„Thunderstruck“ als perfekter Country-Song: E3 im Hüttenwerk Michelstadt

Da sind sechs absolute Profis am Werk. Was das Sextett an musikalischem Können akustisch auf die Bühne des Hüttenwerks zauberte, war allererste Sahne. Als ein „Mix aus American Folk, Elementen aus Blues, Westcoast und Irish Folk“ kündigen sie ihren Stil an. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr. Neben eigenen, sehr eingängigen Songs wurde „Thunderstruck“ von AC/DC perfekt auf Country gemacht: Das war einfach nur klasse und hätte auch beim zweiten Aufritt im Hüttenwerk viel mehr Zuschauer verdient gehabt.

Wenn man genauer auf die Musiker schaut, wird klar, warum die Songs so perfekt rüberkommen, auf den Punkt gespielt werden, dass jeder Ton sitzt. Denn jeder Instrumentalist ist ein Meister seines Fachs – und hat auch noch die passende Stimme zum Song. Zusammen mit einer großen Spielfreude, die auch vor kleinem Publikum nicht halt macht, zaubert „E3“ einen mal melancholisch-ruhigen, mal fetzig-rauschenden Klangteppich mit keltischen, Country- und Folk-Tönen in den Saal.

Im Gegensatz zum Konzert im vergangenen Jahr hat die Truppe aus dem Rhein-Main-Raum dieses Mal viel mehr Wert auf eigene Kompositionen gelegt. Gewürzt mit filigranen Soli auf den jeweiligen Instrumenten, sorgen die Cracks mal für ein Soundgewitter, mal für besinnliche, leise Töne. „Starry Eyes“ hat unverkennbar keltische Anklänge, lebt vom Duett von Geige und Saxofon. Ein Markenzeichen der Band ist auch der mehr-, bis zu fünfstimmige Gesang.

Die Zuschauer merken, dass vor ihnen sechs Musiker zum Anfassen auf der Bühne stehen, die (auch übereinander) ihre kleinen Scherzchen machen, sich nicht so ernst nehmen, aber andererseits die Musik sehr ernst. Wenn Peter Reimer auf Gitarre oder Mandoline anfängt zu zaubern, gibt es kein Halten. Beim deutschen Rock- und Pop-Preis 2014 räumte er gleich dreimal ab, unter anderem in der Kategorie „Bester Instrumentalsolist“.

Beim Zuschauen, wie die Finger über die Saiten flitzen, lässt sich diese Entscheidung gut nachvollziehen. Mark Patrick (Gesang/Gitarre) ist noch aus seinen Zeiten als Frontmann bei „Paddy goes to Holyhead“ bekannt. Gunnar Jürgens an der Geige und Multiinstrumentalist Ralf Olbrich auf Gitarre, Mandoline, Saxofon oder Harmonika spielten sich immer wieder virtuos die Bälle zu. Erhard Koch am Bass und Thomas Wimmer am Schlagzeug komplettieren die Truppe, bei der jeder außer dem Drummer auch gesanglich ran darf. Dem wird dafür ein Solo zugestanden.

„Devil went down to Georgia“ geht mehr Richtung Country. Jürgens fiddelt sich einen ab, während die anderen den Song in Sprechgesang „runterrattern“. Bei „Her Majesty“ bringt Olbrich ein „Saxillo“ zum Einsatz, das ein australischer Instrumentenbauer nur aus Holz fertigte. Der warme, volle Klang beeindruckte, das eigens dafür geschrieben Stück, eine gefühlvolle Ballade, ebenso.

Die fünf Frontmänner mit ihrem Taktgeber im Hintergrund spielen sich die Bälle virtuos zu. Wie überhaupt die Band den Covers eine ganz eigene Note aufdrückt, die das Original noch erkennen lässt, aber in ihrer Abänderung daraus schon ein neuer Song wird. Leider sind im aktuellen Programm nicht mehr „Wish you were here“ von Pink Floyd oder „Long train running“ von den Doobie Brothers“ zu finden, die zuvor Garant für offene Münder waren.

