„Blüte“ steht in voller Pracht

Frische Luft tut gut, weiß der Volksmund. Das ist nicht nur bei Menschen so, sondern augenscheinlich auch bei Kühen. Auf dem Biobauernhof Zimmermann im Walterbachweg tummeln sich einige Senioren auf der Weide, die für diese Tierart fast schon ein biblisches Alter erreicht haben. Eine davon ist „Blüte“, die mit ihren elfeinhalb Jahren in voller Pracht steht und ihrem Besitzer Christian Zimmermann in schöner Regelmäßigkeit Preise beschert. Wie jetzt den ersten Bundessiegertitel für eine Fleckviehkuh bei der „Nationalschau für alle Milch- und Zweinutzungsrassen“ in Oldenburg.

Mit zehn Kälbern ist Blüte in einer Liga, in die sonst die wenigsten Tiere kommen. Doch die gute Höhenluft von Beerfelden wirkt Wunder. Hier sind einige Kuh-Senioren zuhause, die sogar schon 14 oder 15 Lenze zählen. Seine älteste Kuh kalbte bereits 13 Mal. „Viel Bewegung, viel auf der Weide, nicht so intensive Fütterung und weniger Milch“: Das ist laut Zimmermann mit ein Grund für die Langlebigkeit. Eine Extrawurst bekommt Blüte nicht: „Die läuft ganz normal in der Herde mit“, betont er.

10.000 Liter Milch im Jahr bei einer „Standard-Kuh“ sind der Schnitt, Blüte liefert „nur“ 7000, erläutert der Landwirt. Er vergleicht es mit einem Auto: „Wenn man das immer mit Vollgas fährt, hält es auch nicht so lange.“ Die Preisträger-Kuh wurde bereits auf dem Zimmermann-Hof geboren. Auf dem Pferdemarkt ist Christian Zimmermann mit seinen Tieren bei der montäglichen Tierschau natürlich immer dabei. Der Termin ist als einheimischer Betrieb „gesetzt“ und eine Art Pflichtveranstaltung.

„Das ist für uns Tradition“, schon Vater und Großvater waren dabei. Dem Landwirt gefällt es, dass noch relativ viele Betriebe vertreten sind und damit ein hohes Niveau verbunden ist. Der Titel ist somit „nicht 08/15“, hebt er hervor. Auch wenn es viel Arbeit im Vorfeld bedeutet. Drei Mal wurde Blüte bereits „Miss Beerfelden“, auch jetzt geht sie wieder um diesen Teil „an den Start“. 14 Kühe von seinen 65 Tieren hat der Bauer dieses Mal angemeldet. Die sind in der Regel auf dem Feld anzutreffen, solange dort Vegetation vorhanden ist: also etwa ab Mitte März bis in den November hinein.

Wenn es passt, geht es für Zimmermann auch zur Landesschau in Alsfeld, manchmal auf den Maimarkt. Mit „Blüte“ hat er die größten Chancen auf Preise, was sich bereits an der dreimaligen Auszeichnung als hessische Landessiegerin zeigt. Vergangenes Jahr kam der Staatsehrenpreis für herausragende Erfolge in der hessischen Rinderzucht hinzu.

Und jetzt quasi das Sahnehäubchen, der Bundessiegestitel. „Ein herausragender, züchterischer Erfolg, der kaum zu toppen ist“, lobt Zuchtleiter Jost Grünhaupt vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Bei diesem Wettbewerb waren Kühe aus allen Fleckvieh-Zuchtregionen Deutschlands vertreten „und alleine die Teilnahme ist schon etwas Besonderes“, stellt er anerkennend fest.

Zunächst gewann die Oberzent-Kuh souverän ihre Altersklasse und ließ dann auch in der folgenden Konkurrenz mit erheblich jüngeren Tieren diese hinter sich. Der Preisrichter aus Österreich vergab dann aus über 30 Tieren den Bundessiegertitel „an diese Ausnahmekuh“, so Grünhaupt. Für Zimmermann kein Wunder: „Blüte sieht für ihr Alter noch ziemlich jugendlich aus“, schmunzelt er.

Vier Hauptmerkmale werden von den Preisrichtern bei Fleckvieh bewertet, erläutert der Landwirt: der sogenannte Rahmen, also Höhe, Breite, Länge, Tiefe, dann die Bemuskelung, das Fundament (Beine, Klauen, Sprunggelenke) und schließlich der Euter. Blütes Vater „wurde mir damals vom Zuchtleiter empfohlen“, erinnert er sich. Ein guter Rat, wie sich zeigt. Aber letztlich ist es trotzdem „Glückssache, was bei einer Kuh rauskommt“. Ein paar Tendenzen lassen sich seinen Worten zufolge allerdings erkennen, „was der Bulle vererben wird“.

Die Vorbereitung für Oldenburg war etwas Besonders. Wo sonst ein Tag vorgesehen ist, war Blüte dieses Mal eine Woche in Alsfeld, wurde ans Futter gewöhnt, betreut, geführt, gewaschen. „Die war ganz schön lange von zuhause weg“, meint Zimmermann.

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Großes Interesse an der Biolandwirtschaft auf dem Bauernhof Zimmermann in Beerfelden

So voll wie dieses Mal war es selten, erinnert sich Christian Zimmermann. Beim Tag der offenen Tür auf dem Bio-Bauernhof war kaum noch ein Durchkommen. Gerade um die Mittagszeit bildeten sich lange Schlangen vor der Bon-Ausgabe, die Sitzbänke waren voll, die verschiedenen Stände belagert. Ein voller Erfolg also für die Zimmermanns, die begehrte Gesprächspartner rund um ihre Biolandwirtschaft waren. „Über die Jahre hinweg wurden es immer mehr Besucher“, freute sich Christian Zimmermann. Über 1000 dürften es an diesem Tag gewesen sein, schätzte er.

