Kritik in der Rothenberger Gemeindevertretung: Das Oberzent-Gesundheitskonzept krankt an der Umsetzung

Das Thema „Erstellung von Flächenkonzepten für ein Gesundheitsversorgungszentrum (GVZ) Oberzent“ nutzte in der Gemeindevertretung Claus Weyrauch (WGR) für eine Generalabrechnung mit den bisherigen Bemühungen. Bei seinen Kollegen traf er damit genau ins Schwarze, was das beifällige Klopfen und die Äußerungen bewiesen. Der Beschlussvorschlag wurde deshalb auf Vorschlag von Frank Knecht (CDU/BuLiRo) auch auf einen Satz eingedampft, um sich nicht in seinen Augen gefährliches (Haftungs-)Fahrwasser zu begeben.

„Außer ordnerfüllenden Konzeptansätzen ist noch nicht wirklich viel Greifbares passiert“, kritisierte Weyrauch. Die Provisoriums-Immobilie „Breimer“ sei bis heute nicht bezogen worden, sagte er. Für die Standortfrage müssten weitere Konzepte beauftragt werden. Bis August wurden seinen Worten nach nur etwa 45 Prozent der Landesfördermittel abgerufen. Die Suche nach Investoren, die auch das Vermietungsrisiko übernehmen, war bisher wie auch die nach ansiedlungswilligen Hausärzten erfolglos, beklagte der WGR-Mann.

Der jetzt vorliegende Lösungsansatz ist laut Weyrauch mit finanziellen Risiken behaftet. Denn die Stadt Oberzent gehe damit ins volle Vermietungsrisiko. Der Betrag von zehn Euro, zu dem seitens der Gemeinde angemietet werden solle, liege deutlich über dem Mietspiegel. Damit „droht entweder die Nicht-Vermietbarkeit oder es verbleibt dauerhaft der Differenzbetrag als Belastung für die Kommune“.

Die WGR fordert deshalb nach den Worten des Sprechers weitere Überlegungen für den Entscheidungsprozess. Es müsse ein städteplanerischer Gesamtansatz zum Tragen kommen (Belebung Innenstadt, Auswirkungen auf verbleibende Geschäftslokale, Vermeidung/Reduzierung Leerstände, Verkehrsströme).

Daneben sei noch vor der Standortfrage zu klären, ob die Stadt tatsächlich als Mieter und Vermieter oder vielleicht besser als Eigentümer und Vermieter auftrete, meinte er. Dafür sollte man sich in Bezug auf öffentliche Fördermitteln schlau machen. Mögliches „Private-Sponsoring“ werde nur als Bauherr sinnvoll möglich sein. Natürlich, gestand Weyrauch ein, werde den Mandatsträgern wegen „Wichtigkeit und Brisanz des Themas“ einiges an Risikobereitschaft abverlangt. Doch müsse man das Risiko minimieren „und die Belastung für die Bürger so gering wie möglich halten“.

Bei Frank Knecht rannte die WGR mit dieser Stellungnahme offene Türen ein. Dieser attestierte dem bisherigen Verfahren, „eine so dilettantische Projektentwicklung im Gesundheitswesen selten erlebt zu haben“. Als jemand, „der den Job schon lange macht“, könne er das beurteilen. Knecht hatte sich auch gegen den ursprünglichen Beschlussvorschlag gewandt. „Warum soll ich den Fortgang für toll befinden“, sagte er. Er wolle nicht mittragen, dass durch eine Zustimmung „eventuell finanzielle Risiken für Jahrzehnte geschaffen werden“, meinte er.

Die Ablehnung des Odenwälder Windkraft-Flächennutzungsplans durch das Verwaltungsgericht Darmstadt führte in der Gemeindevertretung zu Nachfragen. Vor allem den Hinterbachern ging es um das sogenannte „harte“ Kriterium eines 1000-Meter-Abstands zur Wohnbebauung. Auch in der Bürgerfragestunde war das Thema schon aufgekommen. Da die Hinterbach als Weiler und nicht als geschlossene Ortschaft firmiert, würden in ihrem Fall die „weicheren“ Kriterien zum Tragen kommen, die eine größere Nähe der Windräder zu den Häusern ermöglichen.

