Verlockendes aus dem süßen Orient im Odenwald

Kulinarisch eine Brücke zwischen Orient und Odenwald schlagen: Das hat sich Azadeh Seip vorgenommen. Die 30-Jährige beglückt die hiesige Region seit einiger Zeit mit den süßen Versuchungen Persiens. Ihre Karamell-Honig-Pralinés oder die Kokos-Ingwer-Kugeln sind fremd für den hiesigen Gaumen, der sich aber nur zu gerne auf die kalorienreiche Begegnung mit den Backwaren der jungen Unternehmerin einlässt.

Dass es Azadeh Gholamy, wie sie vor ihrer Hochzeit hieß, einmal nach Falken-Gesäß verschlagen würde, war auch nicht unbedingt vorgezeichnet. Ihre Eltern, politische Flüchtlinge aus dem Iran, strandeten im schwedischen Bjornekulla, wo sie auch geboren wurde. In der Folgezeit war die Familie viel unterwegs, bis „Aza“, wie Freunde sie nennen, dann mit Mann und Sohn im Odenwald sesshaft wurde.

Die gelernte Konditorin kam durch ihre Freundin Ulrike Klein aus Wald-Michelbach auf die Idee, Süßes mit orientalischem Touch zu produzieren. Denn die Imkerin aus dem Überwald wollte ihre Produktpalette erweitern und stieß damit auf offene Ohren. „Ich habe während der Elternzeit oft darüber nachgedacht, was ich später machen will“, schildert Seip. Es sollte was Eigenständiges sein und nicht die Rückkehr in den angestellten Job.

Nach verschiedenen Probierphasen entstand schließlich die Geschäftsidee „Orient küsst Odenwald“ oder kurz OkO. Rosenwasser, Kardamom oder Safran verwendet die 30-Jährige neben weiteren Gewürzen aus der Heimat ihrer Eltern für ihre Kreationen, vermischt diese aber mit hiesigen Zutaten, „damit es bodenständig bleibt“. Den Honig bezieht sie aus Wald-Michelbach, Sahne und Butter von der Molkerei Hüttenthal.

„Das sind alles Eigenkreationen“, zeigt sie stolz auf die Palette von Leckereien, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Hergestellt werden sie im eigenen Backwagen auf dem Grundstück in Falken-Gesäß, mit Herd, Kühlschrank, Tierkühler und Arbeitsflächen ganz nach den Vorgaben des Gesundheitsamts ausgestattet. Seit dessen Fertigstellung „ist jetzt alles möglich“, lacht die 30-Jährige.

Etwa die Karamellen mit Honig auf einem Mandel-Dattel-Boden. Oder persisches Baklawa mit Safran, Rosenwasser und Pistazien. Abgerundet von Energiekugeln Marke Schoko-Feige. „Nirgends ist Zucker drin“, betont sie. Es ist immer der Honig, der für die Süße sorgt. Dazu kommt noch die Karamell-Honig-Kombi als nahrhafter Brotaufstrich. Wird Azadeh Seip für Catering angefragt, gibt’s es auch Deftiges dazu – immer mit leichtem persischem Touch.

Der Nachschub an persischen Produkten ist nicht direkt um die Ecke zu finden. Safran und Rosenwasser organisierte bisher ihr Vater in einem einschlägigen Geschäft in Hannover und schickte es. Manchmal lässt sich Seip auch Gewürze direkt von der Verwandtschaft aus Iran schicken. „Bisher kamen alle Pakete an“, schmunzelt die kreative Unternehmerin mit Blick auf die angespannte politische Lage.

Für ihre Geschäftsidee gab’s bisher viel positive Resonanz. „Selbst Leuten, die nicht so gerne Honig essen, schmeckte es“, stellt Azadeh Seip fest. Denn der wirkt ganz anders als Zucker auf den Körper, weiß sie. Die Nachfrage wird größer. So bedient sie auch den Unverpackt-Laden „Chez Martine“ in Birkenau und ist auf dem Michelstädter Weihnachtsmarkt präsent. „Die Energiekugeln sind der Renner“, hat die 30-Jährige festgestellt. Am besten funktioniert im Odenwald natürlich die Mund-zu-Mund-Propaganda.

