Fastnachter legen in Unter-Sensbach ihre Kappen ab

Er rief sie herein und alle kamen. „Invocavit“ (lateinisch „hereinrufen“) lautete der Titel des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche Unter-Sensbach, in dessen Rahmen (am ersten Sonntag nach Aschermittwoch) das Kappenablegen der Sensbachtaler Fastnachter stattfand. Quasi ein „kirchlicher“ Abschluss der närrischen Tage und Start in die Fastenzeit bis Ostern. Pfarrer Roland Bahre freute sich über den guten Besuch dieser Premiere.

In den vergangenen Jahren hielt der Geistliche immer ein „lustiges Grußwort“, gemeinhin auch Büttenrede genannt, auf der Sensbachtaler Fastnacht. Da alles ein Geben und Nehmen ist, bewegte der Pfarrer die Narren mit seiner Überredungskunst dazu, doch auch mal ins Gotteshaus zu kommen. Nach dem Motto: „Wenn ich in die Bütt steige, können die auch in die Kirche gehen“, schmunzelte er. „Es ist schön, den Kontakt zwischen Kirche und Fastnacht zu haben“, betonte Bahre.

„Bewahrt den Narren in euch“, lautete die Kernaussage seiner Predigt. Denn, so sein Rückgriff auf den Korintherbrief, „auch das Christentum war in den ersten Jahren eine Narretei“. Dort steht zu lesen: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“

Die Sensbachtaler Fastnachter waren in großer Zahl erschienen, neben den Sitzungspräsidenten Thomas Johe und Marcel Daub auch Elferrat und Gardemädchen. Von befreundeten Verein aus Schönnen-Ebersberg, den Schönberger Fastnachtern, kamen Vertreter mit Sitzungspräsident Thomas Hallstein an der Spitze vorbei. „Alle waren sofort mit dabei“, unterstrich Johe das gute Verhältnis im Ort. „Ich musste nicht kämpfen“, lächelte er. Er zeigte sich erfreut über die große Resonanz.

Pfarrer Bahre wünschte sich, dass dieser „endgültige Abschluss der Fastnacht“ am ersten Sonntag der Fastenzeit zu einer schönen Tradition im Ort werden soll. Die Fastnachtzeit als „schöne, freudige Zeit“ gehört für den Pfarrer ebenfalls zum Leben wie die Hinwendung zu Jesus und dem Kreuzestod in der Fastenzeit. Die folgende Auferstehung sei wieder ein freudiges Ereignis.

Ob denn die Fastnachtszeit zur Kirche gehört? Roland Bahre beantwortete für sich diese Frage mit einem klaren „Ja“. Denn: „Die Kirche gehört zu den Menschen“, hob er hervor. Wer Fastnacht feiern kann, steht mitten im Leben, „so wie die Kirche auch in der Mitte steht“, so der Pfarrer. Denn die eine oder andere Schuld wurde in dieser Zeit auf sich geladen, erläuterte er. So etwa, wenn man über die Stränge schlägt und die Fastenzeit nutzen kann, um Buße zu tun, merkte Bahre lächelnd an.

Die andere Form des Gottesdienstes stieß auf viel Zuspruch. „Es waren einige da, die ich sonst noch nicht in der Kirche gesehen habe“, fiel dem Geistlichen auf. Die Resonanz war sehr gut, stellte Bahre bei der Verabschiedung fest. „Die Besucher fanden es toll“, nahm er mit. Und wollen wieder kommen. Die Stimmung war seiner Beobachtung nach sehr gut, weil beides vereint wurde: die Leichtigkeit von Fastnacht und der Schwere der Fastenzeit. Gesungen wurde unter anderem das „Dona nobis pacem“ als dreistimmiger Kanon gesungen und in Reimform das „Kappengebet“ gesprochen.

Aus seiner Gemeinde weiß er, dass manche bis Ostern auf Alkohol und/oder Fleisch verzichten. „Das war eine typische Aktion eines Ortspfarrers“, sagte Bahre. Denn ein solcher ist er nun schon seit fast vier Jahren in seiner Funktion als Geistlicher für die Pfarrei Beerfelden-Ost mit ihren 1900 Gemeindegliedern. Für ihn ist es „sehr, sehr wertvoll und unersetzlich, dass die Gemeinde in dieser Form mitwirkt“, betonte er. Die Kooperation mit den Bürgern und Vereine ist wichtig. „Das Leben als Ortspfarrer ist einfach schön“, bekräftigte der 35-Jährige.

