„Undercure“ machen den Originalen alle Ehre

„Heute treten wir das erste Mal im Hellen auf“, scherzt Sänger Holder Schwinn. Ziemlich ungewohnt für die Odenwälder Mannen von „Undercure“, die der legendären britischen Pop-/Rock-/Wave-/Gothic-Band The Cure huldigen. Denn ihr „regulärer“ Termin ist immer am Karfreitag im Hüttenwerk Michelstadt. Der fiel dieses Jahr wegen Corona aus. Dann eben Open-Air auf der Kulturbühne davor: Die Fans dankten es dem Quintett, das in bewährter Manier die Klassiker hoch und runter spielte.

Allzu oft ist die Band nicht auf den Konzertbühnen zu sehen. Das hat zum einen mit den Berufen zu tun: Bassist Jens Weimar ist oft im Ausland unterwegs, Bruder Dirk am Keyboard nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Gitarrist Markus Fabian hat vielfältige andere musikalische Verpflichtungen, etwa mit „Betty and the Daltons“, „Herr Fabian“ oder „Bob ist dein Onkel“. Holger Schwinn spielt darüber hinaus noch Theater.

Es gibt aber Traditionsevents. Wie im Hüttenwerk, wo die Band das 14. Mal auftrat. Oder beim Wave Gothic in Leipzig. Frankfurt, Hannover, Mannheim: Die Odenwälder kommen mit ihrer Reminiszenz an die Briten weit rum. Und haben ihre Fans auch weit verstreut, wie sich an den Autokennzeichen zeigt. „Wir wollen uns aber auch nicht überspielen“, betont Drummer Heiko Birkenstock.

Der Band ging es wie vielen anderen: Viele Monate war tote Hose. Da zu Jahresbeginn sowieso nichts anstand, bedeutete der Auftritt in Michelstadt der erste überhaupt in diesem Jahr. Was natürlich noch mehr Freude verhieß, den vor heimischem Publikum zu absolvieren. Als Gast war Mario Schuck dabei, der auf dem Keyboard einige Stücke anstimmte. Denn eigentlich wäre Dirk am Karfreitag nicht verfügbar gewesen und Mario wurde „eingearbeitet“. Dann fiel das Konzert aus – aber der Ersatzmann sollte natürlich nicht um seinen Einsatz kommen.

„Wir leben nicht davon, sondern dafür“: Birkenstock bringt es auf den Punkt, warum die Odenwälder Coverband „Undercure“ einen solchen Kultstatus genießt. „Wir kommen authentisch rüber“, erläutert der Schlagzeuger, denn die Bandmitglieder sind mit den Songs aufgewachsen und wurden vom New Wave der 80er Jahre geprägt. „Das ist unheimlich zeitlos“, betont er.

Das Konzert im Hüttenwerk „ist ein bisschen wie ein Familientreffen“, weiß Birkenstock. „Uns verbindet alle auch eine Freundschaft und nicht nur die Musik“, nennt er ein weiteres Geheimnis des Erfolgs. Auch wenn sie nicht so oft proben und auftreten können, „gibt es ein blindes Verständnis zwischen uns“. Birkenstock zählt am Schlagzeug den Takt an „und wir legen sofort los“. Das gemeinsame Musizieren ist locker, macht Spaß.

Er spricht von einem „Flow“, der auf der Bühne auch spürbar ist, wenn sich Jens Weimar und Markus Fabian musikalisch beharken. „Kein Lied hat uns je gelangweilt“, sagt der Schlagzeuger. Wenn Holger singt, „könnte da Robert Smith auf der Bühne stehen“, meint er. Und ist sich mit dem Publikum einig: „Die fühlen genauso.“ Was die Konzerte wie auch jetzt immer sehr gut besucht macht. Und für ein „tolles Feedback“ sorgt.

Den Bandmitgliedern geht es nicht darum, nur die Akkorde und Texte wiederzugeben, sondern bei aller musikalischen Detailtreue den Geist der Songs auferstehen zu lassen und aufs Publikum zu übertragen. Schwinn mit seiner hellen Stimme, die schon Richtung Falsett geht, schmaler Gestalt, schwarzen Klamotten, extrem rot geschminkten Lippen, toupierten Haaren und dem geschminkten Gesicht gibt den Smith par excellence. Er weiß die Musik, die grenzenlose Melancholie und die Atmosphäre der Kult-Formation ansprechend in Szene zu setzen.

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Hits The Cure geschrieben haben, die man irgendwo alle schon einmal gehört hat. „Undercure“ spielt die eingängigeren, bekannteren Songs vor allem im zweiten Set. „Pictures of You“, „Boys don’t cry“,  oder „Lovecats“ sind solche unvergesslichen Stücke aus den vergangenen 40 Jahren. „Friday I’m in love“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ gehören ebenfalls zum vielbeklatschten Set.

Beerfeldener Heimspiel sorgt für volles Hüttenwerk

Die gute Stube des Michelstädter Hüttenwerks war gut voll: Beim Konzert von „Sofia and the Double Us“ hieß es schon ein paar Tage vorher: alles ausgebucht. Das Beerfeldener Trio konnte seinen Odenwald-Heimbonus voll ausspielen. Man kennt Sofia Glaser sowie Esther und Klaus Wilka eben aus verschiedenen Formationen. Sie ziehen die Fans, sodass selbst die Bar noch gut besucht ist. Anders als am folgenden Abend, als das Konzert mit dem Sohn Mannheims, Rolf Stahlhofen, mangels Nachfrage abgesagt werden musste.