Dass AC/DCs „Thunderstruck“, in dem Peter Reimer versucht, das Publikum zum „Thunder“-Grölen zu animieren, begeisterten Beifall einheimst, ist klar. Der Song ist so etwas wie das Markenzeichen der Gruppe. Auf Mandoline, Gitarre, Harmonika, Geige, Bass und mit zwei Löffeln kreieren die sechs eine Version, die gewaltig abgeht und Gaudi pur ist – auf höchstem musikalischem Niveau. „Dust in the Wind“ von Kansas gibt’s dann noch als Zugabe obendrauf. Einfach klasse Musik.

Advertisements

Finkenbacher Ortsbeirat will die schwarzen Mobilfunk-Löcher schließen

Die Sanierung der Brücke über den und in Finkenbach soll nach aktuellem Stand im Frühjahr angegangen werden, teilte Ortsvorsteher Hans Heinz Keursten auf der Sitzung des Ortsbeirats im alten Schulhaus mit. Weil die Maßnahme nun mit einer knappen Million fast doppelt so viel kostet wie ursprünglich angenommen, musste sie – da es sich um eine Kreisstraße handelt – noch einmal in den Kreistag. Bei diesem Bauwerk schlägt die aktuelle Vollauslastung des Handwerks gnadenlos zu. „Die können derzeit jeden Preis verlangen“, so Keursten.

Die Brücke über den Finkenbach ist auch anderweitig von Bedeutung. Denn hinter ihr beginnt in Richtung Hinter- und Raubach die mobilfunkfreie Zone, sozusagen das Odenwälder Tal der Ahnungslosen. Dabei wäre es so einfach, auch dort einen Empfang herzustellen: Die Konzerne müssten nur wollen. Oberhalb des Feuerwehrhauses gibt es einen früheren Mast des hessischen Rundfunks, über den derzeit auch der Digitalfunk der Brandschützer läuft. „Da müssten nur Sender und Empfänger drauf“, sagte der Ortsvorsteher.

Der Ortsbeirat gab deshalb an den Magistrat den Wunsch weiter, dass sich dieser an die Landesregierung mit der Bitte um Abhilfe wenden soll, damit das Funkloch endlich verschwindet. „Am Kohlenmeiler in Hinterbach ist überhaupt kein Empfang“, sagte Keursten. Hintergrund der Bitte ist das Landesprogramm, ausgestattet mit 50 Millionen Euro, um solche schwarzen Löcher in der Mobilfunkversorgung zu schließen.

Zu Beginn der gut besuchten Sitzung informierte der Ortsvorsteher kurz über den Haushaltsplan 2018 und die Planungen für kommendes Jahr. Für 2019 wünscht man sich die Fortsetzung der Straßenunterhaltungsmaßnahmen, wie sie in diesem Jahr schon praktiziert wurden. Am Südhang oder in der Wetterbergstraße (mit der dortigen Finkenbach-Brücke bei Fenster Baum) muss saniert werden.

In Bezug auf die Hinweisschilder im Ort will man sich am gemeinsamen Konzept der Stadt beteiligen. Odenwaldquelle, Widder, Tretbecken in Hinterbach, Schwimmbad oder Sportplatz sind Punkte, die darauf auftauchen sollen. Eine entsprechende Liste geht an den Magistrat. Thematisiert wurden auch mögliche Wohnmobil-Stellplätze beim Schwimmbad während der Badesaison. „Das wollen wir uns vor Ort ansehen“, sagte Keursten. Auch will der Ortsbeirat für weitere Überlegungen den FCF ins Boot holen.

Vor Ort soll es weiterhin darum gehen, in die Parkanlage am Feuerwehrhaus Ordnung reinzubringen. Kleider- und Glascontainer stehen an der Seite des Gebäudes und bieten vom Grün aus keinen besonders schönen Anblick. „Vielleicht lässt sich dafür ein anderer Standort finden“, meinte Keursten. Die Details will man klären, wenn das Gelände in Augenschein genommen wird. Der Ortsvorsteher freute sich über eine wieder von den Bürgern gut besuchte Sitzung von Finken-, Hinter- und Raubach, in die sich die Einwohner mit ihren Anliegen einbringen konnten.

Satzung für den Holz-Zweckverband im hessischen Odenwald nimmt Gestalt an

Die Zweckverbands-Gründung für die kommunale Holzvermarktung ist eine unendliche Geschichte. Bereits zwölf Treffen fanden in dieser Angelegenheit statt, bilanzierte Oberzent-Bürgermeister Christian Kehrer in der Stadtverordneten-Versammlung, die dieses Mal im schmucken Dorfgemeinschaftshaus von Hesselbach tagte. Eigentlich hatte er geplant, den Mandatsträgern einen Satzungsentwurf vorlegen zu können. Doch über den aktuellen Wortlaut schauen noch Regierungspräsidium und Kommunalaufsicht drüber.

