auf unsere Hilfe angewiesen“, betont der Finkenbacher Ortsvorsteher Christian Niesen. Denn die Corona-Pandemie schränkt zunehmend den Alltag der Leute ein. Es gibt seines Wissens zahlreiche Personen, die kein Auto besitzen. Dazu kommen auch Ältere und Personen mit Vorerkrankungen, die es aktuell meiden sollten, in die Öffentlichkeit zu gehen. „Mit unserem Einkaufservice wollen wir aus Solidarität in Zeiten der Corona-Pandemie genau diese gefährdeten Gruppen unterstützen“, erläutert Niesen.

Die Idee zur Hilfsaktion hatte der Finkenbacher Ortsbeirat Patrick Löffler. „Wir sollten das nicht allein machen, sondern das gesamte Tal mitnehmen“, war der Tenor im Oberzent-Stadtteil. Deshalb wurden kurzfristig die Ortsbeiräte in Falken-Gesäß und Ober-Hainbrunn abgefragt, ob sie dabei sind. Das Ja, mitgeteilt über die Ortsvorsteher Stefan Hofmann (Ober-Hainbrunn) und Manuel Schwinn (Falken-Gesäß), war nur Formsache.

„Wer Hilfe beim Einkaufen benötigt, wendet sich bitte an unsere Koordination“, schildert Niesen das Vorgehen. Er besprach übers Wochenende einen Anrufbeantworter, der ab sofort unter Telefon 06068/478016 erreichbar ist. Dort können die Bürger ihren Namen und ihre Nummer hinterlassen. „Sie werden dann zurückgerufen und die Bestellung wird aufgenommen“, sagt Niesen.

Die eingegangenen Einkaufswünsche werden danach an die zuständigen Ortsvorsteher weitergeleitet, die regional ihren Einkaufsservice koordinieren, erklärt der Finkenbacher. „So besteht für jeden die Möglichkeit, sich mit neuen Lebensmitteln einzudecken.“ Doch nur mit dem Einkaufen ist es nicht getan. „Wir wollen auch abfragen, ob die Leute einsam sind und vielleicht ein erhöhter Kommunikationsbedarf besteht“, erläutert er die Beweggründe.

Sollte sich das herausstellen oder sich ein Gespräch Richtung Seelsorge entwickeln, dann wird mit Einverständnis der Anrufer ihr Kontakt an die Stadt Oberzent weitergegeben. Dort ist ebenfalls eine Hotline unter 06068/7590-999 geschaltet. Diese ist montags bis freitags von 8 Uhr bis 18 Uhr besetzt. In Absprache mit der Generationenhilfe „werden wir in unserer Stadt niemanden alleine lassen“, verspricht Bürgermeister Christian Kehrer.

Die drei Ortsbeiräte „wollen die Bürger im Tal absichern“, so Niesen. Senioren, die in Zeiten der Krise von zuhause nicht wegkommen, sollen versorgt werden. In einem ersten Schritt will man den Bedarf ermitteln, so der Ortvorsteher. Je nach Resonanz werden die Einkäufe erledigt. Sollte viel reinkommen, dann wird es extra Touren geben, wenn es nur vereinzelte Anrufe gibt, dann laufen diese Einkäufe bei den etatmäßigen Besorgungen mit, die sowieso immer mal anstehen.

 

Einkaufs-Hotline der Orte Ober-Hainbrunn, Falken-Gesäß, Finkenbach, Hinterbach und Raubach mit Anrufbeantworter: 06068/478016

Getränkebestellungen ab einer Kiste übernimmt der Heimlieferdienst der Firma Gerd Koch in Ober-Hainbrunn, Telefon 06275/619. Liefertermin immer mittwochs.

Hotline der Stadt Oberzent: 06068/7590-999

 

Bürgerinitiative will den windigen Wahnsinn stoppen

„Lasst uns gemeinsam diesen Wahnsinn stoppen“, macht die Bürgerinitiative (BI) „Pro Natur“ in Rothenberg deutlich. Sie richtet sich damit gegen Planungen eines Windkraft-Projektierers, der auf der Hirschhorner Höhe 13 Rotoren errichten möchte. Eigentlich war für dieses Wochenende eine Info-Veranstaltung geplant, die aber coronabedingt ausfallen musste. „In diesem Schwachwindgebiet bringen Windenenergieanlagen (WEA) keinen Ertrag“, machen die Gegner klar.

