Während der Geschichten war es mucksmäuschenstill

Kein Tisch war mehr frei, als Lisann Fuchs das erste Buch aufklappte: Die Kurzgeschichten-Autorin aus Rothenberg las drei ihrer Werke im „Local d’Arthúr“ am Metzkeil in Beerfelden. Der Verein „Generation Oberzent“ hatte zur zweiten Veranstaltung dieser Art eingeladen, nachdem schon die Premiere mit Alex Assmann im Rothenberger Hirsch ein großer Erfolg war. Auch jetzt dürften es wieder über 40 Gäste gewesen sein. Mystery, Psycho-Drama und Endzeit-Story gab es aus dem Schaffen der Shortstory-Schreiberin zu hören.

„Ich hatte schon ziemlichen Respekt vor der Aufgabe, drei Geschichten lesen zu müssen“, sagte die Wahl-Rothenbergerin. Denn eigentlich wollte sie sich die Aufgabe teilen, aber ihr „Mit-Leser“ erkrankte kurzfristig. „Würde meine Stimme das mitmachen? Sind die Geschichten genügend spannend und unterschiedlich? Werden die Zuhörer meine Stimme und mich drei Geschichten lang ertragen können?“, lauteten die Fragen, die sie sich klammheimlich selbst stellte.

Der Vereinsvorsitzende von „GO!“, Erik Kadesch, führte in die einzelnen Erzählungen ein und sorgte auch für die Überleitungen. Selbstausgewählte Lieder läuteten den Beginn jeder Lesung ein und beendeten jede Geschichte, um die Stimmung noch ein wenig zu tragen. Beginn war mit einem Mystery-Thriller, um die Gäste sofort in den Bann zu ziehen. Die beiden unerwarteten Wendungen und das überraschende Ende von „Der Spielplatz des Bösen“ kamen entsprechend gut an, freute sich Fuchs. „Es war 25 Minuten lang mucksmäuschenstill.“

Vor Beginn der nächsten Geschichte, „Die bessere der Welten“, wurde extra das große Licht im Lokal gelöscht – einzig die Kerzen und die Leselampe brannten. Diese Dystopie-Shortstory hatte die Autorin speziell für die Lesung geschrieben. Nach Lektorat und anschließender Überarbeitung war sie auf einmal „nicht mehr ganz so kurz, nämlich 45 Minuten lang“, bemerkte sie. Doch die Befürchtung, die Zuhörer würden unruhig, „war zu meiner großen Erleichterung unbegründet“, blickte sie zurück. Es gab kein Geraschel, Gehuste oder Stühlerücken. „Nichts. Nur Ruhe.“

Ihr wurde im Nachhinein berichtet, dass die Stimmungen im Lokal deutlich zu spüren waren: „Spannung. Mitfiebern. Rätseln. Betroffenheit.“ Sie selbst hatte bei allen drei Geschichten Phasen mit Gänsehaut. Fuchs ließ sich ganz in die Erzählung fallen, lebte in ihr, fühlte sie. Die darauf folgende Pause wurde zu Gesprächen genutzt, zu Fragen und Gedanken.

Die dritte Shortstory durften die Besucher unter drei Vorschlägen heraussuchen. Es wurde „Beste Freunde und andere Feinde“ ausgewählt. Sie beginnt als klassische Dreiecksgeschichte, eine Frau zwischen Ehemann und Geliebtem, und wird zu einem überraschenden Psycho-Drama. „Auch hier wieder: Stille während der Lesung“, zollte Lisann Fuchs den Gästen großes Lob. Sie war sehr dankbar dafür, „dass die Besucher mir die Sicherheit gegeben haben, in meine Geschichten eintauchen zu können“. Sie musste über nichts, über keine Betonungen oder Pausen, nachdenken. „Der Text durfte einfach fließen – so und konnten Welten entstehen.“

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Der Wegwerfgesellschaft entgegentreten: Verein Generation Oberzent startete Repair-Café

„Wir sind mit dem Beginn unseres Projekts Repair-Café sehr zufrieden“, freute sich der Vorsitzende des Vereins Generation Oberzent, Erik Kadesch. Bei dem von Gabi Weber organisierten Treffen wurden stolze 13 Aufträge entgegengenommen. „Fast allen konnte geholfen werden“, so Kadesch im Rückblick. Sieben Fachleute standen im evangelischen Gemeindehaus für die Hilfesuchenden parat. Es wurden unter anderem ein Laptop, eine mechanische Schreibmaschine, ein Wasserkocher oder ein CD-Spieler repariert.

