Natur ist die größte Stärke des Odenwaldkreises

Mit Natur und Landschaft kann der Odenwaldkreis ohne Zweifel punkten. 1550 Bürger hatten an der durch die Firma Cima durchgeführten Befragung im Auftrag der Kreisverwaltung teilgenommen. Alle ohne Ausnahme nannten diesen Punkt als größte Stärke der Region, wie Dr. Stefan Leuninger vom Stuttgarter Beratungsbüro in der Alten Turnhalle Beerfelden erläuterte. Die Ergebnisse werden in die Fortschreibung des Kreisentwicklungskonzepts einfließen.

Der Odenwaldkreis wird insgesamt als attraktiver und lebenswerter Wohnstandort eingestuft, erläuterte Leuninger. Wesentliche Gründe dafür lägen in dem naturräumlichen und Landschaftspotenzial, dem sozialen Miteinander, den allgemein guten Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt, dem gastronomischen und Sportangebot sowie im Bereich Bildung und Schule. Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt.

Als am häufigsten genannten Kritikpunkt wurde laut dem Referenten der Gesamtkomplex „Verkehr“ angegeben. Der ÖPNV wird als ausbaufähig eingestuft. Ferner wird grundsätzlich eine schlechte Verkehrsanbindung an die umliegenden Ballungsräume angeführt. Das ist für ihn ein „dickes Problem“. Denn drei Viertel aller Bewegungen geschehen mit dem eigenen Pkw.

Nur fünf Prozent der Odenwälder nutzen den ÖPNV in Form von Bus und Bahn. Da gehen sogar noch mehr zu Fuß: 14 Prozent. „Bei der Mobilität muss weitegemacht werden“, ist denn auch die dringende Empfehlung von Leuninger. Der Bereich Sicherheit und Lärmbelästigung betrifft insbesondere die Freizeit-Motorräder sowie die Lkw.

Auch wenn die Bürger grundsätzlich (sehr) gerne im Odenwaldkreis leben, werden von ihnen einige Handlungsfelder thematisiert. Aus Sicht der hier lebenden ist es wichtig, dass die ärztliche Versorgung gewährleistet und die Nahversorgung sichergestellt ist. Bei ersterem Thema sieht der Berater bei Bedarf auch die Kommunen in der Pflicht. Leuninger zufolge in der Umfrage wird außerdem darauf hingewiesen, „dass das Angebot an Arbeits- und Ausbildungsplätzen weiter zu entwickeln ist“. Gerade im industriell-gewerblichen Bereich gibt es Defizite.

Besonders negativ kommt der Kreis als attraktiver Unternehmensstandort weg. Nur 20 Prozent der Befragten stimmen hier voll oder überwiegend zu. Beim Thema Wohnstandort für junge Familien sind es zusammen immerhin 57 Prozent. Ganz klar an der Spitze: der Odenwaldkreis als attraktiver Naherholungsstandort. 66 Prozent der Rückmeldungen lauten „Ich stimme voll zu“, weitere 28 Prozent „überwiegend“.

„Lebenswert, attraktiv, gemütlich, sympathisch und ruhig“: So lauten die Stärken des Kreises. Gedanken machen sollte man sich, so der Berater, zu den Attributen innovativ und modern. Denn da kommt die Region nicht so gut weg. Gerade in punkto Außendarstellung wären hier Ansatzpunkte, meinte er.

Neben diesen allgemeinen Punkten kamen auf der Versammlung auch ein paar Oberzent-spezifische zur Sprache. Etwa der Wunsch eines Stundentakts der Odenwaldbahn zwischen Erbach und Eberbach, um dann per S-Bahn einen besseren Anschluss in die Metropolen Heidelberg und Mannheim zu haben. Oder die Belebung des Zentrums von Beerfelden mit Blick auf Handel und Versorgung. Die Entwicklung einer eigenen Oberzent-Identität war ein weiterer Punkt.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Christian Kehrer hatte Landrat Frank Matiaske zu Beginn die Entwicklung auf größerer Ebene skizziert. „Wir sind kein gallisches Dorf“, betonte er. Er richtete seinen Blick vor allem auf die Bevölkerungsentwicklung. Die ist nach Jahren des Abwärtstrends inzwischen wieder stabil. Was laut Matiaske vor allem auf den Zuzug aus dem EU-Ausland zurückzuführen ist.