Heute verbindet man Fastnacht mit Karneval und ausgelassenem Treiben auf der Straße. Ursprünglich bezeichnete die Fastnacht allerdings nur das, was sie ihrem Namen nach ist: Die Nacht vor dem Beginn des Fastens. Und auch die Bezeichnung „Karneval“ hat ihren Ursprung im religiös motivierten Fasten. „Carne vale“ heißt im Lateinischen „Fleisch, leb wohl“. Wenn die Passionszeit und mit ihr das Fasten am Aschermittwoch beginnt, dann sind (theoretisch) viele Speisen und Getränke für die nächsten 40 Werktage verboten. Alkohol gehört dazu, Fleisch ebenfalls.

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Ökumenisches Gebet über die Zukunft der Kirchengemeinden im Mossautal

Es war ein Neuanfang in Form eines Gebets: Beerfeldens evangelischer Pfarrer Roland Bahre, seit einem halben Jahr Vakanzverwalter der Kirchengemeinden Güttersbach und Mossau, stößt in seiner Arbeit immer wieder auf neue Aufgaben und kommt – auch zeitlich – an seine Grenzen. Um nun neue Wege zu gehen und „mehr Gottvertrauen zu wagen“, hatte der Geistliche zu einem ökumenisches Neujahrsgebet über die Zukunft der Kirchengemeinden im Mossautal in die Quellkirche Güttersbach eingeladen.

Das eine oder andere kurzfristige Projekt wie die Erntedanksammlung brachte er zwischenzeitlich auf den Weg. „Für eine nachhaltige Gestaltung fehlt mir aber naturgemäß der lange Atem“, sagt Bahre. Gerade um diesen Atem, den Geist Gottes, „haben wir in diesem Neujahrsgebet gebetet“, erläutert er. Als Vakanzverwalter ist es seine Aufgabe, die Kirchengemeinden pfarramtlich zu betreuen und die Kirchenvorstände zu begleiteten Projekten anzustoßen.

Als Pfarrer, so Bahre, „gebe ich von Herzen das Beste“. Allerdings ist der Weg für die Kirche im Mossautal steinig, stellt er fest. Auch für die Seelsorge hat er kaum Kapazitäten. „Deshalb wurde es Zeit, Gott um seine Hilfe zu bitten, denn die Zukunft der Kirche liegt in seinen Händen“, formuliert der Geistliche den dringenden Handlungsbedarf. „Eine Kirche, in der der Geist Gottes nicht weht, ist ein Museum mit religiöser Kulisse. Eine Kirchengemeinde ohne den Geist Gottes ist schlicht leblos und nichts wert“, betont er.

Der Abend folgte keinem festen liturgischen Programm, schildert der Beerfelder Pfarrer. Es war keine besondere Form vorbereitet, „wir haben uns einfach treiben lassen“. Allen ging es hinterher so, dass sie selbst überrascht waren. Eingeladen waren nämlich Gäste aus der Pfingstgemeinde Michelstadt, die den Gebetsabend mit Lobpreis, Gebeten und Erzählungen über Gott mitgestalteten. So wurde es beinahe zu einem Konzert, „in dem wir gemeinsam beteten, sangen, Gott lobten und um seinen Segen baten“. Es war sehr beschwingte Musik, mit Klavier, Gitarren und Cachonne, die zum Mitsingen und -tanzen einlud.

Der Kontakt zwischen der evangelischen Kirchengemeinde und der Pfingstkirche in Michelstadt kam zustande, weil zwei Mitglieder der Pfingstgemeinde in Unter-Sensbach wohnen und Teil des Bibelkreises sind, den die Protestanten in Hebstahl über die Wintermonate anbieten. So entstand ein guter Kontakt zwischen den beiden Pfingstlern und Bahre, der sie einlud, für die Zukunft der Kirchen im Mossautal mitzubeten. „Eine tolle Fügung“, freut er sich.

Die Art der Pfingstgemeinde, Gott zu loben und ihn in die Kirche einzuladen, ist für evangelische Christen gewöhnungsbedürftig, weiß der Pfarrer. Deshalb war es eine ungewöhnliche Veranstaltung in einem evangelischen Gotteshaus, „aber ein tolles Erlebnis für alle“, stellt er fest. „Und mir persönlich sehr wichtig.“ Es waren etwa 50 Besucher dabei: Außer Gemeindegliedern vor allem Mitglieder der Pfingstgemeinde, aber auch Konfessionslose und Katholiken. „Viele junge, sehr engagierte Christen“, hebt er hervor.