Auch wenn sie „erst“ 24 Jahre alt ist, blickt Sofia Glaser schon auf eine lange Musikkarriere zurück. Die begann 2009, als sie beim Nachwuchscontest – natürlich im Hüttenwerk – auf der Bühne stand. Das damals gesungene Lied „Nobody’s wife“ hat sie immer noch im Repertoire. Und ist heute wie damals ziemlich nervös, wie sie gesteht. Damals war es der Anfang, jetzt der Wiederanfang nach der Corona-Zwangspause.

Das eine ist Sofias besondere Stimme, etwa beim Tracy-Chapman-Opener „Talking about a Revolution“, das andere Klaus Wilkas filigranes Gitarrenspiel. Wie er die Finger über die Saiten fliegen lässt und sich manchmal fast in einen Rausch spielt, ist sehens- und hörenswert. Rock- und Soulklassiker der vergangenen Jahrzehnte sowie aktuelle Songs der Singer- und Songwriter-Szene haben die drei im Programm. Mit seiner Tochter Esther ist Klaus noch bei „Fools Crossing“ aktiv, daneben mit Marco Born als „Dr. Soul & Mr. Blues“. Esther wiederum tritt auch solo auf.

Klaus und Sofia kennen sich schon lange vom Beerfeldener Musikerstammtisch. „Es war immer mal wieder im Gespräch, ob wir denn mal ein gemeinsames Projekt starten“, berichtet sie. „Bisher kamen wir aber nicht dazu.“ Bis Klaus sich vor zwei Wochen meldete und fragte, „ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und Esther ein Projekt zu starten“. Gesagt, getan.

Wie immer, wenn die Beerfeldenerin mit Gitarre auf der Bühne steht, spielt sie als erstes Stück das von Tracy Chapman. „Für das konnte ich meine beiden Kollegen ebenfalls begeistern“, freut sie sich. „Chain of Fools“, der „Maxi Cosi“ von Ina Müller oder „Something‘s got a hold on me“ von Etta James gehören ebenso zum Set wie der Deep-Purple-Klassiker „Smoke on the Water“ oder „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin.

Die Freude am Spielen steht dabei klar im Vordergrund. Wenn’s mal nicht gleich so klappt, wie es sein soll, lachen die drei das einfach weg. Die vielen Zuschauer, unter ihnen etliche Verwandtschaft von Sofia Glaser und gefühlt halb Oberzent, hatten Spaß. Was das Trio bot, war so etwas wie ein „Best-of“ der Rockgeschichte. „Losing my Religion“ von REM gehörte ebenso dazu wie „Hit the Road Jack“ von Ray Charles oder „Lay down Sally“ von Eric Clapton.

Auch wenn sie selbst ebenfalls Lieder schreibt, spielt sie live hauptsächlich Cover-Stücke. „Meine Favoriten wechseln oft“, so Sofia, aber Tina Dico hat es ihr angetan. „Ihre Texte finde ich alle durchweg sehr gut geschrieben.“ Seit sie selbst Lieder schreibt, „achte ich sehr auf die Texte“, hebt Sofia hervor.

Ob unplugged, mit der Celtic-Folk-Band „Dhalias Lane“ oder in der Heidelberger Band „Potzblitz“: Sofia ist neben Studium und Ausbildung vielfältig aktiv. Ein weiteres Musikprojekt unter dem Namen „Duo Sehnsucht“ gibt es mit Berk Demiray, den Gitarristen und Sänger von Dhalias Lane. „Wir sind nach der Corona-Zeit wieder am Proben und basteln eigene Stücke“, erzählt die 24-Jährige. Sie ist froh, dass es langsam wieder losgeht, „denn ich habe es sehr vermisst, Musik zu machen“.

Sofia Glaser wohnt in der Nähe von Heidelberg in einer Mietswohnung, „wo man doch anders probt als in einem ordentlichen Proberaum oder Studio“, schmunzelt sie. Sie studiert im Bachelor Gerontologie, Gesundheit und Care sowie Philosophie. Parallel macht die 24-Jährige eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin. Im Rahmen dieser hat sie in den vergangenen Wochen den theoretischen Teil des Examens absolviert.

 

Mit „Lichtenberg“ kommt wieder Licht in die Kulturlandschaft

Lange, viel zu lange, dauerte die Corona-bedingte Veranstaltungspause. Nicht nur im Odenwald. Das Hüttenwerk Michelstadt startete als eine der ersten Locations der Region Mitte Mai wieder mit kleinen, abgespeckten Wohnzimmerkonzerten. Jetzt wird die ganze Sache in der Zusammenarbeit von Odenwälder Kulturschaffenden eine Nummer größer. Mit dem Konzert von „Lichtenberg“ startete die Kulturbühne auf dem Freigelände vor dem Hüttenwerk ihr Programm, das bis Ende Oktober laufen soll.