Schon Ende Januar hatten die Rothenberger mit Unterstützung weiterer BI verdeutlicht, wie wenig sie von Windrädern auf dem Höhenzug halten. „Wir nehmen Klimaschutz sehr ernst. Und wir sind für die Nutzung der regenerativen Energien“, sagen die Aktiven. Um hinzuzufügen: „Aber nur dort, wo es wirklich Sinn macht.“ Wie 13 Rotoren aussehen, können die Rothenberger schon jetzt „bewundern“: auf den gegenüber liegenden Hängen von Greiner Eck, Stillfüssel und Kahlberg.

Die Versuche von Windkraftprojektierern Anfang des Jahres, benötigte Flächen für ihr Vorhaben zu pachten, schreckte die Bürger des Höhendorfs auf. Im „Hirsch“ fand Mitte Januar eine Art „Kick-off-Veranstaltung“ statt, aus der sich die BI entwickelte. Die führte dann Anfang März einen Filmabend mit dem Streifen „End of Landschaft“ durch, „wobei wir bis zu 30 weitere Mitstreiter gewonnen haben“, freut sich Claus Weyrauch. „Weitere Aktive sind natürlich gern willkommen“, betont er.

„Uns geht es zuallererst darum, zur Aufklärung der Bevölkerung beizutragen“, erläutert Susanne Weyrauch. In diesem Sinne war auch der jetzige Infonachmittag in der Sporthalle geplant, zu dem sich Prof. Christian-Friedrich Vahl von der Uni Mainz und Geograph Richard Leiner aus Heidelberg angesagt hatten.

Der Herzspezialist Vahl, gleichzeitig Besitzer eines Ferienhauses im Höhenort, wollte zum Thema „Infraschall – Störsender fürs Herz“ referieren. Er ist Leiter der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Seit drei Jahren forscht Vahl mit seiner Arbeitsgruppe „Infraschall“ zu dessen Auswirkungen auf menschliche Organe.

Leiners Thema lautet „Windkraft im Naturpark: Was bedeutet der Regionalplan für den Odenwald?“ Er ist gleichzeitig Sprecher der Initiative „Rettet den Odenwald“. Die Veranstaltung soll zu gegebener Zeit nachgeholt werden, versichert Claus Weyrauch. Er rechnet damit, dass die Projektierer bald wieder ihre Arbeit aufnehmen werden, nachdem ein erster Termin zur Grundstücksakquise abgesagt worden war.

Vor kurzem gab es eine BI-Wanderung durch das betreffende Gebiet, um in Augenschein zu nehmen, welche Fauna und Flora dort vorhanden ist. Zum einen geht es um den Natur- und Baumbestand, zum anderen um das Vorkommen von geschützten Arten. „Für eine lebenswerte Umgebung, für unsere Gesundheit, für den Natur- und Artenschutz“, beschreibt die BI denn auch ihre Zielrichtung.

Am Demonstrationszug quer durch den Ort hatten sich Ende Januar etwa 300 Menschen beteiligt. „Wir erfahren sehr viel Zuspruch von anderen Bürgerinitiativen aus Breuberg, Siedelsbrunn und dem Ulfenbachtal“, berichtet Susanne Weyrauch. Das Anliegen der BI: „Wir wollen die Rothenberger gut informieren, damit sie sich ein eigenes Urteil bilden können.“

Nach Meinung der BI bringen Windräder im „Schwachwindgebiet Odenwald“ keinen Ertrag. Sie würden nur gebaut, um 20 Jahre lang die staatlichen Subventionen abzuschöpfen. „Diesen Subventionsmissbrauch einzelner Konzerne bezahlen wir mit unseren Steuern und einem der höchsten Strompreise in Europa“, mahnen die Aktivisten.

Sie lehnen ganz entschieden die Opferung eines der letzten Naturparadiese in Deutschland zugunsten dieser „für die Allgemeinheit sinnlosen Praxis ab“. Dazu kommt ihrer Meinung nach ein Verfall der Immobilienpreise in der Nähe von WEA. Und wenn die Betreiberfirma Pleite geht, bleiben die Verpächter auf den Rückbaukosten sitzen. „Wehret den Anfängen“, lautet deshalb die Botschaft.

 

Kontakt zur BI „Pro Natur“: Susanne Weyrauch, Telefon 01511-7379793, oder Andreas Ihrig, Telefon 01525-3862359.