Die Resonanz war sehr positiv. Melanie Kredel aus Ober-Mossau meinte: „Ich hatte sehr viel Spaß und hätte gerne mitgetanzt. Gerade dass so viele junge Leute dabei waren, fand ich toll. Ich war hin und weg.“ Christiane Spatz, ebenfalls aus Ober-Mossau, betonte: „Ich nehme etwas mit heim. Die gute Stimmung und die Begeisterung: Da wurde Glauben lebendig.“ Gisela Emig aus Unter-Mossau ergänzte: „Ich hatte das Gefühl, Gott ganz nah zu sein.“ Auch einige Tage später bekam sie noch Gänsehaut. Auch die Gäste der Pfingstgemeinde waren sehr angetan. Alle waren sich einig, dass dies der Beginn von gemeinsamen Veranstaltungen sein wird.

Die Kirchenvorstände von Güttersbach und Mossau sowie Pfarrer Bahre waren am vergangenen Wochenende auf einer Klausurtagung, um unter professioneller Anleitung zweier Gemeindeberater/Supervisoren die Vergangenheit aufzuarbeiten und zu schauen, „wie wir die Zukunft der Kirchengemeinden gestalten können“. Aktuell ist noch kein neuer Pfarrer in Sicht.

Zu den Kirchengemeinden Güttersbach und (Unter-/Ober-)Mossau gehören auch Olfen, Hiltersklingen und Hüttenthal. Die erneute Vakanz seit dem Weggang von Pfarrerin Julia Fricke an Pfingsten 2018 ist laut Roland Bahre für alle eine Herausforderung: für das Gemeindebüro, für den Kirchenvorstand und die Ehrenamtlichen, für die Eltern der Konfirmanden, die ihre Kinder nach Beerfelden fahren müssen, aber auch für den Vakanzpfarrer Bahre, der seit Mitte 2018 hier tätig ist.

(Foto: Bernhard Bergmann)

125 Jahre Evangelische Kirche Hirschhorn: Ausstellungseröffnung am 27. August im Langbein-Museum

Im Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation feiert auch die Evangelische Kirchengemeinde Hirschhorn das 125-jährige Bestehen ihrer Kirche. Zu diesem Anlass zeigt das Langbein-Museum eine Sonderausstellung: „125 Jahre Evangelische Kirche Hirschhorn“. Diese wird am Sonntag, 27. August, um 17 Uhr eröffnet. Mit Bildmaterial, Dokumenten und Gegenständen wird die Geschichte der Kirche lebendig erzählt. Dazu werden Persönlichkeiten vorgestellt, die eine aktive Rolle in der Geschichte gespielt haben. „Das historische Material ist umfassend und erzählt seine eigene Story“, verspricht Initiator Dr. Ulrich Spiegelberg.

Die Evangelische Kirche ist bis heute unverwechselbarer Teil des Hirschhorner Stadtbildes und eines ihrer Erkennungsmerkmale. Zu ihrer Einweihung am 7. November 1892 reiste eigens der Großherzog an, um dem feierlichen Festgottesdienst beizuwohnen. Es sollte sein einziger Besuch in Hirschhorn bleiben. Relativ früh hielten Luthers Gedanken in Hirschhorn Einzug, als sich die Ritter ab 1526 der Reformation zuwandten, diese auch in ihrem Herrschaftsbereich förderten und durchzusetzen suchten.

Nach einer wechselhaften Geschichte erlosch 1719 die evangelische Gemeinde in Hirschhorn. Für die letzten Gemeindeglieder war die Neckarsteinacher Kirche – zumindest vorübergehend – der nächstgelegene Ort, wo sie noch einen evangelischen Gottesdienst besuchen konnten. Knapp 100 Jahre später, mit dem Übergang nach Hessen im Jahr 1803, kamen wieder die ersten Protestanten ins damals rein katholische Hirschhorn: Es waren vor allem hessische Beamten – Landrat, Landgericht, Forst, Finanzverwaltung, später Polizei, Post, Bahn.

Die kleine evangelische Gemeinde war zunächst nach Neckarsteinach eingemeindet. Doch der Kirchenbesuch in Neckarsteinach war ihnen zu mühsam, so dass bald der Wunsch nach einem Gottesdienst und einer Kirche vor Ort entstand. Im Jahr 1854 ergab sich die Möglichkeit, einen evangelischen Gottesdienst im ehemaligen Rittersaal des Schlosses zu feiern. Hirschhorn wurde sozusagen zur Neckarsteinacher Filiale mit eigenem Pfarrverwalter, bis die Gemeinde, inzwischen auch durch Langenthal verstärkt, so gewachsen war, dass sie sich 1890 als eigenständig etablieren konnte.