Damit die ländliche Region nicht ausblutet, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Sonst kommt keiner (zurück) oder bleibt da. Arbeitsplätze, Vernetzung, digitale Infrastruktur, Mobilität, gute Bildungsangebote und medizinische Versorgung nannte der Landrat als Kriterien – wie auch Kultur im ländlichen Raum und eine weltoffene Region Odenwald.

 

 

Info: Der nächste Workshop zur Entwicklung des Landkreises findet am Donnerstag, 14. November, um 19 Uhr, für das Gersprenztal in der Reichenberghalle Reichelsheim statt. Zunächst werden die Ergebnisse der Bürgerumfrage vorgestellt, die im September stattfand. Danach können sich die Teilnehmer einzelnen Themen widmen und ihre Gedanken einbringen.

Zucht will Ordnung die Debattenkultur bringen

„Klartext“ stand drauf und „Klartext“ war drin. Dirk Daniel Zucht war mit dem Auftakt der von ihm konzipierten Veranstaltungsreihe mehr als zufrieden. „Reden wir über Politik“, lautete die Marschrichtung des Oberzenter SPD-Vorsitzenden bei der Veranstaltung in Erbach. „Mein Ziel war es, gemeinsam den sozialdemokratischen Kompass auszurichten“, erläutert er. Das geschah, ist er begeistert, in einer Form, „wie ich es in der SPD bis dato noch nicht erlebt habe“.

Das gelungene Format soll – möglichst getragen durch die Ortsvereine – ab nächsten Jahr auf Tour durch den Odenwaldkreis gehen. Das nächste Thema hat er bereits: „Moral in der Politik“. Zucht will durch die dezentrale Ausrichtung möglichst viele SPD-Mitglieder, aber auch parteilose Gäste erreichen, denen der Weg in die „Kreis-Hauptstadt“ oder einen anderen Ort vielleicht zu weit ist.

„Jeder kann seine Gedanken, Ideen und Meinungen ohne Tabu und ohne ‚politisch korrekt‘ sein zu müssen, äußern“, nennt das SPD-Kreisvorstandsmitglied die „Spielregeln“. Auch soll es während der Beiträge keine Unterbrechungen durch die anderen Diskussionsteilnehmer geben. Er stellt sich vor, drei oder vier Mal im Jahr zu diesen Treffen mit vorhergehendem Impuls-Referat einzuladen.

„Inhaltlich lege ich großen Wert auf das gesprochene Wort“, betont der SPD-Mann. In einer schnelllebigen Zeit des Informationsüberflusses und der daraus resultierenden Rationalisierung der Aussagen durch Abkürzungen, Bilder, begleitende Power-Point-Präsentationen und Verkürzungen durch Emojis ist es für ihn doch die deutsche Sprache, „die in ihrer Komplexität sehr tief und sehr konkret wird“.

„Die deutsche Diskussionskultur ist in der Krise.“ Sie wird immer mehr von Redeweisen bestimmt, die jede vernünftige Zurückhaltung vermissen lassen, bedauert Zucht. Jeden Tag versammelten sich in sozialen Netzwerken, Blogs und Kommentarspalten von Onlinemedien Hunderte von Menschen (und auch BOTS), die bestimmte Diskussionen mit Hass, Hetze und Häme vergiften, legt er den Finger in die Wunde.

Als Ehrenamtlicher, so seine Erfahrung in Oberzent, „wird man zugeballert mit Terminen und Sitzungen“. Deshalb empfindet er es als „schön, mal wieder inhaltlich zu reden“. Seiner Ansicht kommt die Unterhaltung übers Grundsätzliche, was die SPD ausmacht und für was sie steht, zu kurz. Zucht fehlte auf Kreisebene ein Forum, in dem neben den Funktions- und Mandatsträgern auch andere politisch Interessierte dabei sein können.

„Zwar waren wir ‚nur‘ 11 Sozis“, hätten es beim Auftakt ein paar mehr Besucher sein dürfen. Dafür boten, freute er sich, die Anwesenden eine breite Spanne von Jung bis Alt, von Oberzent bis Breuberg. Nach seinem Impulsreferat zum Thema „Polemik“ folgten fast zwei Stunden spannende Diskussionen und Analysen, weshalb für ihn die Veranstaltung „inhaltlich ein voller Erfolg war“.