 

Infos: http://www.meinoko.de

 

 

Nora hilft über den Verlust von Aura hinweg

Hündin „Nora“ hilft Marita Fischer, etwas mit ihrer Trauer über den Tod der geliebten „Aura“ zurechtzukommen. Mit der hatte es eine besondere Bewandtnis: Die Hündin war ihr vor zwölf Jahren bei einem Frankreich-Urlaub ausgebüxt. Vor drei Jahren folgte dann das nicht mehr geglaubte Wiedersehen: Über eine Tierschutzorganisation fand die Deutsch-Drahthaar-Dame wieder zu ihrer Besitzerin in den Odenwald (wir berichteten).

Aura durfte in Falken-Gesäß einen wohlbehüteten Lebensabend mit viel Zuwendung verbringen, ehe Marita Fischer schweren Herzens das 17-jährige Tier einschläfern lassen musste. „Ich war tottraurig, aber es ging nicht anders“, bedauert sie. Fiel ihr schon dieser Schritt schwer, so ist es für sie umso schwerer, über den Verlust hinwegzukommen.

Zwei Monate bevor sie Ende Mai 2016 Aura wiederfand, hatten die Fischers Nora von Tiere in Not Odenwald (Tino) geholt, weil sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen praktisch aufgegeben hatten. „Sie ist ein Engel“, sagt Marita Fischer über die Hündin, deren Herrchen, ihr Ex-Mann, in Finkenbach wohnt.

„So lieb, intelligent und anhänglich“, hilft sie ihr über diese schwere Zeit hinweg. Als ob es die Hündin versteht, ist sie immer an Marita Fischers Seite, folgt ihr auf Schritt und Tritt. Ins Haus will sie erst gar nicht rein, weil sie denkt, dann allein bleiben zu müssen. Nach einem Leckerli macht sie es sich dann am Tisch gemütlich.

„Aura war tapfer bis zum letzten Tag“, erzählt die 58-Jährige. Als die Hündin nach Deutschland zurückkam, war sie bereits von den Jahren auf der Straße gezeichnet. „Sie hatte nur wenige Zähne, hörte nichts mehr und hatte Probleme mit den Gelenken“, weiß ihr Frauchen. Aber das hielt sie alles nicht davon ab, nonstop an Fischers Seite zu sein.

Als wollte sie damit ausdrücken: Noch einmal haue ich nicht ab. Denn das passierte vor zwölf Jahren bei Plogoff an der Atlantikküste der Bretagne, als Aura auf Möwenjagd ging und nicht mehr gesehen wurde. Schwester „Alpha“ und Mutter „Cindy“ tauchten später wieder auf. Aura nicht. Neun Jahre lang.

Dass Aura in den Gedanken ihrer Besitzerin noch absolut präsent ist, ist an jedem Wort zu spüren. „Sie war ein ganz besonderer Hund“, betont Marita Fischer. Ihr Bettchen steht noch im Schlafzimmer, das Körbchen im Wohnzimmer. Auf der Kommode im Gang sind ganz viele Erinnerungen an frühere, glückliche Tage zu finden. Unter anderem auch der große Zeitungsartikel, der damals über das Wiedersehen berichtete.

„Sie ließ alles mit sich machen“, schildert Marita Fischer das Zusammenleben mit dem Tier in dessen letzten Lebensjahren. „Aura war einfach nur dankbar, wieder zuhause zu sein.“ Ihr jetziger Lebensgefährte war oft mit der Hündin draußen, machte viele Fotos, in denen die 58-Jährige jetzt nostalgisch blättert. Sie ist überzeugt: „Aura spürte es auch, dass sie uns alle glücklich machte.“

„Aura, wir vermissen dich“, platzt es während der Erzählung aus ihr heraus. „Sie wird immer in meinem Herzen sein“, sagt Marita Fischer mit Tränen in den Augen. Welchen Anteil Freunde und Bekannte am Schicksal der Hündin nahmen, zeigen die vielen Nachfragen, die ihr Frauchen immer noch erreichen. „Ihre Geschichte bewegte die Menschen“, freut sich die Falken-Gesäßerin. Aura war die letzte aus der großen, 13-köpfigen Hundefamilie, die noch lebte.