Die Erleichterung und Freude war allen Beteiligten anzumerken, dass dieses besondere Projekt zum einen auf die Beine gestellt wurde und zum anderen einen gelungenen Start hinlegte. Die optimalen äußeren Bedingungen trugen ihren Teil dazu bei. Unterholz, Spiellust, Hüttenwerk und Freilichtbühne Bad König haben sich zusammengefunden, um Theater, Lesungen und Konzerte Open-Air im Rahmen der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln zu bieten.

Sie alle eint ein Ziel: die Kultur (nicht nur im Odenwald) am Leben zu erhalten. Denn Großveranstaltungen sind noch bis Ende Oktober verboten. Auf den Hüttenwerk-Vorplatz dürfen 250 Besucher rein – mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand. Wenn auch bei der Premiere noch ein paar freie Plätze waren, so läuft der Vorverkauf für das Kikeriki-Theater und die Lesung von Sebastian Fitzek gut, erläuterte Fritz Krings von Peripherique. Der Bestseller-Autor hat Ende August sein neues Buch „Das Geschenk“ im Gepäck.

Roger Tietz von der Spiellust freute sich über die sehr positive Nachricht, „dass der Odenwald Dinge gemeinsam auf die Bühne stellt“. Er hätte sich zwar ein paar mehr Eröffnungsgäste gewünscht, sah aber auch das Positive: Bei weniger als 100 „dürft ihr aufstehen und tanzen“ – was später gerne angenommen wurde. „Wir brauchen jeder Art von Unterstützung“, betonte der Theatermacher. Die gab es auch, listete er die vielen Helfer auf. Marcel Iwanicki von Peripherique bekam Lob für die Umgestaltung des Parkplatzes in eine schöne Event-Location.

Clementine Dingeldein, Erste Stadträtin von Michelstadt, zeigte sich stolz darüber, dass die Stadt in Sachen kultureller Neuaufbruch Vorreiter ist. Die Verantwortlichen schafften es, „innerhalb von kürzester Zeit das Projekt zu stemmen und die Schockstarre der Veranstaltungsbranche nach dem Lockdown zu überwinden“, sagte sie.

Landrat Frank Matiaske sprach von einer „Vollkatastrophe“ durch den Lockdown. Er dankte den Organisatoren, dass sie sich in einer schwierigen Zeit dagegenstemmten. Auch der Kreis steht voll hinter der Sache, hob er hervor. Dass das Theaterstück „Gert, Königin des Odenwalds“ nicht aufgeführt wird, bezeichnete Matiaske als sehr schade. Gelang es doch, dafür eine „fette Förderung“ in die Region zu holen.

Zum Glück „switchten“ die Verantwortlichen schnell um und machen nun einen Film daraus, der Ende des Monats ebenfalls auf der Kulturbühne gezeigt wird. Der Landrat war mehr als angetan davon, mit welchem Gemeinschaftssinn „der kulturelle Lockdown im Odenwald auf diese Weise beendet wird“. Beate Beerboom von der Freilichtbühne, die auch den Act „Lichtenberg“ beisteuerte, freute sich „tierisch, dass wir die Zusammenarbeit hingekriegt haben“.

Ein Hoch auf Äbbelwoi, Handkäs und Ourewällerisch dann mit der Band Lichtenberg. Von Anfang an rocken die fünf die Menge. Alla Gude, die Scholze Gret, geboten von den feschen Odenwälder Jungs – das macht Laune. Die Gruppe schafft es perfekt, mit viel Schmackes traditionelles Liedgut in ein neues Gewand zu packen.

Irgendwo zwischen Westernhagen und Rodgau Monotones angesiedelt, gepaart mit einer Prise Rap und Soul, angereichert mit einigen Pop-Versatzstücken, vorrangig aber knackig mit E-Gitarre und wummerndem Bass, spielt sich das Gründer-Trio Marcel Zocher, Thorsten Großkopf und Sebastian Altzweig geschmeidig durch die verschiedenen Genres. Thomas Markowic (Piano, Trompete, Akkordeon und Gesang) ist dabei das instrumentale i-Tüpfelchen, der für die entsprechenden Mundart-Anklänge sorgt.

Infos: http://www.kulturbuehne-odw.de

Musikalische Weltreise auf blauen Pfaden

Es macht einfach gute Laune, was das Trio „Blu“ da im Hüttenwerk Michelstadt abliefert. Weltmusik im besten Sinne bieten Rolf Schaude, Gigu Neutsch und Neo Stephanou auf ihren diversen Instrumenten. Wenn es bei jemandem aufgrund der Bandnamen klingeln sollte: Richtig, die drei sind auch noch anderweitig in bekannteren Bands aktiv. Vor allem im Rhein-Neckar-Dreieck, was im Odenwald die etwas schmalere Kulisse als sonst erklären dürfte.

Besonders Schaude und Neutsch tummeln sich schon Jahrzehnte in der Musikszene. Rolf Schaude etwa trommelt bei den „Nachtigallen“ auf allem, was die Percussion-Landschaft hergibt. Auch die „Wilde 13“ und Guru Guru gehörten neben vielen anderen zu seinen Stationen. Gigu Neutsch verbinden die Rock-Fans am ehesten mit der Freddy Wonder Combo. Die beiden schnappten sich als dritten Mann an der Gitarre Neo Stephanou, der nicht nur das Durchschnittsalter senkt, sondern mit seinem Spiel auf den sechs Saiten viel frischen Wind mitbringt.