Dies war zugleich der Startschuss für ein weiteres großes Vorhaben, den Kirchenbau. Der Bauplatz wurde am 12. Juli 1891 eingeweiht, die Grundsteinlegung fand am 12. August statt. Auf den Tag genau zwei Jahre später wurden Turmkreuz und Hahn aufgesetzt. Der Gesamtbau kostete damals rund 60.000 Mark. Turmuhr und Orgel folgten in weiteren Abschnitten, ebenso das Pfarrhaus. Ab diesem Zeitpunkt verfügte die junge evangelische Gemeinde über alle wichtigen Einrichtungen für ihr kirchliches Leben – bis heute.

Die Sonderausstellung 125 Jahre Evangelische Kirche in Hirschhorn erzählt die Geschichte einer Gemeinde, die heute fester Bestandteil Hirschhorns ist und seine Identität wesentlich mitprägt. Sie zeigt mit altem Bildmaterial so manch neue Perspektiven und lässt nachempfinden, wie es ist, eine eigene Kirchengemeinde zu gründen und ihr eine Kirche zu errichten.

„Die Kirche steht nach wie vor mitten im Leben“: Visitation der evangelischen Kirchengemeinde Hirschhorn durch Besuchsgruppe aus Michelstadt

Die Besuchergruppe aus Michelstadt war angetan von dem, was in Hirschhorns evangelischer Kirchengemeinde passiert, wie groß das Interesse aus der Bevölkerung an Kirchenbelangen ist. Die vierköpfige Gästeschar war im Rahmen der Visitationen des evangelischen Dekanats Odenwald, zu dem kirchlich auch das im Kreis Bergstraße gelegene Hirschhorn zählt, zwei Tage am Neckar. Dabei sollten Möglichkeiten und Grenzen kirchlicher Arbeit erkundet werden.

Genau diese Thematik wurde in einem Gedankenaustausch betrachtet, an dem neben zahlreichen Mitgliedern des Hirschhorner Kirchenvorstands auch Personen des öffentlichen Lebens teilnehmen. Darunter der aktuelle Bürgermeister Oliver Berthold, die frühere SPD-Bürgermeisterin Ute Stenger, Apotheker Arnt Heilmann, Vertreter der katholischen Kirche sowie Stadträte und Stadtverordnete der Fraktionen von SPD und Profil.

Die Besuchsgruppe aus dem Odenwaldkreis wurde von Pfarrer Jost Mager angeführt, der seit 1994 in Michelstadt wirkt. Als alteingesessener Odenwälder „kenne ich Hirschhorn seit frühester Jugend“, sagte er – auch wenn er die Visitation vor Ort als solche hinterfragte. Gunter Miksch war als Gemeindeglied dabei, um einen Blick „von außen“ auf das kirchliche Leben zu werfen. Dr. Michael Trumpfheller ist seit 2009 im Kirchenvorstand aktiv, Volker Backöfer ist Kirchenvorsteher seit 1997 und zuständig fürs operative Geschäft.

Hirschhorns evangelischer Pfarrer Jörg Awischus sprach in seinen einleitenden Worten von der Kirche als einem „Ort der Bedeutung“, die man aber durch den eigenen „Tunnelblick“ vielleicht gar nicht richtig einschätzen könne. Denn die Relevanz von Kirche lasse spürbar nach, ihre Bedeutung sei nicht mehr so klar definierbar, „nicht mehr so selbstverständlich“, so der Geistliche. Allerdings ist für ihn ganz klar: „Wir brauchen die Kirche als Institution nach wie vor.“

Sowohl der Hirschhorner als auch der Michelstadter Pfarrer waren sich in der Einschätzung einig, dass die Verbindung von Tradition und Moderne schwierig ist. „Wir suchen die Quadratur des Kreises“, so Awischus. Mager sah die große Diskrepanz zwischen dem Anspruch einer Volkskirche und den zielgruppenorientierten Gottesdiensten, „die attraktiver sein müssen“. Auch solle man in der Kinder- und Jugendarbeit Zeichen setzen.

