Iron Maiden in völlig anderem Gewand

Den Alexx Stahl hätten sie gleich zu Beginn an die Mikros lassen sollen. Der etatmäßige Bonfire-Sänger aus Worms haucht als „Special Guest“ den akustischen Iron-Maiden-Interpretationen im Mannheimer 7er-Club genau die Power ein, die Jeroen Voogd bei „Maiden UniteD“ manchmal etwas abgeht. Etwas blass wirkt der Tour-Sänger beim Konzert im gut gefüllten Saal, auch wenn er stimmlich dem Original Bruce Dickinson näher kommt als Stahl.

Der hat aber einen großen Vorteil: seine spürbare Bühnenpräsenz. Die, zusammen mit seinem raumfüllenden, wandlungsfähigen Organ, lassen „Back in the Village“ und „Die with your Boots on“ zum krönenden Abschluss eines besonderen Events werden. Denn die niederländische Band covert nicht die britischen Heavy-Metal-Heroen. Sie arrangiert vielmehr die Songs neu, steckt sie in ein völlig anderes Gewand – und das auch noch akustisch.

Die fixe Idee von Bassist Joey Bruers, 2006 ausgebrütet, zündet auch noch nach 14 Jahren. Kein Wunder, dass bereits etliche bekannte Köpfe bei dem Projekt mitwirkten, unter anderem mit Paul di Anno und Dennis Strutton zwei ehemalige Iron-Maiden-Mitglieder. Damian Wilson (Ayreon) sowie Gitarrist Ruud Jolie und Schlagzeuger Mike Coolen (beide Within Temptation) gaben der Gruppe längere Zeit internationalen Glanz.

In den 7er Club kam allerdings nun eine eher unbekannte Truppe, ohne deren musikalische Leistung schmälern zu wollen. Daan Janzing (Gitarre) und Polle van Genechten (Klavier) dürften eher Eingeweihten bekannt sein. Schlagzeuger Fab Regmann von den Prog-Rockern „Antimatter“ ist vielleicht noch am geläufigsten. Dass nicht wie angekündigt der Ex-Rainbow- und derzeitige Michael Schenker-Sänger Doogie White am Mikro stand, war etwas enttäuschend.

Was die fünf allerdings auf den Instrumenten bieten, ist klasse. Das perlende Piano als zweite Leadgitarre, Janzings gezupfte Soli in bester Dave Murray/Adrian Smith-Manier, die Interpretation eher selten zu hörender Klassiker und vor allem die ausgeklügelten Arrangements machen die Songs zum Erlebnis. „The Number of the Beast“ im Country-Rhythmus mit einem kräftigen „Yeehaw“ lässt die Münder offen stehen.

Der Instrumental-Kracher „Losfer Words“, bei sich die Gruppe fast in einem Rausch spielt, oder der 40 Jahre alte Kracher „Phantom of the Opera“ aus den Maiden-Anfangsjahren ganz weichgezeichnet: Das ist ganz große Kunst, wie „Maiden UniteD“ die Vorbilder zelebriert. Auf dem neuem Album „The Barrel House Tapes“ steht das Powerslave-Album von 1984 im Mittelpunkt. Wie „The Duellist“ oder der Titeltrack nur mit Bass, Gesang und Hammond-Orgel: super.

Das volle Brett nach ruhigen Tagen

Die ruhigen Tage waren lang genug, Zeit für den „X-Mas-Rock“ im Mannheimer 7er Club. Gleich drei Mal ging’s im ausverkauften Club mit Coverbands allererster Sahne heftig zur Sache. Den Auftakt machten die italienischen Manowar-Verehrer von „Sons of Odin“. Ganz schwer danach die Entscheidung, wer eigentlich an diesem Abend der Headliner sein sollte. Denn sowohl „Ozzyfied“ mit der Hommage an den „Prince of Darkness“, Ozzy Osbourne, als auch die „Dutch Disciples“ mit ihrem Kniefall vor Ronnie James Dio waren würdige Interpreten ihrer Vorbilder.

Bräuchte der ehemalige Black-Sabbath-Frontmann einen Klon, damit er im kommenden Jahr seine Deutschland-Tour nicht zum dritten Mal verschieben muss, Henning Wanner wäre ein sehr würdiger Ersatz. Er sieht (besser) aus wie der junge Ozzy, klingt wie er, hat Gestik und Sprache perfekt drauf. Dazu noch die verschiedenen Kostüme als schwarzer Zauberer in „Mr. Crowley“ oder im Fledermaus-Fummel zum Schluss bei „Paranoid“: Wanner zelebriert seinen Prinz der Düsternis in jedem Song mit jeder Faser.

Andreas Rippelmeier vereint gleich drei großartige Gitarristen in den verschiedenen Stücken. Der früh verstorbene Rhandy Roads, der ehemalige und jetzt wieder zurückgekehrte Saitenhexer Zakk Wylde und Jake E. Lee machten Ozzys Solo-Band so unverwechselbar. Rippelmeier nimmt sich ausführlich Zeit für eine große Würdigung mit fettem Brett und vollem Sound.

„Crazy“, „No More Tears“ oder das mainstreamtaugliche „Shot in the Dark“: Der 71-Jährige hat in seiner Zeit nach Black Sabbath etliche Hits geliefert und eindrucksvoll gezeigt, dass er auch ohne Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward ein begnadeter Musiker ist. „Bark at the Moon“ lässt die Meute losheulen, bei „Dreamer“ gehen alle Handyfeuerzeuge hoch. Selbst harte Rocker bekommen feuchte Augen. Tom Busch alias Bassist Bob Daisley und Bernie Simon, der den verschiedenen Drummern Statur gibt, runden das Soundbild ab.