Der Oberzent-Sozialdemokrat will „alte Zöpfe in Frage stellen“, formulierte er, aber nicht unbedingt abschneiden. Denn es gibt für Zucht gewisse alte Tugenden, die er heute vermisst. So konnte man sich früher in inhaltlichen Auseinandersetzungen „den Marsch blasen“, Klartext reden, diskutieren bis die Hütte qualmte. Aber das immer bei einer klaren Grundausrichtung, deren Weg nicht vorgegeben ist, sondern erst im Miteinander gefunden werden soll.

Es entstand bei der Premiere, so schildert es der Oberzent-SPD-Mann, eine „respektvolle, kontroverse und inhaltlich tiefe Diskussion“, die sich nicht nur ums Thema Polemik drehte. Bald wurde es grundsätzlich. Etwa mit der Frage: Sollte die SPD selbst polemischer auftreten? Ist eine Zuspitzung notwendig, um in der auf Info-Häppchen ausgerichteten Medienlandschaft bestehen zu können? Oder sollte man in der Sozialdemokratie doch weiter auf – auch kompliziertere – Sachlichkeit setzen? Denn die Verkürzung auf nur ein Schlagwort könnte ja genau auf diese ungewünschte Zuspitzung hinauslaufen, die Zucht in seinem Impuls angesprochen hatte: „Populismus“. Dadurch werde man jedoch wiederum angreifbar, postulierte er.

Im Rothenberger Wald, da sind die Räuber

Im (Oden-)Wald geht’s wieder rund. Wenn die Rothenberger Theatergruppe alljährlich zu ihren drei Aufführungen ruft, dann steht die Sporthalle Kopf. Comedy und Klamauk geben sich jedes Mal die Klinke in die Hand. Wie auch dieses Mal, als es „Natur pur“ heißt und die Zuschauer bei der Premiere aus dem Lachen kaum noch rauskommen. Das Ganze vor einem aufwändigen Bühnenbild.

Unter der Regie von Marina Weinthäter können sich die Schauspieler in ihren Rollen so richtig ausleben, sodass sich geneigte Besucher manchmal fragen dürften, welches nun die wirkliche Persönlichkeit ist. Zwölf verschiedene Charaktere gibt es auf der Bühne zu sehen, einer exzentrischer als der andere. Wie es das Stück so will, bahnt sich die Handlung der Komödie langsam ihren Weg, um dann über einen turbulenten zweiten Akt ins Schlussfinale einzubiegen, in dem es drunter und drüber geht.

Vor den 250 Zuschauern entsteht eine Szene, die nur ein paar hundert Meter weiter oben im Wald spielen könnte. Der Blick öffnet sich auf eine Lichtung mit rustikaler Holzhütte, Zwitscherkasten, Geweihen, Tannenensemble, Holzstapeln und Hochsitz. Mittendrin: die Familie von Oma Maria, die so gar keine Lust auf die Geburtstagsfeier „mitten in der Walachei“ hat.

Gabi Braner ist in ihrem Element als zickige, rechthaberische Etepetete-Schwiegertochter Lydia, deren armer Erich sowieso nichts richtig machen kann. Herrlich ereifert sie sich in vielen Worten über die abgelegene Lage, die Tierwelt, die Unvollkommenheit an sich, kommandiert ihren Mann herum, der alles fatalistisch erträgt und sich an den kleinen Freuden des Lebens ergötzt. Wort- und detailreich lästert Lydia über ihre Mitmenschen.

Von Erichs Geschwistern hält Lydia schon mal gar nichts. Seine Schwester „mit dem Charme einer Stachelbeere“ und der Bruder „mit der Intelligenz einer Waldameise“ bekommen ihr Fett weg. Das macht gespannt auf den Auftritt der beiden. Und die Besucher werden nicht enttäuscht. Dominik Seips Rudi ist ein vermeintlich einfältiger Tropf, der aber die besten Sprüche auf Lager hat und damit ein ums andere Mal für laute Lachter sorgt.

Susanne Weyrauch als resolute Martha sorgt dafür, dass sich manche vielleicht Sorgen um den armen Claus zuhause machen. Wie mag es dem so ergehen? In Janker, Cordhose, Wanderschuhen und mit Prinzessin-Leia-Friseur hat sie das Heft in der Hand und lässt das alle anderen auch spüren. Bei ihrem Kommandoton spurt jede und jeder. Geht nicht gibt’s nicht.