 

 

Lenn bekommt jetzt eine ganz, ganz harte Chemo

„Es wird ein langer und steiniger Weg, aber wir haben die Hoffnung, dass Lenn wieder ganz gesund wird“, sagt Jana Morr optimistisch. Der Dreijährige ist an Leukämie erkrankt, was schon in „normalen Zeiten“ eine niederschmetternde Diagnose wäre. Während der Corona-Pandemie ist aber alles nochmal viel heftiger. Nicht nur die Gesundheit ihres Sohnes treibt die 29-jährige Odenwälderin aus dem Oberzent-Stadtteil Rothenberg um, sondern die Familie sieht auch ihre Existenz gefährdet. Lenn hat noch einen kleinen Bruder, Milo, gerade einmal zehn Monate alt.

Die niederschmetternde Diagnose kam Anfang Dezember. Eigentlich gab es nur ganz wenige Vorzeichen, erzählt Jana Morr. Lenn hatte ein paar blaue Flecken, die über Nacht mehr wurden. Ihr Mann Alexander fuhr vorsichthalber in die Kinderklinik, um alles abzuchecken. Dort wurde dem 35-Jährigen nach eingehender Untersuchung mitgeteilt, dass es sich höchstwahrscheinlich um Leukämie handelt. Der Verdacht bestätigte sich nach der Verlegung in die Onkologie leider schnell.

Nicht genug damit, erzählt die junge Frau: Der Dreijährige leidet unter einer sehr seltenen Form der Krankheit, bei der sich der richtige Behandlungsweg erst nach und nach zeigt. Lenn wurde stationär aufgenommen und bekam eine Chemotherapie. „Silvester durfte er das erste Mal wieder nach Hause“, erinnert sich seine Mutter. Doch ein paar Tage später bekam das Kind Fieber und musste wieder ins Krankenhaus.

An eine geregelte Arbeit war bei Alexander Morr nicht mehr zu denken. Wenn Lenn in der Klinik bleiben musste, übernachtete sein Vater bei ihm. Und wenn er zuhause war, gab es jeden zweiten Tag einen Krankenhaus-Termin. In den vergangenen Wochen durfte der Dreijährige viel Zeit in Rothenberg verbringen. „Er versteht nicht, warum er nicht mit anderen Kindern spielen durfte“, sagt seine Mutter. Denn vor dem Haus ist ein Spielplatz. Aber nach der Chemo „hat er so gut wie kein Immunsystem“, weiß sie. Inzwischen ist coronabedingt sowieso alles gesperrt.

Die Pandemie erschwert jetzt alles um ein Vielfaches. „Wir gehen nicht mehr raus, auch nicht zum Einkaufen“, sagt Jana Morr. Die Familie verlässt das Haus nur noch, um ins Krankenhaus zu fahren. Seitdem das aber seine Vorschriften verschärft hat, darf nur noch ein Elternteil mit zur Untersuchung und dort bleiben. „Der andere darf nicht einmal zu Besuch kommen“, bedauert Morr.

Das wird ab dieser Woche für Lenn und seine Eltern besonders hart. „Er bekommt dann eine ganz, ganz harte Chemo“, meint seine Mutter sorgenvoll. Der Dreijährige gilt als Hochrisikopatient. In sechs Tagen erwarten ihn 14 Behandlungen, dann sind zwei Wochen Pause. Das Ganze wiederholt sich noch zwei Mal.

Was ihr Hoffnung macht: Nach der ersten Therapie wurde eine Remission erreicht. Die Krebszellen breiteten sich nicht weiter aus. Jetzt geht es darum, sie nicht nur schlafen zu legen, sondern auch abzutöten. Erst am Ende dieser Behandlung, die mindestens noch das ganze Jahr dauert, wird klar sein, ob ihr Sohn eine Dauertherapie oder zusätzlich eine Stammzellenspende braucht.

„Lenn verpackt es recht gut“, beobachtet die 29-Jährige. Kinder haben eben die meiste Kraft, meint sie. Allerdings gibt es auch Phasen, „da liegt er nur lethargisch im Bett“. In den vergangenen Wochen, als sich die Familie viel zuhause aufhielt, „war er lebensfroh und ist viel draußen rumgerannt“, berichtet sie. „Die Chemo steckt er relativ gut weg“, weiß Morr.

Durch den Wegfall des Einkommens – da Alexander Morr bei seiner Firma freigestellt ist – und bald auch des Elterngeldes kommen auf die vierköpfige Familie existenzielle Sorgen zu. Der Arbeitgeber des 35-Jährigen meldet durch die Wirtschaftskrise außerdem Kurzarbeit an, was noch einmal das zur Verfügung stehende Geld vermindert.

