Der „Rocket Man“ geht ab wie eine Rakete

Was hat der Mann für eine Wahnsinns-Stimme. Sein Name: Andreas Kümmert. Klingelt’s? Der Unterfranke gewann 2013 die damalige dritte Staffel von „Voice of Germany“. Danach verschwand er zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen in der Versenkung. Und jetzt ein denkwürdiges Konzert auf der Kulturbühne, bei dem sich der 34-Jährige als eine solche Blues-, Rock- und Soulröhre zeigt, dass einem fast der Mund vor Staunen offen stehen bleibt.

Wer kann schon von sich behaupten, einen Songs besser zu performen als das Original? Kümmerts Meisterstück von 2013, seine Version von Elton Johns „Rocket Man“, glänzt durch die eindringliche Performance und die phänomenale Stimme, die viel mehr Substanz und Power hat als die des Briten. Da geht der Rocket Man wirklich ab wie eine Rakete, kommt der „Rock“ im Titel absolut zu seinem Recht.

Kümmert tut gut daran, möglichst viel Zeit des Konzerts der Musik zu widmen. Ein volles Bluesrock-Brett, groovende Soul-Nummern oder krachende Hardrock-Ausflüge werden immer von seiner über ein paar Oktaven ragenden Stimme getragen. Was er zwischen den Songs allerdings von sich gibt, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Da wäre weniger mehr und er würde sich eher Fans damit machen.

„The Voice of Rock“ nennt sich der ehemalige Deep-Purple-Sänger und -Bassist Glenn Hughes. Allerdings sind dessen besten Zeiten vorbei. Kümmert tritt mit ein paar Songs in Hughes‘ Fußstapfen, wenn er tief röhrt, gleichzeitig aber auch die hohen Töne problemlos schafft. Immer dann, wenn er alte Klassiker interpretiert, scheint sein Faible für die Musik der 60er und 70er Jahre durch. Denn diese Songs lebt er förmlich, zelebriert sie mit jeder Pore, geht ganz in ihnen auf.

Das eine ist sein Gesang, das andere sein Gitarrenspiel. Da merkt man, dass er schon als 13-Jähriger begann, sich den sechs Saiten zu widmen. Epische Soli in bester Blues- und Hardrock-Manier zeichnen die Lieder aus. Das Ganze im Zusammenspiel mit seinem Sidekick, dem Leadgitarristen Stefan Kahne. Wie beide sich die Saitenbälle zu werden, sich mit der Leadgitarre abwechseln, mal die Twin Guitars à la Wishbone Ash auspacken oder auch ein Battle liefern, ist große Klasse.

Asbjörn Gärtner am Bass und Michael Germer am Schlagzeug ist ebenfalls die große Spielfreude an diesem Abend anzumerken, auch wenn die Fans vor der Kulturbühne überschaubar bleiben. Aber die gehen umso mehr ab, wenn Kümmert sich entweder die Seele aus dem Leib singt oder wahlweise in ausufernden Gitarren-Exzessen mit Kahne fast verliert.

„Harlekin Dreams“ heißt sein aktuelles Album, mit dem er so langsam wieder auf Tour geht. Erschienen kurz vor dem Lockdown, konnte er es bisher kaum vermarkten, was er nun umso eindringlicher nachholt. Sind Kümmerts Cover eher roh, ungeschliffen, jammig, kommen die eigenen Stücke auf der CD etwas glattgebügelter, eingängiger daher, aber natürlich mit dem Fokus auf der außergewöhnlichen Stimme.

Im gefälligen „Milk“, der Midtempo-Nummer „Something in my Heart“ oder dem autobiografischen „Been down so long“ hat der Sänger und Gitarrist auch seinen eigenen Werdegang mit verarbeitet. Er war ganz unten, rappelte sich aber wieder auf und singt jetzt alles in Grund und Boden. Manches klingt ein wenig nach der Blues-Ära des legendären Gary Moore, während der Shouter anderswo die legendären Blues-Größen aus Chicago perfekt interpretiert.

Es ist schwer, auf den „Rocket Man“ noch einen draufzusetzen. Aber die Band hat als Zugabe noch ein besonderes Schmankerl in petto: Kümmert knallt „This is a mans‘ World von James Brown derart raus, dass man sich wieder fragen muss, wieso solch ein Sänger nicht viel mehr Beachtung erfährt. Aber Kümmert kümmert es scheinbar wenig, was andere von ihm denken, wenn man seine Worte zwischen den Songs heranzieht. Also am besten in dieser Zeit Ohren zu und dann wieder aufmachen, wenn er losröhrt.

„Summer of 69“ zum Schluss des Sommers 2020

Bryan Adams hat unzählige Hits geschrieben. Spätestens seit Mitte der 80er Jahre ist er mit „Run to you“ oder „Summer of 69“ nicht mehr aus dem Playlists wegzudenken. Dass von über 20 Songs eigentlich jeder im Ohr hängen geblieben ist, zeigt der Auftritt der „Adams Family“ auf der Kulturbühne des Hüttenwerks Michelstadt. Die fünf Musiker um Sänger und Gitarrist Bobby Stöcker widmen sich dem vielschichtigen Lebenswerk des Kanadiers.

Der hat viele Facetten. Es ging Anfang der 80er Jahre ziemlich rockig los, auch wenn Adams eher als Meister der radiotauglichen Rockballade bekannt ist. „Heaven“ ist das beste Beispiel dafür. „Kids wanna rock“ andererseits haut so richtig rein und zeigt, dass er durchaus losfetzen kann. „Reckless“ hießt die erfolgreichste Scheibe von Adams, die inzwischen 36 Jahre auf dem Buckel hat. Von der gab es gleich sieben Songs zu hören, die sich allesamt in den Gehörgängen eingenistet haben.

„Somebody“, „One Night love affair“ und „It’s only Love“. Die Gäste haben nur darauf gewartet, um wie bei anderen Stücken auch lautstark mitzusingen. Die Adams Family, vor knapp 20 Jahren gegründet, unternimmt beim Konzert ein vielumjubelten Streifzug durch das Schaffen des 59-jährigen Ausnahmemusikers. Willy Wagner (Bass), Jürgen Lucas (Drums), Heiko Elger (Rhythmusgitarre) und Axel Balke (Keyboards) setzen neben Stöcker die vielen Hits perfekt in Szene.

Aus dem MTV-Unplugged-Set gibt’s nach der Pause gleich vier Lieder zu hören. Das bekannte „Heaven“ macht sich natürlich in dieser Variante besonders gut, aber auch „Straight from the Heart“ rührt das Herz. Dass Bryan Adams sogar mal einen Country-Ausflug machte, zeigt „I think about you“.

Stöcker zeigt dabei seine große Wandlungsfähigkeit. Am einen Abend spielt er Soul und Funk mit „Spirit of Soul“, am nächsten dann Softrock und in die Vollen geht’s mit „Coversnake“, seiner Whitesnake- und David Coverdale-Coverband. Letztere ist für ihn musikalisch am anspruchsvollsten, erzählt er. Außerdem ist er genau mit der Musik aufgewachsen. Sein Herz hängt aber an „Spirit of Soul“, die er vor 20 Jahren gründete. „Das ist mein Baby“, meint er stolz.

„Du singst wie Bryan Adams“, sagte ein Bekannter Anfang der 2000er-Jahre mal zum Groß-Umstadter. Der ließ das nicht einfach so stehen, sondern hörte genauer ins Werk des Kanadiers rein, von dem er vorher nur die Hits kannte. „Ich bin dabei geblieben“, schmunzelt Stöcker im Rückblick. Die begeisterten Fans danken es ihm.

Inzwischen hat der Hans Dampf an allen Gitarren zehn Cover- und Tribute-Bands am Laufen. „Ich bin an den Aufträgen gewachsen“, berichtet er. „Groove Control“ bietet einen Querschnitt der bekanntesten Rockklassiker, „Bobby & Friends“ bedient die akustische Schiene. Anfragen, ob er nicht mal was von der einen oder anderen Band spielen könnte, führten unter anderem dazu, dass sich weitere Tribute-Projekte entwickelten. „Ich decke alles ab, was Spaß macht“, lacht er.

Überschneidungen gibt’s dabei keine, sagt Stöcker. Jede Band bedient eine andere Klientel, eine andere Zeit, einen anderen Stil. Im Sommer ist er mehr auf Firmenevents und Feiern unterwegs, im Winter stehen dann Konzerte mit Tribute-Bands in Clubs an. Durch den großen Künstlerpool mit Musikern aus der Rhein-Main-Region „sind wir flexibel aufgestellt“, erzählt er.

Wie viel Songs er drauf hat? Da kommt der Groß-Umstadter ins Grübeln. Mehrere hundert, wenn nicht sogar Tausende, schätzt er. Auf der Gitarre sowieso auswendig, textlich muss er manchmal reinschauen – gerade wenn jetzt eine Band wie „Adams Family“ fast ein Dreivierteljahr nicht zusammenspielte.