Jedes Jahr gibt es ein unterschiedliches Thema für die wiederkehrende Veranstaltung im Oktober. Dieses Mal ging es darum, die klimafreundlichen Elemente des Betriebs vorzustellen, der vor kurzem für seine Rinderzucht den Staatsehrenpreis erhalten hatte. 70 Milchkühe, 50 Stück Jungvieh, 220 Hühner und ein paar Schweine gibt es auf dem Hof. Außerdem werden laut Zimmermann zwei Mal im Jahr 100 Bruderhähne gemästet. Den Besuchern gab er bei Führungen Erläuterungen, wie der Stall gebaut wurde und wie aktuell die Tierhaltung vor sich geht.

„Es spart Energie und Geld, wenn sich die Kühe ihr Futter selbst holen“, verdeutlichte er. Außerdem entlastet es die Bauernhof-Familie. Zimmermann sprach auch die gestiegenen Auflagen und Kontrollen an, die einem Bio-Bauern das Leben nicht gerade leichter machen. Rückfragen gab es zur Dürre in diesem Jahr. Wie kommen die Tiere dann an Futter? „Wir füttern schon Winterreserven“, erläuterte er. Außerdem kaufte er 6,5 Hektar Mais an. „Ich hoffe, dass es reicht“, meinte Zimmermann mit Blick auf die anhaltende trockene Witterung.

Der Betrieb bewirtschaftet derzeit 66 Hektar, so der Bauernhof-Chef. Fünf Hektar davon sind Ackerbau, der Rest Grünland. Die Biomilch wird in Coburg weiterverarbeitet. Die dortigen Milchwerke Oberfranken vermarkten auch den überwiegenden Teil der jährlich 360.000 Liter. Ein kleiner Teil ist an der Milchtankstelle am Eingang des Zimmermann-Hofs im Walterbachweg erhältlich. „Flotte Lotte“ nennt sich diese. Gleich daneben: die „flotte Henne“, der Eierautomat, wo sich die Bio-Produkte der 220 Hühner ziehen lassen, die rund um den Hof auf den Wiesen gackern.

Die Umstellung auf Bio „haben wir nicht bereut“, so Christian Zimmermann. Allerdings wird der Betrieb jedes Jahr vor neuer Herausforderungen gestellt. „Du kannst nicht gleich Dünger draufschmeißen, wenn etwas nicht wächst“, verdeutlichte er. Außerdem muss die Tierhaltung der Fläche angepasst sein. Deshalb könnte er auch nicht mehr als die aktuell 120 Kühe und Rinder halten.

Seitdem er auf Bio-Milch umgestellt hat, rechnet sich die Milchviehhaltung wieder. Denn er bekommt rund 50 Cent für den Liter. Pro Hektar beweideter Fläche kommt Zimmermann auf 8350 Liter pro Milchkuh. 1000 Liter sind es etwa pro Tag, die an die Molkerei gehen. Weil er große Weideflächen zur Verfügung hat, gibt es dem Landwirt zufolge weniger Trittschäden. Das Weidesystem bedeute „ein Stück Lebensqualität“, auch wenn die Erträge manchmal geringer seien.

Für Zimmermann hat sich die jährliche Arbeit verändert. Die Kurzgraswiesen muss er nicht mehr nachmähen, und auch selten nachsäen. Denn die Kühe dürfen schon früh im Jahr nach draußen. „Bis Ende September fressen die praktisch nichts anderes als Gras und etwas Kraftfutter im Melkstand“, erläutert er. Eine Melkpause gibt es nicht. Außerdem kommt ein Bulle mit auf die Weide, damit alle Kühe trächtig werden. Die Kälber kommen in der Regel von Ende Dezember bis Ende März auf die Welt.

Nach dem morgendlichen Gottesdienst mit Pfarrerin Claudia Borck herrschte ein stetes Kommen und Gehen auf dem Hof. Die Kinder tollten im Stroh herum und versuchten mit den Kühen Kontakt aufzunehmen. Etliche Stände hielten ein breites Angebot parat, ob es nun Honig, Kinderkleidung, Blumengestecke oder Holzkunst war. Am Stand des Geoparks konnten die Gäste bei Sabine Claasen die brandneue Oberzent-Wanderkarte erstehen. Für Kaffee und Kuchen sorgte der Kindergarten Beerfelden, während die Generationenhilfe Waffeln im Angebot hatte.

Den Bauernhof im Beerfelder Walterbachweg kaufte 1926 Urgroßvater Fritz Zimmermann. Milch, Vieh, Schweine und Pferde hielt der aus Pleutersbach stammende damals auf dem Hof. Vom Neckar war er auf die Höhe gekommen, weil im heutigen Eberbacher Stadtteil alles sehr beengt zuging. Aktuell wird der Hof somit in vierter Generation bewirtschaftet. Seit Juli 2014 ist der 36-jährige Urenkel Christian Inhaber. Zuvor führte er den Betrieb zehn Jahre lang mit seinen Eltern als Familien-GbR. Beide helfen aber ebenso wie der Bruder noch mit, wenn Not am Mann ist. Seit Oktober 2010 wird auf dem Bauernhof Bio-Milch produziert, die an die Milchwerke Oberfranken-West geht.