„Wir müssen uns gesellschaftspolitisch auf jeden Fall äußern“, ging Mager auf die Diskussion. „Als Christen dürfen wir nicht wegschauen, wenn auf der Welt Ungerechtigkeiten passieren“, meinte er. „Ich bin nicht Jesus“, sagte der Pfarrer mit Augenzwinkern. Er schaffe es nicht, die Gleichnisse aus der Bibel auf die heutige Zeit zu übertragen. Es gelte im allgemeinen Schrumpfungsprozess der Kirchen eine Antwort zu finden, die Entwicklung vielleicht auch als Chance zu betrachten. Denn: „Das Konzept der christlichen Werte wird ja positiv gesehen“, betonte er. „Jesus hat auch mit ganz wenigen Leuten angefangen.“

Ute Stenger sprach von den positiven Wirkungen, die Kirchenarbeit haben könne, wenn die an das Gotteshaus gerichteten Themen aufgenommen würden. Für Gert Heiß reicht das Vorhandene nicht aus, „um Kirche am Leben zu erhalten“. Das Angebot müsse möglicherweise besser werden. Reinhard Mauve kritisierte, „die Welt brennt, aber die Kirche merkt es nicht“. In den Gottesdiensten geht es ihm zu realitätsfern zu.

Was Mauve den Widerspruch von anderen Teilnehmern einbrachte, dass sie genau deshalb in den Gottesdienst kämen, weil dort Ruhe vor dem bunten und hektischen Treiben draußen herrsche, eine Wohlfühl- und Besinnungsatmosphäre. Profil-Vertreterin Andrea Weber wiederum betonte, dass die Gottesdienst-Erfahrungen subjektiv seien. „Ich nehme immer etwas mit“, sagte sie.

Bürgermeister Berthold sah in der Aufgabe der Kirche etwas „für die Seele“ zu tun, was Halt und Stärke geben solle. Sie habe in der Vergangenheit dazu beigetragen, „dass die westliche Welt eine bessere geworden ist“. Die christlichen Grundwerte seien allgemeingültig. „Ist es da so schlimm“, fragte Berthold, „wenn weniger Menschen in den Gottesdienst kommen?“

Mit seiner Vorvorgängerin Ute Stenger war er sich einig, dass die Rituale nicht mehr zeitgemäß seien. „Mehr Freude und Feiern“ wünschten sich beide mit Blick auf die Gottesdienst-Gestaltung. Apotheker Heilmann forderte, die Kirche solle sich „gesellschaftlich äußern, aber nicht einmischen“. Stadtrat Jan-Paul Adler sah sie als Gegengewicht zu den negativen Nachrichten, mit denen man sonst berieselt werde.

„Die Kirche stapelt tief“: Karl Schölch als stellvertretender Vorsitzender der katholischen Pfarrgruppe Neckartal forderte dazu auf, „Gutes zu tun und darüber auch zu reden“. Die Kirche sei das „Kompetenzzentrum für soziale Belange“, trage dies aber zu wenig nach außen. Awischus ergänzte, der Kirchenvorstand arbeite an einer Profilierung in gewissen Punkten, weil man einfach nicht mehr alle Erwartungen abdecken könne.

Trumpfheller bezeichnet es als „spannend zu sehen“, wie viele zu der Gesprächsrunde gekommen waren. Dies belege das nach wie vor vorhandene Interesse an der kirchlichen Arbeit. Und zeige ihm, dass die Kirche „nach wie vor mitten im Leben steht“. In Michelstadt bewegten ganz ähnliche Fragen, meinte er.

Backöfer würdigte, dass eine kleine Stadt wie Hirschhorn „so viel engagierte Leute hat“. Die Resonanz sei „eine Perle für sich“, spielte er auf den Beinamen der Stadt als „Perle des Neckartals“ an. Ob in Michelstadt so viele Menschen an einem Samstagmittag zum Gedankenaustausch zusammengekommen wären, „weiß ich nicht“.

In Beerfeldens evangelischer Kirche: Dem „Glöckner von St. Martin“ auf der Spur

Der Glöckner geht um. Aber nicht der von Notre Dame, sondern der von St. Martin in Beerfelden. Mit Pauline, Lea und Sandra gab es drei junge Mädchen, die sich auf das Abenteuer im Rahmen der „Jungen Kirche“ einließen und Quasimodo die Stirn boten. Die Idee zu der Aktion hatte der evangelische Pfarrer Roland Bahre, der sich zusammen mit seiner Frau Nicole und Gemeindediakon Ulrich Meyer eine Art Schnitzeljagd in der Martinskirche ausgedacht hatte.