Bryan Adams arbeitete viel und gern mit anderen Musikern zusammen. Auf „When your’re gone“ etwa mit Mel C., die an diesem Abend von Michi Tischler verkörpert wird. Das Duett hat Drive und gibt dem Song Pepp. Der „Summer of 69“ als Zugabe fetzt nochmal richtig los, ehe mit der Robin-Hood-Soundtrack-Schmuseballade „Everything I do“ der Abend leider zu Ende gehen muss.

Mit Fitzek ist der Dauerregen vergessen

Fans der Bücher von Sebastian Fitzek müssen schon ganz schön abgebrüht sein. In seinen Thrillern ist nichts, wie es scheint, kommt der Horror auf leisen Sohlen um die Ecke, schleicht sich das Grauen erst langsam ein, um dann die Leser nicht mehr loszulassen. Abgebrüht in anderer Hinsicht mussten die Fans bei der Lesung der Berliners auf der Kulturbühne am Hüttenwerk Michelstadt sein: Es goss in Strömen.

Doch wann kommt der Erfolgsautor, dessen Bücher regelmäßig auf den Spitzenplätzen der Verkaufslisten landen, mal in den Odenwald? Eben. Nie. Deshalb waren die 250 Plätze der Lesung ziemlich zügig ausverkauft, auch wenn sich letztendlich ein paar Zartbesaitete doch vom passenden Thriller-Wetter abschrecken ließen. Eigentlich eine passende Kulisse für Edgar-Wallace-Krimis an der Themse, dieses Mal für Sebastian-Fitzek-Thriller an der Mümling.

„Das Geschenk“ heißt der aktuelle Roman des 49-Jährigen. Erschienen ist er im vergangenen Oktober, als der Berliner bereits einmal – aber nicht für die Öffentlichkeit – in Michelstadt weilte, um dort für seine Soundtrack-Leseshow durch ganz Deutschland zu proben. Zwar hat Fitzek bereits im April seinen nächsten Psychothriller „Der Heimweg“ fertiggestellt, aber der ist noch geheim und wird erst am 21. Oktober erscheinen.

Der Thrillerautor, eher schmächtig, komplett in schwarz gekleidet, verschwindet fast auf der großen Bühne, die zwei Abende vorher noch von einer kompletten elfköpfigen Soulformation genutzt wurde. Fitzek aber fühlt sich wohl. Er ist immer in Bewegung, von links nach rechts, von vorn nach hinten. Immer in Bewegung ist auch sein Mund. Er plaudert aus dem Nähkästchen, wie welche Figur in seinen Romanen zustande kam, durch welche Begebenheit er sich beeinflussen ließ.

In seinem Drang, möglichst viele Infos rüberzubringen, ist manchmal die Zunge schneller als seine Gedanken. Der Berliner nimmt es genauso mit Humor wie auch seinen Running Gag, sich immer auf die Fernbedienung zu setzen und dadurch ein paar komische Bilder auf der Leinwand zu produzieren. Seine Erzählungen bringen die Besucher immer aufs Neue zum Lachen.

Sowieso ist seine Lesung mindestens zur Hälfte eine Fitzek-One-Man-Show, in der es nicht ums Buch, sondern um das Drumherum geht. Eigentlich könnte er damit locker auch eine Sonntagabend-Show im Fernsehen gestalten, wenn er mit Berliner Schnauze über all das plaudert, was ihm im Laufe der Zeit wiederfahren ist.

In einem Meer aus roten Regenponchos – die Sparkasse hatte angesichts des vorhergesagten Regens die Überwürfe in rauen Mengen kostenlos zur Verfügung gestellt – erfahren die Fans neben den Buchinhalten allerlei Details über den Autor selbst. Der hätte sich seinen Erfolg bestimmt auch nicht träumen lassen, als er mit „Die Therapie“ 2006 sein Debüt feierte. Vergangenes Jahr war er meistverkaufter Autor. Inzwischen gingen zwölf Millionen seiner Bücher über die Theke.

Fitzek ist aber dabei immer Fitzek geblieben. Er wirkt auf der Bühne wie der Lausbub von nebenan, der einen Heidenspaß dabei hat, von seinen Erfahrungen zu erzählen, aber sich andererseits auch einen Spaß daraus macht, in seinen Werken die Leser in die Irre zu führen und gleichzeitig auf der nächsten Seite zum Gruseln zu bringen.

Fritz Krings vom veranstaltenden Verein Peripherique ist stolz, dass der Erfolgsautor auf der Kulturbühne mit dabei ist. „Er hat sofort zugesagt“, freut er sich. Die Lesung in Michelstadt ist auch die einzige, die während der ganzen Zeit stattfindet. Der so Gelobte scheint es zu hören und unterhält locker-flockig plaudernd mit kleinen Thrillern aus seinem Leben.

Sein Thema: Das Grauen könnte gleich hinter der nächsten Ecke lauern, wenn man nur genug Vorstellungskraft hat. Und die hat Sebastian Fitzek wahrlich. Bei ihm wird schon eine Taxifahrt im Berliner Straßenverkehr zum Psychothriller. Und der Elektriker im Büro gegenüber könnte doch auch ein Serienmörder sein? In dieser regenassen, dunklen Nacht dürften so manche mit einem argwöhnischen Blick über die Schulter nach Hause gefahren sein.

Fetzige Musik mit viel Spirit und Soul

Ordentlich Spirit bringen die elf Musiker aus dem Rhein-Main-Delta in den Odenwald. „Spirit of Soul“ nennt sich die Truppe um Tausendsassa Bobby Stöcker, die weit über zwei Stunden die Besucher der Kulturbühne Michelstadt mit „The Finest of Black Music“ begeistert. 600 bis 800 Gäste sind es jedes Mal, die den Frankfurter Südbahnhof bei den etatmäßigen Gastspielen ausverkaufen. Ein Teil davon war jetzt auch nach Michelstadt gekommen.

„Spirit of Soul“ gibt es jetzt genau 20 Jahren. „Das ist unser Jubiläum“, freut sich Stöcker. Das aber durch die Corona-Pandemie gründlich vermiest wurde. Denn der Auftritt im Odenwald „ist der erste Auftritt der Formation seit dem Lockdown“, erzählt er. Umso hungriger waren die Musiker darauf, endlich wieder live performen zu dürfen.

Während der ersten 15 Jahre des Bandbestehens nur auf Firmenevents aktiv, erspielte sich „Spirit of Soul“ seit 2015 einen großen Bekanntheitsgrad im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus. Warum, zeigte sich von Beginn an auf der Kulturbühne. Die vier Frontleute wissen, wie man das Publikum animiert und bringen ihre Freude an der Musik rüber. Auch wenn natürlich Abstand gehalten muss, waren schnell die ersten am Mitklatschen, Mitwippen und später Mittanzen.

Für die eingefleischten Fans „produzierten wir eigens eine Live-CD mit fünf eigenen Songs“, erzählt Stöcker. Die wird unter dem Titel („20 Years Spirit of Soul live“) unters Volk gebracht. „Dann kam Corona und zerstörte uns dieses Jubiläumsjahr“, ärgert er sich. Das Gastspiel in Michelstadt dürfte angesichts der begeisterten Fans eine Entschädigung dafür gewesen sein, dass in Frankfurt nichts geht und sicherlich bis Jahresende nichts in der bisherigen Form gehen wird.

Ron Jackson, Derrick Alexander und Myk Snow bilden das Sänger-Trio aus den USA, das sich abwechselnd die Bälle am Mikrofon zuwirft und sich mit der Lead-Stimme bei den Songs abwechselt. Normalerweise ist auch Leah Jones mit dabei, aber die sitzt derzeit in den USA fest. Für sie sprang Another-Livetime-Frontfrau Michi Tischler ein und zeigte nach ihrer kürzlichen Teilnahme am Schlagernachmittag wieder einmal ihre Wandlungsfähigkeit.

Ron Jackson hat genau die richtige Stimme für „Kiss“ von Prince. Mit seinem Falsett bringt er den Song fast originalgetreu rüber. Zuvor hatte Tischler „Super Duper Love“ geschmettert, das durch Joss Stone bekannt geworden war. Motown, Disco, Soultrain, Rhythm & Blues, Hiphop und Soulklassiker: Sie alle werden durch die hochkarätigen Begleitmusiker zusammengehalten.

Bobby Stöcker verleiht manchen Songs durch seine Soli ein fast rockiges Gewand. Des Öfteren ist spürbar, wo seine musikalischen Wurzeln liegen. Mit Jürgen Lucas (Drums), der ebenfalls gerne den Hardrocker raushängen lässt, spielt er auch bei einigen anderen Formationen zusammen. Ein ums andere Mal macht außerdem die Bläsersektion auf sich aufmerksam.

Vor allem Christian Falke am Saxophon zaubert einige tolle Soli. Geppi Schmidt (Trompete) und Stephan Schlett (Posaune) sind daneben für einen fetten Sound zuständig. Frieder Gottwald (Bass) und Jimmy Cee (Percussion) komplettieren an diesem Abend das Line-up. Sie sorgen für ein imposantes Bild einer bis auf die letzten Ecke besetzten Bühne und super Stimmung.