Etliche selbstgeschriebene Stücke liefern die blauen Jungs auf der Bühne ab. Etwa das italienische „Farfallina“, kleiner Schmetterling, das mediterrane Lebensfreude durch den Saal flattern lässt. Das Mittelmeer plätschert gluckernd an den Odenwald-Stränden. „Viele vermissen die Reise nach Italien“, weiß Neutsch. Er sicher auch, denn seine Selbstbezeichnung lautet „italophiler Wahlargentinier“.

„Terra mia“, aus Argentinien mitgebracht, das brasilianische „Perbao“ oder ganz Standard „You do me good“ auf Englisch machen den Anspruch der Truppe deutlich, siebensprachig ihr Programm zu gestalten. Eine deutsche „Meerjungfrau“ geht ins griechische „Mikri Patrida“ über. Southern Cross“, eine Crosby-Stills-Nash-Nummer, oder ein Stevie-Wonder-Cover machen die komplette Bandbreite klar. Seine besondere Klasse zeigt das Trio bei einem Popmusik-Medley – gespielt auf drei Bässen. Als Instrumental fällt es aus dem Rahmen.

Die eigenen Songs beruhen alle auf eigenen Erlebnissen, erzählt Rolf Schaude. So besingt „Tierra mia“ die Heimat von Gigu Neutschs Frau, „Mikri Patrida“ Neo Stephanous Herkunftsinsel Zypern. Die meisten Stücke hat Neutsch komponiert, auch der Zypriote steuert ein paar bei. „In Form gebracht haben wir sie dann alle zusammen“, schmunzelt Schaude.

Seit Mitte März die Corona-Rollläden runtergingen, „ist das wieder unser erstes Konzert“, freuen sich die drei. Aktuell zeigen sich laut Schaude „nur punktuelle Lichter am Horizont“. Bei seinen Nachtigallen ist etwa fast alles bis Dezember abgesagt. „Umso schöner ist es, jetzt wieder auftreten zu können“, betont er.

Vor fünf Jahren formierte sich „Blu“. Denn Rolf wollte mit Gigu ein Projekt realisieren, bei dem er sich auf der Cajon und mit Percussion austoben konnte. Als Dritten im Bunde holte man sich Neo ins Boot. Nach dem Austausch von „Lieblingsliedern“ merkten die drei beim Proben, „dass wir viele verschiedene Sprachen sprechen und breit aufgestellt sind“. Deshalb entstand eine musikalische Reise um die Welt. Das Ganze „nicht sehr laut“, sondern halbakustisch.

Die „Blu“-Musiker müssen allerdings ihren anderen Projekten Tribut zollen. „Wir können nicht so oft spielen, wie wir wollen“, erläutert Schaude. Oft sind gemeinsame Termine nicht frei. Anders natürlich, wenn leider auch aus bekannten Gründen, an diesem Tag im Hüttenwerk. Es war sogar ein wenig „Auffrischung“ nötig, da man lange nicht mehr proben konnte.

Was aber einmal sitzt, geht nicht verloren. Dazu kommt noch die lange Erfahrung, sodass die Töne quasi blind aus den Fingern fließen. Zusammen mit den launigen Ansagen. Als „einzige Mogelpackung“ wird etwa der „Hawaian Mambo“ angekündigt. Denn: „Wir waren noch niemals auf Hawaii“, flachst Neutsch. Aber vielleicht bringt ja der Song die Musiker hin. Das Publikum auf jeden Fall. Das war von der hochkarätigen musikalischen Weltreise der Marke Blau sehr angetan.

 

Alarmstufe Rot bei Veranstaltern und Künstlern

„Kurz gesagt: Katastrophe“ bringt es Achim Tischler vom Hüttenwerk, Inhaber der gleichnamigen Veranstaltungstechnikfirma, in Michelstadt, auf den knackigen Punkt. „Verloren haben wir durch den Corona-bedingten Lockdown seit dem 14. März alles“, sieht er für die Veranstaltungsbranche und mitbetroffenen Künstler noch keinen Silberstreif am Horizont. In seiner Aussage „Am schlimmsten ist es, dass es keinerlei Planungssicherheit gibt“, weiß er sich einig mit Fritz Krings von „Péripherique“.

„Es gibt einen großen Frust, dass wir nicht planen können“, betont Krings. Von Woche zu Woche werde neu entschieden. Deshalb beteiligten sich beide zusammen mit anderen Kulturschaffenden auf dem Michelstädter Rathausplatz auch an der bundesweiten Protestaktion der Branche, „Night of Light“. Tischler ließ das Verwaltungsgebäude eine Stunde lang in Rot erstrahlen, Krings‘ Firma deren „Schwarzen Adler“. Höhepunkt: Die Bengalo-Feuer vor beiden Gebäuden.

„Die Überlebenschancen für unsere Branche sehe ich nicht so rosig“, geht es für Tischler langsam, aber sicher, den Bach runter. Gerettet werden seiner Meinung nach „ganz bestimmt die öffentlichen Kulturstätten“, wie  Staatstheater, Opernhäuser, TV- und Rundfunkanstalten mitsamt ihren Veranstaltungen. „Denen passiert aber sowieso nie etwas.“ Ein öffentliches Opernhaus mit seinem kulturell wertvollen Programm hat es leichter, an Fördertöpfe und Subventionen zu kommen, als eine Livebühne für Populärmusik. „Warum eigentlich?“, stellt er in den Raum.