Der Rathauschef machte klar, dass „wir entgegen anderslautender Meldungen zum 1. Januar die Holzvermarktung neu regeln müssen“. Es soll dann ein „Forstzweckverband hessischer Odenwald“ mit Sitz in Oberzent entstehen. Gründungsmitglieder werden die bisherigen sechs Gemeinden des Forstamts Beerfelden sein.

Wald-Michelbach und Oberzent, mit knapp 1700 und 2400 Hektar die größten Waldbesitzer, nahmen zwecks Organisation der Vermarktung Kontakt mit der forstlichen Vereinigung Odenwald-Bauland auf. In dieser Buchener Genossenschaft sind unter den aktuell 33 Mitgliedern bereits Eberbach, Mosbach, Walldürn und Amorbach. Kehrer wies auf die unterschiedlichen Waldstrukturen in Weschnitztal, Bergstraße und Ried, aber auch im Bereich des Forstamts Michelstadt hin. Daraus ergeben sich verschiedene Interessen, die man unter einen Hut bringen muss.

Wie der Bürgermeister erläuterte, machen sowohl ein Zweckverband als auch der Anschluss an eine Genossenschaft Sinn. „Sonst wäre Oberzent allein am Markt und müsste sich durchkämpfen.“ Die Verbandsversammlung soll möglichst schlank gehalten werden. Es wird pro Gemeinde immer nur ein Vertreter entsandt, der je nach Waldgröße mehrere Stimmen hat. Im Oberzent-Fall sind das vier, weil die Stadt mehr als 2000 Hektar besitzt. Unter 500 ist es eine, von 500 bis 1000 zwei und von 1000 bis 2000 Hektar drei Stimmen.

Den Zweckverbands-Vorsitz wird Kehrer als Oberzent-Rathauschef innehaben, sein Stellvertreter ist Dr. Sascha Weber aus Wald-Michelbach. Damit stehen die beiden größten waldbesitzenden Kommunen an der Spitze. Ziel werde erst einmal die Vermarktung sein, erläuterte er. Allerdings will man in die Satzung auch mit aufnehmen, dass sich der Verband zukünftig ebenfalls um die Beförsterung kümmern kann. Denn diese Kosten bei Hessen-Forst werden sich bis 2025 fast verdoppeln, sagte Kehrer.

„Es wird nicht günstiger für uns“, betonte er. Denn bisher gab es viele Synergieeffekte durch das Einheitsforstamt. „Durch die Zerschlagung fallen Teile davon weg.“ Deshalb sollten die Kommunen „klug überlegen, wie wir weiter vorgehen“. Laut dem Bürgermeister sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass in spe auch der Privatwald mit ins Boot geholt werden kann. Dazu muss allerdings noch ein Paragraf in der hessischen Gemeindeordnung geändert werden. Die Gemeinde möchte dennoch ein klares Signal aussenden: „Wir wollen die Bürger nicht hängen lassen.“

Die Gemeinden im Weschnitztal – mit Lindenfels und Lautertal – aus dem Kreis Bergstraße und der restliche Odenwaldkreis werden voraussichtlich im kommenden Frühjahr dazu stoßen. Noch unklar sei, wie sich Heppenheim orientiert. Das Ried ist seiner Ansicht nach zu weit weg vom Schuss. Seine Aufnahme würde auch bedeuten, dass es kein zusammenhängendes Gebiet gibt. Hier könnte eine Lösung der Anschluss dieser Orte an eine entsprechende Organisation aus dem Kreis Groß-Gerau sein.

Waren es früher über 300.000 Euro, die der Wald als Gewinn in den Haushalt schaufelte, rechnet der Bürgermeister im kommenden Jahr nur mit knapp 100.000. Grund: der Borkenkäfer und der Sturm Friederike Anfang 2018. Davor erzielte man über 90 Euro je Festmeter Nadelholz, jetzt unter 50. Wilfried Friedrich (ÜWO) wollte wissen, ob das Land ähnlich wie Baden-Württemberg im Zuge der Umstellung Geld zur Verfügung stellt, um dem Naherholungswert des Waldes Rechnung zu tragen. Nein, sagte Kehrer, dafür soll es eine Förderung je nach Hektarzahl geben.