Bürgermeister Hans Heinz Keursten sagte, vor einer genauen Bewertung müsse man das schriftliche Urteil abwarten. Seinem Eindruck nach habe der Richter die 1000 Meter als hartes Kriterium aufgefasst, auch wenn die Klage als Ganzes abgelehnt worden sei. „Wir sollten uns nochmal über die gelben Ortsschilder für die Hinterbach unterhalten“, lautete deshalb der Vorschlag aus dem Gremium. Denn dann wäre das Thema Entfernung sowieso obsolet.

Seine Freude äußerte Bürgermeister Hans Heinz Keursten über den Beitritt des Odenwaldkreises zur Metropolregion Rhein-Neckar. Der ist für 1. Januar 2018 geplant. Das sei auch wichtig, um die beiden Verkehrsverbünde VRN und RMV in der Grenzregion besser zu verzahnen. Über den Kreis soll seinen Worten zufolge eine Stelle für Wirtschaftsförderung geschaffen werden. Diese wäre dann in der Oberzent angesiedelt.

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Flächenkonzept fürs Gesundheitsversorgungszentrum in Beerfelden soll her

Ins Thema Gesundheitsversorgungszentrum (GVZ) kommt Bewegung. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss auf ihrer vergangenen Sitzung, sowohl die Energiegenossenschaft Odenwald (EGO) als auch den Verbund DAL Bautec, Sparkasse Odenwaldkreis und Therapiezentrum Janowicz mit der Erstellung von Flächenkonzepten zu beauftragen. Diese beiden Konzepte für das Gelände unterhalb der Oberzent-Schule sollen bis zum 13. Oktober vorliegen. Bis Jahresende erhofft man sich eine Entscheidung.

Im Sommer hatte es bereits ein Gespräch mit Gemeindevorständen und EGO gegeben, aus dem sich das aktuell vorliegende Leistungsangebot ergab. Hauptausschuss-Vorsitzender Erwin Körber skizzierte in der jetzigen Versammlung die Vorgeschichte des Projekts, wie sie auch im EGO-Schreiben thematisiert wurde. Demnach ist die Region Oberzent hausärztlich unterversorgt. Aktuell fehlen zwei Mediziner. Aufgrund der Altersstruktur wird damit gerechnet, dass auch die verbleibenden Ärzte in absehbarer Zeit Nachfolger suchen.

Dazu kommt, dass der Zugang zu Fachärzten – unabhängig von der Fachrichtung – von der Bevölkerung teilweise sehr schlecht beurteilt wird. Als sehr gut aufgestellt und zukunftsorientiert werden Physiotherapie und Rehaeinrichtungen beschrieben. Ebenso sind die Strukturen für ambulante und stationäre Pflege in Ordnung. Allerdings gilt es auch hier, haus- und fachärztliche Versorgung zu optimieren.

Im Rahmen der Odenwaldkreis-Strategie soll das GVZ Oberzent Modellcharakter haben und damit ein „Leuchtturmprojekt“ werden. Verschiedene Standorte und Konzepte, ob jetzt Neu- oder Umbau, wurden bereits abgeprüft. Ein Grundstück in Stadtrandlage bei Oberzent-Schule und Seniorenresidenz Hedwig Henneböhl, das sich im Eigentum des Therapiezentrums Janowicz befindet, wird als am besten geeignet angesehen. In diesem Zusammenhang ging es auch um die Erschließung des GVZ. Aus dem Gremium gab es die Anregung, eine Anbindung über die B45 zu erreichen, damit der Krähberger Weg entlastet wird.

Die Krux bei der der Geschichte: Interessierte private Interessenten beginnen erst mit dem Bau, wenn 70 Prozent der Flächen fest vermietet sind. Allerdings erschweren die lange Wartezeit und zeitliche Unsicherheiten die Akquise von Ärzten. Deshalb war diese Vorgabe bisher immer ein Hemmschuh. Die EGO hat deshalb einen Vorschlag entwickelt, um aus diesem „Teufelskreis“ herauszukommen. Dieser sieht eine Risikoteilung zwischen Investor und Kommune vor, um auch ohne die benötigte Belegung mit dem Bau beginnen zu können.

Als Zwischenlösung gibt es den vorübergehenden Standort im Breimer-Anwesen in der Mümlingtalstraße (hinter Penny). Dort stehen interimsweise 550 Quadratmeter zu Verfügung. Die Vorbereitungen laufen, allerdings müssen die Räume noch ertüchtigt werden. Die Stadt machte für diese Maßnahme 45.000 Euro locker. Damit können sich die schon vorhandenen Ärzte und Praxen dort ansiedeln und später in die neue Immobilie wechselt. Das neue GVZ soll dann von der EGO als Investor erstellt und langfristig an die neue Stadt Oberzent vermietet werden. Diese kümmert sich dann um die Untervermietung.