Wenn die Meute aus der Großstadt versucht, ein Zelt aufzubauen, während der eine zwei linke Hände hat und sich die andere vor allem ekelt, was auf dem Boden kriecht, kommt man sich vor wie bei den „Grisworlds“, wo Chevy Chase der Master of Desaster war. Die ständigen Kabbeleien inklusive diverser Unzulänglichkeiten sind das eine, das entstehende Chaos durch Oma Marias Geldfund das andere.

Denn eigentlich will die, gütig und latent hinterfotzig von Ulrike Beisel verkörpert, wie früher nur ihren 75. Geburtstag abseits der Zivilisation feiern. Ein Beutel mit 50.000 Euro ändert alles. Die zänkische Sippe ist plötzlich in der Anstrengung vereint, lieb Kind zu spielen. Da wird die Oma zur heimlichen Hexe und kommt endlich mal auf ihre Kosten, nach Gutdünken schalten und walten zu können.

Beisel macht sich einen Spaß daraus, mit einem Lächeln auf den Lippen immer neue Aufgaben für die bucklige Verwandtschaft zu erfinden. Die einzige, die es dabei ehrlich meint, ist Enkelin Christine. Elisa Köhler, erst im dritten Jahr bei der Theatergruppe dabei, gibt ihrer tragenden Rolle eine schöne Präsenz.

Wie der erste Akt endet, geht der zweite weiter: Es herrscht allgemeine Verwirrung, die zu den absurdesten Szenen und folgerichtig größten Lachern führt. Nach und nach schauen mit Janis Heckmann, Achim Bartmann, Tanja Schmidt, Janik Uhrig, Matthias Hering und Jochen Blutbacher auch die anderen Akteure vorbei.

Info: „Natur pur“ der Rothenberger Theatergruppe wird noch zweimal am Freitag, 15., und Samstag, 16. November, in der Sporthalle aufgeführt. Beginn ist jeweils 20 Uhr, Einlass bei freier Platzwahl 18.30 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei der Metzgerei Beisel & Jehle in Rothenberg oder an der Abendkasse.

„Es ist schlimm, was heutzutage wieder passiert“

Der 9. November ist seit jeher ein deutsches Schicksalsdatum. Wird er im geschichtlichen Kurzzeitgedächtnis eher mit der friedlichen DDR-Revolution vor 30 Jahre in Verbindung gebracht, so ist er mit dem 9. November 1938 als Reichspogromnacht eine mahnende Erinnerung, zu welchem schrecklichen Taten die Nazi-Herrschaft fähig war. Die neunten und zehnten Klassen der Oberzent-Schule Beerfelden gedachten den Übergriffen auf jüdische Mitbürger, der Ermordung von Menschen anderen Glaubens und der Zerstörung von jüdischem Eigentum.

Der Rundgang führte von der Schule aus über evangelische Kirche und ehemalige Synagoge zum katholischen Gotteshaus. Auf einem Teil waren auch Vertreter der muslimischen Ditib-Gemeinde dabei. Schulleiter Bernd Siefert nahm zu Beginn Bezug auf den Vorfall in Halle an Jom Kippur. Er verwies auf die Wichtigkeit der Veranstaltung. Die Erziehung zum mündigen Bürger wird in der Schule groß geschrieben, betonte er.

Die Ethik-Klasse 10 von Karin Walther sprach den Impuls. Dann ging es vorbei am Versammlungshaus der muslimischen Gemeinde in der Marktstraße in die gegenüber liegende Martinskirche. Dort freute sich Pfarrer Roger Frohmuth, dass weit über 100 Schüler den mittleren Teil des Kirchenschiffs füllten. „Es ist schlimm, was heutzutage wieder passiert“, dass Leid Vorurteile schürt, nahm der Geistliche Bezug auf aktuelle Entwicklung.

Konflikte würden zunehmend mit Fäusten ausgetragen, warnte der Pfarrer vor einer Verrohung der Gesellschaft. „Das ist keine Art, miteinander umzugehen.“ Für ihn ist es wichtig, die Faust des anderen wieder zu öffnen, „denn Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Wie es funktionieren kann, machte Frohmuth anschaulich deutlich.