Alles, was privat betrieben ist, wird wohl für sich selbst sorgen müssen, befürchtet der Hüttenwerk-Macher. Im Rhein-/Main-/Neckar-Raum gibt es seiner Kenntnis nach schon genügend Aussagen von privaten Betrieben, „die nichts Gutes verheißen“, weiß er. Etwa das das Statement der Batschkapp-Betreiber in Frankfurt.

Und die Branche weiß einfach nicht, was Sache ist: Erst hieß es, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August verboten, nun wurde dieser Termin „trotz sinkender oder sogar gar nicht mehr messbarer Zahlen“ auf den 31. Oktober verlängert. „Was kommt dann? Der 31. Dezember? Und dann?“, sieht Tischler kein Ende der Spirale. Die Veranstalter befürchten die Kultur in der Hackordnung an letzter Stelle. Konsum ist weit höher angesiedelt. „Die Verhältnismäßigkeit ist nicht gegeben“, sagt Fritz Krings.

Beide kritisieren heftig die unterschiedliche Messlatte je nach Branche. Freizeitparks oder Schwimmbäder dürfen öffnen, ebenso Einkaufszentren in Weiterstadt oder Viernheim mit den entsprechenden Menschenmassen. Dass Konzerte aber nicht gehen, lässt sie einigermaßen fassungs- und verständnislos zurück. „Offensichtlich kann das Virus unterscheiden“, bringt es Tischler sarkastisch auf den Punkt. Und Krings ergänzt: Wo zu Beginn eine klare Richtung bei der Virus-Bekämpfung war, „wirkt jetzt alles orientierungslos“.

„Weitergehen wird es bei uns schon, irgendwie“, verspricht Achim Tischler. Allerdings sind die bisherigen Wohnzimmer-Konzerte im Hüttenwerk eher Schadensbegrenzung „und haben mit Geld verdienen zumindest kaufmännisch gesehen nicht viel zu tun.“ Es ist knapp, so der Veranstalter, um nicht zu sagen: „Es reicht vorne und hinten nicht.“ Die staatliche Hilfe ist schon längst wieder aufgebraucht. Verbindlichkeiten, auch wenn sie großzügig gestundet werden, „fallen einem am Ende wieder auf die Füße“.

Welches Unternehmen, fragt Tischler rhetorisch, egal aus welcher Branche, „kann es sich durch seine Rücklagen leisten, von April bis Ende des Jahres nicht mehr zu arbeiten oder zu produzieren? Er ist sicher: „Da haut es wahrscheinlich auch der deutschen Politik liebstes Kind, die Autoindustrie, vom Sockel.“

Allerdings blickt er auch nach vorn. Da man mittlerweile Freiluftveranstaltungen bis 250 Personen ohne Sondergenehmigung durchführen darf, „werden wir die ein oder andere Aktion im Hüttenwerk-Hof starten.“ Außerdem gibt es eine Kooperation mit weiteren Odenwälder Kulturschaffenden, die ebenfalls Veranstaltungen im Hof durchführen werden.

Riwwels rocken das Hüttenwerk

Schon bisher war es bei manchen Band-Auftritten im Hüttenwerk Michelstadt nicht einfach, sitzenzubleiben und nicht tanzen zu dürfen. Denn Abstands- und Hygieneregeln lassen dies noch nicht zu. Bei den „Riwwels“ gehörte schon eiserne Disziplin dazu, nicht gleich bei den ersten Tönen aufzuspringen. Die Gute-Laune-Truppe aus dem Odenwald rockte mit ihrem Rockabilly den voll besetzten, sitzenden Saal.

Nach einem halben Jahr spontan ungeprobt wieder auftreten zu dürfen, „war unglaublich befreiend“, erzählt Gitarrist Manuel Jörg. Die Batterien waren schon lange überladen und auch backstage war die Stimmung so gut wie lange nicht mehr. „Hätten wir nicht aufgepasst, hätten wir beinahe vergessen aufzutreten“, grinst er. So viel hatten sich die fünf Musiker zu erzählen.

Zum Stamm-Repertoire der Band gehören Rockabilly-Klassiker wie „Mystery Train“ von Junior Parker, das hauptsächlich durch Elvis bekannt und später von Brian Setzer wieder aufgegriffen wurde. Oder Chuck Berrys „Johnny B. Goode“. Modernen Stücken wie Blondies „Call me“ verleihen die Riwwels außerdem ein eigenes Rockabilly-Gewand in der Version der Hillbilly Moon Explosion. Bei „Feel it still“ von Portugal. The Man brauchen die begnadeten Entertainer nicht unbedingt eine bereits stiltransportierte Vorlage.

Die klasse Stimmung übertrug sich schnell aufs Publikum. „Den Leuten war anzumerken, dass sie sich ebenso wie wir erleichtert fühlten, endlich wieder ein Stück Normalität genießen zu können“, beobachtete Jörg. Die Fans und auch die Gruppe können das Ende der Krise nur schwer abwarten, „nach dem wir unser Leben zurückbekommen und wieder feiern und tanzen dürfen“, sagte er. Das Konzert vermittelte zwei Stunden lang einen Eindruck davon, wie es dann wieder abgehen wird.

