Den Bürgern etwas zurückgeben

Wer kann von sich schon behaupten, von einem früheren Bürgermeister durch die Gegend kutschiert zu werden? Ab kommendem Frühjahr kommen die Sensbachtaler in diesen Genuss. Denn das ehemalige Gemeindeoberhaupt Egon Scheuermann sitzt dann – abwechselnd mit anderen Ehrenamtlichen – am Steuer des Vereinsbusses der Generationenhilfe Oberzent. Der verbindet an einem Tag in der Woche Ober- und Unter-Sensbach sowie Hebstahl mit der Kernstadt Beerfelden.

Aus seiner beruflichen Erfahrung weiß Scheuermann, lange Jahre Erster Beigeordneter, dann zehn Jahre Bürgermeister, dass die Mobilität im ländlichen Raum ein schwieriges Thema ist. Die Grundversorgung mit Schul- und Rufbus ist das höchste der Gefühle, schätzt er. Viel mehr kommt nicht dazu, denkt Scheuermann – mal „Garantiert mobil“ außen vor gelassen. Hier vermisst er aber die persönliche Komponente.

Der Sensbacher findet es gut, dass nicht gewartet wird, bis andere etwas tun, sondern in diesem Fall die Generationenhilfe selbst die Initiative ergreift. Mit Unterstützung von „Echo hilft“ kann der Vereinsbus im kommenden Frühjahr auf den Weg gebracht werden. An zwei weiteren Tagen in der Woche werden außerdem das Finkenbachtal sowie Falken-Gesäß, Airlenbach und Olfen angedient.

Scheuermann verspricht sich neben einer besseren Anbindung ans Zentrum auch eine Stärkung der Kernstadt. Er hofft auf ein erfolgreiches Zusammenwachsen und größeres Zusammengehörigkeitsgefühl von Oberzent, wenn die Satelliten in den anderen Tälern einen stärkeren Bezug zu Beerfelden entwickeln.

„Die Bürger werden von Leuten gefahren, die sie meist persönlich kennen dürften“, nennt er einen Pluspunkt. Der ehemalige Bürgermeister kann sich vorstellen, dass dies die Hemmschwelle für eine Nutzung senkt. „Man kann sich austauschen und unterhalten über die Dinge, die im Ort passieren“, schildert er die Vorzüge. Mit seinem Bekanntheitsgrad will er das Vertrauen gerade der älteren Mitbürger gewinnen, das Angebot zu nutzen.

Für Scheuermann ist seine Tätigkeit daneben auch ein gewisses Geben und Nehmen. Als Beigeordneter und Bürgermeister „habe ich vom Ehrenamt profitiert“, erklärt er. Jetzt möchte er als Fahrer „auch etwas davon an die Bürger zurückgeben, solange es mir möglich ist“, kokettiert der 59-Jährige mit seinem Alter.

Die Mobilität ist ein ganz zentrales Thema in den kleinen Dörfern, betont der Präses des evangelischen Dekanats Odenwald. Deshalb macht es für ihn Sinn, dass die Haltepunkte nicht auf die öffentlichen Haltestellen beschränkt werden, sondern der Bürgerbus auch entlegenere Orte wie etwa Salmshütte bedienen kann. „Damit wir sind wir näher an den Bürgern“, hebt der Alt-Bürgermeister hervor.

Gerade Ältere tun sich leichter mit einem festen Fahrplan, denkt er. Das erleichtert die Planbarkeit, wenn es dann etwa um Arzttermine geht. Den Bedarf sieht er daneben auch bei Fahrten zu den Einkaufsmärkten. Scheuermann hofft, damit der allgemeinen Abwärtsspirale auf dem Land etwas entgegenwirken zu können. Ihm geht es darum, als gutes Beispiel voranzugehen oder in diesem Fall voranzufahren, damit andere auf den Zug aufspringen.

In den drei Orten des früheren Sensbachtals gibt es seiner Beobachtung nach derzeit noch viele Mehrgenerationenhäuser, in denen weiterhin jemand Jüngeres aus der Familie wohnt und damit die Senioren unterstützt. Man hilft sich. Verwandt- und Nachbarschaft sprechen sich ab, wenn es Erledigungen gibt: „Ich fahre dahin, soll ich was mitbringen?“ Denn im Tal gibt es weder Ärzte noch einen Nahversorger. Nur zwei Bäcker halten mit ihren Verkaufswagen. Für mehr bleibt nur der Weg nach Eberbach oder Beerfelden.