Alles begann mit dem Urteil des Bundeskartellamts aus dem vergangenen Jahr gegen eine angebliche Machtkonzentration in den Händen der baden-württembergischen Forstämter. Die waren/sind – wie die hessischen auch – für Beförsterung und gleichzeitig Holvermarktung zuständig. Zu viel der Holz-Kohle, zu viel Einfluss, meinte das Gericht.

Obwohl das Kartellrechtsurteil gegen Baden-Württemberg vom Bundesgerichtshof im Juni aufgehoben worden war, schlagen seine Auswirkungen ins Nachbarbundesland durch. In vorauseilendem Gehorsam will die hessische Landesregierung eine Entflechtung in die Wege leiten. Hessen-Forst darf die Holzvermarktung im Gemeindewald nicht mehr durchführen. Grund ist wohl die Angst vor Schadenersatzforderungen. Allerdings ohne klare Maßgabe, wie das geschehen soll. Die Konkretisierung bleibt an den Kommunen hängen.

Windkraft-Projektierer Juwi will das Projekt auf dem Katzenwinkel vor Gericht durchsetzen

Bei der Windkraft wird jetzt mit harten Bandagen gekämpft. Nachdem zwei Tage vorher Landrat Frank Matiaske mit Blick auf den neuen Regionalplanentwurf Erneuerbare Energien bei dessen Verwirklichung bereits eine Normenkontrollklage in den Raum stellt, muss die Stadt Oberzent wegen dieses Thema ebenfalls vor Gericht. Bürgermeister Christian Kehrer teilte der Stadtverordneten-Versammlung mit, dass die Klageschrift der Firma Juwi nun dem Gericht vorliege. „Wir haben aber bereits alles vorbereitet“, trifft die Stadt diese Entwicklung nicht unvorbereitet.

Der Windkraft-Spezialist Juwi mit Sitz in Wörrstadt bei Mainz (seit Ende 2014 ist die Mannheimer MVV Energie Partner und Miteigentümer) plant schon seit längerer Zeit, auf dem „Katzenwinkel“ zwischen Etzean und Airlenbach in Sichtweite des Galgens Windräder zu errichten. Die Firma lässt sich dabei auch nicht vom geballten Widersand erst der Stadt Beerfelden, jetzt ganz Oberzents, beirren, sondern will augenscheinlich das Projekt gnadenlos, ohne Rücksicht auf Verluste, durchziehen.

Bereits mehrfach war dem Unternehmen in Bezug auf dieses Ansinnen, früher in den Beerfelder Gremien, in diesem Jahr auch durch die Stadtverordneten-Versammlung Oberzent, mit einstimmigen Entscheidungen klipp und klar signalisiert worden, dass man es nicht haben will. Das scheint jedoch den Juwi-Verantwortlichen egal zu sein, wie nun die Einreichung der Klageschrift zeigt. Kehrer machte deutlich, dass es sich dabei erst einmal um die Erschließung handelt, die die Stadt ebenfalls verweigert. „Wir werden um eine Gerichtsverhandlung nicht drum herum kommen“, befürchtete er.

Diese Ignoranz gegenüber dem Bürger- und Gremien-Willen vor Ort stellte auch der Kreistag fest, als er den neuen Regionalplanentwurf zur Windkraft in Augenschein nahm. Obwohl die zwölf Städte und Gemeinden bereits mehrfach klar gemacht hatten, dass sie nur die Flächen ihres eigenen Flächennutzungsplans für Windenergie anerkennen, wird weiterhin mehr als doppelte der Kreisfläche (3,74 Prozent) zugeplant. Der Landrat spricht deshalb von einer „Komplett-Verspargelung“.

„Alle Bürgermeister sind gegen den Plan“, machte Kehrer die einhellige Meinung der Rathauschefs im Odenwaldkreis klar. Er wandte sich gegen die Zielrichtung des RP, den Odenwald zur „Ausgleichsfläche“ für dichter besiedelte und windärmere Landkreise in Hessen zu machen. „Wir brauchen die Energiewende“, betonte er, aber das Vorgehen der Darmstädter Behörde „ist nicht zielführend“.