Im Odenwald sprießt der Rockabilly. Manuel Jörg ist von Frankfurt nach Hering (Otzberg) gezogen. Seine Kollegen zeigen die ganze Vielfalt des Odenwaldkreises. Dirk Allmann (Kontrabass/Vocals) kommt aus Vielbrunn, Bernd Heimer (Piano/Akkordeon) ist in Breuberg zuhause, Rainer Rapp (Drums) in Sandbach und Sängerin Judith Weimar, die auch Saxophon spielt, nennt den Brombachtaler Ortsteil Birkert ihre Heimat.

Da Dirk Allmann Brian Setzer, Louis Prima und Bill Haley schon als Jugendlicher an der Wand hängen hatte und Rainer Rapp „bereits mit pomadisierter Tolle auf die Welt gekommen ist“, war die Idee naheliegend, Hits der Neuzeit in den Sound der 50er zu transportieren. „Rockabilly reißt mit seinem Groove, seinem Sound und seiner flockigen Leichtigkeit alle Generationen mit“, hat Jörg beobachtet.

Nicht nur für den Gitarristen, auch für den Rest der Truppe hat die Musikrichtung eine ganz besondere Faszination. Denn das Genre bildet den Grundstein für so viele Musikrichtungen, „dass die Bandbreite, die sich daraus ergibt, schier endlos erscheint“. Das Gerüst bildet ein schneller Blues, erläutert Jörg. „Nimmt man in der Hauptstimme ein paar Sexten dazu, landet man im Country-Feeling und dreht man alternativ den Zerrgrad der Gitarre hoch, wird ruckzuck Heavy Metal daraus.“

Dabei sind die Fronten klar verteilt. Bernd Heimer ist der ruhende Pol und Organisator, der die anderen bei den Proben wieder runterholt. Dass die öfters ganz oben sind, kann man sich bei Dirk Allmann gut vorstellen. Der hat Hummeln im Hintern und kugelt sich mit seinem Kontrabass schon mal vor der Bühne. Wie auch Rainer Rapp ist er um einen lockeren Spruch nie verlegen.

Noch nie war es mit Abstand halten so schwer wie an diesem Abend. Manuel Jörg schlängelt sich mit seiner Gitarre zwischen den einzelnen Tischen hindurch. Judith Weimars Saxophon-Arbeit bildet den Farbtupfer in verschiedenen Songs, die dadurch ein ganz anderes Gewand bekommen.  Wenn dann alle zusammen loslegen, gibt es wie bei „Words up“ von Cameo kein Halten mehr. Gitarren- und Piano-Solo, dazu noch ein Singalong – das Stück will kein Ende nehmen.

 

Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung

Bisher flitzte Michaela Tischler seit Wiederaufnahme der Konzerte im Hüttenwerk Michelstadt immer zwischen den Tischen hin und her, um es den Gästen während der akustischen Auftritte von befreundeten Künstlern so angenehm wie möglich zu machen. Jetzt griff die Frontfrau der Hausband „Another Livetime“ und begehrte Gast- und Hochzeitssängerin selbst zum Mikro und zur akustischen Gitarre. „Voll besetzte Tische und ganz tolle Stimmung“, lautete ihr Fazit nach dem Abend, bei dem der Heidelberger Michael Quast in die Keyboard-Tasten griff.

Quast alias „Amandus“ stellte ein eigenes Stück aus seiner im Herbst rauskommenden CD vor.  „Heavenly Day“ von Patti Griffin und „Believe“ von Amanda Marshall standen ebenso auf der Setliste wie Jazz-Standards. „Dream a litte Dream“ von Mamas and the Papas, dazu ein paar groovige Stücke und „Golden Eye“ Tina Turner rundeten ein schönes gemischtes Programm von ganz ruhig bis fetzig ab.

„Ich singe wahnsinnig gerne und sehe mich als Unterhalterin“, erzählt die Entertainerin. Wenn die Menschen Freude an ihrem Gesang haben, ihr gerne zuschauen und mitmachen, „dann habe ich einen riesigen Spaß“. Als Kind von Barbra Streisand fasziniert, durfte die heute 47-Jährige durch den frühen Start bei der Coverband „Melibokus“ so viele Sängerinnen interpretieren, „dass ich musikalisch selbst auch eher der Mainstream-Musik zugetan war und bin“.

Bruce Springsteen, die Ärzte, alle großen Stars der 80er/90er Jahre wie Tina Turner, Phil Collins, Whitney Houston, Aerosmith oder Journey haben sie beeinflusst. „Heute bin ich noch ein großer Fan von Alicia Keys“, sagt die Sängerin. Vor allem wegen ihrer Stimme, ihrer Message und ihrer Persönlichkeit. Neuere Musiker berühren sie dagegen kaum. Als sie sich 2004 entschied, hauptberuflich freiberufliche Sängerin zu werden, waren Ina Morgan (vor kurzem im Hüttenwerk) und viele weitere Kolleginnen ein Vorbild und Unterstützung.