„Für die Konfirmanden wird viel geboten, aber für die Jugendlichen ab 15 Jahren fehlt dann etwas“, erläuterte Pfarrer Bahre zum Hintergrund der Veranstaltung. Die kannte er in anderer Form bereits durch seine Schwester, selbst Pfarrerin in Reichelsheim, die dort auf diese Weise versucht, die Kirche für Teenager interessant zu machen. Bahre freute sich, dass unter den drei Mädchen zwei ehemalige Konfirmandinnen waren. Er möchte in Zukunft weitere Aktionen im Rahmen der Jungen Kirche anbieten, sagte er.

„Hat es Spaß gemacht?“, fragte der Geistliche die drei Mädchen beim Abschluss, als es nach dem Aufenthalt in kühler Kirche und im Glockenturm einen wärmenden Früchtepunsch gab. Dreistimmig schallte ihm ein lautes „Ja“ entgegen. „Könnt ihr überhaupt schlafen?“, lautete die nächste Frage. „Kein Problem“, so die Jugendlichen. Da haben sie wohl eher ein Problem untereinander, wenn statt dem Glöckner ein anderer unruhiger Geist nachts keine Ruhe gibt, hieß es aus der kichernden Runde.

Ziemlich gruselig war’s für die drei aber doch einmal. Denn Gemeindediakon Ulrich Meyer stand am Ende des Dachgewölbes, angetan mit einem dunklen Talar (von Pfarrer Bahre) und einer Kapuze, und erschreckte sie. Wobei letztendlich wohl mehr der Aufstieg zum Uhrenraum den Jugendlichen zu schaffen machte. „Da gehe ich bestimmt nicht wieder hoch“, lautete ein schmunzelnder Kommentar.

Wie sie zur Teilnahme kamen? „Meine Mutter hat die Ankündigung in der Zeitung gelesen und vorgeschlagen“, meinte Pauline. Da Lea außerdem ihren Geburtstag feierte, nahmen es die drei zum Anlass, gemeinsam die Begegnung mit dem herumgeisternden früheren Geistlichen zu suchen. „Es ist blöd, dass wir die einzigen sind“, hätte sich Pauline noch ein paar Jugendliche mehr an dem einstündigen Spaß gewünscht.

Einen wahren Kern hatte die von ihm verfasste Geschichte des Pfarrers Rudelstein, so Roland Bahre – aber der Rest war frei erfunden. Beim Treffpunkt vor der Kirche erzählte der evangelische Geistliche zuerst die Historie vom „Glöckner von St. Martin“, einem ehemaligen Pfarrer, der vor mehr als zwei Jahrhunderten erschlagen worden war. Es ging darum, ihn zu befreien und die Kirche zu „entgruseln“.

In der Pfarrchronik konnten die drei Teilnehmerinnen mehr erfahren. Dazu mussten sie einige Stufen ins Turmarchiv emporsteigen und das angestrahlte Skelett als „stiller Wächter“ überwinden. Das Problem: Der Vorname des Geistlichen wurde nicht genannt. Doch genau den braucht es, um ihn zu erlösen. Also ging die Suche weiter. Im Dachgewölbe wartete dann der Grusel in Gestalt von Diakon Meyer.

Die Taufurkunde wiederum, in der der Vorname zu erfahren ist, befand sich am tiefsten Punkt der Kirche, dem Heizungskeller. Das „Lehrbuch der Theologie“ brachte schließlich Aufklärung, was das Wissen um den Namen sollte: Darin stand, wie wichtig es ist, dass bei einer Beerdigung der Vorname des Verstorbenen gesagt wird, „sonst erfährt dieser keine Erlösung“. Diesen von der Kanzel gesprochen, erfuhr die arme Seele endlich Ruhe.

 

Pfarrer Bahres Geschichte datiert zurück ins Jahr 1806, die Zeit vor dem großen Stadtbrand in Beerfelden. Pfarrer Rudelstein war ein geachteter, aber auch gefürchteter Mann. „Die Konfirmanden fürchteten seine jähzornige Art und er hatte auch etwas Gruseliges an sich.“ Überall wo er erschien, erschraken die Leute. Sie trauten sich nicht, den Pfarrer zu verägern.

Als in der Grafschaft Erbach-Fürstenau nach dem Tod des alten Herrschers ein neuer Graf die Macht übernahm, ordnete dieser den Ausbau aller Kirchenfenster in seinem Machtgebiet an. Sie sollten im ERrbacher Schloss neu aufgebaut werden, damit er sich als Freund der Künste dort an ihnen erfreuen konnte. Doch die Beerfelder Bürger weigerten sich. Als dem Pfarrer mit Gefängnis gedroht wurde, ließ er es in einer Nacht- und Nebel-Aktion geschehen.