Dass die Deutsch-Drahthaar-Hündin immer noch präsent in ihrem Leben ist, zeigen ihr die morgendlichen Gedanken. „Im Halbschlaf bin ich manchmal der Meinung, mit Aura rauszumüssen“, erzählt sie. Das macht es Marita Fischer auch schwer, sich auf ein neues Tier einzulassen. Zwei Mal schaute sie sich bereits in Tierheimen um. „Ich hätte gerne wieder diese Rasse“, sagt sie. Ihr ist klar, dass sie einen neuen Hund nicht mit ihrem Liebling vergleichen darf. „Jeder hat seinen eigenen Charakter.“

Versöhnung über den Gräbern

Es war genau vor 75 Jahren, Mitte August 1944, als das Unglück über das beschauliche Dorf Falken-Gesäß hereinbrach und es auf einen Schlag in die Kriegswirren hineingezogen wurde: Bei einem Flugzeugabsturz starben zehn Menschen. Vor einem Jahr besuchte der Sohn des damaligen Piloten Donald Cielewich, Scott, mit seiner Frau Jamie den Absturzort und zeigte sich erschüttert. Er war damals Gast bei Christine und Günter Seip, dessen Großvater und Tante unter den Opfern waren.

Zum Jahrestag des Absturzes veranlassten die beiden US-Amerikaner, dass am Kriegerdenkmal ein großes Blumengesteck für alle Verstorbenen abgelegt wurde. Gleichzeitig wurde an Cielewichs Heimatort im Gottesdienst den Verstorbenen gedacht sowie für die Angehörigen und den Frieden gebetet. Das Ehepaar betont im E-Mail-Austausch mit den Seips immer wieder, „wie unglaublich wichtig dieser Besuch für sie, vor allem für Scott, war“.

Das damalige Ereignis grub sich tief ins Gedächtnis der Menschen in Falken-Gesäß ein und ist auch heute noch bei den Älteren präsent. Das Grauen kam buchstäblich aus heiterem Himmel. Viele Köpfe gingen in die Höhe, als ein amerikanischer Bomber über dem Leonardshof auftauchte und mit stotterndem Motor ins Tal weiterflog – unbemannt, denn die Crew war aus dem defekten Flugzeug schon vorher abgesprungen. War es eine Bö oder ein Bodenkontakt: Die B-17 (Fliegende Festung) beschrieb plötzlich eine Rechtskurve und krachte frontal in eine Scheune am Kirchweg.

Die Erinnerung an die Tragödie saß in der Familie tief, erinnerte sich Günter Seip beim Besuch des Ehepaars vor einem Jahr. „Meine Oma hat viel davon erzählt“, sagt er. Der Rumpf flog durch den hinteren Hausteil mit Scheune der Seips, rutschte durch den Garten und bohrte sich dann ins Tor der unterhalb liegenden Scheune der Familie Schmidt (heute Hagendorn). „Es war Sommer, es wurde gedroschen, man half sich gegenseitig“, beschreibt Seip, warum so viele auf einem Fleck zusammen waren.

Die BASF war Ziel der Bomberflotte, zu der die B-17 gehörte. Die Besatzung hatte das Flugzeug bereits über Gammelsbach mit dem Fallschirm verlassen. Donald Cielewich versuchte die kaputte Maschine noch zu halten, aber vergebens. Die Seips erfuhren, dass die beiden Piloten den kaputten Bomber eigentlich in den gegenüber liegenden Hang steuern wollten und über dem Leonhardshof abgesprungen waren. Sohn Scott „war sehr erschüttert, als er erfuhr, was das Absturz ausgelöst hatte“.

„Wir sind seitdem per E-Mail in Verbindung“, schildert Christine Seip den Kontakt. In dem Austausch wird immer wieder deutlich, „wie viel ihnen der Besuch hier in unserem Haus bedeutet“, erzählt sie. Dem Ehepaar war das damals gar nicht so bewusst, „aber es ist so schön, dass dieser Kontakt daraus entstanden ist“.