Gitarre üben, Mini-Job in der Verpackungsfirma, ihre Hunde und seit Mitte Mai die Organisation und Bewirtung der kleinen Konzerte im Hüttenwerk nennt Michi Tischler als Tätigkeit der vergangenen Monate, als überwiegend Stillstand herrschte. Deshalb freut sie sich umso mehr auf die kommenden Hausbandabende mit Another Livetime. „Unsere Gäste warten natürlich sehnsüchtig auf Bounce“, die Bon-Jovi-Coverband. „Eines unserer Konzerthighlights“, weiß sie.

„Ich darf endlich wieder Geld verdienen“, sagt sich die 47-Jährige über das langsam wieder zurückkehrende Business. Es gibt kleine Aufträge bei Hochzeiten auf dem Standesamt oder kleine Gartenpartys. Die Hüttenwerk-Mini-Konzerte bezeichnet sie schmunzelnd als „Beschäftigungstherapie“. Nicht am Wochenende zu Hause sitzen müssen.  Etwas wunderbar Schönes hat sich ihren Worten zufolge daraus entwickelt: „Ich lerne unsere Stammgäste immer besser kennen und wir erfahren eine ganz herzliche Unterstützung.“

Die kommt nicht nur von den Besuchern, sondern auch von den Musikern. Umgedreht freuen sich die über das besondere Erlebnis im Hüttenwerk, das quasi als einzige Location im weiteren Umkreis überhaupt wieder aufgemacht hat und Konzertchen anbietet. „Das berührt mich sehr“, sagt Tischler. „Alles bleibt im Fluss.“

Denn Michaela Tischler hat Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Gesang ist etwas sehr Persönliches“, betont sie. „Ich würde mich gerne mehr selbst auf der Gitarre begleiten und auch mal einen Sektempfang nur mit Gitarre und Gesang spielen“, verrät sie ihre kommenden musikalischen Ziele.

Ohne Großveranstaltungen kann das Hüttenwerk nicht überleben, betont Michi Tischler. Sowohl Veranstaltungstechnik als auch Locations und Musiker sind von vielen Zuschauern abhängig. „Veranstaltungen müssen bald wieder ohne Abstandsregelungen durchgeführt werden dürfen“, lautet deshalb ihre Forderung. „Ohne echte Hilfen vom Staat und ohne Perspektiven, was wann wieder geht, gibt es die Branche bald nicht mehr“, ist ihre große Befürchtung.

Mehr zu Michaela Tischler unter http://www.michaela-tischler.de

Im Hüttenwerk auf großer Fahrt

„Rumsingen mit Polly“ hieß es schön doppeldeutig beim Auftritt der Brensbacherin Maike Gaul, die jetzt mit Piraten- und Seemannsliedern im Hüttenwerk Michelstadt zu Gast war. Für die Background-Vocals bei Pollys Liedern sorgte Markus Schmitt alias Käpt‘n Jamie McIntyre. Mitgebracht hatte sie ihre Freundin Julia Möller, die einen Teil des Programms mit Gitarre und eingängigen Popsongs bestritt. Die drei sorgten für viel Stimmung im gut besetzten Saal.

„Mittelaltermärkte und Musik wie etwa von der Band Schandmaul fand ich schon lange vor dem Einstieg in mein Hobby gut“, erzählt Maike Gaul. Eine Freundin nahm sie 2007 auf ihre erste Live-Rollenspiel-Veranstaltung (LARP) mit. „Der Mix aus mittelalterlicher Gewandung, Rätsel lösen, Gegner bekämpfen und ohne Technik die Tage zu verbringen, hat mir gleich Spaß gemacht“, erklärt sie. Besonders das mittelalterlich-fantastische Genre hat es ihr angetan.

Auf den LARP-Veranstaltungen, den „Cons“, tritt die Brensbacherin seit etwa fünf Jahren auf – allerdings nicht im klassischen Sinne. Man sitzt zusammen am Lagerfeuer oder in der Taverne und fängt einfach an zu spielen.  Auf offenen Bühnen außerhalb des Hobbys ist sie seit etwa einem Jahr unterwegs. „Es macht mir wahnsinnig Spaß, Leuten meine Geschichten zu erzählen“, erläutert Maike Gaul ihre Faszination an der Sache. Wenn sie es schafft, durch ihre Musik die Stimmung hervorzurufen, „die ich beim Schreiben verspüre, ist das wirklich toll“.

Eine Freibeuterin mimt die 34-Jährige, weil sie von einer Freundin gefragt wurde, ob sie nicht mit ihr als Kapitänin mal einen „Just for fun“-Charakter spielen wollte. „Ich habe einen Musikercharakter gewählt, weil mir zu der Zeit zu viele Balladensänger abends am Feuer saßen“, meint Piratin Polly. Sie wollte einfach mehr Spaß haben. „Also habe ich mir ein Instrument gesucht, das man schnell lernen kann und das gut zu transportieren ist.“

Maike Gaul ist Teil des LARP-Vereins Münzquell mit Sitz in Brensbach (www.münzquell.de). Der fährt mit seinen fast 100 Mitgliedern hauptsächlich auf Veranstaltungen der Firma „Live Adventure“. Dazu zählt auch das größte Live-Rollenspiel Europas, „Conquest of Mythodea“. Der Verein richtet jedoch ebenfalls eigene Veranstaltungen (Tavernen oder Abenteuer-Cons) aus. „Auf Mittelaltermärkte gehen wir auch gerne gemeinsam“, berichtet sie.