Die vom Landrat ins Spiel gebrachte Normenkontrollklage „ist in den Gremien zu diskutieren“, so Kehrer. In der letzten Stadtverordneten-Sitzung des Jahres am 10. Dezember soll dann ein Beschluss fallen, ob Oberzent sie gutheißt und sich bei Bedarf anschließt. Denn die Regionalversammlung wird voraussichtlich ebenfalls im Dezember über den zweiten Entwurf des Windkraft-Regionalplans abstimmen.

Gudrun Ensslin-Biografie von Alex Aßmann: Ein Blick ins Deutschland der 60er Jahre

Alex Aßmann kommt gar nicht als der typische Uni-Professor rüber, wie man ihn klischeehaft erwartet. Bei seiner Lesung im voll besetzten Gewölbekeller des Rothenberger „Hirschs“ präsentiert sich der in Beerfelden aufgewachsene Erziehungswissenschaftler humorvoll, selbstironisch und lebhaft, wenn er aus seiner vor kurzem erschienenen Biografie „Gudrun Ensslin – Die Geschichte einer Radikalisierung“ liest. Der Verein „Generation Oberzent“ (GO) hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Der heute in Gammelsbach wohnende Aßmann war sich der Komplexität des eventuell trockenen Themas durchaus bewusst. Deshalb holte er sich immer wieder Rückversicherung der Gäste, dass es diesen nicht zu langweilig wurde. „Sollte einer von ihnen einnicken, ist das kein Problem, ich bin Hochschuldozent“, spielte er witzelnd auf verschlafene Studenten in seinen Vorlesungen an.

GO-Vorsitzender Erik Kadesch führte in einem kurzen Gespräch mit dem Autor ins Thema ein. Als Leiter der Polizeidirektion Bergstraße, der die RAF-Zeit „auch noch dienstlich erlebt hat“, wollte er die Motivation des Buches wissen. Aßmann kam über seine Mollenhauer-Biografie dazu, erläuterte er. Die meisten Menschen aus dem damaligen Umfeld Klaus Mollenhauers, mit denen er sich in jenen Jahren unterhielt, fanden auch im Rückblick ihre Radikalisierung, die sich – zumindest aus deren Sicht – extrem sprunghaft und in sehr viel kürzerer Zeit ereignet zu haben schien, besonders unerklärlich.

Was ihm insbesondere bei Gudrun Ensslin ins Auge stach, war das offensichtliche Zusammenspiel von Bildungsaufstieg und Radikalität im Lebenslauf. In den meisten Darstellungen zur RAF-Geschichte werde, wenn es um ihre Radikalisierung geht, eher die Rolle Andreas Baaders hervorgehoben. „Da wird meines Erachtens etwas zu sehr unterschlagen, dass Ensslin ja eigenständige Entscheidungen traf“, betonte der Odenwälder.

Das Buch beleuchtet dem Autor zufolge die Zeit bis 1969. „Dann ist der Absprung in die Radikalisierung abgeschlossen“, so Aßmann. Zu dieser Zeit gab es die RAF noch nicht, „nur die Idee einer bewaffneten Radikalisierung“. Vom Passbild der 23-jährigen Germanistikstudentin aus dem Jahr 1963 bis hin zum späteren Fahndungsfoto: Aßmann warf einen Blick auf die familiären Verhältnisse und Liebesbeziehungen Ensslins in diesen Jahren.

Beim Blick hinter die Fassade wurde deutlich, wie die hochbegabte Schülerin vermeiden wollte, zum bürgerlichen Leben einer Dorfschullehrerin verdammt zu sein und sich eher im mondänen Berliner Verlagswesen sah. Dazu noch das On-Off-Verhältnis mit Bernward Vesper – alle Zutaten einer Seifenoper Mitte der 1960er Jahre waren gegeben.

Genau hier liegt das große Plus des Buches: Es ist keine staubtrockene geschichtliche Abhandlung über einen bewegten Teil der deutschen Geschichte. Vielmehr schildert Aßmann in allen Farben die zwischenmenschlichen Irrungen und Verwirrungen rund um Gudrun Ensslin und ihren Bekanntenkreis, stellt diese in einen größeren Zusammenhang und zieht daraus Schlüsse, warum sich manches wie ereignet hat.