Brigitte Zimmermann aus Beerfelden fand das Angebot sehr gut, sagte sie. Hinter der Aktion steckt der Gedanke „Reparieren statt wegwerfen“. Sie will auf jeden Fall wieder kommen, betonte die Besucherin. Zimmermann half neben Gabi Weber mit, Freiwillige aus Oberzent mit seinen Stadtteilen zu finden, die die Reparaturaufgaben übernehmen. Die Bereiche Elektro, Holz, Nähen und Computer wurden damit vorrangig abgedeckt.

Insgesamt waren über 30 Personen im Gemeindehaus, wobei einige ohne Gegenstände kamen und dort ihren Samstagnachmittag-Kaffee tranken, beobachtete Kadesch. Der Verein begrüßte Besucher aus der Oberzent, aber sogar auch aus Brombachtal und Erbach. Was die Breitenwirkung dieser Idee verdeutlicht. Der gespendete Kuchen der evangelischen Frauenhilfe wurde sehr gerne probiert. „Die Stimmung war sehr gut“, meinte er. Der Verein plant auf jeden Fall eine Fortsetzung des Repair-Cafés in der Oberzent. Es soll etwa drei bis vier Mal jährlich stattfinden.

Den Initiatoren geht es darum, der Wegwerfgesellschaft entgegenzutreten und Ressourcen nicht zu verschwenden. Außerdem soll das Zusammensein in Oberzent gepflegt werden, weshalb auch Bürger gerne willkommen waren, die einfach nur ihn Gesellschaft ihren Kaffee trinken wollten. Wie Weber sagte, bekam sie begeisterte Rückmeldungen aus der Einwohnerschaft, dass dieses Projekt in Angriff genommen wurde. Ähnliche Initiativen gibt es bereits in Hirschhorn und Reichelsheim. Eventuell, erläuterte sie, könnte man auch einen Workshop anbieten, um quasi „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben.

Wie Kadesch ergänzte, war das Repair-Café eines der angeregten Themen bei der Gründungsfeier des Vereins. „Wir halten es für eine sehr gute Idee“, betonte er. Bis es allerdings an den Start gehen konnte, war eine versicherungstechnische Abklärung notwendig. Weber wies darauf hin, dass die Reparierenden keine Garantie für ihre Arbeit übernehmen. Zu Beginn galt es deshalb auch einen kleinen Fragebogen auszufüllen. Hinter allem steht der Gedanke, in der neuen Stadt miteinander in Kontakt zu kommen.

Thomas Glaser hat bereits in Bensheim einschlägige Erfahrungen gesammelt. Er weiß, dass oft mit einfachen Mitteln geholfen werden kann. Bei einem alten Kofferradio mussten nur die Kontakte geschmiert werden, dann lief es wieder. Oder: „Aus zwei kaputten baugleichen Ikea-Lampen haben wir eine funktionierende gemacht“, schmunzelte er. In Bensheim „wurde der Andrang immer größer“, stellte er fest – je besser die Mundpropaganda wirkte. Glaser war gleich in seinem Element, als es galt, einen Entlüfter wieder instand zu setzen.

Markengeräte, die ein paar Jahre auf dem Buckel haben, sind nach seinen Erfahrungen besser zu reparieren als neuere Elektrogeräte. „Da kommt man teilweise gar nicht mehr richtig dran“, schildert er. Der Fachmann hat einen Tipp für Käufer: Wenn ein Hersteller Ersatzteile anbietet, dann funktioniert auch das Wiederaufarbeiten besser. Saeco, Bosch oder Miele nennt er als Beispiele. Bei Discountern erhältliche Produkte seien leider „oft nur für den einmaligen Gebrauch hergestellt“.

Bei Stefan Roßbach waren die Ratsuchenden richtig, wenn es um alles rund um den Haushalt ging. „Ich mache bei mir im Haus alles selbst“, sagte der gelernte Holzbildhauer. So traut er es sich auch zu, einen Stuhl zu reparieren. Generell machen ihm diese handwerklichen Arbeiten Spaß. „Lieber etwas mit einem geringen Aufwand wieder herstellen, als es in den Müll zu werfen“, betonte er.