„Wir sind sehr gerührt, dass so viele Leute Anteil nehmen und uns unterstützen wollen“, freut sich Jana Morr deshalb. Der Spendenaufruf der Generationshilfe ging innerhalb kürzester Zeit auf WhatsApp viral. „Damit hätten wir niemals gerechnet“, spricht sie allen ihren großen Dank aus. Ohne die Unterstützung von Familien und Freunden wäre das alles nicht zu schaffen.

Info: Es gibt einen Spendenaufruf der Generationenhilfe Oberzent für die Familie Morr. Zuwendungen können auf das Konto DE12 5085 1952 0030 0120 90 der Generationenhilfe überwiesen werden. In den Betreff bitte angeben: „Spende Lenn“ und die eigene Anschrift, damit eine Spendenbescheinigung zugestellt werden kann. Ohne Bescheinigung geht es formlos über PayPal mit der Adresse spende.lenn@web.de oder PayPal.Me/spendelenn.

Landwirtschaft sorgt für Artenvielfalt im Odenwald

Dass Landwirtschaft und Naturschutz gemeinsam für Artenvielfalt sorgen können, darum ging es bei einem Termin „vor Corona“ in Hirschhorn. Rund 20 Landwirte aus der Region trafen sich auf Einladung des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt mit der dort angesiedelten Oberen Naturschutzbehörde, dem Forstamt Beerfelden und den Ämtern für Landwirtschaft Bergstraße und Odenwaldkreis zu einer Gebietskonferenz.

Henriette Wache vom RP Darmstadt und Karsten Böger vom Büro Naturplan informierten über das Natura-2000-Schutzgebiet „Odenwald bei Hirschhorn“. Dort seien noch erfreulich viele artenreiche und buntblühende Wiesen anzutreffen, wie sie andernorts im Odenwald bereits sehr selten sind. Diese Wiesen werden von den an der Veranstaltung teilnehmenden Landwirten überwiegend im Nebenerwerb gemäht oder beweidet.

Gudrun Kranhold vom Forstamt Beerfelden, die das Schutzgebiet im Auftrag des RP betreut, berichtete von ihren Pflegemaßnahmen. Ziel sei, möglichst viele Flächen in landwirtschaftlicher Nutzung zu halten und sie auf brachgefallenen Flächen wiederaufzunehmen. Nach der Entbuschung werden die Wiesen dann von den Landwirtinnen und Landwirten weiterbewirtschaftet.

Bei der Diskussion zeigte sich, dass vielfältige Hindernisse bei der Grünland-Bewirtschaftung bestehen. Dazu zählen steile Hänge, Giftpflanzen, aber auch die Vorgaben für Düngung und Mahd und die geringe finanzielle Entlohnung für die Erhaltung des Grünlandes. Die Jagd auf Wildschweine, die große Schäden anrichten und den Landwirten erhebliche zusätzliche Arbeit machen, müsste aus Sicht von Landwirtschaft und Naturschutz verstärkt und vereinfacht werden.

„Dank des Engagements der örtlichen Landwirtschaft ist das Natura-2000-Gebiet mit seinen artenreichen, bunten Wiesen ein Vorbild für eine naturgerechte Landwirtschaft“, so Henriette Wache. Diese habe jedoch nur eine Zukunft, so die einhellige Auffassung der Anwesenden, wenn diese Leistungen auskömmlich bezahlt werden.

Naturschutzgebiete und Nationalparks stehen aufgrund nationaler Bestimmungen unter Schutz. Natura 2000 ist ein europäisches Gebietsnetz, das europaweit bedeutsame Lebensräume, Tiere, Pflanzen und die biologische Vielfalt schützt. Mehr Informationen zu diesem Thema gibt es auf der Internetseite des Regierungspräsidiums unter https://rp-darmstadt.hessen.de/umwelt/naturschutz

Oberzent-Farbenzwerge sind in Deutschland spitze

Die Kleintierzucht liegt Walter Braner in den Genen. Sein Opa war 1916 Mitbegründer des später unter den Nazis aufgelösten Kaninchenzuchtvereins Hirschhorn. Den damaligen, 94 Jahre alten Wimpel, hält der Enkel in Ehren. Der Vater züchtete Kaninchen und Geflügel beim Kleintierzuchtverein Eberbach und war 1966 Gründungsvorsitzender in Hirschhorn. Walter Braner schließlich blickt bereits auf eine 61-jährige Züchterkarriere zurück, die er gerade vor kurzem wieder mit einem deutschen Meistertitel krönte.