Bürgerbus schleppt sich noch dahin

Es ging zwar „nur“ um 3000 Euro, aber irgendwie auch ums Prinzip. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich die Oberzent-Stadtverordnetenversammlung nicht dazu durchringen konnte, nach einstündiger Diskussion ein Votum pro Bürgerbus-Start zu fassen. Denn das Thema war bereits bei der Kommunalwahl im Frühjahr 2018 im Fokus und kam seitdem nicht richtig voran.

Nachdem eine mögliche Bezuschussung durchs Land scheiterte, wollte die ÜWO nun wieder Zug in die Sache bringen. Doch der Zug hat immer noch erhebliche Verspätung und wird erst einmal auf einem anderen Gleis fahren: Die weitere Beratung soll im Ausschuss stattfinden, einigte man sich nach einer Sitzungspause zu später Stunde. Bei manchem Mandatsträger führte dieses „Hin- und Herschieben“ zu Frust, wie Chris Poffo (ÜWO) unmissverständlich deutlich machte.

Die ÜWO wollte mit ihrem Antrag erreichen, dass die Stadt einen Kleinbus least, der dann von der Generationenhilfe Oberzent betrieben wird. Der soll vor allem älteren Mitbürgern aus den Dörfern mehr Mobilität garantieren. Es gibt Bereiche in Oberzent, wo eine ÖPNV-Abdeckung schwierig ist, sagte Poffo. Durch den Bürgerbus „wollen wir einen Mehrwert schaffen“, betonte er. Wegen 3000 Euro „sollte man nicht alles verkomplizieren“.

Zu dem Punkt gab’s einen Änderungsantrag von SPD, CDU und FDP. Darin wollte Thomas Ihrig (SPD) „einen Schritt zurückgehen“ und geklärt wissen, ob der Verein zum Betrieb in der Lage ist. Er wolle nicht fürs Bus-Leasing stimmen, ohne dass ein Konzept vorliegt. Im selben Antrag schlugen die drei Fraktionen vor, den „Oberzent-Discount“ beim Taxomobil von „Garantiert-Mobil“ von 50 auf dann 75 Prozent zu erhöhen.

Auch Elisabeth Bühler-Kowarsch sah bei einer grundsätzlich positiven Haltung „noch viele Dinge zu diskutieren“. Sie regte an, neben Peter Krämer von der Oreg auch Vertreter des Bürgerbusses Bad König zur Ausschusssitzung einzuladen, um Erfahrungsberichte zu hören. Dirk Daniel Zucht (SPD) wertete den Bürgerbus „als Brücke zum Oreg-Angebot“. Man wolle Hand in Hand mit der Nahverkehrsgesellschaft arbeiten, damit keine Parallelstrukturen entstehen.

Achim Schäffler (ÜWO), mit ihm in der Generationenhilfe aktiv, griff eine Anregung von Ihrig auf. „Ich kann damit leben, dass der Bus erst angeschafft wird, wenn ein Betriebskonzept vorliegt“, sagte er. Die Hoffnung war groß, dass der Ausschuss das Thema schnell berät. Dass – wie in der Runde angesprochen – Garantiert-Mobil ein Vermarktungsproblem habe, wollte Bürgermeister Christian Kehrer nicht so stehen lassen.

Oberzent soll einen ehrenamtlichen Kulturbeauftragten bekommen. Diesen Antrag der SPD befanden alle Stadtverordneten für gut und folgten ihm einstimmig. Dirk Daniel Zucht hatte in der Begründung angeführt, dass derzeit Fördermittel in erheblicher Höhe ungenutzt blieben. Dies geschehe oft aus Unkenntnis, da die entsprechenden Programme nicht beworben werden. Personelle Engpässe in der Verwaltung schränkten zusätzlich die Sichtung und Weitergabe der Ausschreibungen ein.

Laut Zuchts Ausführungen soll der Betreffende die Verbindung zwischen der Stadt und den Oberzent-Kulturschaffenden herstellen. Auch ist gedacht, dass der Ehrenamtliche als Bindeglied zwischen der Stadt, dem Odenwald- und umliegenden Kreisen fungiert. Es geht darum „neue Türen zu öffnen“, wollte die Leistung der bisher Tätigen nicht mindern.

So ist es ein großer Wunsch, die kulturellen Oberzent-Events nach außen zu tragen. Denn, so sein Beispiel, von 600 Terminen im Odenwaldkreis-Flyer „sind nur drei aus Oberzent“, sieht er gewaltigen Nachholbedarf. „Es gibt kein finanzielles Risiko, aber viele Chancen“, betonte er. Der Magistrat soll nun „das Casting durchführen“, formulierte es Stadtverordneten-Vorsteher Claus Weyrauch flapsig.