Ein im besten Sinne populärwissenschaftliches Buch, auf Fakten gestützt, das Historie lebendig vermittelt und zum Schmökern einlädt. Auf die heutige Zeit bezogen, könnte es „Berlin Tag & Nacht“ sein, was da vor dem geistigen Auge vorbeizieht. Aber mit dem Unterschied, dass Aßmann für seine Veröffentlichung monatelang in einschlägigen Akten stöberte und die dort gefundenen Quellen in einen flüssigen Zusammenhang stellte, der ein anschauliches Gesellschaftsbild der damaligen Zeit vermittelt.

„Ich war absolut positiv überrascht“, so das Fazit von Aßmann nach der Lesung. Nicht nur wegen der Anzahl der Leute, „sondern auch wegen der wirklich klugen und engagierten Fragen, die am Ende gestellt und diskutiert wurden“.

Alex Aßmann, Jahrgang 1977, studierte Sozialpädagogik, Soziologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Ludwigshafen, Heidelberg und Frankfurt a.M. Aus Groß-Rohrheim stammend, wohnte er bis zu seinem 17. Lebensjahr in Beerfelden, bevor er nach Heppenheim und später nach Mannheim zog. Er promovierte 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit über „Pädagogik und Ironie“. Die Habilitation erfolgte 2015 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2017 hat er eine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München.

Zum Inhalt: Im Fokus des Buches steht die Kehrtwendung von Gudrun Ensslins aus einer vornehmlich bürgerlichen Existenz zu einem Dasein im Untergrund. Diese Wende der späteren Mitbegründerin der RAF in die Militanz und den Terrorismus scheint sich ohne nennenswerten ideologischen Anlauf vollzogen zu haben. Bis ins Jahr 1967 nimmt Ensslin beispielsweise kaum an Demonstrationen teil. Im Vordergrund steht für sie der Aufstieg ins linksliberale Kulturestablishment der Bundesrepublik, eine geplante Dissertation über Hans Henny Jahnn, schließlich auch ihr Kind.

Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 markiert den Beginn ihrer Radikalisierung, die sie geradezu zur Kaufhausbrandstiftung und daran anschließend zur RAF-Gründung katapultiert. Folgt man dem Radikalisierungsverlauf Gudrun Ensslins durch die Bildungsinstitutionen hindurch, dann wird sichtbar, wie sich darin langsam das Erleben von Bildung und das von Radikalität immer ähnlicher werden.

Alex Aßmann rekonstruiert den Weg von der Studentenbewegung in den Linksradikalismus als Bildungsgeschichte. Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung in den 1940er und 50er Jahren, denen das besondere Augenmerk des Autors gilt. Sein Buch eröffnet auf diese Weise einen neuen Blick auf die RAF-Protagonistin und räumt mit weit verbreiteten Missverständnissen auf.

Neue DRK-Rettungswache in Beerfeldens Hirschhorner Straße wurde eingeweiht

Die rettungsdienstliche Versorgung der Menschen im Südkreis hat jetzt ein weiteres Standbein: Die neue DRK-Rettungswache in der Hirschhorner Straße wurde eingeweiht. Von ihr aus lassen sich Rothenberg, Gammelsbach und Ober-Hainbrunn, aber auch Güttersbach oder Olfen innerhalb der Zehn-Minuten-Hilfsfrist erreichen, wo das DRK zuvor von der Mümlingtalstraße aus länger unterwegs war. Die Verantwortlichen, zu denen auch der Landesverbands-Präsident Norbert Södler zählte, zeigten sich erfreut über diese Verbesserung.

DRK-Kreisvorsitzender Georg Kacila wies auf die gestiegenen gesetzlichen Anforderungen und Qualitätsansprüche hin. Das Rote Kreuz besetze alle zehn Rettungswachen im Kreis, wovon sich sechs in eigenem Besitz befinden. Er blickte zurück in die Geschichte: 1990 wurde die erste Wache in der Gammelsbacher Straße in Betrieb genommen. 2004 begann man damit, den Standort in die Mümlingtalstraße zu verlegen, wo die neue Rettungswache Ende 2007 in Betrieb genommen wurde.