Farbenzwerge thüringerfarbig nennen sich die possierlichen Kaninchen, denen sich der gebürtige Hirschhorner und heutige Finkenbacher seit 2005 widmet. Thüringer und Weißgrannen waren es zuvor, nachdem Braner, beeinflusst durch den Vater, 1959 Mitglied im Kleintierzuchtverein C 248 Eberbach wurde. 1966 war er mit Gerhard Ahlers Gründungsmitglied beim Kleintierzuchtverein C 227 Hirschhorn, der wie die anderen Vereine in der eigentlich hessischen Stadt im Badischen organisiert ist.

Der von 1975 bis 1998 andauernden Züchterpause aus beruflichen und familiären Gründen schloss sich 1999 der Wiedereinstieg in Hirschhorn an. Seitdem ist er Züchter und Kassierer. Der Oberzent-Stadtrat ist als Aussteller auf örtlichen Jungtier- und Lokalschauen, auf allen Landesschauen in Baden und den meisten Bundesschauen aktiv.

Seine Tiere sind oberhalb des Hauses untergebracht. „Die mögen alles außer Zucchini und Gurken“, weiß der Züchter aus Erfahrung. Vor die Gitter der Ställe hat er auf einer Seite Sperrholzbretter dagegen genagelt, damit die Tiere einen Schutz haben, wenn der Marder vorbeischauen sollte. „Sonst werden die absolut panisch und verletzen sich“, erzählt er.

Kleintierzüchter sind heutzutage eine aussterbende Spezies. In früheren (Hoch-)Zeiten waren es in Hirschhorn um die 20 Aktive, heute gerade noch drei oder vier. Die Lokalschau ist deshalb nicht mehr durchführbar, das Vereinsheim soll demnächst an die HCV-Fastnachter verkauft werden. Braner bedauert das alles sehr.

Seine Farbenzwerge werden erst seit den 1960er Jahren gezüchtet, erläutert er. Denn vorher widmete man sich den Tieren, „um was für die Pfanne zu haben“. Dieser Aspekt ging jedoch in den vergangenen Jahren stark zurück. So entstand quasi von allen Kaninchenrassen im Laufe der Zeit eine Zwergvariante. Deren Anteil auf den Ausstellungen wird immer größer.

Nicht nur väterlicherseits ist ihm die Beschäftigung mit den Tieren in die Wiege gelegt. Braners Mutter stammt von einem Bauernhof in Kocherbach, wo es natürlich auch an allen Ecken wuselte. „Die Bienentradition hat ein Cousin in Heiligkreuzsteinach übernommen“, schmunzelt er. Für den begeisterten Züchter war es selbstverständlich, nach der Pause wieder einzusteigen. „Der Reiz war immer groß“, sagt er. Züchterisch zu experimentieren und auf Ausstellungen zu gehen macht ihm Spaß.

Es gibt 64 verschiedene Kaninchen-Grundrassen mit vielen Farbausprägungen, weiß der Fachmann. Allein von den Farbenzwergen existieren 54 Farbschattierungen. Seit Braner 2011 von der allgemeinen In die Herdbuch-Abteilung wechselte, ist er damit fast ein Exot. 28.000 Tiere wurden auf der 34. Bundeskaninchenschau in Karlsruhe ausgestellt, gerade mal 60 in seiner Klasse. Die Schau-Vorbereitung nimmt einige Zeit in Anspruch, denn die Kaninchen gilt es ganz genau anzuschauen. Dienstag werden die Tiere hingebracht, Mittwoch und Donnerstag begutachtet, ehe dann die Käufer aus vielen europäischen Ländern kommen.

Aktuell hat der Finkenbacher 14 junge und 14 ältere Tiere hinterm Haus. Es können dann je nach Nachwuchs bis zu 40 werden. Herdbuch bedeutet dann, dass es zwar weniger „Mitbewerber“, aber strengere Vorschriften gibt, was die Sammlung angeht. Braner muss acht statt vier Tiere melden, die alle vom gleichen Vater abstammen. Sein alter Stammrammler „deckt neun verschiedene Häsinnen“, erläutert er. Der ist bestimmt Vater von 20 Würfen, schätzt der Züchter.

 

 

Werden die Kaninchen nicht bei der Ausstellung gekauft, dann können sich die Käufer die Tiere auch per Spedition schicken lassen. Bis Anfang der 1970er Jahre, erinnert sich Walter Braner, gab es für die Versendung noch eine andere Methode: Da ging der Züchter mit einer Apfelsinenkiste und dem tierischen Inhalt an den Hirschhorner Bahnhof, von wo aus sich der Vierbeiner dann als Expressgut auf den Weg zum neuen Besitzer machte. Das Ganze per Nachnahme, was für den Verschicker eine große Sicherheit bedeutete.