Der Funke ist schon übergesprungen, kaum dass die Truppe begonnen hat. Gerade im ersten Set hagelt es nur so bekannte Stücke. Bei „Let’s groove tonight“ sorgt Lucas am Schlagzeug für den genannten. „Soul Man“, bekannt aus „Blues Brothers“, kracht so richtig rein und macht Lust auf viel mehr. Myk Snow röhrt den Klassiker prächtig raus.

Starken Frauen hat sich Michi Tischler verschrieben. Sei es „Ain’t nobody“ von Chaka Khan oder „Baby Love“ von Mother’s Finest und als Highlight Tina Turners Welthit „Simply the Best“, abgerundet durch ein Saxophon-Solo: „Spirit of Soul“ bringen ganz ganz, hochklassige Musik in den Odenwald, die sonst hier nicht zu hören ist. Das setzt sich nach der Pause mit „Ride Like The Wind“,  „Intoxicated“, „Uptown Funk“ und „Sexmachine“ fort.

 

Ein Comedian, der mehr singen sollte

Seine stärkten Momente hat Andy Ost auf der Kulturbühne vor dem Michelstädter Hüttenwerk dann, wenn er sich bekannte Songs vornimmt, denen einen neuen Text mit einem Thema verleiht, das er vorher angerissen hat und dann auf Keyboard oder Gitarre loslegt. Denn der Hanauer ist nicht nur Comedian, sondern auch ein begnadeter Sänger. Dazu noch hat er Sangesgrößen parodistisch klasse drauf.

Das Publikum ist an diesem Abend überschaubar, macht das aber durch Begeisterung wett. Außerdem hat’s ein paar eingefleischte Ost-Fans gen Süden gezogen, bei denen es nicht viel braucht, damit sie aus dem Kichern nicht mehr rauskommen. Das ist schon zu bemerken, wenn der bald 40-Jährige einen auf Herbert Grönemeyer macht – oder besser es erst einmal nur versucht.

Wenn der Comedian die ersten typischen Laute anstimmt, kommt nicht nur er ins Lachen, sondern auch etliche andere – was dazu führt, dass der Song erst mit einiger Verspätung starten kann. Aber dann: Grönemeyers „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ dichtet Ost um in ein Stück über eine Veganerin: „Sie macht Musik nur, wenn sie Kraut isst.“

Das zeigt, wohin die abendliche Reise in Michelstadt geht. Der Hanauer hat die klassischen Themen drauf: Früher war alles besser, die Zipperlein des Alterns, die Probleme des Mannes mit der unbekannten Welt des Putzens – und logischerweise darf der kulturelle Lockdown nicht fehlen, in dem er überhaupt erst auf diese Ideen kam.

Überhaupt: Was Gutes muss Corona ja auch haben: Die Feier zum 40. Geburtstag fällt aus. „Alles hat sich so krass geändert“, meint er im Rückblick auf die 20er. Die Leute werden immer seltsamer. Was in einer Aufzählung der vielen neuen hippen Bier- und Weinsorten endet, wo es früher zum Geburtstag nur einen Kasten Oettinger gab – für jeden. Das gerät in Summe teilweise etwas länglich.

Zum Aufhorchen wird’s dann, wenn Andy Ost nach seinem wortreichen Lamento zum Instrument greift. Er besingt kraftvoll frei nach Udo Jürgens die schlimme Zeit nach dem Besäufnis, als seine Frau ihn schon um 14.30 Uhr am nächsten Tag zur Hausarbeit verdonnert. Und wegen der fortgeschrittenen Alters sind die Nachwirkungen schlimmer als ein Männerschnupfen – das sagt schon alles.

Der Comedian ist auf der Bühne immer in Bewegung. Interaktion mit den Fans, auch wenn sie nicht in Massen gekommen sind, wird bei ihm groß geschrieben. Kommt mal ein Gluckser aus dem Publikum oder kriegt sich einer vor Lachen nicht mehr ein („Ist das jetzt ein Asthma-Anfall?“), steigt er drauf ein.

Männer und Aufräumen? Fast so ähnlich wie Männer und Romantik. Dreckige Hemden sehen dann gut aus, wenn man sie neben noch dreckigere legt. Geschirr schimmelt nicht, wenn man es in die Tiefkühltruhe legt. Diese und andere Tipps für Putzmuffel hat Ost für seine Artgenossen parat, ehe er dann mit dem dazu passenden Song rausrückt, für den er sich eigentlich die Vorrede hätte sparen können.

Wenn Jon Bon Jovi (oder „Schon bon Schovi“ aus Büttelborn) mal schlecht bei Stimme sein sollte, kann er den Hessen als Ersatz buchen. Wenn Ost erzählt, hört man zwar den heimischen leichten Singsang raus, singt er aber seine Parodie auf „Bed of Roses“, bleibt der Mund offen stehen. Zwar weiß Ost nicht, „wo mei bleedi Hos ist“, aber er knallt das stimmlich so raus, dass man sich wünscht, er würde mehr von der Sorte bieten.

Stattdessen geht’s in die Kochuntiefen mit Horst Lichter, dem der Comedian (zu) viel Platz im Versuch der natürlich zum Scheitern versuchten Nachahmung gibt. Die auf Erbsengröße geschrumpften Blumenkohlröschen, die er mit dem Lieblingsschraubenzieher aus dem Topf meißeln will, brennen sich ins Gedächtnis ein.

Männer und Beinenthaarung: Das geht ins Mark. Ein jammernder Udo Lindenberg, weiß, wovon er nuschelt: „Ist das Wachs erst ab, brennt’s weiter, dieser Schmerz geht so tief rein, ich verlier mein linkes Bein.“ Klasse. Mit diesen Parodien hätte Ost gern seinen gesamten Auftritt bestreiten dürfen.

Heißer Schlagernachmittag

Es war wohl einfach zu heiß für einen Schlagernachmittag. 32 Grad im Schatten zeigte das Thermometer, als die Österreicherin im Odenwald, Acarina, mit ihren Friends die Kulturbühne am Hüttenwerk Michelstadt enterte. Auch wenn das Publikum in der sengenden Sonne überschaubar war, ließen sich die Musiker davon nicht beeindrucken und boten eine dreistündige Show.

Man kennt sich halt im Odenwald. Deshalb waren Acarina und ihr Team auch gleich dabei, als die Kulturbühne als Veranstaltungslocation in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt wurde. „Wir wollten schon immer etwas zusammen machen“, sagt ihr Mann Mike van Summeren mit Blick Richtung Hüttenwerk. Vor Corona war bereits ein Event der Schlagersängerin geplant, der dann aber leider ausfallen musste.

Denn das Team „Mike’s Music Records“ schwört auf die Tischler’sche Veranstaltungstechnik. „Wir sind oft im Odenwald auf Festen unterwegs“, erzählt er. Acarina kann sich etwa an einen Auftritt auf dem Beerfelder Pferdemarkt erinnern. „Da bin ich durch die ganze Halle gegangen.“ Der Sound war super und „ich habe ich an jeder Stelle selbst perfekt gehört.“

Deshalb war es für die beiden auch eine Ehrensache beim Schlagernachmittag mitzumachen. „Wir haben noch verschiedene Künstler dazzugeholt, die wir promoten und produzieren“, erläutert Mike. Alle waren sie sofort bereit, kostenlos mitzumachen und damit die Künstlerszene in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen. Der Odenwald-Sepp aus Heppenheim hatte dabei die wenigsten Kilometer zu bewältigen, die anderen Gruppen kamen eher aus der weiteren Umgebung wie etwa Aschaffenburg.

Für alle bedeutete das Event den ersten Auftritt nach dem Corona-Lockdown. „Wir freuen uns alle wahnsinnig“, sagt Acarina. „Schon die Proben waren toll.“ Sie weiß von ihrem aktiven Fanclub, der an den T-Shirts unschwer erkennbar ist, „dass die alle ganz aufgeregt waren und dem Konzert entgegenfieberten“. Die Leute sind ausgehungert, weiß sie. Die Künstler auch, die endlich auf die Bühne wollen. „Endlich wieder Bühnenluft schnuppern“, sagt ihr Mann. Aber die Verantwortung trägt eben der Veranstalter.

Der Schlagernachmittag soll nur der Auftakt sein, um im Hüttenwerk diese Musikrichtung bald mehr zu bespielen. „Wir wollen auch außerhalb der Kulturbühne mehr machen“, erklärt van Summeren. Allerdings hat er auch beobachtet, dass viele Veranstalter noch abwarten, „weil die Lage unsicher ist“. Immerhin, ergänzt Acarina, „habe ich wieder ein paar TV-Sachen im Kalender stehen“. Live hofft sie im Spätherbst oder Winter wieder auftreten zu können. Aber immer mit der Einschränkung, „wie sich die Lage entwickelt“.