Zwei Schüler schafften es mit aller Kraft nicht, seine Faust zu öffnen. Das schaffte erst Siefert, indem er mit ausgestreckter, offener Hand auf ihn zuging. „Nicht drauf, sondern einschlagen“, ist deshalb für Frohmuth das adäquate Mittel. Auch wenn es nicht immer leicht sein sollte. Aber: „auf der anderen Seite steht auch ein Mensch.“

Mevlüt Erdogan, Vorstandsmitglied der islamischen Ditib-Gemeinde, ging in seinen in seinen mahnenden Worten auf die mehr als 1400 zerstören Synagogen am 9. November 1938 ein. In ganz Deutschland gab es über 400 Tote. Die jüdische Gemeinde in Beerfelden blicke auf eine 300-jährige Geschichte in Oberzent zurück, sagte er. Bis zu 200 Mitbürger waren es 1861.

„Durch Hetze und Propaganda wurde eine ganze Gemeinde vertrieben und ermordet“, so Erdogan. Auch heute gebe es wieder Probleme: politische Parteien, die Hetze gegen Muslime oder Ausländer betrieben. „Wir sind auch hier, wir sind auch Beerfellmer“, betonte der zweite Vorsitzende. „Lasst nicht zu, dass sich die Geschichte wiederholt“, fordert er die Schüler auf.

An der ehemaligen Synagoge, wo sich heute das „S‘Lagger“ befindet, machte die Gruppen nach einem Schweigemarsch als nächster Station Halt. Das jüdische Gotteshaus war in der betreffenden Nacht vor 81 Jahren abgerissen worden. Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten Synaogen wurde sie nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. „Für diese Menschen haben wir 2012 die Stolpersteine verlegen lassen“, so Siefert.

Jetzt gibt es wieder jüdische Mitbürger in Oberzent, betonte der Schulleiter. Einer war der Einladung gefolgt: Sarig Nachum. Der ging „für die deportierten jüdischen Mitbürger mit“ und lobte am Ende das Engagement von Eltern und Schülern: „Sie machen tolle Aktionen an der Oberzent-Schule.“ In der katholischen Kirche als letzter Station hielt der Erbacher Pfarrer Martin Eltermann ein Plädoyer für den Frieden.

 

Info: Öffentlich ist der Vortrag von Dr. Dirk Strohmenger zur „NS-Zeit im Erbacher Landkreis am Beispiel von Beerfelden“, den er am Donnerstag, 14. November, um 19.30 Uhr in der Aula der Oberzent-Schule hält.

Schachbrett kommt ans Schwimmbad

„Im Hintergrund wird immer geschafft“, hebt Finkenbachs Ortsvorsteher Christian Niesen schmunzelnd hervor. Deshalb nahm er verschiedene Themen auf die Tagesordnung der vergangenen Ortsbeiratssitzung, um deren Fortgang zu dokumentieren. Etwa die Versetzung des Schachfelds. Das wurde von den Ehrenamtlichen am Feuerwehrhaus abgebaut, weil es für den Brückenersatzbau sowieso im Weg gewesen wäre, und beim Schwimmbad wieder errichtet.

Der städtische Bauhof wird dort laut Niesen witterungsabhängig die Vorarbeiten erledigen, damit es die freiwilligen Helfer wieder zeitnah errichten können. In der dortigen „Spielmeile“ für Jung und Alt soll hinter der Kinderschaukel und der Tischtennis-Platte auch noch eine Boccia-Bahn entstehen, informierte er.

Der Altglascontainer am Feuerwehrhaus sieht an dieser Stelle unschön aus. Schon länger versucht der Ortsbeirat deshalb, ihn auf die andere Straßenseite zu bekommen, wo bereits die Altkleidercontainer unterbracht sind. Allerdings steht noch die entsprechende Antwort des Grundstückseigentümers aus, berichtete der Ortsvorsteher.

Damit der Bestatter bei Dunkelheit nicht mit der Taschenlampe auf den Friedhof herumrennen muss, soll am Gebäude eine Außenlampe angebracht werden, lautet der Wunsch des Gremiums. Und das nicht erst seit diesem Jahr. „Darüber wird bestimmt seit 30 Jahren diskutiert“, wies Niesen auf die Dringlichkeit hin.

Übers Winterhalbjahr möchte der Ortvorsteher gerne eine Vortragsreihe im Ort anstoßen, „um die Leute hinter dem Ofen hervorzulocken und zusammenzubringen“. Niesen denkt hier unter anderem an eine Bilderschau mit alten Motiven aus Finkenbach, aber auch die Vorstellung von Rezepten aus Oberzent. Das Thema wurde auf der vergangenen Ortsbeirats-Sitzung schon einmal angesprochen, aber es fehlen noch die Ideen und Rückmeldungen.