Wissend um den Zorn der Bürger, wenn diese es bemerkten, verschwand er ebenso plötzlich von der Bildfläche. Als der Pfarrer dann nicht zum Gottesdienst erschien, wurde er von den Bürgern verflucht. Doch nach und nach geriet die Sache in Vergessenheit. Bis im Jahre 2006, genau 200 Jahre nach dem Verschwinden, nach Pfarrer Bahres Erzählung sonderbare Geräusche aus der Martinskirche kamen. Von Zeit zu Zeit war ein Wispern zu hören: „Befreit mich!“. Und genau hier setzte die Aktion an.

 

Weihnachtsmarkterlös für die Renovierung von Rothenbergs evangelischer Kirche

Ein Weihnachtsmarkt rund um die Kirche für die Kirche: Weil im kommenden Jahr die Innenrenovierung des evangelischen Gotteshauses startet, fließt der Erlös des diesjährigen Gemeindefestes in diese groß angelegte Maßnahme. Nach dem Familiengottesdienst, gestaltet von den Kindern und dem Team des Kindergottesdiensts, verweilten viele Bürger an den verschiedenen Buden. Ein ansprechendes musikalisches Programm begleitete sie durch den Nachmittag.

Pfarrer Reinhold Hoffmann hatte seine Predigt unter das Thema „Schenken“ gestellt. Man müsse erkennen, wer für den anderen da sei und einem gut tue, meinte er. Besonders freute sich der Geistliche, dass inzwischen rund 20 Kinder im Team aktiv sind. Umrahmt wurde der Gottesdienst vom Flötenkreis, in dem ebenfalls einige Jugendliche mitspielen. Der Weihnachtsmarkt, entstanden bei der 650-Jahr-Feier 1999, erfreut sich seit dem Jahr 2000 einer stetigen Beliebtheit.

Die damit eingenommenen Gelder werden 2017 in besonderer Weise benötigt. Denn die Stromversorgung der Kirche muss dringend modernen Anforderungen angepasst werden. Außerdem wird der Chorraum neu gestaltet und der Bodenbelag kommt auf den Prüfstand. Dafür benötigt die Kirchengemeinde neben Förder- auch Eigenmittel, so der Pfarrer. Die verschiedenen Gruppen trugen mit ihrem Engagement ihr Scherflein dazu bei, dass das Vorhaben gestemmt werden kann.

Mitglieder des Kirchenvorstands versorgten die hungrigen Mäuler zum Mittag mit Leckerem vom Grill, dazu gab es Erdrüben und Nudeln. Glühwein und andere Getränke hatte der Kirchenchor im Sortiment, der außerdem am späteren Nachmittag Ausschnitte seines weihnachtlichen Repertoires vorstellte. Da hatte man sich bei dem Damen der Frauenkreise bereits mit Kaffee und Kuchen eindecken können. Nebenan zauberten drei Freundinnen besonders gehaltvolle und „geistreiche“ Kaffeekreationen. Zwischendurch gab es Weihnachtslieder und Geschichten in der Kirche.

Die Konfirmanden hatten ein kleines Anspiel zu Weihnachten vorbereitet und betrieben gemeinsamen mit den Eltern und Damen der Hospizgruppe den Waffelstand. Das Kindergottesdienstteam lud die Kleinsten zum Basteln in die Kirche ein. Im Außenbereich gab es von ihm einen Stand mit kleinen Kunstwerken, Losungen und Kalendern. Der Posaunenchor hatte zum einen seinen Auftritt in der Kirche, zum anderen organisierte er den Budenauf- und -abbau tatkräftig mit. Den Tag beschloss ein Abendsegen in der Kirche.

 

Viele feierten das 200. Jubiläum der Martinskirche Beerfelden

„Das war ein Gottesdienst wie an Weihnachten“, freut sich Pfarrer Roger Frohmuth noch Stunden später über die Resonanz des vormittäglichen Andrangs in der Kirche. „Ich bin total glücklich über den tollen Besuch“, spricht er auch seinen Pfarrerkollegen Roland Bahre und Claudia Borck aus der Seele, dass die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Martinskirche so gut frequentiert wurden.