Ein ganzes Spieljahr „ist komplett weg“, macht die Österreicherin die Misere deutlich. Alle Feste „wurden einfach auf 2021 verschoben“, sagt sie. Etwa das „Spatzenfest“ in Südtirol, wo jedes Jahr 30.000 Besucher erwartet werden. In „Mitleidenschaft“ gezogen wurde dadurch auch das neue Album des Ösigirls bisschen auf sich warten lässt.

Allerdings hatte sie natürlich für ihre treuen Fans vier neue Stücke aus der kommenden Scheibe „The Ösigirl Way of Schlager“ mit dabei: Die Single „Darf ich nehmen?“ wird am 4. September als Vorabauskopplung erscheinen. „Hunger Pipi Kalt“, „Blumen, die im Schatten steh’n“ und „Ein Kind wie du“ finden sich ebenfalls im großen Repertoire. Quasi der erste Live-Test für die Songs.

Den beiden ist es ein Anliegen, die lokale Kulturszene zu unterstützen. „Wir wollen den Odenwald bekannter machen“, betont Mike van Summeren. Dazu gehört auch, dass die Schlagersängerin einen speziellen Odenwald-Preis hat, der sich von dem etwa für Nordrhein-Westfalen unterscheidet. Die Förderung der Region wird ganz groß geschrieben.

Michi Tischler, sonst im Hüttenwerk eher durch ihre Arbeit mit der Hausband bekannt, durfte ihrem Faible für Schlager frönen. „Blue Bayou“, „Ein bisschen Frieden“ oder „Tornerò“: Die Frontfrau war in ihrem Element bei den Songs, die jeder schon einmal gehört hat „und die ich schon immer singe“. Nachtaktiv, Mario Monty, DJ Matrix und „Die Capris“ waren ebenfalls mit dabei.

Hausband bringt Stimmung in die Bude

Auf „Another Livetime“ ist eben Verlass. Die Hausband des Hüttenwerks Michelstadt ist ein Garant für viele Zuschauer – auch in Coronazeiten. Mit Abstand die meisten Besucher seit dem Start der Veranstaltungsreihe finden sich auf dem Vorplatz ein. Auf der Open-Air-Kulturbühne wird der Auftritt zu einem großen Fest, was auch an den beiden Gästen liegt. Mediha „Mickey“ Rustempasic aus Aschaffenburg und Nico Gomez aus Köln begleiten Frontfrau Michi Tischler am Mikro.

Ganz stark sind alle drei zusammen, wenn sie bekannte Klassiker neu interpretieren. Das ist flott, hat Drive, macht Stimmung, die sich auch sofort überträgt. „Rolling with the Tiger“ ist ein solches Stück, bei dem sich Michi und Mickey musikalisch fast schon duellieren. Der Mix aus „Eye of the Tiger“ von Survivor und Adeles „Rolling in the Deep“ ist ein echter Gute-Laune-Kracher.

Sowieso hat es die Atmosphäre im Freien den Musikern angetan. „Das können wir gern auch ohne Corona mal wiederholen“, meint Tischler. Kein Wunder: Nach einem heißen Sommertag ist der laue Abend wie geschaffen für fetzige Wohlfühlmusik des Damen-Duos, das mit Nico Gomez zum dröhnenden Dreier wird. Fast alle Songs performen sie als Trio, was diesen eine große Tiefe und viele Nuancen verleiht.

Da zusätzlich Johannes Zeiß von der Pop-Akademie Mannheim, aus Fürth stammend, an den Percussions mitwirkt, geht es teilweise zu neunt auf der Bühne ab. Mit „Stone cold sober“ und „Kiss on my List“, gesungen von Gitarrist Jens Reyer, findet die Hausband den optimalen Beginn, um gleich Stimmung in die mit dem nötigen Abstand postierte Menge zu bringen. Lange dauert es nicht, dann fangen die ersten Einzeltänzer an, sich zu den Klängen von oben zu bewegen. Kein Wunder, denn „Sweet Dreams“ oder „Treasure“ haben das optimale Potenzial dazu.

Ein Kracher ist „Message in a Bottle“ von Police, das Mediha Rustempasic auf ganz eigene Weise mit einem Reggae-Ausflug interpretiert. Ganz stark Anke Rible auf dem Saxofon, wenn sie den von Nico gesungenen Stücken „Adventure of a Lifetime“ und dem eigenen „Vorhang auf“ einen ganz neuen Dreh verleiht. Letzterer ist ein selbst geschriebener Song des Kölners mit Rap-Anklängen, der sich dabei von einem Spaziergang durch die Straßen seiner Heimat interpretieren ließ.

„Ride like the Wind“ von Christopher Cross ist nach der Pause der beste Evergreens, um viel Laune auf eine tolle zweite Halbzeit zu machen. Die Dämmerung bringt nun die professionelle Lightshow bestens zu Geltung. „Superstitious“ oder „No diggity“, von Nico Gomez gesungen, Billie Eilishs „Bad Guy“ oder Chaka Khans „Ain’t Nobody“ in der Interpretation von Mickey sind Stimmungskanonen, bei denen die Post abgeht.

Mit den fetzigen Saxofon-Solos begeistert Anke Rible (Lindenfels) ihre Fans. Es ist immer eine Wucht, welche Töne sie dem Instrument entlockt. Sie drückt damit etlichen Songs gerade aus dem Blues- oder Soul-Bereich ihren Stempel auf. Dazu unterstützt sie Michi Tischler als Background-Sängerin.

Gitarrist Jens Reyer (Erlenbach) zeigt ein ums andere Mal, dass er ein Meister auf den sechs Saiten ist. Er war in früheren Tagen mit den Bands „Headless“ (1994 bis 2002 mit Anke Rible) oder „Eightteam“ im Raum Bergstraße/Odenwald unterwegs. Der 46-Jährige begann mit 18 Gitarre zu spielen und nahm Unterricht bei Stefan (Ivan) Schäfer (Jazz Pistols). Reyer ist für die fetzigen Soli zuständig, mit denen er etliche Songs von „Another Livetime“ virtuos bereichert.

Bandgründer Thomas Klein am Schlagzeug und Keyboarder Axel „Aji“ Imhof (beide aus Michelstadt) machen mit Bassist Christoph Victor Kaiser (Heppenheim) die Rhythmus-Sektion komplett, die bei jedem Lied für den perfekten Sound sorgt. Sängerin und quasi Allrounderin in Diensten der Band ist Michi Tischler. Sie ist Dreh- und Angelpunkt von „Another Livetime“ und hat die Fäden in der Hand. Neben ihrer freiberuflichen künstlerischen Tätigkeit ist sie für die Organisatorin des gesamten Hausband-Abends verantwortlich.

Bay-Watch für die Metal-Fans

Der Bandname ist an dem Abend auch ein wenig Programm. „Freedom Call“ nennt sich die Truppe von Chris Bay, mit der er jetzt auf der Kulturbühne vor dem Hüttenwerk in Michelstadt gastiert. Der „Schrei nach Freiheit“ der Künstlerszene ist auch unüberhörbar, denn die immer noch andauernden Einschränkungen gefährden Existenzen oder haben sie schon vernichtet. Umso ausgelassener ist die Stimmung unter den Fans, die Heavy-Metal-Band endlich mal wieder live erleben zu dürfen.

Aus allen Ecken Süddeutschlands kamen die Besucher gefahren, um „Freedom Call“ nach langer Zeit wieder live zu erleben. Der Fanclub des sympathischen Sängers, der unter dem Bandnamen immer neue Musiker um sich schart, ist absolut begeisterungsfähig und macht Stimmung für mindestens die doppelte Zahl an Gästen.

„M.E.T.A.L“ nennt sich die aktuelle Scheibe, mit der Chris Bay im vergangenen Jahr anfing zu touren, bevor dann die unfreiwillige Pause kam. Dass er fünf Monate später endlich mal wieder auf der Bühne stehen darf, ist dem Franken aus Nürnberg deutlich anzumerken. Er ist ein Meister der Publikums-Animation, das er immer wieder mitreißt, bis während der letzten Zugabe „Land of Light“ sich alle (symbolisch)in den Armen liegen, Band und Zuschauer hopsen, bis der Schweiß fließt, und ein großer Chor die Hymne mitsingt.

Die vorherrschende Farbe ist an diesem Abend schwarz. Metaller aller Länder vereinigt euch, könnte auch die Devise heißen. Metalfest, Rock the Coast, Sabaton, Wacken, Avantasia: Die T-Shirts lassen erahnen, dass hier die Szene ein fröhliches Stelldichein feiert und genießt, einen der Ihren oben auf der Bühne sehen zu können. Die Autokennzeichen belegen, welch weiten Einzugsbereich das Konzert hat. Sogar ein paar Holländer haben sich in den Odenwald verirrt.