Eine Band, die einem der, wenn nicht dem bedeutendsten Rock- und Heavy-Metal-Sänger Tribut zollt? Sich mit Ronnie James Dio messen zu wollen, erfordert neben der nötigen Portion Selbstvertrauen auch eine phänomenale Stimme. John Cuijpers hat beides. Der niederländische Sänger von „Praying Mantis“ und „Ayreon“ hat sich mit diesem Projekt einen Traum verwirklicht. Seine Performance des 2010 gestorbenen Ausnahmekünstlers sorgt für offene Münder und begeisterte Fans. Die sind auf Wolke 7 gleich neben dem Idol.

Mit einer Riesenpower, einem unbeschreiblichen Volumen und viel Timbre in der Reibeisenstimme gibt Cuijpers dem Schaffen von Ronnie James Dio breiten Raum. Ob „Kill the King“ oder das epische „Stargazer“ von Rainbow, „Heaven and Hell“ aus dessen Zeit bei „Black Sabbath“ und natürlich etliche Songs seiner eigenen Band, schlicht „Dio“ betitelt: Mit Andre Borgman, Colly Franssen, Gert Nijboer und Luuk van Gerven zeichnet Cuijpers eindrucksvoll nach, wie der US-Amerikaner 40 Jahre lang die Szene prägte.

Mystische Texte, majestätische Songs, gnadenlose Power mit eingängigen Hooklines: Dio beeinflusste mit seiner Arbeit Generationen von Musikern. Gitarrist Vivian Campbell, der leider ebenfalls schon verstorbene Bassist Jimmy Bain aus Rainbow-Tagen und Schlagzeuger Vinnie Appice, mit dem Sänger zuvor bei Black Sabbath, bildeten damals so etwas wie den Kern der ersten vier stilprägenden Alben.

Wie ihre Wiedergänger „Holy Diver“, „The Last in Line“, aber auch „Dont talk to Strangers“ interpretieren, ist ganz große Musik-Kunst. Waren die Fans im gestopft vollen Club schon vorher gut drauf, so geht bei diesen Klassikern des Heavy-Metal einfach nur die Post ab. John Cuijpers ist voll drin, röhrt wie Dio in den besten Zeiten und spart nicht mit der „Mano cornuta“.

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„Shit Happens!“ jeden Tag bei Ralph Ruthe

Die Fragen an die Künstler sind immer die gleichen. Kann man davon leben? Oder: Was macht du so den ganzen Tag? Warum soll es also Cartoonist Ralph Ruthe also anders gehen? Der macht pfiffig daraus eine Tour, um eben davon zu leben. Entspannt sitzt der Bielefelder auf der Bühne des Capitols Mannheim, locker-flockig über sich, sein Leben und seine Figuren mit den charakteristischen Knollennasen plaudernd.

Daraus werden schnell vorbeifliegende zwei Stunden, aus denen die Fans neben den Antworten auf die beiden Fragen auch allerhand über Ruthes Schaffen mitnehmen. Seine Cartoonserie „Shit Happens!“, die er seit fast 17 Jahren mit immer neuen Zeichnungen bestückt, dürfte das bekannteste Werk des 47-Jährigen sein.

Baseballkappe über dem nach hinten gerutschten Haaransatz, Schlabber-T-Shirt, verwaschene Jeans und die Turnschuhe mit den drei Steifen: Ralph Ruthe ist der Komiker des Vertrauens von nebenan. Dazu passt, dass er auch mal aus dem Privaten plaudert, spontan auf Äußerungen aus dem Publikum reagiert, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat und auch sonst alles für seine Fans tut.

Die dürfen nach der Pause nicht nur Fragen stellen, sondern bekommen nach dem Auftritt alle noch ihren eigenen Cartoon gezeichnet – wenn sie genug Geduld haben. Ruthe hat sie, der sitzt zur Not auch stundenlang am Tisch, bis auch der letzte glücklich seine Knollennase mitnimmt. Die Inspiration dafür „kann alles sein“, erzählt er.

Das nimmt man ihm bei der Vielfalt von Figuren auch sofort ab. Fische, Tiere, Weihnachtsmänner, Biber & Baum: Ihnen allen gemein ist Ralph Ruthes hintersinniger bis hinterfotziger, oft politisch unkorrekter Humor, der sein Schaffen so auszeichnet. Dabei greift er oft das aktuelle Zeitgeschehen auf, wenn er zum Klimagipfel in Madrid den Weihnachtsmann im verregneten Matsch umherfahren lässt.

Der 47-Jährige, der seine ersten Lorbeeren beim MAD-Magazin sammelte, hat sich dadurch in der vergangenen Zeit eine immer größere Fanbase geschaffen. Kein Wunder, dass der Auftritt in Mannheim ausverkauft war und er im kommenden Jahr – neben dem ersten Film – noch ein paar Termine dranhängt.

Apropos Film. Comics und Kurzfilme hat der Bielefelder aus der Stadt, die es wirklich gibt, schon bisher gedreht. Die haben ihren eigenen Charme, sind mal mehr, mal weniger lustig – je nachdem, wie stark der Ruthe-Hype ausgeprägt ist.

Ein Knaller dabei: Sein Halloween-Special mit Biber & Baum bei Ikea. Das ist wirklich stark. Wie auch Ruthes Aufritt immer dann, wenn er vom vorgegebenen Ablauf abweicht, improvisiert, über die eigenen Cartoons auch beim 127. Mal lachen muss oder einfach nur ins Erzählen kommt. Singen tut er zwar auch – müsste aber nicht unbedingt sein…  Fotograf: Björn Gaus