Am Nachmittag schloss ein Fest rund um den Marktplatz an, bei dem die Gäste gerne länger verweilten. Und dabei auch kräftig konsumierten, wie an den sich ausdünnenden Essensangeboten zu bemerken war. Das Jubiläum eröffnet hatte am Vorabend Heimatkundlerin Ute Löb, die die vergangenen zwei Jahrhunderte der evangelischen Martinskirche Revue passieren ließ. Architektin Stefanie Holschuh-Rundel aus Beerfelden erläuterte die von ihr betreuten Turmrenovierungs-Arbeiten der vergangenen Jahre.

Im Vorfeld des Kirchenfests am Erntedank-Wochenende hatte der Vorbereitungskreis mit seiner Vorsitzenden Andrea Breidinger-Braner alle Hände voll zu tun. „Für Leib und Seele“ hieß der Untertitel – und der war durchaus wörtlich zu nehmen. Pfarrer Bahre bezeichnete in seiner Predigt die Gemeinde als „Früchte und Ernte der Kirche“.

Es sei immer schön, bei Geschenken das „Glänzen in den Augen zu sehen“, stellte Bahre den Bezug zu Erntedank her und thematisierte auch den fließenden Heilsbrunnen. Der Kirchenchor unter Leitung von Iris Thierolf und der Posaunenchor unter Dieter Knoll sorgten für die Umrahmung des Gottesdienstes, in dem Bahre daneben auf „200 Jahre bewegte und lebendige Kirchengeschichte“ einging.

Die sich anschließenden Kirchenführungen durch Ute Löb stießen auf sehr gute Resonanz. Der eigentlich geplante Turnus von einer Stunde wurde aufgrund der Nachfrage verkürzt. Viele Besucher wollten auch den renovierten Turm besteigen und an diesem schönen Sonntag von dort aus den Rundumblick über die Oberzent genießen.

Um die Verpflegung kümmerten sich Helfer aus der gesamten Kirchengemeinde. Der Männerkochkurs tischte eine wohlschmeckende Kartoffelsuppe auf: „Sehr gut und sehr sättigend“, meinte Pfarrer Bahre nach dem „Selbstversuch“. Die von den Gemeindegliedern betreuten Flüchtlinge waren mit einem Waffelstand vertreten. Deftig ging’s bei den Rotariern zu: Das schon früh am Morgen aufgehängte 96-Kilo-Wildschwein hatte am Nachmittag sehr stark abgenommen.

„Gemeinsam dankbar sein und ins Gespräch kommen“ stehe als Motto über dem Tag. Und deshalb habe man auch die muslimische Gemeinde aus der Stadt eingeladen, so Pfarrer Bahre. Er freute sich daneben über den Besuch der Bürgermeister auch aus umliegenden Orten und des Grafen zu Erbach Fürstenau.

Die Beerfelder Heimatkundlerin Löb machte in ihrem Vortrag deutlich, dass die Martinskirche in den vergangenen zwei Jahrhunderten fast immer eine Baustelle war. Bereits kurz nach Fertigstellung traten ihren Worten zufolge erste Bauschäden am Dach auf. 1924, also nur gut 100 Jahre nach Errichtung, „erfolgte die fünfte Renovierung des Dachs“, so Löb.

Sie zeichnete gleichsam die enge Verbindung nach, welche die Beerfelder mit ihrer Kirche pflegen. Denn der Vorgängerbau war 1810 zusammen mit der gesamten Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen. In Rekordzeit ging es danach an den Wiederaufbau: Bereits im August 1812 wurde der Grundstein dafür gelegt. Die Fertigstellung innerhalb von drei Jahren dürfte auch so manchen heutigen Großprojekten zur Ehre gereichen.

Großzügige Spenden von in die USA ausgewanderten Beerfeldern trugen laut Löb dazu bei, dass 1887 der Turm mit Uhr, heute Stadtbild prägend, fertiggestellt werden konnte. „Eine eigene, viel Geduld und Nerven kostende Geschichte“, sagte die Heimatkundlerin. Denn dem frühen Baubeginn folgten Jahrzehnte, in denen zuerst nur der untere, statisch unsichere Teil als Fragment dastand.

Viel Mühe und Recherchearbeit investierte Ute Löb in den vergangenen Monaten, um diese Fülle an Material zusammenzutragen. Schwierig sei es oft gewesen, die Handschriften vergangener Jahrhunderte zu entziffern. Original-Dokumente wie Briefe und Urkunden lasen an diesem Abend die beiden Pfarrer Bahre und Frohmuth. Für die musikalische Gestaltung sorgte Kantorin Iris Thierolf an Klavier und Orgel sowie mit Gesang.

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