Den Cielewichs ist es ein ganz großes Herzensanliegen zu zeigen, wie sehr sie die vielen Opfer, von denen sie erst bei ihrem Besuch in Falken-Gesäß erfuhren, bekümmern – und das Leid, das dadurch in viele Häuser hier im Dorf kam. Den Amerikanern „war die Versöhnung und Verständigung ein ganz großes Anliegen“. Der Besuch „machte die damalige Geschichte lebendig und greifbar“, erzählt sie.

Für Scott Cielewich ist das Aufeinandertreffen mit den Seips immer wieder das beste Beispiel dafür, dass sich die Menschen offen begegnen sollten. „It is a poignant remember to everybody that hears it, that there are many reasons we all need to keep an open heart as well as an open mind“, schrieb er nach Deutschland. Die Versöhnung über den Gräbern zwischen den Familien bedeutet ihm mehr als alles andere.

Der direkte Kontakt, der Austausch, die Gespräche sind es, auf die es zwischen den Menschen ankommt, betonte der 69-Jährige. Ihm und seiner 66-jährigen Frau Jamie geht es darum, die Erinnerung an das Geschehene aufrecht zu erhalten, damit es nie wieder einen Krieg zwischen den Völkern gibt.

Die Boeing B-17 Flying Fortress (deutsch Fliegende Festung) ist ein schwerer Bomber der Boeing Airplane Company. Er ist der bekannteste Bomber der US-Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg und war dafür bekannt, trotz schwerer Schäden (meistens) noch flugfähig zu sein. Die vollständige Besatzung einer Flying Fortress bestand aus zehn Mann; vier davon waren ausschließlich MG-Schützen.

Rennfahrer sollen auf gesundes Essen abfahren

Die schnellen Jungs sollen auf gesundes Essen abfahren, ist das „Ziel“ von Valentin Witzgall. Der gelernte Schreiner ist im „zweiten Leben“ Koch und arbeitet für das Bremotion-Rennteam aus Mühlheim/Main als Caterer bei drei GT4-Rennen in diesem Jahr. Bereits vor zwei Jahren war er bei einigen Veranstaltungen dabei und schwelgt noch in Erinnerungen an diese Zeit. Witzgall plant fürs kommende Jahr, dieses Engagement auszudehnen und sein Wissen auch in Kochkursen auf der eigenen, riesigen Terrasse im Almenweg weiterzugeben.

Bremotion-Chef Patrick Brenndörfer kennt der 41-Jährige schon lange: „Wir sind Kindergarten-Kumpel und zusammen Kart gefahren“, lacht er. Leider endete der erste Rennkoch-Anlauf vor zwei Jahren frühzeitig, da der Sponsor absprang, erzählt Witzgall. In diesem Jahr ist er aktuell zeitlich noch sehr stark eingebunden, sodass er vorerst nur drei Mal seine Kochkünste zum Einsatz bringen kann: auf Nürburg-, Hockenheim- und Sachsenring, beginnend Mitte August in der Eifel.

„Das ist wie Camping-Urlaub“, weiß er vom vergangenen Mal, der ihn auch ins belgische Spa führte. Der Koch schmeißt Gaskocher oder Gasgrill am Truck oder im Zelt an, um 20 bis 30 Leute zu verpflegen. Da es keine festen Essenszeiten gibt, „gilt es flexibel zu sein“. Natürlich muss man das mögen, sagt der Falken-Gesäßer, „aber es ist einen Riesenspaß“. Einen besseren Arbeitsplatz, meint er, „kann man nicht haben“.

Im Team wird viel gelacht und Gaudi gemacht. Das Fahrerlager mit den teuren Autos „ist eine ganz andere Welt“, hat der ehemalige Kart-Fahrer festgestellt. Bei den ADAC-GT4-Rennen tummeln sich Rennställe mit Mercedes, McLaren, BMW oder Porsche. „Da geht es um viel Geld“, sagt Witzgall nachdenklich. Das Ganze ist allerdings auch eine riesige Materialschlacht. Doch der Faszination Motorsport kann man sich nur schwer entziehen.