Chris Bay zelebriert mit seinen Mannen Lars Rettkowitz (Gitarre), Francesco Ferraro (Bass) und Timmi Breideband (Schlagzeug) eine große Verbeugung vor dem Metal. Gleich vier Mal taucht der Begriff in den eigenen Songs auf, noch viel öfter nimmt ihn der Sänger und Gitarrist in den Mund. Und die Fans sind ganz begierig darauf, wollen endlich mal wieder ihre Musik live (er)leben. Bay hat leichtes Spiel, wickelt sie alle um den Finger, dirigiert den Odenwald-Metal-Chor nach Belieben. Klasse ist das „Metal Halleluja“ frei nach Leonard Cohen.

Seine Songs machen es aber auch einfach, darauf abzurocken. Klar hat das Quartett die typischen Metal-Posen drauf, fegen die verzerrten Gitarren über die Bühne und ins Publikum. Aber die Stücke sind sehr melodisch, eingängig gehalten, haben durch die Bank weg einen Mitgröl-Refrain, was auch dankbar angenommen wird. Bombast-, Power-, Symphonic-Metal: „Freedom Call“ mag’s klang- und gehaltvoll. Reines Saitengeschrubbe sucht man hier vergebens.

Die Lieder leben durch ihren Frontmann und seine Stimme. Chris Bay hat ein ähnliches Organ wie Tobias Sammet von Avantasia. Auch der Songaufbau ist vergleichbar, ruhige Passagen wechseln sich mit kraftvollen Parts ab. Dass Bay gleich mehrere Oktaven abdecken kann, macht das Ganze sehr abwechslungsreich und eindrucksvoll.

„Es ist ein unfassbar tolles Gefühl, wieder auf der Bühne vor echten Menschen zu stehen“, bringt er seine Begeisterung rüber. Unter den vielen Fans sind auch einige aus den Anfangsjahren der Truppe, die Ende der 90er Jahre gegründet wurde. Bays heutige Mitmusiker lagen aber damals noch im Kinderwagen „oder waren vielleicht eine Idee“, lacht er. Denn von der Ursprungsbesetzung ist keiner mehr dabei.

Das frische Blut tut aber der Musik gut, die ungefiltert aus den Boxen dröhnt. Alles ist auf den Frontmann zugeschnitten, seine Mitmusiker sind eher dekoratives, aber spielfreudiges „Baywerk“. Interessante Breaks, knallige Riffs, ab und zu ein paar Twin Guitars: „Freedom Call“ hat es einfach drauf. Die Post geht an diesem lauen Abend ab. Das erst akustische, dann bretternde „Warriors“ ist ein Glanzstück. „Far away“ mit Dudelsack-Einspielung reißt einfach mit, „Metal is for everyone“ ist natürlich Programm.

„Undercure“ machen den Originalen alle Ehre

„Heute treten wir das erste Mal im Hellen auf“, scherzt Sänger Holder Schwinn. Ziemlich ungewohnt für die Odenwälder Mannen von „Undercure“, die der legendären britischen Pop-/Rock-/Wave-/Gothic-Band The Cure huldigen. Denn ihr „regulärer“ Termin ist immer am Karfreitag im Hüttenwerk Michelstadt. Der fiel dieses Jahr wegen Corona aus. Dann eben Open-Air auf der Kulturbühne davor: Die Fans dankten es dem Quintett, das in bewährter Manier die Klassiker hoch und runter spielte.

Allzu oft ist die Band nicht auf den Konzertbühnen zu sehen. Das hat zum einen mit den Berufen zu tun: Bassist Jens Weimar ist oft im Ausland unterwegs, Bruder Dirk am Keyboard nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Gitarrist Markus Fabian hat vielfältige andere musikalische Verpflichtungen, etwa mit „Betty and the Daltons“, „Herr Fabian“ oder „Bob ist dein Onkel“. Holger Schwinn spielt darüber hinaus noch Theater.

Es gibt aber Traditionsevents. Wie im Hüttenwerk, wo die Band das 14. Mal auftrat. Oder beim Wave Gothic in Leipzig. Frankfurt, Hannover, Mannheim: Die Odenwälder kommen mit ihrer Reminiszenz an die Briten weit rum. Und haben ihre Fans auch weit verstreut, wie sich an den Autokennzeichen zeigt. „Wir wollen uns aber auch nicht überspielen“, betont Drummer Heiko Birkenstock.

Der Band ging es wie vielen anderen: Viele Monate war tote Hose. Da zu Jahresbeginn sowieso nichts anstand, bedeutete der Auftritt in Michelstadt der erste überhaupt in diesem Jahr. Was natürlich noch mehr Freude verhieß, den vor heimischem Publikum zu absolvieren. Als Gast war Mario Schuck dabei, der auf dem Keyboard einige Stücke anstimmte. Denn eigentlich wäre Dirk am Karfreitag nicht verfügbar gewesen und Mario wurde „eingearbeitet“. Dann fiel das Konzert aus – aber der Ersatzmann sollte natürlich nicht um seinen Einsatz kommen.

„Wir leben nicht davon, sondern dafür“: Birkenstock bringt es auf den Punkt, warum die Odenwälder Coverband „Undercure“ einen solchen Kultstatus genießt. „Wir kommen authentisch rüber“, erläutert der Schlagzeuger, denn die Bandmitglieder sind mit den Songs aufgewachsen und wurden vom New Wave der 80er Jahre geprägt. „Das ist unheimlich zeitlos“, betont er.

Das Konzert im Hüttenwerk „ist ein bisschen wie ein Familientreffen“, weiß Birkenstock. „Uns verbindet alle auch eine Freundschaft und nicht nur die Musik“, nennt er ein weiteres Geheimnis des Erfolgs. Auch wenn sie nicht so oft proben und auftreten können, „gibt es ein blindes Verständnis zwischen uns“. Birkenstock zählt am Schlagzeug den Takt an „und wir legen sofort los“. Das gemeinsame Musizieren ist locker, macht Spaß.

Er spricht von einem „Flow“, der auf der Bühne auch spürbar ist, wenn sich Jens Weimar und Markus Fabian musikalisch beharken. „Kein Lied hat uns je gelangweilt“, sagt der Schlagzeuger. Wenn Holger singt, „könnte da Robert Smith auf der Bühne stehen“, meint er. Und ist sich mit dem Publikum einig: „Die fühlen genauso.“ Was die Konzerte wie auch jetzt immer sehr gut besucht macht. Und für ein „tolles Feedback“ sorgt.

Den Bandmitgliedern geht es nicht darum, nur die Akkorde und Texte wiederzugeben, sondern bei aller musikalischen Detailtreue den Geist der Songs auferstehen zu lassen und aufs Publikum zu übertragen. Schwinn mit seiner hellen Stimme, die schon Richtung Falsett geht, schmaler Gestalt, schwarzen Klamotten, extrem rot geschminkten Lippen, toupierten Haaren und dem geschminkten Gesicht gibt den Smith par excellence. Er weiß die Musik, die grenzenlose Melancholie und die Atmosphäre der Kult-Formation ansprechend in Szene zu setzen.

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Hits The Cure geschrieben haben, die man irgendwo alle schon einmal gehört hat. „Undercure“ spielt die eingängigeren, bekannteren Songs vor allem im zweiten Set. „Pictures of You“, „Boys don’t cry“,  oder „Lovecats“ sind solche unvergesslichen Stücke aus den vergangenen 40 Jahren. „Friday I’m in love“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ gehören ebenfalls zum vielbeklatschten Set.

Beerfeldener Heimspiel sorgt für volles Hüttenwerk

Die gute Stube des Michelstädter Hüttenwerks war gut voll: Beim Konzert von „Sofia and the Double Us“ hieß es schon ein paar Tage vorher: alles ausgebucht. Das Beerfeldener Trio konnte seinen Odenwald-Heimbonus voll ausspielen. Man kennt Sofia Glaser sowie Esther und Klaus Wilka eben aus verschiedenen Formationen. Sie ziehen die Fans, sodass selbst die Bar noch gut besucht ist. Anders als am folgenden Abend, als das Konzert mit dem Sohn Mannheims, Rolf Stahlhofen, mangels Nachfrage abgesagt werden musste.

Auch wenn sie „erst“ 24 Jahre alt ist, blickt Sofia Glaser schon auf eine lange Musikkarriere zurück. Die begann 2009, als sie beim Nachwuchscontest – natürlich im Hüttenwerk – auf der Bühne stand. Das damals gesungene Lied „Nobody’s wife“ hat sie immer noch im Repertoire. Und ist heute wie damals ziemlich nervös, wie sie gesteht. Damals war es der Anfang, jetzt der Wiederanfang nach der Corona-Zwangspause.

Das eine ist Sofias besondere Stimme, etwa beim Tracy-Chapman-Opener „Talking about a Revolution“, das andere Klaus Wilkas filigranes Gitarrenspiel. Wie er die Finger über die Saiten fliegen lässt und sich manchmal fast in einen Rausch spielt, ist sehens- und hörenswert. Rock- und Soulklassiker der vergangenen Jahrzehnte sowie aktuelle Songs der Singer- und Songwriter-Szene haben die drei im Programm. Mit seiner Tochter Esther ist Klaus noch bei „Fools Crossing“ aktiv, daneben mit Marco Born als „Dr. Soul & Mr. Blues“. Esther wiederum tritt auch solo auf.