Damit war aber noch lange nicht Schluss. Die Zunahme von Einsätzen im südlichen Kreisgebiet führte laut Kacila dazu, dass im Mai 2013 eine weitere Rettungswache in Hetzbach errichtet wurde. Sie deckt vor allem das Gebiet von Hiltersklingen über Krähberg bis Sensbach ab. Zuvor war dort seit 2011 ein Rettungswagen im Feuerwehrhaus untergebracht.

Um Richtung Rothenberg schlagkräftiger zu werden und die Hilfsfristen einhalten zu können, begannen bereits 2015 die Überlegungen, den Beerfelder Standort weiter Richtung Westen zu verlagern. Als treibende Kräfte erwähnte Kacila in diesem Zusammehang den verstorbenen Dr. Roland Krauhs und den früheren Rothenberger Gemeindevertreter-Vorsitzenden Dr. Horst Schwinn.

Im Frühjahr 2015 starteten die Planungen, zwei Jahre später wurde der Kaufvertrag für das 800 Quadratmeter große Gelände unterschrieben. Vor etwa einem Jahr begannen die Bauarbeiten. Rettungsdienstleitung und Mitarbeiter waren in diese mit einbezogen. Zwölf regionale Handwerker waren laut Kacila mit den Gewerken beauftragt. Die prognostizierten Gesamtkosten von 530.000 Euro für das „optimale, zweckmäßige und schöne Funktionsgebäude“ wurden eingehalten, freute er sich.

Michael Reuter als Mitglied des Kreisausschusses sprach von einer Verdopplung der Einsätze in den vergangenen zehn Jahren seit Einzug in die Mümlingtalstraße. Es gelte, „den veränderten Anforderungen Rechnung zu tragen“, sagte er.  Der Ärztliche Leiter Dr. Bernhard Krakowka sah die Einweihung als weiteren Schritt zur lückenlosen Notfallversorgung im Odenwaldkreis. Das Phänomen steigender Einsatze sei „in relativ kurzer Zeit entstanden“, sagte er.

Gab es Odenwaldkreis-weit 2011 noch 13.000 rettungsdienstliche Einsätze, waren es 2017 schon 18.000. Pro Jahr stellte er im Schnitt eine fünfprozentige Steigerung fest. Damit ist man aber nicht allein. „Das ist überall in Hessen so“, betonte er. Die Schließung des Krankenhauses in Lindenfels vor knapp zwei Jahren „wirkt sich massiv aus“, so der Arzt. Dazu kämen noch eingeschränkte hausärztliche Notdienste.

Krakowka machte aber klar, „dass die Notarzteinsätze fast gleich geblieben sind“. Das ist für ihn ein Zeichen dafür, „dass die Bevölkerung nicht kranker wird“. Er wies darauf hin, dass Hessen „die strengste Hilfsfrist in ganz Deutschland hat“. Mit der neuen Rettungswache seien Rothenberg sowie die Ortseingänge von Olfen und Güttersbach in 9,5 Minuten erreichbar, wo es vorher 12 oder 13 waren. Eine ganz klare Verbesserung, weshalb er von einer „super Abdeckung des Südkreises“ sprach.

Der DRK-Rettungsdienst bewältigt landesweit jedes Jahr etwa 500.000 Einsätze und legt dabei 20 Millionen Kilometer zurück. Zwei Drittel der Rettungswachen sind vom Roten Kreuz besetzt. Der herrschende Fachkräftemangel macht auch vor den Helfern nicht halt, weswegen laut Landesverbands-Präsident Norbert Södler unkonventionelle Wege gefragt sind. Er sprach ebenso wie Bürgermeister Christian Kehrer Grußworte.

Die DRK-Rettungswache in der Hirschhorner Straße Beerfelden ist derzeit von 7 bis 22 Uhr mit je zwei Personen besetzt, einem Rettungs- und einem Notfallsanitäter. Die Fahrzeughalle des 160 Quadratmeter großen Gebäudes ist mit einem Rettungswagen besetzt. Ruhe-, Sozial-, Aufenthalts- und Sanitärräume komplettieren das Innere.

Beim Martinsumzug in Unter-Sensbach hilft das ganze Dorf mit

Draußen kroch so langsam die Kälte in die Glieder, drinnen war es mollig warm: In der Unter-Sensbacher Kirche fand unter der Leitung von Pfarrer Roland Bahre der Auftakt zum Martinsumzug statt. Der wurde vom Grundschulteam mit seiner neuen Leiterin Heike Hesse organisiert. Für die war es die erste größere Veranstaltung seit dem Amtsantritt zum neuen Schuljahr. Umso mehr freute sie sich über die große Resonanz. Obwohl die Schule nur 19 Kinder zählt, war gefühlt das halbe Dorf auf den Beinen.