„Einfache, feine Geschichten mit einem gesunden Anstrich“ will er Rennfahrern, Team und Sponsoren schmackhaft machen. Wenn bei Männergesprächen der Benzindampf wabert, darf logischerweise viel gegrilltes Fleisch nicht fehlen, schmunzelt er. Aber ein schnelles Pastagericht oder ein Rumpsteak mit Zitronen-Spaghetti stehen auch auf seiner „Menüliste“. Die brauchen Power, meint er über die Rennteam-Mitarbeiter.

In seiner „Monkey-Kitchen“ will der 41-Jährige im kommenden Jahr Outdoor-Kochkurse anbieten, erzählt er. Es soll verschiedene Kategorien geben: unter anderem einen eher fleischlastigen Kurs für Männer, Afrika-Style oder auch vegetarisch. Witzgall orientiert sich dabei etwas an Jamie Oliver. Einfach, schnell, gut, mit frischen und gesunden Produkten soll es sein. Denn: „Heute wird viel zu schlecht gekocht, obwohl gutes Essen nicht schwierig ist.“ Bewusster essen ist sein Ziel. Kochfans jeden Alters sind willkommen.

„Mit wenig Aufwand viel erreichen“, lautet das Motto für den ersten Männerkochkurs. Sodass es für die Freundin eben nicht nur Nudeln mit Tomatensoße gibt, sondern Gnocchi mit Fenchel, geriebenem Käse, getrockneten Tomaten, Oliven, Pinienkernen und Lauchzwiebeln als frisches Sommergericht. „Das ist in zehn Minuten gezaubert“, macht es laut Witzgall wenig Aufwand.

Sowieso liegt dem passionierten Koch viel daran, „auf die Urkräuter zurückzukommen“, ohne gleich ein Pillchen einzuwerfen. Die Zutaten fürs Essen hat er gleich nebenan hängen: Basilikum, Minze, Petersilie und Rosmarin sind nur einen Handgriff entfernt. Da läuft schon bei der Zubereitung das Wasser im Mund zusammen. Und ebenso lecker schmeckt es dann auch.

Der Affen im Logo, egal ob das jetzt bei der „Wine’n Farmer Edition“, einer kleinen Messe für Lebensmittel-Erzeuger aus Oberzent, ist, oder beim musikalischen Terrassenfestival, kreierte Witzgall mit einem gewissen Hang zur Selbstironie. Denn er wurde aufgrund seiner vielen Arbeit öfters gefragt, „warum ich mich immer zum Affen mache“. Und schon war der Affe Programm.

 

Valentin Witzgall (41), stammt aus Darmstadt. Nach der Schreinerlehre zog er mit seiner damaligen Frau an den Niederrhein, konnte aber nicht im erlernten Beruf arbeiten. Stattdessen war er zwei Jahre als Maschinenführer in einer Brauerei tätig, dann als Bofrost-Fahrer. Nach dem Umzug vor 16 Jahren in den Odenwald machte er sein Hobby Kochen zum Beruf. Erst in der früheren „Dorfkatz“ von Falken-Gesäß oder im „Sackbendel“ Beerfelden tätig, arbeitet er seit 13 Jahren im Haus „Feist“ in Wahlen. Witzgall ist darüber hinaus vielfältig kulturell aktiv. Er spielt in der Band „Schlagsaite“ mit, veranstaltet bei sich jährlich das Terrassenfestival und gab in diesem Jahr mit der „Wine’n‘Farmer“ erstmals lokalen Erzeugern ein Podium.

Wohlfühlen in familiärer Atmosphäre beim Terrassenfestival

Aus einem traurigen Anlass heraus wurde ein Festival ins Leben gerufen, das in Oberzent schon längst über den Status eines Geheimtipps hinaus ist: Zum vierten Mal fand in der „Monkeylounge“ bei Valentin Witzgall im Almenweg sein Terrassenfestival statt, das neben den Darmstädter Bands „Mental Reservation“ und „Elephant Messiah“ auch den Lokalmatadoren von „Schlagsaite“ sowie Rebecca Müller und ihrer Band ein Podium bot. Wie es der Name schon sagt, auf der Terrasse mit außen angebauter Bühne.