Vor der Verabschiedung – die bei zwei Enthaltungen einstimmig geschah – hatte Chris Poffo (ÜWG) noch rechtliche Bedenken geäußert, ob die Stadt neben der EGO auch das Therapiezentrum mit einer Flächenkonzeption beauftragen könne. Elisabeth Bühler-Kowarsch (Grüne) forderte, „heute zu einer Entscheidung zu kommen“. Wie auch Rüdiger Holschuh (SPD), der sich für beide Aufträge aussprach, war sie sich aber ebenfalls nicht ganz sicher in der Formulierung. Nachdem der Beschlussvorschlag aber von Stadtverordneten-Vorsteher Hans-Jürgen Löw etwas abgeändert worden war, konnten die Stadtverordneten diesen mittragen.

Zu Beginn der Sitzung hatte es etwas Unmut im Gremium über die Informationsweitergabe durch die Verwaltung gegeben. Die bezog sich zwar auf ein nicht in Frage kommendes Objekt für das GVZ. Die Mandatsträger wünschten sich aber trotzdem, bei diesem sensiblen Thema immer auf dem Laufenden gehalten zu werden und nicht über Dritte davon zu erfahren. Das sagte Bürgermeister Görig für die Zukunft zu.

 

Das Gesundheitsversorgungszentrum in der EGO-Variante sieht ein Flächenkonzept für einen Raumbedarf von 750 bis 2200 Quadratmeter vor, das nach Erstkonzeption eine modulare Erweiterungsmöglichkeit zulässt.

Vorstufe des Gesundheitszentrums nimmt in Beerfelden Gestalt an

Die Vorstufe des Gesundheitsversorgungszentrums (GVZ) in der Oberzent nimmt Gestalt an. Im Laufe des zweiten Quartals sollen sich Ärzte, Therapeuten und Selbsthilfegruppen in der Zwischenlösung, in den Breimer-Räumen in der unteren Mümlingtalstraße, ansiedeln, sagten jetzt Bürgermeister Gottfried Görig und Elke Kessler von ASD Concepts. Sukzessive gedenkt man dann, das dortige Angebot auszuweiten. Endstufe des Projekts wäre ein Neubau zwischen Oberzent-Schule und Seniorenzentrum Henneböhl, bis zu dessen Realisierung es aber noch einige Vorarbeiten zu erledigen gilt.

Der Mietvertrag für die Übergangslösung ist bereits unterschriftsreif, so Bürgermeister Görig. Jetzt muss noch das Okay dafür aus den vier Gemeindeverwaltungen kommen, die das Projekt gemeinsam stemmen. Neben Beerfelden sind das Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal. Dann sollen im barrierefreien zweiten Obergeschoss des Gebäudes Sprechstunden von verschiedenen Fachärzten aus dem Erbacher/Michelstadter Raum abgehalten werden.

Fix sind bereits Gynäkologe, Urologe und Neurologe, außerdem ein Psychotherapeut. Geplant ist laut Kessler, dass es jeweils feste Tage für die Sprechstunden gibt. Im Gespräch ist ihren Worten zufolge auch die Ansiedlung eines Augenarztes. Daneben haben verschiedene soziale Einrichtungen Interesse bekundet, dort Sprechstunden und Gruppenangebote einzurichten: Caritas, Diakonisches Werk und andere. Das GVZ-Büro und der Patientencoach kommen mit hinzu. Zum Start werden 300 Quadratmeter Fläche in Anspruch genommen, Luft nach oben ist bis zu 550 qm.

„Wir wollen ein Zeichen setzen, dass sich etwas tut“, betonte Görig. Der jetzige Standort sei als Zwischenlösung zu verstehen, bis das in der Bevölkerung „Ärztehaus“ genannte neue GVZ in Angriff genommen wird. Denn selbst bei einer schnellen Realisierung dürften bis zur Fertigstellung mindestens zwei Jahre vergehen. Das wäre aber verlorene Zeit, denn neben den Fachärzten mangelt es in der Oberzent vor allem auch an Hausärzten.