Der Martinszug durchs Dorf selbst ist eine „Routineveranstaltung“, sagte Hesse. Er findet schon seit vielen Jahren regelmäßig statt. Ausgerichtet wird er immer abwechselnd vom Team des Kindergartens und der Schule. In diesem Jahr ist war die Grundschule wieder dran. Da die Tradition groß geschrieben wird, „habe ich versucht, möglichst wenig zu ändern“, betonte sie. Eine kleine Neuerung war aber der Start in der Kirche.

Die Schüler begrüßten dort die Gäste und stimmten auf den Umzug ein. Das geschah durch die Erzählung der Geschichte von Sankt Martin, zu der jedes Kind seinen Teil beisteuerte. Weil der Heilige am 11.11. beerdigt wurde, laufen rund um diesen Tag die Kinder durch die Straßen und singen Martinslieder, erläuterten sie. Das erste gab‘s dann gleich in der Kirche. Damit alle mitsingen konnten, ließ Pfarrer Bahre den Text über den Beamer laufen.

Beim Verlassen der Kirche versammelten sich die Zugteilnehmer um den dort aufgebauten Tisch und sangen gemeinsam „Ich geh mit meiner Laterne“. Eltern, Großeltern, Verwandte und Geschwisterkinder hatten sich in großer Zahl zusammengefunden, um die Grundschüler zu begleiten. Der Geistliche zeigte sich sehr freut über die Kooperation von Schule und Kirche.

Auf dem Grundstück der Familie Foshag wurde das zweite Mal gesungen, bevor dann der letzte Halt auf dem Schulhof war. Hier gab’s etwas Wärmendes in Form von Glühwein für die Erwachsenen und Kinderpunsch für die Kleineren sowie Würstchen und belegten Broten für beide Altersgruppen. Ehrenbürgermeister Egon Scheuermann übernahm wieder wie in den Jahren die Kosten für die Martinsbrezeln, die während des Umzugs an die mitlaufenden Kinder verteilt wurden. Die Feuerwehr sicherte den Zug und das kleine Feuer auf dem Schulhof ab.

An der Organisation waren viele helfende Hände beteiligt. Angela Seip und Heike Hesse sind die beiden Lehrerinnen an der Grundschule. Für ein paar Stunden in der Woche werden sie von Heike Kiefer (Beratungs- und Förderzentrum) unterstützt. Die Ganztagsschule hat noch weitere unverzichtbare „gute Geister“. Etwa Karin Ihrig und Angelika Lehr, die die Kinder am Nachmittag betreuen und mit ihnen Hausaufgaben machen. Angelika Lehrs Enkelin Alicia ist Schulbegleiterin eines kranken Kindes.

Christin Menges wohnt direkt gegenüber und gibt an den Betreuungstagen das Mittagessen aus. Hausmeister Andreas Obenauer hält alles rund um die Schule herum in Ordnung und hat auch bei der Planung des Festes tatkräftig mitgeholfen. Angelika Krieger ist für die Sauberkeit zuständig und „unterstützt uns, wo immer es möglich ist“. Rund um den Martinsumzug waren daneben Florian Fülöp von der Feuerwehr sowie stellvertretend für den Elternbeirat Sandra Borowka und Alexandra Kaus mit eingebunden.

Heike Hesse ist „eigentlich“ seit 24 Jahren Konrektorin an der Grundschule in der Stried Beerfelden. Da sich auf die Rektorenstelle in Unter-Sensbach niemand bewarb, „habe ich mich dazu bereit erklärt, zunächst einmal für ein Schuljahr abgeordnet zu werden“ erzählt sie. „Mir gefällt das Arbeiten an dieser Schule außerordentlich gut“, so Hesse. „Ich habe mich nach meinem Empfinden inzwischen richtig gut hier eingelebt.“ Die Umstellung von so einer großen Schule mit mehr als zehn Mal so vielen Schülern war allerdings schwerer als gedacht. In Unter-Sensbach gibt es ein völlig anderes Schulleben.