„Noch halb im Schlaf sprudeln die Ideen“: Lisann Fuchs gestaltet mit ihren Kurzgeschichten die Lesung des Vereins Generation Oberzent

Thriller, Mystery und Romantik: Das ist die Welt von Lisann Fuchs, in die sie in ihren Kurzgeschichten eintaucht. Am Samstag, 13. April, liest sie mit anderen auf Einladung des Vereins Generation Oberzent (GO!) aus „Die bessere der Welten“ im „Le Local d’Arthur“ Beerfelden. Die Autoren machen sich in ihren Geschichten Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft: „abenteuerlich, fantastisch und bisweilen romantisch, doch immer mit erschreckendem Ausgang“, beschreibt die Wahl-Rothenbergerin den Inhalt der Short-Storys.

Die Liebe zur Natur und zu (einem) Menschen führte die aus dem Bergischen Land stammende nach Oberzent. Hier fühlt sie sich pudelwohl: „Für mich gibt es keinen schöneren Ort“, sagt sie über das Dorf am Berg. Selbst dörflich aufgewachsen, hat sie ein Faible fürs Land. Beim Inlinertag im vergangenen Jahr kam die promovierte Naturwissenschaftlerin gleich in Kontakt mit ein paar Einheimischen. „Das war ein riesiges Glück“, freut sich Fuchs. Ergebnis: Sie singt im Kirchenchor mit und ist Mitglied bei GO!.

Lesungen sind für Lisann Fuchs ein bekanntes Metier, seit sie sich ab 2016 dem Schreiben als Hobby zuwandte. „Ich habe selbst schon an einigen teilgenommen und auch welche veranstaltet“, erzählt sie. Zupass kam ihr dabei die Bühnenerfahrung als Sängerin in verschiedenen Bands, damals noch an anderen Wohnorten. Beim Verfassen von Songtexten „konnte ich vieles aus meinem Leben verarbeiten“, erläutert die Autorin. „Ich habe mir etliches von der Seele geschrieben.“

Um kreatives Scheiben ging es auch beim VHS-Kurs, der quasi den Startschuss für ihre schriftstellerische Tätigkeit bildete, die bisher ihren Niederschlag in 15 Kurzgeschichten fand. Die darauf folgende Lesung „war ein tolles Erlebnis“. Fuchs merkte, wie die Zuschauer ruhig und konzentriert lauschten. „Ich hatte Gänsehaut“, gesteht sie. Die Hobby-Autorin war so im Geschehen drin, „dass es sich fast schöner anfühlte als zu singen“.

Klar, dass sie weitermachte. Fuchs knöpfte sich danach Ausschreibungen für Anthologien vor, die sich meist um Thriller, Mystik und Romantik drehten. „Ich habe ein großes Faible dafür.“ Zehn Shortstorys hat sie auf diese Weise bereits veröffentlicht, noch mehr geschrieben. Denn manche Werke entstehen nur für Lesungen – wie auch die für Beerfelden.

Die Entstehung der Geschichten ist „ein ganz spannender Prozess“, schildert die Autorin. Denn sie fängt an zu schreiben, ohne dass sie bereits ein fertiges Konzept hat. Rund um einen Protagonisten entwickelt sich alles. „Ich schlafe abends ein, weiß nicht, wo es hingeht, wache morgens auf und weiß, wie es weitergeht“, beschreibt Fuchs den Fortgang. „Es ist wirklich ein Geschenk zu sehen, wie eigenständig sich die Figuren entwickeln.“

Der tägliche Arbeitsweg ist mit ihre kreativste Zeit. Morgens geht’s mit dem Auto nach Hirschhorn, von dort mit der S-Bahn weiter. „Noch halb im Schlaf sprudeln die Ideen.“ Nachmittags, auf dem Heimweg, geht es genauso flüssig weiter, als hätte es keine Pause durch den „normalen“ Beruf gegeben. „Da sind zwei gleichwertige Welten in mir“, lächelt Lisann Fuchs.

Geschichten, die ihr am Herzen liegen, bei denen „ein Hauch von Persönlichem mit drin ist“, gehen ihr dabei deutlich besser von der Hand als rein fiktive, stellte die Schriftstellerin bereits fest. Es geht zwar mystisch zu, „aber trotzdem könnte sich etwas so zutragen“, meint Fuchs. „Ich will die Menschen am Geschehen teilhaben lassen“, nennt sie ihre Intention. Gleichzeitig will die Autorin aufzeigen, „dass es noch mehr gibt als Arbeit, Fernsehen und Essen“, wie sie schmunzelnd anmerkt.