„Zwei Praxen in Beerfelden und eine in Rothenberg sind zu wenig für über 10.000 Einwohner“, so Kessler. Das bedeute einen fiktiven Versorgungsgrad für die Region Oberzent von lediglich 65 Prozent. Im Gegenzug sei aber entsprechend den vorliegenden Prognosen ein Drittel der Bevölkerung bald über 65 Jahre alt. Die Senioren hätten häufig mehrere Erkrankungen parallel. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten und anderen Berufsgruppen mit möglichst kurzen Wegen für die Patienten wird deshalb immer wichtiger. Der Patientencoach wiederum sorge für die Begleitung von Patienten in speziellen Situationen.

„Wichtig und innovativ“ ist Kessler zufolge der in Beerfelden gewählte Ansatz deshalb, weil man nicht nur den Fokus auf die körperliche, sondern auch auf die psychische und soziale Gesundheit lege. Und somit Netzwerkstrukturen schaffe. Denn „es geht nicht nur darum, die Ärzte anzusiedeln“, sondern ebenfalls die Anbindung zu schaffen. Der Patient müsse zum Arzt kommen und umgekehrt. Dies vor dem Hintergrund, dass in den Ortsteilen oft noch mehr ältere Menschen wohnen als in der Kernstadt.

Görig betonte darüber hinaus, dass die Ärzteansiedlung auch einen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Faktor habe. Denn wer zum Arztbesuch nach Beerfelden komme, der gehe dort auch einkaufen und mache weitere Erledigungen. Die Entwicklung des neuen Gebäudes soll im Laufe des Jahres vorangetrieben werden, hob der Bürgermeister hervor. Es gelte noch zusätzliche Ärzte zu finden, um dort loslegen zu können. Wie Kessler ergänzte, soll die Gesundheitsprävention mit dem Schwerpunkt Wirbelsäule ein weiteres Standbein des GVZ werden.

Auch wenn das Breimer-Gebäude am Stadtausgang Richtung Hetzbach liegt, sehen es beide „nicht ab vom Schuss“. Es liegt direkt an der B 45, die Busanbindung dorthin sei gut. Es gebe daneben viele Parkplätze. Die sind sowieso sehr wichtig, sagte Görig. Denn die Suche nach einem geeigneten, näher an der Stadtmitte gelegenen Gebäude oder Gelände scheiterte unter anderem daran.

Gesundheitsversorgung in der Oberzent: Übergangslösung mit zuerst vier Fachärzten – Ärztehaus geplant

Die gute Nachricht versteckte sich fast zwischen den Zeilen: Im ersten Quartal 2017 soll als Übergangslösung in einem bisher leerstehenden Bürogebäude eine Art medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) „light“ entstehen. Das teilten Bürgermeister Gottfried Görig und Elke Kessler, Geschäftsführerin ASD Concepts, anlässlich des Besuchs der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche mit. Die informierte sich auf Einladung der Grünen-Stadtverordnetenfraktion über die Gesundheitsversorgung im Beerfelder Land.

Wie Kessler berichtete, werden dann dort vier Fachärzte eine Zweitpraxis eröffnen. Und zwar im Bereich Urologie, Gynäkologie, Neurologie und Psychotherapie. Ein Diabetologe wird noch gesucht. Und natürlich ein Hausarzt. Die ASD-Geschäftsführerin hofft, dass nach dem Start eine Art Schneeballeffekt eintritt und sich weitere Interessenten finden werden. „Wenn es gar nicht funktioniert, könnte die Kommune selbst das MVZ starten und jemanden einstellen“, meinte sie.

Wie der Bürgermeister ergänzte, gibt es bereits einen Mietvertrag für das Gebäude. „Der Umbau ist finanziell machbar“, sagte er. Daneben seien auch Parkplätze und Lift vorhanden. Somit lasse sich diese Übergangslösung realisieren. Leider nicht in der Stadtmitte, weil die dort leer stehenden Objekte nicht für diese Zwecke geeignet seien. „Das Ärztehaus steht im Fokus und soll mit Leben erfüllt werden“, so der Bürgermeister. Auch soziale Hilfsorganisationen sollen dann dort mit ihren Beratungsangeboten einziehen, so Kessler.