Info: Wer Interesse an einer Teilnahme hat, kann sich an Christian Niesen wenden, Telefon 06068/4029, E-Mail chniesen@gmx.de

Interkommunaler Zusammenschluss beim Klärschlamm

Oberzent will sich dem interkommunalen Zusammenschluss zur gemeinsamen Verwertung und Aufbereitung von kommunalem Klärschlamm im Odenwaldkreis anschließen. Einen entsprechenden einstimmigen Beschluss fasste jetzt die Stadtverordnetenversammlung, nachdem das Thema bereits ausführlich von Vertretern des Abwasserverbands Mittlere Mümling im Ausschuss vorgestellt worden war. Das Ganze läuft unter dem Begriff „InterPhos“ (Interkommunales Phosphatrecycling).

Stadtverordneten-Vorsteher Claus Weyrauch (ÜWO) erläuterte, dass es in der Vergangenheit einige gesetzliche Änderungen zur Klärschlamm-Entsorgung gab. Dadurch wird der Trend zur Mono-Verbrennung weiter zunehmen. Kapazitätserweiterungen oder neue Anlagen könnten den Bedarf nicht decken. Die Folge: ein deutlicher Preisanstieg, bereits 2018 um 50 Prozent. Die ab 2029 geforderte Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm bedeute eine weitere Herausforderung und noch mehr Kosten.

Mit dem Bau und Betrieb einer dezentralen Aufbereitungs- und Verwertungsanlage für kommunale Klärschlämme im Odenwaldkreis könnte man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, verdeutlichte Weyrauch. Sie würde in Regie des AVMM in Michelstadt bei der Kläranlage entstehen. Eine dortige Halle mit 3000 Quadratmetern steht zur Verfügung.

Zum einen lässt sich laut Weyrauch eine gesicherte Entsorgungssituation schaffen. Die Entsorgungskoten würden langfristig reduziert, die Wertschöpfungskette im Odenwald gestärkt sowie die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung frühzeitig und kostengünstig erfüllt. Eine Kosteneinsparung von 37 Prozent wird prognostiziert. Teilnehmer wären alle Abwasserverbände des Odenwaldkreises.

Aufgelistet werden auch die Einsparungen im Entsorgungsbereich. Diese werden auf etwa neun Cent pro Kubikmeter Abwasser beziffert. Inklusive des 2029 anstehenden Phosphorrecyclings könnten sie auf 15 Cent anwachsen. Die Kostenschätzung für den Anlagenbau beläuft sich auf 3,25 Millionen Euro. Der Personalbedarf wird mit einer oder zwei Vollzeitstellen angegeben.

Die Stadt Oberzent soll eine neue, gemeinsame Straßenreinigungssatzung bekommen. Diesen Antrag der Überparteilichen Wählergemeinschaft Oberzent (ÜWO) nahm die Stadtverordnetenversammlung einstimmig an. Erster Stadtrat Gerhard Rebscher erläuterte, dass die Verwaltung bereits einen Entwurf in petto hat, der demnächst den Fraktionen zugeleitet werden soll. Damit könnte die Satzung noch in diesem Jahr verabschiedet werden.

„Zugewucherte Gehwege, Versäumnisse der Schneeräumpflicht, illegale Müllentsorgung und stillgelegte Fahrzeuge im öffentlichen Raum“ nannte Fraktionssprecher Chris Poffo als Begründung. „Ich habe das Gefühl, dass die Beschwerden zunehmen.“ Die neue Satzung soll als Rechtsgrundlage für die Verwaltung dienen, aber auch die Pflichten jedes einzelnen Bürgers aufzeigen, argumentierte er. Vielleicht gebe es auch eine Mustersatzung des hessischen Städte- und Gemeindebunds.

Beklagenswerter Zustand der Wälder

Die umgegrabenen Straßenränder in der Region machen es deutlich: Wildschweine sind derzeit schwer aktiv. Somit kein Wunder, dass die Schwarzkittel bei der Hubertusjagd der Hegegemeinschaft Oberzent am meisten vor die Flinte kamen. Deren Revier umfasst 4000 Hektar. Zur Strecke kamen durch etwa 300 Schützen sieben Stück Rotwild, 31 Stück Rehwild, 46 Mal Schwarzwild und zehn Füchse.