Klaus und Sofia kennen sich schon lange vom Beerfeldener Musikerstammtisch. „Es war immer mal wieder im Gespräch, ob wir denn mal ein gemeinsames Projekt starten“, berichtet sie. „Bisher kamen wir aber nicht dazu.“ Bis Klaus sich vor zwei Wochen meldete und fragte, „ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und Esther ein Projekt zu starten“. Gesagt, getan.

Wie immer, wenn die Beerfeldenerin mit Gitarre auf der Bühne steht, spielt sie als erstes Stück das von Tracy Chapman. „Für das konnte ich meine beiden Kollegen ebenfalls begeistern“, freut sie sich. „Chain of Fools“, der „Maxi Cosi“ von Ina Müller oder „Something‘s got a hold on me“ von Etta James gehören ebenso zum Set wie der Deep-Purple-Klassiker „Smoke on the Water“ oder „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin.

Die Freude am Spielen steht dabei klar im Vordergrund. Wenn’s mal nicht gleich so klappt, wie es sein soll, lachen die drei das einfach weg. Die vielen Zuschauer, unter ihnen etliche Verwandtschaft von Sofia Glaser und gefühlt halb Oberzent, hatten Spaß. Was das Trio bot, war so etwas wie ein „Best-of“ der Rockgeschichte. „Losing my Religion“ von REM gehörte ebenso dazu wie „Hit the Road Jack“ von Ray Charles oder „Lay down Sally“ von Eric Clapton.

Auch wenn sie selbst ebenfalls Lieder schreibt, spielt sie live hauptsächlich Cover-Stücke. „Meine Favoriten wechseln oft“, so Sofia, aber Tina Dico hat es ihr angetan. „Ihre Texte finde ich alle durchweg sehr gut geschrieben.“ Seit sie selbst Lieder schreibt, „achte ich sehr auf die Texte“, hebt Sofia hervor.

Ob unplugged, mit der Celtic-Folk-Band „Dhalias Lane“ oder in der Heidelberger Band „Potzblitz“: Sofia ist neben Studium und Ausbildung vielfältig aktiv. Ein weiteres Musikprojekt unter dem Namen „Duo Sehnsucht“ gibt es mit Berk Demiray, den Gitarristen und Sänger von Dhalias Lane. „Wir sind nach der Corona-Zeit wieder am Proben und basteln eigene Stücke“, erzählt die 24-Jährige. Sie ist froh, dass es langsam wieder losgeht, „denn ich habe es sehr vermisst, Musik zu machen“.

Sofia Glaser wohnt in der Nähe von Heidelberg in einer Mietswohnung, „wo man doch anders probt als in einem ordentlichen Proberaum oder Studio“, schmunzelt sie. Sie studiert im Bachelor Gerontologie, Gesundheit und Care sowie Philosophie. Parallel macht die 24-Jährige eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin. Im Rahmen dieser hat sie in den vergangenen Wochen den theoretischen Teil des Examens absolviert.

 

Mit „Lichtenberg“ kommt wieder Licht in die Kulturlandschaft

Lange, viel zu lange, dauerte die Corona-bedingte Veranstaltungspause. Nicht nur im Odenwald. Das Hüttenwerk Michelstadt startete als eine der ersten Locations der Region Mitte Mai wieder mit kleinen, abgespeckten Wohnzimmerkonzerten. Jetzt wird die ganze Sache in der Zusammenarbeit von Odenwälder Kulturschaffenden eine Nummer größer. Mit dem Konzert von „Lichtenberg“ startete die Kulturbühne auf dem Freigelände vor dem Hüttenwerk ihr Programm, das bis Ende Oktober laufen soll.

Die Erleichterung und Freude war allen Beteiligten anzumerken, dass dieses besondere Projekt zum einen auf die Beine gestellt wurde und zum anderen einen gelungenen Start hinlegte. Die optimalen äußeren Bedingungen trugen ihren Teil dazu bei. Unterholz, Spiellust, Hüttenwerk und Freilichtbühne Bad König haben sich zusammengefunden, um Theater, Lesungen und Konzerte Open-Air im Rahmen der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln zu bieten.

Sie alle eint ein Ziel: die Kultur (nicht nur im Odenwald) am Leben zu erhalten. Denn Großveranstaltungen sind noch bis Ende Oktober verboten. Auf den Hüttenwerk-Vorplatz dürfen 250 Besucher rein – mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand. Wenn auch bei der Premiere noch ein paar freie Plätze waren, so läuft der Vorverkauf für das Kikeriki-Theater und die Lesung von Sebastian Fitzek gut, erläuterte Fritz Krings von Peripherique. Der Bestseller-Autor hat Ende August sein neues Buch „Das Geschenk“ im Gepäck.

Roger Tietz von der Spiellust freute sich über die sehr positive Nachricht, „dass der Odenwald Dinge gemeinsam auf die Bühne stellt“. Er hätte sich zwar ein paar mehr Eröffnungsgäste gewünscht, sah aber auch das Positive: Bei weniger als 100 „dürft ihr aufstehen und tanzen“ – was später gerne angenommen wurde. „Wir brauchen jeder Art von Unterstützung“, betonte der Theatermacher. Die gab es auch, listete er die vielen Helfer auf. Marcel Iwanicki von Peripherique bekam Lob für die Umgestaltung des Parkplatzes in eine schöne Event-Location.

Clementine Dingeldein, Erste Stadträtin von Michelstadt, zeigte sich stolz darüber, dass die Stadt in Sachen kultureller Neuaufbruch Vorreiter ist. Die Verantwortlichen schafften es, „innerhalb von kürzester Zeit das Projekt zu stemmen und die Schockstarre der Veranstaltungsbranche nach dem Lockdown zu überwinden“, sagte sie.

Landrat Frank Matiaske sprach von einer „Vollkatastrophe“ durch den Lockdown. Er dankte den Organisatoren, dass sie sich in einer schwierigen Zeit dagegenstemmten. Auch der Kreis steht voll hinter der Sache, hob er hervor. Dass das Theaterstück „Gert, Königin des Odenwalds“ nicht aufgeführt wird, bezeichnete Matiaske als sehr schade. Gelang es doch, dafür eine „fette Förderung“ in die Region zu holen.

Zum Glück „switchten“ die Verantwortlichen schnell um und machen nun einen Film daraus, der Ende des Monats ebenfalls auf der Kulturbühne gezeigt wird. Der Landrat war mehr als angetan davon, mit welchem Gemeinschaftssinn „der kulturelle Lockdown im Odenwald auf diese Weise beendet wird“. Beate Beerboom von der Freilichtbühne, die auch den Act „Lichtenberg“ beisteuerte, freute sich „tierisch, dass wir die Zusammenarbeit hingekriegt haben“.

Ein Hoch auf Äbbelwoi, Handkäs und Ourewällerisch dann mit der Band Lichtenberg. Von Anfang an rocken die fünf die Menge. Alla Gude, die Scholze Gret, geboten von den feschen Odenwälder Jungs – das macht Laune. Die Gruppe schafft es perfekt, mit viel Schmackes traditionelles Liedgut in ein neues Gewand zu packen.

Irgendwo zwischen Westernhagen und Rodgau Monotones angesiedelt, gepaart mit einer Prise Rap und Soul, angereichert mit einigen Pop-Versatzstücken, vorrangig aber knackig mit E-Gitarre und wummerndem Bass, spielt sich das Gründer-Trio Marcel Zocher, Thorsten Großkopf und Sebastian Altzweig geschmeidig durch die verschiedenen Genres. Thomas Markowic (Piano, Trompete, Akkordeon und Gesang) ist dabei das instrumentale i-Tüpfelchen, der für die entsprechenden Mundart-Anklänge sorgt.

Infos: http://www.kulturbuehne-odw.de

Musikalische Weltreise auf blauen Pfaden

Es macht einfach gute Laune, was das Trio „Blu“ da im Hüttenwerk Michelstadt abliefert. Weltmusik im besten Sinne bieten Rolf Schaude, Gigu Neutsch und Neo Stephanou auf ihren diversen Instrumenten. Wenn es bei jemandem aufgrund der Bandnamen klingeln sollte: Richtig, die drei sind auch noch anderweitig in bekannteren Bands aktiv. Vor allem im Rhein-Neckar-Dreieck, was im Odenwald die etwas schmalere Kulisse als sonst erklären dürfte.

Besonders Schaude und Neutsch tummeln sich schon Jahrzehnte in der Musikszene. Rolf Schaude etwa trommelt bei den „Nachtigallen“ auf allem, was die Percussion-Landschaft hergibt. Auch die „Wilde 13“ und Guru Guru gehörten neben vielen anderen zu seinen Stationen. Gigu Neutsch verbinden die Rock-Fans am ehesten mit der Freddy Wonder Combo. Die beiden schnappten sich als dritten Mann an der Gitarre Neo Stephanou, der nicht nur das Durchschnittsalter senkt, sondern mit seinem Spiel auf den sechs Saiten viel frischen Wind mitbringt.