Was sie angehenden Hobby-Autoren mit auf den Weg gibt? Einfach losschreiben, empfiehlt Lisann Fuchs. Keine Gedanken machen, keine Zweifel hegen. Und: Kopf ausschalten, nicht lesen, was schon geschrieben wurde, sondern weiter machen und die Figuren sich selbständig entwickeln lassen. Natürlich gehört auch ein wenig Handwerkszeug dazu. Etwa ein VHS-Kurs wie der, den sie besuchte. „Da merkt man, ob es einem liegt oder nicht.“

Info: Die zweite Autorenlesung des Vereins GO! findet am Samstag, 13. April, um 19.30 Uhr im „Le Local d’Arthur“, Marktstraße 1, Beerfelden, statt. Interessierte werden gebeten, sich bis etwa 19.15 Uhr einzufinden. Die Kurzgeschichte „Die bessere der Welten“ von Lisann Fuchs handelt davon, dass nach der Katastrophe, verursacht durch Klimawandel, Artensterben, Raubbau an der Natur und Respektlosigkeit gegenüber anderen Lebewesen nur vereinzelt Menschen am Leben bleiben. Zwei Gruppen mit verschiedenen Lebenskonzepten bilden sich. Die einen huldigen alten Göttern und möchten, dass alles so wird, wie es einmal war. Die anderen besinnen sich auf ein Miteinander von Natur, Tieren und Menschen. In dieser konfliktreichen Umgebung erzählt Lisann Fuchs das Schicksal von 147389, die in ihrem Blutjahr wählen muss, zu welcher der beiden Gruppen sie gehören will. „Liebe in Rot“ heißt daneben die neueste erschienene Kurzgeschichte von Lisann Fuchs in der Geisterspiegel-Anthologie „Dark Islands“ (Romantruhe, 2019, ISBN 978-3-86473-499-1). Mehr unter www.lisann-fuchs.de

Gudrun Ensslin-Biografie von Alex Aßmann: Ein Blick ins Deutschland der 60er Jahre

Alex Aßmann kommt gar nicht als der typische Uni-Professor rüber, wie man ihn klischeehaft erwartet. Bei seiner Lesung im voll besetzten Gewölbekeller des Rothenberger „Hirschs“ präsentiert sich der in Beerfelden aufgewachsene Erziehungswissenschaftler humorvoll, selbstironisch und lebhaft, wenn er aus seiner vor kurzem erschienenen Biografie „Gudrun Ensslin – Die Geschichte einer Radikalisierung“ liest. Der Verein „Generation Oberzent“ (GO) hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Der heute in Gammelsbach wohnende Aßmann war sich der Komplexität des eventuell trockenen Themas durchaus bewusst. Deshalb holte er sich immer wieder Rückversicherung der Gäste, dass es diesen nicht zu langweilig wurde. „Sollte einer von ihnen einnicken, ist das kein Problem, ich bin Hochschuldozent“, spielte er witzelnd auf verschlafene Studenten in seinen Vorlesungen an.

GO-Vorsitzender Erik Kadesch führte in einem kurzen Gespräch mit dem Autor ins Thema ein. Als Leiter der Polizeidirektion Bergstraße, der die RAF-Zeit „auch noch dienstlich erlebt hat“, wollte er die Motivation des Buches wissen. Aßmann kam über seine Mollenhauer-Biografie dazu, erläuterte er. Die meisten Menschen aus dem damaligen Umfeld Klaus Mollenhauers, mit denen er sich in jenen Jahren unterhielt, fanden auch im Rückblick ihre Radikalisierung, die sich – zumindest aus deren Sicht – extrem sprunghaft und in sehr viel kürzerer Zeit ereignet zu haben schien, besonders unerklärlich.

Was ihm insbesondere bei Gudrun Ensslin ins Auge stach, war das offensichtliche Zusammenspiel von Bildungsaufstieg und Radikalität im Lebenslauf. In den meisten Darstellungen zur RAF-Geschichte werde, wenn es um ihre Radikalisierung geht, eher die Rolle Andreas Baaders hervorgehoben. „Da wird meines Erachtens etwas zu sehr unterschlagen, dass Ensslin ja eigenständige Entscheidungen traf“, betonte der Odenwälder.