„Wir müssen einfach mal anfangen“, sagte die ASD-Frau. Und lag damit auf eine Linie mit dem Ersten Stadtrat Horst Kowarsch und seiner Frau Elisabeth-Bühler-Kowarsch. Die forderten, man solle der Bevölkerung zeigen, „dass es voran geht“. Das tut es auch mit den Plänen für einen Ärztehaus-Neubau, die von Max Janowicz vom gleichnamigen Therapiezentrum vorangetrieben werden. Der hat bereits zwei Grundstücke zwischen der Oberzent-Schule und der Seniorenresidenz „Henneböhl“ für diese Zwecke gekauft. „Das Projekt kann nur die Gemeinde zusammen mit ihm schultern“, machte Kessler deutlich.

Das sah auch Bürgermeister Görig so. „Die Kommune muss auch finanziell Verantwortung tragen“, meinte er. Das Umfeld müsse stimmen, damit sich weitere Ärzte ansiedelten. „Wir wollen jetzt die Basis schaffen, damit wir im Frühjahr mit dem Bau starten können“, wünschte er sich. Erweiterungspläne des Seniorenheims stünden dem nicht entgegen, sondern ergänzten das Projekt. Was auch Kowarsch beeindruckte: „Es ist spannend, dass ein solch breiter Ansatz gewählt wird und für einen Hausarzt dann eine Ansiedlung wieder interessant wird“, führte er aus.

Derzeit gibt es dem Bürgermeister zufolge nur noch vier Hausärzte in der Oberzent, drei in Beerfelden und eine in Rothenberg. Hesseneck und Sensbachtal sind ohne. Für die Größenordnung der vier Kommunen mit über 10.000 Einwohnern fehlten zwei oder drei. Nachdem sich schon ein Chirurg mit Zweitpraxis ansiedelte, fehlt Görig zufolge nun dringend ein Augenarzt. Eine Interessentin habe aus persönlichen Gründen kurzfristig abgesagt.

Dass die Eröffnung einer Zweitpraxis für einen Arzt derzeit eher „just for fun“ und mit viel Enthusiasmus geschieht, machte Kessler salopp deutlich. Denn der Mediziner habe zwar mehr Arbeit, Fahrt- und Investitionskosten dadurch, dürfe aber nur die gleiche Anzahl von Patienten behandeln und verdiene derzeit nicht mehr. Wichtig ist deshalb ihren Worten zufolge „eine höhere Vergütung durch höhere Versorgungsqualität“.

Kessler hatte zu Beginn die Ärztesituation im Odenwaldkreis skizziert. Demnach fallen bis 2020 etwa 20 Hausärzte weg. Es gebe lange Wege in die Ballungszentren, andererseits aber die Zunahme von „multimorbiden“ Patienten mit mehreren Krankheiten. Um sowohl „Ärztehopping“ als auch oftmalige Arztbesuche zu vermeiden, sei eine Bündelung der Mediziner an einem Ort wie auch eine Art Patientencoach, der die Kranken an der Hand nimmt und alles koordiniert, sinnvoll. Allerdings gibt es ihren Worten zufolge dabei dicke Bretter zu bohren.

Ein Punkt, bei dem auch Schulz-Asche einhakte und die Notwendigkeit der Politik erkannte, in Zusammenarbeit mit Kommunen und kassenärztlicher Vereinigung bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Wie sich sowieso die Entwicklung auf die Städte fokussiere und der ländliche Raum oftmals hintenrunter falle, kritisierte sie.

 

Der Verein Gesundheitsversorgungskoordination (GVK) und das Gesundheitsversorgungszentrum (GVZ) sind laut Bürgermeister Görig Pilotprojekte für den Odenwaldkreis und „finden bundesweit Beachtung“. Gesundheits- sei ein Teil der Daseinsvorsorge, ergänzte Kessler. Die Vernetzung aller in diesem Bereich Tätigen sei das Modell der Zukunft, waren sich Schulz-Asche und Kessler einig. Gerade an die hätten viele in der Oberzent ansässigen Mediziner nicht oder zu spät gedacht, ergänzte Görig.

Der „integrierte Ansatz“ fand die volle Unterstützung der Grünen-Politikerin, in ihrer Fraktion Sprechern für Prävention und Gesundheitswirtschaft sowie bürgerschaftliches Engagement. Es sei eine „tolle Erfahrung“, das Projekt in seiner Entwicklung zu sehen. Sie sei „begeistert“ vom bisher Erreichten und den weiteren Entwicklung und wolle das Thema gerne mit nach Berlin nehmen, so Schulz-Asche. Es passe in das Konzept der Grünen-Bundestagsfraktion zur Regionalisierung des Gesundheitswesens.