Etliche selbstgeschriebene Stücke liefern die blauen Jungs auf der Bühne ab. Etwa das italienische „Farfallina“, kleiner Schmetterling, das mediterrane Lebensfreude durch den Saal flattern lässt. Das Mittelmeer plätschert gluckernd an den Odenwald-Stränden. „Viele vermissen die Reise nach Italien“, weiß Neutsch. Er sicher auch, denn seine Selbstbezeichnung lautet „italophiler Wahlargentinier“.

„Terra mia“, aus Argentinien mitgebracht, das brasilianische „Perbao“ oder ganz Standard „You do me good“ auf Englisch machen den Anspruch der Truppe deutlich, siebensprachig ihr Programm zu gestalten. Eine deutsche „Meerjungfrau“ geht ins griechische „Mikri Patrida“ über. Southern Cross“, eine Crosby-Stills-Nash-Nummer, oder ein Stevie-Wonder-Cover machen die komplette Bandbreite klar. Seine besondere Klasse zeigt das Trio bei einem Popmusik-Medley – gespielt auf drei Bässen. Als Instrumental fällt es aus dem Rahmen.

Die eigenen Songs beruhen alle auf eigenen Erlebnissen, erzählt Rolf Schaude. So besingt „Tierra mia“ die Heimat von Gigu Neutschs Frau, „Mikri Patrida“ Neo Stephanous Herkunftsinsel Zypern. Die meisten Stücke hat Neutsch komponiert, auch der Zypriote steuert ein paar bei. „In Form gebracht haben wir sie dann alle zusammen“, schmunzelt Schaude.

Seit Mitte März die Corona-Rollläden runtergingen, „ist das wieder unser erstes Konzert“, freuen sich die drei. Aktuell zeigen sich laut Schaude „nur punktuelle Lichter am Horizont“. Bei seinen Nachtigallen ist etwa fast alles bis Dezember abgesagt. „Umso schöner ist es, jetzt wieder auftreten zu können“, betont er.

Vor fünf Jahren formierte sich „Blu“. Denn Rolf wollte mit Gigu ein Projekt realisieren, bei dem er sich auf der Cajon und mit Percussion austoben konnte. Als Dritten im Bunde holte man sich Neo ins Boot. Nach dem Austausch von „Lieblingsliedern“ merkten die drei beim Proben, „dass wir viele verschiedene Sprachen sprechen und breit aufgestellt sind“. Deshalb entstand eine musikalische Reise um die Welt. Das Ganze „nicht sehr laut“, sondern halbakustisch.

Die „Blu“-Musiker müssen allerdings ihren anderen Projekten Tribut zollen. „Wir können nicht so oft spielen, wie wir wollen“, erläutert Schaude. Oft sind gemeinsame Termine nicht frei. Anders natürlich, wenn leider auch aus bekannten Gründen, an diesem Tag im Hüttenwerk. Es war sogar ein wenig „Auffrischung“ nötig, da man lange nicht mehr proben konnte.

Was aber einmal sitzt, geht nicht verloren. Dazu kommt noch die lange Erfahrung, sodass die Töne quasi blind aus den Fingern fließen. Zusammen mit den launigen Ansagen. Als „einzige Mogelpackung“ wird etwa der „Hawaian Mambo“ angekündigt. Denn: „Wir waren noch niemals auf Hawaii“, flachst Neutsch. Aber vielleicht bringt ja der Song die Musiker hin. Das Publikum auf jeden Fall. Das war von der hochkarätigen musikalischen Weltreise der Marke Blau sehr angetan.

 

Alarmstufe Rot bei Veranstaltern und Künstlern

„Kurz gesagt: Katastrophe“ bringt es Achim Tischler vom Hüttenwerk, Inhaber der gleichnamigen Veranstaltungstechnikfirma, in Michelstadt, auf den knackigen Punkt. „Verloren haben wir durch den Corona-bedingten Lockdown seit dem 14. März alles“, sieht er für die Veranstaltungsbranche und mitbetroffenen Künstler noch keinen Silberstreif am Horizont. In seiner Aussage „Am schlimmsten ist es, dass es keinerlei Planungssicherheit gibt“, weiß er sich einig mit Fritz Krings von „Péripherique“.

„Es gibt einen großen Frust, dass wir nicht planen können“, betont Krings. Von Woche zu Woche werde neu entschieden. Deshalb beteiligten sich beide zusammen mit anderen Kulturschaffenden auf dem Michelstädter Rathausplatz auch an der bundesweiten Protestaktion der Branche, „Night of Light“. Tischler ließ das Verwaltungsgebäude eine Stunde lang in Rot erstrahlen, Krings‘ Firma deren „Schwarzen Adler“. Höhepunkt: Die Bengalo-Feuer vor beiden Gebäuden.

„Die Überlebenschancen für unsere Branche sehe ich nicht so rosig“, geht es für Tischler langsam, aber sicher, den Bach runter. Gerettet werden seiner Meinung nach „ganz bestimmt die öffentlichen Kulturstätten“, wie  Staatstheater, Opernhäuser, TV- und Rundfunkanstalten mitsamt ihren Veranstaltungen. „Denen passiert aber sowieso nie etwas.“ Ein öffentliches Opernhaus mit seinem kulturell wertvollen Programm hat es leichter, an Fördertöpfe und Subventionen zu kommen, als eine Livebühne für Populärmusik. „Warum eigentlich?“, stellt er in den Raum.

Alles, was privat betrieben ist, wird wohl für sich selbst sorgen müssen, befürchtet der Hüttenwerk-Macher. Im Rhein-/Main-/Neckar-Raum gibt es seiner Kenntnis nach schon genügend Aussagen von privaten Betrieben, „die nichts Gutes verheißen“, weiß er. Etwa das das Statement der Batschkapp-Betreiber in Frankfurt.

Und die Branche weiß einfach nicht, was Sache ist: Erst hieß es, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August verboten, nun wurde dieser Termin „trotz sinkender oder sogar gar nicht mehr messbarer Zahlen“ auf den 31. Oktober verlängert. „Was kommt dann? Der 31. Dezember? Und dann?“, sieht Tischler kein Ende der Spirale. Die Veranstalter befürchten die Kultur in der Hackordnung an letzter Stelle. Konsum ist weit höher angesiedelt. „Die Verhältnismäßigkeit ist nicht gegeben“, sagt Fritz Krings.

Beide kritisieren heftig die unterschiedliche Messlatte je nach Branche. Freizeitparks oder Schwimmbäder dürfen öffnen, ebenso Einkaufszentren in Weiterstadt oder Viernheim mit den entsprechenden Menschenmassen. Dass Konzerte aber nicht gehen, lässt sie einigermaßen fassungs- und verständnislos zurück. „Offensichtlich kann das Virus unterscheiden“, bringt es Tischler sarkastisch auf den Punkt. Und Krings ergänzt: Wo zu Beginn eine klare Richtung bei der Virus-Bekämpfung war, „wirkt jetzt alles orientierungslos“.

„Weitergehen wird es bei uns schon, irgendwie“, verspricht Achim Tischler. Allerdings sind die bisherigen Wohnzimmer-Konzerte im Hüttenwerk eher Schadensbegrenzung „und haben mit Geld verdienen zumindest kaufmännisch gesehen nicht viel zu tun.“ Es ist knapp, so der Veranstalter, um nicht zu sagen: „Es reicht vorne und hinten nicht.“ Die staatliche Hilfe ist schon längst wieder aufgebraucht. Verbindlichkeiten, auch wenn sie großzügig gestundet werden, „fallen einem am Ende wieder auf die Füße“.

Welches Unternehmen, fragt Tischler rhetorisch, egal aus welcher Branche, „kann es sich durch seine Rücklagen leisten, von April bis Ende des Jahres nicht mehr zu arbeiten oder zu produzieren? Er ist sicher: „Da haut es wahrscheinlich auch der deutschen Politik liebstes Kind, die Autoindustrie, vom Sockel.“

Allerdings blickt er auch nach vorn. Da man mittlerweile Freiluftveranstaltungen bis 250 Personen ohne Sondergenehmigung durchführen darf, „werden wir die ein oder andere Aktion im Hüttenwerk-Hof starten.“ Außerdem gibt es eine Kooperation mit weiteren Odenwälder Kulturschaffenden, die ebenfalls Veranstaltungen im Hof durchführen werden.

Riwwels rocken das Hüttenwerk

Schon bisher war es bei manchen Band-Auftritten im Hüttenwerk Michelstadt nicht einfach, sitzenzubleiben und nicht tanzen zu dürfen. Denn Abstands- und Hygieneregeln lassen dies noch nicht zu. Bei den „Riwwels“ gehörte schon eiserne Disziplin dazu, nicht gleich bei den ersten Tönen aufzuspringen. Die Gute-Laune-Truppe aus dem Odenwald rockte mit ihrem Rockabilly den voll besetzten, sitzenden Saal.