Das Buch beleuchtet dem Autor zufolge die Zeit bis 1969. „Dann ist der Absprung in die Radikalisierung abgeschlossen“, so Aßmann. Zu dieser Zeit gab es die RAF noch nicht, „nur die Idee einer bewaffneten Radikalisierung“. Vom Passbild der 23-jährigen Germanistikstudentin aus dem Jahr 1963 bis hin zum späteren Fahndungsfoto: Aßmann warf einen Blick auf die familiären Verhältnisse und Liebesbeziehungen Ensslins in diesen Jahren.

Beim Blick hinter die Fassade wurde deutlich, wie die hochbegabte Schülerin vermeiden wollte, zum bürgerlichen Leben einer Dorfschullehrerin verdammt zu sein und sich eher im mondänen Berliner Verlagswesen sah. Dazu noch das On-Off-Verhältnis mit Bernward Vesper – alle Zutaten einer Seifenoper Mitte der 1960er Jahre waren gegeben.

Genau hier liegt das große Plus des Buches: Es ist keine staubtrockene geschichtliche Abhandlung über einen bewegten Teil der deutschen Geschichte. Vielmehr schildert Aßmann in allen Farben die zwischenmenschlichen Irrungen und Verwirrungen rund um Gudrun Ensslin und ihren Bekanntenkreis, stellt diese in einen größeren Zusammenhang und zieht daraus Schlüsse, warum sich manches wie ereignet hat.

Ein im besten Sinne populärwissenschaftliches Buch, auf Fakten gestützt, das Historie lebendig vermittelt und zum Schmökern einlädt. Auf die heutige Zeit bezogen, könnte es „Berlin Tag & Nacht“ sein, was da vor dem geistigen Auge vorbeizieht. Aber mit dem Unterschied, dass Aßmann für seine Veröffentlichung monatelang in einschlägigen Akten stöberte und die dort gefundenen Quellen in einen flüssigen Zusammenhang stellte, der ein anschauliches Gesellschaftsbild der damaligen Zeit vermittelt.

„Ich war absolut positiv überrascht“, so das Fazit von Aßmann nach der Lesung. Nicht nur wegen der Anzahl der Leute, „sondern auch wegen der wirklich klugen und engagierten Fragen, die am Ende gestellt und diskutiert wurden“.

Alex Aßmann, Jahrgang 1977, studierte Sozialpädagogik, Soziologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Ludwigshafen, Heidelberg und Frankfurt a.M. Aus Groß-Rohrheim stammend, wohnte er bis zu seinem 17. Lebensjahr in Beerfelden, bevor er nach Heppenheim und später nach Mannheim zog. Er promovierte 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit über „Pädagogik und Ironie“. Die Habilitation erfolgte 2015 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2017 hat er eine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München.

Zum Inhalt: Im Fokus des Buches steht die Kehrtwendung von Gudrun Ensslins aus einer vornehmlich bürgerlichen Existenz zu einem Dasein im Untergrund. Diese Wende der späteren Mitbegründerin der RAF in die Militanz und den Terrorismus scheint sich ohne nennenswerten ideologischen Anlauf vollzogen zu haben. Bis ins Jahr 1967 nimmt Ensslin beispielsweise kaum an Demonstrationen teil. Im Vordergrund steht für sie der Aufstieg ins linksliberale Kulturestablishment der Bundesrepublik, eine geplante Dissertation über Hans Henny Jahnn, schließlich auch ihr Kind.

Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 markiert den Beginn ihrer Radikalisierung, die sie geradezu zur Kaufhausbrandstiftung und daran anschließend zur RAF-Gründung katapultiert. Folgt man dem Radikalisierungsverlauf Gudrun Ensslins durch die Bildungsinstitutionen hindurch, dann wird sichtbar, wie sich darin langsam das Erleben von Bildung und das von Radikalität immer ähnlicher werden.

Alex Aßmann rekonstruiert den Weg von der Studentenbewegung in den Linksradikalismus als Bildungsgeschichte. Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung in den 1940er und 50er Jahren, denen das besondere Augenmerk des Autors gilt. Sein Buch eröffnet auf diese Weise einen neuen Blick auf die RAF-Protagonistin und räumt mit weit verbreiteten Missverständnissen auf.