Vor der Beerfeldener Martinskirche wurde im Anschluss unter großem Interesse der Bevölkerung die Strecke gelegt und von Jagdhornbläsern aus Oberzent verblasen. Den anschließenden Gottesdienst hielt Pfarrer Roger Frohmuth. Hier ließen die Parforcehornbläser aus dem kleinen Odenwald ihre Instrumente erklingen. Insgesamt, so der Eindruck der Veranstalter, dürften es mehr Teilnehmer als im vergangenen Jahr gewesen sein.

„Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild, waidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt“, leitete Bernhard Wagner mit einem Vers aus dem Gedicht von Oskar von Riesenthal die Hubertusfeier ein. Die findet im Gedenken an Hubertus von Lüttich (655-727) statt, den Bischof von Maastricht und Lüttich. Er wird in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

Es wird berichtet, so Wagner, dem passionierten Jäger Hubertus sei eines Tages ein Kruzifix im Geweih eines gejagten Hirsches erschienen. Der bis dahin heidnisch Lebende ließ sich daraufhin taufen und schwor der Jagd gänzlich ab. „Nun, das wünsche ich keinem meiner Waidkameraden“, schmunzelte der in Beerfelden praktizierende Mediziner. „Denn was wüssten wir in der gewonnenen Zeit sonst mit uns anzufangen“, lachte er. Den Jägern gilt diese Hirschlegende vielmehr als Vorbild und Ansporn zur waidgerechten Jagd.

Wagner ging auch auf den beklagenswerten Zustand der Wälder ein. Der Buchdrucker und der Kupferstecher verursachen seinen Worten zufolge in bereits durch die veränderten klimatischen Bedingungen vorgeschädigten und dem Populationsdruck ausgesetzten Fichtenkulturen große finanzielle Schäden. Die Holzindustrie ächze unter verfallenden Preisen, erläutert er. Hessen Forst habe sich gerade dazu entschieden, bis auf weiteres kein Holz mehr aus dem Wald zu transportieren.

In Deutschland, sagte er, seien seit dem vergangenen Jahr rund 110.000 Hektar Wald abgestorben – eine Fläche etwa halb so groß wie das Saarland. Ungefähr ein Fünftel der deutschen Waldflächen sind Wagner zufolge stark geschädigt, „nur noch ein Drittel gilt als komplett gesund“. Das Aufkommen an Schadholz lag 2018 bei rund 32 Millionen Kubikmetern, für dieses Jahr rechnen Experten mit weiteren 35 Millionen Kubikmetern. Über 114.000 Hektar Wald, also mehr als die Fläche Berlins, seien kahl und müssen aufgeforstet werden.

500 Millionen Euro aus dem Klimafonds sollen dem Wald zugutekommen, teilte der Jagdwirt mit. Die Jäger müssten sich bemühen, mit dem Geld verbesserte Lebensbedingungen für die dem Jagdrecht unterliegenden Tiere zu schaffen, „wie es unser gesetzlicher Auftrag bestimmt“. Viele Untersuchungen renommierter Institute zeigen Wagner zufolge, dass Reh und Rotwild den Wald nicht schädigen oder ihn gar zerstören.

Viele Studien bestätigten darüber hinaus, erläuterte er, dass durch den Einfluss von Pflanzenfressern die natürliche Bewaldung nicht zwangsläufig aufgehalten, sondern lediglich verlangsamt werde. Das Fell der Huftiere könne als Nistmaterial dienen, ihr Kot zur Nahrungsquelle werden, ihr Geweih eine wichtige Nährstoffquelle für Mäuse und ihr Kadaver Ursprung für eine ganze Gemeinschaft von Arten sein.

Gleichzeitig hätten Waldbesitzer und Förster auch eine Verantwortung für die Schutz- und Erholungsfunktion ihrer Wälder, führte er aus. Die Erde könnte ein Drittel mehr Wälder nicht nur vertragen, sondern diese würden auch das CO2-Problem lösen, zitierte er das Magazin „Science“. Es gebe einige Wege des guten und sinnvollen Zusammenlebens von Jagdrechtsinhabern und Jagdausübungsberechtigten, schloss der Jagdwirt deshalb.

 

 

 

Die Hegegemeinschaft Oberzent Beerfelder Land wurde 1988 gegründet. Zuvor gab es den sogenannten „Hegering“ Beerfelden. Die Mitglieder setzen sich zusammen aus den Revierinhabern und den Eigenjagdbesitzern, den Jägern und den Nichtjägern. Vorsitzender ist derzeit Lothar Beck. Mehr unter http://www.hegegemeinschaft-oberzent.de.