„Eigentlich habe ich das Fest ins Leben gerufen, nachdem der Vater eines Freundes aus Darmstadt gestorben war“, erinnert sich der von dort stammende Witzgall, bei der Oberzent-Band „Schlagsaite“ Schlagzeugr. „Wir haben uns bei der Beerdigung alle wiedergesehen, obwohl wir mittlerweile über das ganze Land verstreut sind“, erzählt er. Der Hintergrund war sehr traurig, aber das Gefühl, die Grundschul-Freunde alle versammelt zu sehen und es wie „früher“ war, beschreibt er als super.

Das war der Startschuss: „Ich habe mir gedacht, dass ich es zu einem schönen Anlass mache.“ Seit Beginn an dabei: „Mental Reservation“. Die Band bot damals „Wohnzimmer-Konzerte“ an. „Ich habe die Jungs gefragt, ob sie dabei sind, und auf einmal war das erste Terrassenfestival geboren“, lacht der Organisator. Und weil das super ankam, wuchs es in den Folgejahren immer ein wenig. „Ich glaube, die Leute merken einfach, wie wichtig es mir ist und wie viel Liebe ich da rein stecke“, sagt er.

Natürlich „muss“ Vali Witzgall seine Idee gefallen, denn er hat sie ja umgesetzt. Das Feedback der Besucher und Teilnehmer macht ihm jedes Jahr aufs Neue Mut, eine Wiederauflage anzugehen. Denn die Reaktionen sind wohlwollend bis euphorisch. „Absoluten Respekt“ zollen die vier von „Mental Reservation“ dem Festivalmacher, „dass er einen so großartigen Event auf die Beine gestellt hat“. Das zeigt laut der Band mal wieder: „Man muss seine Visionen gelegentlich auch einfach mal umsetzen.“

„Leute, wir können euch sagen, was wir dort alles gesehen und erlebt haben, hat es in dieser Form noch nie für uns gegeben. UN – FASS – BAR“, schreibt „Elephant Messiah“ auf ihrer Facebook-Seite. Die Veranstaltung „wird uns auf jeden Fall auf ewig in Erinnerung bleiben“. Mit Liebe wurde ein toller privater Event aufgezogen, lobt die Darmstädter Gruppe. „Danke, dass wir dabei sein durften.“

Valentin Witzgall findet aus seiner Sicht den Abend „einfach extrem gut, weil ich das Gefühl habe, dass sich die Leute in familiärer Atmosphäre wohlfühlen und noch eine gewisse zwanglose Freiheit wie auf einer Gartenparty mit Freunden herrscht“. Und das, obwohl ein richtiges Programm mit extrem guten Bands geboten wird. Die hätten es normalerweise „bestimmt nicht nötig, für umsonst im tiefsten Odenwald zu spielen“.

Er registriert, dass jedes Jahr Besucher dabei sind, die extra wegen dem Terrassenfestival aus München, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Darmstadt oder Mannheim kommen, „weil sie so eine Ungezwungenheit noch auf keinem anderen Fest erlebt haben“. Es kann jeder so sein, wie er will, und es werden keine Fragen gestellt, „was wer erreicht oder welchen Job er hat“, schildert der Organisator. „Das finde ich großartig.“

Als Musiker hat er das Glück, relativ viele gute Bands zu kennen, „die jedes Jahr wieder kommen und gerne bei mir spielen, weil sie sich überraschen lassen wollen“. Als Beispiel nennt er diesmal angebaute Bühne: „Ich hab letztes Mal gesagt, dass ich die nach draußen setze“, schildert er. „Jeder hat gemeint, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe“, lacht er. Ergebnis: „Die Besucher waren begeistert.“

„Es passieren immer witzige Dinge“, weiß er. „Ich glaube, das macht es aus.“. Dieses Mal fiel ihm beim Aufräumen so einiges in die Hände: Sonnenbrille, schwarzer Rucksack, schwarze Frauenschuhe Größe 36, schwarze Schildmütze mit der Aufschrift „Hollywood undead“ und ein blauer Herrenschlüpfer neben der Badewanne, postete Valentin Witzgall einen Tag später auf Facebook.