Nach einem halben Jahr spontan ungeprobt wieder auftreten zu dürfen, „war unglaublich befreiend“, erzählt Gitarrist Manuel Jörg. Die Batterien waren schon lange überladen und auch backstage war die Stimmung so gut wie lange nicht mehr. „Hätten wir nicht aufgepasst, hätten wir beinahe vergessen aufzutreten“, grinst er. So viel hatten sich die fünf Musiker zu erzählen.

Zum Stamm-Repertoire der Band gehören Rockabilly-Klassiker wie „Mystery Train“ von Junior Parker, das hauptsächlich durch Elvis bekannt und später von Brian Setzer wieder aufgegriffen wurde. Oder Chuck Berrys „Johnny B. Goode“. Modernen Stücken wie Blondies „Call me“ verleihen die Riwwels außerdem ein eigenes Rockabilly-Gewand in der Version der Hillbilly Moon Explosion. Bei „Feel it still“ von Portugal. The Man brauchen die begnadeten Entertainer nicht unbedingt eine bereits stiltransportierte Vorlage.

Die klasse Stimmung übertrug sich schnell aufs Publikum. „Den Leuten war anzumerken, dass sie sich ebenso wie wir erleichtert fühlten, endlich wieder ein Stück Normalität genießen zu können“, beobachtete Jörg. Die Fans und auch die Gruppe können das Ende der Krise nur schwer abwarten, „nach dem wir unser Leben zurückbekommen und wieder feiern und tanzen dürfen“, sagte er. Das Konzert vermittelte zwei Stunden lang einen Eindruck davon, wie es dann wieder abgehen wird.

Im Odenwald sprießt der Rockabilly. Manuel Jörg ist von Frankfurt nach Hering (Otzberg) gezogen. Seine Kollegen zeigen die ganze Vielfalt des Odenwaldkreises. Dirk Allmann (Kontrabass/Vocals) kommt aus Vielbrunn, Bernd Heimer (Piano/Akkordeon) ist in Breuberg zuhause, Rainer Rapp (Drums) in Sandbach und Sängerin Judith Weimar, die auch Saxophon spielt, nennt den Brombachtaler Ortsteil Birkert ihre Heimat.

Da Dirk Allmann Brian Setzer, Louis Prima und Bill Haley schon als Jugendlicher an der Wand hängen hatte und Rainer Rapp „bereits mit pomadisierter Tolle auf die Welt gekommen ist“, war die Idee naheliegend, Hits der Neuzeit in den Sound der 50er zu transportieren. „Rockabilly reißt mit seinem Groove, seinem Sound und seiner flockigen Leichtigkeit alle Generationen mit“, hat Jörg beobachtet.

Nicht nur für den Gitarristen, auch für den Rest der Truppe hat die Musikrichtung eine ganz besondere Faszination. Denn das Genre bildet den Grundstein für so viele Musikrichtungen, „dass die Bandbreite, die sich daraus ergibt, schier endlos erscheint“. Das Gerüst bildet ein schneller Blues, erläutert Jörg. „Nimmt man in der Hauptstimme ein paar Sexten dazu, landet man im Country-Feeling und dreht man alternativ den Zerrgrad der Gitarre hoch, wird ruckzuck Heavy Metal daraus.“

Dabei sind die Fronten klar verteilt. Bernd Heimer ist der ruhende Pol und Organisator, der die anderen bei den Proben wieder runterholt. Dass die öfters ganz oben sind, kann man sich bei Dirk Allmann gut vorstellen. Der hat Hummeln im Hintern und kugelt sich mit seinem Kontrabass schon mal vor der Bühne. Wie auch Rainer Rapp ist er um einen lockeren Spruch nie verlegen.

Noch nie war es mit Abstand halten so schwer wie an diesem Abend. Manuel Jörg schlängelt sich mit seiner Gitarre zwischen den einzelnen Tischen hindurch. Judith Weimars Saxophon-Arbeit bildet den Farbtupfer in verschiedenen Songs, die dadurch ein ganz anderes Gewand bekommen.  Wenn dann alle zusammen loslegen, gibt es wie bei „Words up“ von Cameo kein Halten mehr. Gitarren- und Piano-Solo, dazu noch ein Singalong – das Stück will kein Ende nehmen.

 

Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung

Bisher flitzte Michaela Tischler seit Wiederaufnahme der Konzerte im Hüttenwerk Michelstadt immer zwischen den Tischen hin und her, um es den Gästen während der akustischen Auftritte von befreundeten Künstlern so angenehm wie möglich zu machen. Jetzt griff die Frontfrau der Hausband „Another Livetime“ und begehrte Gast- und Hochzeitssängerin selbst zum Mikro und zur akustischen Gitarre. „Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung“, lautete ihr Fazit nach dem Abend, bei dem der Heidelberger Michael Quast in die Keyboard-Tasten griff.

Quast alias „Amandus“ stellte ein eigenes Stück aus seiner im Herbst rauskommenden CD vor.  „Heavenly Day“ von Patti Griffin und „Believe“ von Amanda Marshall standen ebenso auf der Setliste wie Jazz-Standards. „Dream a litte Dream“ von Mamas and the Papas, dazu ein paar groovige Stücke und „Golden Eye“ Tina Turner rundeten ein schönes gemischtes Programm von ganz ruhig bis fetzig ab.

„Ich singe wahnsinnig gerne und sehe mich als Unterhalterin“, erzählt die Entertainerin. Wenn die Menschen Freude an ihrem Gesang haben, ihr gerne zuschauen und mitmachen, „dann habe ich einen riesigen Spaß“. Als Kind von Barbra Streisand fasziniert, durfte die heute 47-Jährige durch den frühen Start bei der Coverband „Melibokus“ so viele Sängerinnen interpretieren, „dass ich musikalisch selbst auch eher der Mainstream-Musik zugetan war und bin“.

Bruce Springsteen, die Ärzte, alle großen Stars der 80er/90er Jahre wie Tina Turner, Phil Collins, Whitney Houston, Aerosmith oder Journey haben sie beeinflusst. „Heute bin ich noch ein großer Fan von Alicia Keys“, sagt die Sängerin. Vor allem wegen ihrer Stimme, ihrer Message und ihrer Persönlichkeit. Neuere Musiker berühren sie dagegen kaum. Als sie sich 2004 entschied, hauptberuflich freiberufliche Sängerin zu werden, waren Ina Morgan (vor kurzem im Hüttenwerk) und viele weitere Kolleginnen ein Vorbild und Unterstützung.

Gitarre üben, Mini-Job in der Verpackungsfirma, ihre Hunde und seit Mitte Mai die Organisation und Bewirtung der kleinen Konzerte im Hüttenwerk nennt Michi Tischler als Tätigkeit der vergangenen Monate, als überwiegend Stillstand herrschte. Deshalb freut sie sich umso mehr auf die kommenden Hausbandabende mit Another Livetime. „Unsere Gäste warten natürlich sehnsüchtig auf Bounce“, die Bon-Jovi-Coverband. „Eines unserer Konzerthighlights“, weiß sie.

„Ich darf endlich wieder Geld verdienen“, sagt sich die 47-Jährige über das langsam wieder zurückkehrende Business. Es gibt kleine Aufträge bei Hochzeiten auf dem Standesamt oder kleine Gartenpartys. Die Hüttenwerk-Mini-Konzerte bezeichnet sie schmunzelnd als „Beschäftigungstherapie“. Nicht am Wochenende zu Hause sitzen müssen.  Etwas wunderbar Schönes hat sich ihren Worten zufolge daraus entwickelt: „Ich lerne unsere Stammgäste immer besser kennen und wir erfahren eine ganz herzliche Unterstützung.“

Die kommt nicht nur von den Besuchern, sondern auch von den Musikern. Umgedreht freuen sich die über das besondere Erlebnis im Hüttenwerk, das quasi als einzige Location im weiteren Umkreis überhaupt wieder aufgemacht hat und Konzertchen anbietet. „Das berührt mich sehr“, sagt Tischler. „Alles bleibt im Fluss.“

Denn Michaela Tischler hat Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Gesang ist etwas sehr Persönliches“, betont sie. „Ich würde mich gerne mehr selbst auf der Gitarre begleiten und auch mal einen Sektempfang nur mit Gitarre und Gesang spielen“, verrät sie ihre kommenden musikalischen Ziele.

Ohne Großveranstaltungen kann das Hüttenwerk nicht überleben, betont Michi Tischler. Sowohl Veranstaltungstechnik als auch Locations und Musiker sind von vielen Zuschauern abhängig. „Veranstaltungen müssen bald wieder ohne Abstandsregelungen durchgeführt werden dürfen“, lautet deshalb ihre Forderung. „Ohne echte Hilfen vom Staat und ohne Perspektiven, was wann wieder geht, gibt es die Branche bald nicht mehr“, ist ihre große Befürchtung.

Mehr zu Michaela Tischler unter http://www.michaela-tischler.de