Nach der Wanderung zum Eutersee ein Liedchen auf den Lippen

Durch die herrliche Odenwald-Landschaft wandern und dabei ein fröhliches Liedchen auf den Lippen: Das ist schon fast ein Klischee. Aber für die Einheimischen genauso erstrebenswert wie für die Auswärtige. Als erste Aktion seit Gründung hatte jetzt der Oberzent-Verein „GO!“ zu einer solchen Veranstaltung eingeladen. Start der Tour war am Reußenkreuz, Endpunkt der Jugendzeltplatz am Eutersee. Über 20 Teilnehmer bedeuteten eine schöne Resonanz für diesen Auftakt.

„Wir wollen die Anregungen aus der Bevölkerung umsetzen“, betonte der zweite Vorsitzende Michael Hofmann. Nachdem bei der Gründungsversammlung Ideen gesammelt wurden, geht es jetzt darum, „den Worten Taten folgen zu lassen“. Der Verein „möchte Präsenz im öffentlichen Leben zeigen“, sagte er. Für den musikalischen Part hatte man sich Andreas Weinmann von der Musikschule Berg und Justin Ruf ins Boot geholt. Als Vorbereitung auf die spätere Gesangsstunde war unterwegs bereits bei einer kurzen Rast „California Dreaming“ von den Mamas und Papas angestimmt worden.

Am Jugendzeltplatz angekommen, stand nach der zweistündigen Tour zuerst die Stärkung im Vordergrund. Mit zuvor im Euterbach kaltgestellten Getränken sowie Stockwurst und Marshmellows für die Kinder waren schnell wieder die verwanderten Kalorien ersetzt. Am Feuer konnte daneben die eine oder andere neue Bekanntschaft geknüpft werden, denn die Wanderer kamen aus ganz Ober- und sogar Unterzent. Beerfelden, Airlenbach, Hetzbach, Schöllenbach oder Salmshütte lauteten die Herkunftsorte.

„Was liegt im Odenwald näher als rauszugehen“, verdeutlichte Hofmann die Motivation. Mit Andreas Weinmann war er sich schnell über die Unterstützung des Projekts einig. „Einfach die Ruhe in der Natur genießen“, empfand dieser als herrliche Abwechslung zum Alltagstrott. Zwischenzeitlich querten sogar ein paar Rehe den Weg der Wanderer. „Niemand muss musikalisch sein um mitzumachen“, beruhigte Weinmann die Teilnehmer. „Wer nicht singen kann, isst und hört einfach zu“, lachte er.

Damit es noch einfacher wurde, wurden die Texte des Songs ausgeteilt. Weinmann und Ruf übernahmen die erste Stimme, der Rest der Truppe die zweite. Als einfachere Aufgabe durfte, wer wollte, mit dem Refrain starten und sich dann auch an die Strophe wagen. Zur Auflockerung stimmten die beiden Musiker ein paar bekannte Songs an, etwa „Country Roads“, „Lady in Black“ oder „Sweet Child o’mine“. Damit sank die Mitsing-emmschwelle etwas.

Als nächste Aktion plant der Verein – in Absprache mit den Verantwortlichen – einen Besuch des Seniorenwohnheims Cordula I in Kortelshütte. In spe will man alle Häuser in Oberzent abklappern, die sich der Betreuung von älteren Mitmenschen widmen, und dabei mit Heimleitung, Bewohnern und Angehörigen ins Gespräch kommen. „Wir wollen zuhören und schauen, wo wir eventuell unterstützen können“, verdeutlichte Hofmann.

„Schön, dass es euch gibt ihr euch engagiert“: Diese Rückmeldung bekommen die GO!-Verantwortlichen seit Gründung immer wieder. Seit der Gründungsfeier vor einem Monat „zählen wir bereits 40 Mitglieder“, freute sich Hofmann. Damals wurden Arbeitsweise und Projekte vorgestellt. Auf einer Pinnwand wurden Ideen gesammelt. Die etwa 40 zusammengetragenen Anregungen werden nun nach und nach abgearbeitet.

Der zweite Vorsitzende machte deutlich, „dass wir das Rad nicht neu erfinden wollen“. Deshalb wird mit der Stadt und den anderen Vereinen eine gute Zusammenarbeit abgestrebt. „Wir schließen uns kurz und sehen, wo wir vielleicht unterstützen können“, sagte er. GO! betrachte sich als neue Gruppierung, „die man ansprechen kann, wenn Hilfe gebraucht wird“.

Info: Am Samstag, 10. November, liest um 18 Uhr auf Einladung des Vereins Generation Oberzent Prof. Alex Assmann im Rothenberger „Hirsch“ aus seiner Biografie über Gudrun Ensslin.