Die „Monkeylounge“ geht in die vierte Runde

Es wird wieder musikalisch kräftig auf der Terrasse gefeiert. Am Samstag, 29. Juni, findet das vierte Terrassenfestival in der „Monkeylounge“ statt. Ort ist der Almenweg 5 im Oberzent-Stadtteil Falken-Gesäß. Veranstalter Valentin Witzgall lädt dazu einheimische Newcomer und festivalerfahrene Bandgrößen ein. Ab 18 Uhr ist Einlass. Die Musikschule Berg (Beerfelden) wird mit verschiedenen „Jungkünstlern“ die Veranstaltung eröffnen. „Es ist sehr schön für unsere Schüler, dass sie das Gelernte in kleinem Rahmen präsentieren können“, freut man sich dort.

Danach kommt eine junge, talentierte Künstlerin aus Falken-Gesäß auf die Bühne. Rebecca Müller wird von ihrer Band begleitet. Sie zeigte schon am Beerfeldener Brunnenfest, dass sie durch eine einmalige Stimme aus der Masse heraussticht. Die Oberzent-Band „Schlagsaite“ wird mit Cover-Rock-Songs die Stimmung anheizen. Die neunköpfige Gruppe spielte bereits auf verschiedenen Veranstaltungen in Oberzent. Sie sorgte bei Pferdemarkt, Brunnenfest und Beerfelden Classix für tolle, ausgelassene Stimmung.

„Mental Reservation“ ist eine Alternative/Indie-Band aus Darmstadt. In den bisherigen vier Alben „Berlin“, „Yesterday‘s Snow“, „Fuzz“ und „What did you Expect“ sind eingängige Melodien mit klar strukturierten Drums zu hören. Die vier Musiker sind Dauergast beim Darmstädter Schlossgrabenfest und touren regelmäßig von Bad-Herrenalb bis zur Partyinsel Ibiza. Björn Kühlen, Christian Müller, Roland Schütz und Peer André Mönch waren maßgeblich an einigen Soundtracks verschiedener Filmprojekte beteiligt.

Bei „Elephant Messiah“ handelt es sich um eine 2015 gegründete Stoner-Rock-Band, die durch satte Gitarren-Riffs, gepaart mit dem tragenden Gesang von Frontmann Robin Crönlein, besticht. Der bringt mit seinen vier Band-Kollegen Mario Brehm, Sebastian Völsen, Jonas Kaffenberger und Felix Minor eine eindrucksvolle Live-Show auf die Bühne. Die Darmstädter haben sich in der Szene einen Namen gemacht. 2019 tourten die Jungs bis Augsburg und Amsterdam, um mit den an Black Sabbath und Monster Magnet erinnernden, wuchtigen Sound zu beeindrucken.

 

Info: Die Vorverkaufstickets sind im Waldseebad Beerfelden erhältlich.

Die Zukunft mit seinen eigenen Händen aufbauen

Er ist ein wenig der Traum eines jeden Arbeitgebers. „Es gibt nichts Schöneres als zu arbeiten“, meint Mehdi Hashemi, seit vergangenen August Auszubildender bei der Schreinerei Pracht. Der knapp 20-jährige junge Mann, gebürtig in Afghanistan, kam 2015 als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland und fand schnell Anschluss. „Ich mag handwerkliche Tätigkeiten“, sagt er. Sein Traum ist irgendwann das mit den eigenen Händen errichtete Haus.

„Ohne Fleiß kein Preis“ hat sich Mehdi ein deutsches Sprichwort gemerkt, das gut zu ihm passt. Seit er Ende 2015 in eine deutsche Pflegefamilie kam, die Wilstermanns in Affolterbach, arbeitet er zielstrebig an seinen Vorstellungen. Bereits im Iran probierte er sich an einigen handwerklichen Berufen wie Fliesenleger, Maurer oder Schneider aus. Letzterer wäre eigentlich auch sein Wunsch in Deutschland gewesen, aber „davon gibt es hierzulande leider nicht so viele“, bedauert er in seinem sehr guten Deutsch.

Auf den 19-Jährigen würde auch gut das schwäbische Sprichwort vom „Schaffe, schaffe, Häusle bauen“ zutreffen. Zwölf- oder 13-Stunden-Tage waren früher für ihn keine Seltenheit, „kurz vor Weihnachten mussten wir in der Schneiderei sogar 18 Stunden ran“, erzählt er. Da sind die deutschen acht Stunden am Tag für ihn ein Leichtes. „Ich will was anpacken“, verdeutlicht er. Die Arbeit macht ihm Freude, verschafft Befriedigung, er hat Spaß daran.

Im ersten Lehrgang geht es mehr darum, dass die Azubis den Profis über die Schulter schauen, die Handgriffe lernen, wissen, was man wie tut, erläutert Ausbilder Peter Schäfer. Eine Woche Maschinenkurs liegt gerade hinter Mehdi. Er versucht so viel Praxis wie möglich zu sammeln. Denn die ist es, die zählt, weiß er. Wenn er seine Ausbildung geschafft hat, will der 19-Jährige im Beruf weitermachen. Und später? „Vielleicht meine eigene Firma“, träumt er ein wenig.

Beim Betrieb fällt das Talent des jungen Mannes positiv auf. „Er schlägt sich sehr gut und zeigt viel Interesse“, freut sich neben dem Ausbilder auch Juniorchef Daniel Pracht. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt er über das Auftreten von Mehdi. Dass der einmal als Azubi in einer Odenwald-Schreinerei landen würde, hätte sich der im Iran aufgewachsene sicher auch nicht träumen lassen.

Mit ein paar Freunden machte er sich 2015 auf den gefährlichen Weg Richtung Europa. Ohne Familie kam er in Heppenheim unter, weil dort bereits ein Freund wohnte. Neben den allgemein bekannten Problemen in Persien wäre er als Volljähriger dort vor zwei Alternativen gestellt worden, die in Wirklichkeit keine waren, schildert er: entweder zurück nach Afghanistan oder für den Iran nach Syrien in den Kampf gegen den IS geschickt zu werden.

Relativ schnell ging es weiter nach Affolterbach, wo er jetzt seit dreieinhalb Jahren wohnt. Diverse Deutschkurse folgten – mit Erfolg, wie sich heraushören lässt. Erst besuchte der 19-Jährige die Metzendorf-Schule in Bensheim, dann die Freudenberg-Schule in Weinheim und machte dort seinen Hauptschulabschluss. „Ich habe bestimmt 20 bis 25 Bewerbungen geschrieben“, erzählt er über die Verwirklichung seines Berufswunsches. Dazu kamen Praktika in verschiedenen Schreinereien. Manche Bewerbungen wie etwa die für Falken-Gesäß brachte er persönlich vorbei. Das beeindruckte.

Um über den Buckel zu gelangen, wo kein Bus fährt, musste dann nicht nur ein fahrbarer Untersatz her, sondern auch die Erlaubnis, das Auto fahren zu dürfen. „Die Theorie war leicht“, erzählt der Jugendliche über die Führerscheinprüfung. „Man muss einfach die Fragen verstehen.“ Die Praxis fiel ihm dann ein wenig schwerer.

Nicht nur in Affolterbach bei seiner Pflegefamilie, sondern auch in der Schreinerei fühlt er sich zuhause. „Ich kann mit allen Problemen zu ihnen kommen und sie kümmern sich darum“, ist Mehdi dankbar. Denn seine eigene Familie lebt noch im Iran. Letztes Jahr durfte er sie für elf Tage besuchen. Sein größter Wunsch über allen anderen ist natürlich, die Lieben hierzulande um sich haben zu dürfen.

Drei Jahre lang dauert die Schreiner-Ausbildung, erläutert Peter Schäfer. Im ersten Jahr sind die Azubis drei Tage im Betrieb und zwei Tage in der Berufsschule. Dieser Zeitraum dient der Vorbereitung, sagt er. Die jungen Leute stellen Übungsstücke her, schauen zu oder helfen bei bestimmten Arbeiten. Sie fahren mit auf die Baustellen und lernen dort von den schon länger Aktiven. Im zweiten Jahr wird das Ganze dann ein wenig anspruchsvoller, die jungen Leute dürfen auch mal selbst ran. Aktuell hat die Schreinerei Pracht fünf Azubis.