Als musikalischen Einfluss bezeichnet sie einen „wilden Mix von LARP-Barden“, die Maike Gaul im Laufe der Zeit kennengelernt hat. Die Ideen für ihre selbst verfassten Songs bezieht sie aus vielen verschiedenen Anlässen. „Das Liebeslied habe ich zum Beispiel für meinen Freund geschrieben“, erläutert sie. Der Feuervogel wiederum „entstand aus einer Situation in unserem Rollenspiel“. Manchmal hat die Brensbacherin auch eine Melodie im Kopf und überlegt, welches Thema dazu passen könnte.

Die Resonanz der Zuschauer ist ganz unterschiedlich, hat sie beobachtet. „Im LARP wissen die Zuhörer sofort, dass ich eine Bardin bin und können meine Musik einordnen“, weiß sie. Auf offenen Bühnen haben die meisten allerdings noch nie was von ihrem Hobby gehört und sind erst mal gefordert, das ganze Konzept zu verstehen. Allerdings ist hier natürlich auch ihre Aufregung etwas größer, da sie nicht weiß, wie ihre Musik ankommt.

Durch die Corona-Pandemie „fällt leider viel von dem aus, was ich vorhatte“, bedauert Maike Gaul.  Deswegen wird es wohl bei Straßenmusik und offenen Bühnen bis zum Ende des Jahres bleiben. Die 34-Jährige spielt aktuell mit dem Gedanken, sich eine Drehleier anzuschaffen. „Dieses Instrument fasziniert mich nun schon lange‘“, erzählt sie.

 

 

Maike Gaul (34) aus Brensbach kam durch ihr musikalisches Elternhaus schon früh mit Musik in Kontakt. Ein paar Jahre sang sie in einem Kinderchor. Mit zwölf begann sie Querflöte zu spielen und war über zehn Jahre aktiv bei den Schützenmusikanten Petersberg. 2015 fing sie an, Ukulele zu spielen. Jetzt stehen auch Bodhran und Cajon bei ihr herum. „Neben der Musik“ übt sie hauptberuflich einen Bürojob aus.

Es wird gerockt als gäbe es kein Morgen

Die kleinen, aber feinen Akustik-Konzerte im Hüttenwerk Michelstadt haben sich herumgesprochen und finden immer mehr Fans. Wenn dann so ein Hochkaräter wie Sängerin Ina Morgan dort mit Tom Stryder auftritt, sind die Plätze an den schön nach Abstandsregeln aufgestellten Tisch praktisch alle besetzt. Stammgäste finden sich zuhauf, aber an diesem Abend auch einige von außerhalb, die die beiden in den Odenwald gezogen hatten.

Zwei Stimmen, zwei Gitarren: Mehr braucht es nicht, um bekannte Rocksongs fetzig ungewöhnlich zu interpretieren. Immer abwechselnd gibt’s mal männlichen, mal weiblichen Leadgesang. Dass die Chemie stimmt, wird gleich zu Beginn deutlich. Das Duo Morgan/Stryder albert kräftig herum, ein paar Spitzen zum Gegenüber inklusive.

Für beide ist es der erste Live-Auftritt nach der coronabedingten Pause. „Es fühlt sich ganz komisch an, dass es so lange kein Veranstaltungen gab“, erklärt Stryder. Was dazu führt, „dass wir nach drei Monaten ohne Auftritt nervös sind“, übt er sich in Understatement. Was aber natürlich unnötig ist, denn man ist ja quasi „unter sich“. Und so löst sich die Spannung, sollte es eine gegeben haben, schnell wieder.

Die große Spielfreude, gepaart mit dem musikalischen Können, tut ein Übriges, dass gleich beim ersten Lied super Stimmung herrscht, die Gäste gern mitgehen, mitklatschen und ab und zu auch mal mitsingen. Der Mann aus Nidda beherrscht nicht nur seine Gitarre, sondern hat auch eine voluminöse Reibeisenstimme, mit der er Songs seinen Stempel aufdrückt. „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd, „One Horse Town“ von Blackberry Smoke oder „Whiskey in the Jar“ bringt Stryer damit klingend unters Volk.

Über Ina Morgan muss man im Hüttenwerk keine großen Worte mehr verlieren. Sie war dort schon des Öfteren bei der Hausband „Another Livetime“ zu Gast und ist als außergewöhnliche Rockröhre bekannt. Chefin Michi Tischler bezeichnet sie sogar als ihr Vorbild, hauptberuflich Sängerin geworden zu sein. Kein Wunder, wenn man Morgans Werdegang betrachtet.

Vergangenes Jahr war sie als Backgroundsängerin mit Tobias Sammets Avantasia in den ganz großen deutschen Hallen auf Tour, Ende des Monats unterstützt sie Avantasia-Gitarrist Oliver Hartmann bei dessen CD-Release-Stream in Aschaffenburg. Ihre musikalischen Sporen verdiente sie sich 1988/89 – damals noch als Ina Morgenweck – mit der Ostrockband „Charlie“.

Nach der Wiedervereinigung wurde sie 1990 als Solosängerin für Udo Lindenbergs „Bunte Republik Deutschland“ Tour gebucht. 1991 arbeitete sie für ihre erste eigene CD „Alles Easy“ mit Tony Carey zusammen. Auch mit Anne Haigis, Chris Norman, Luther Allison und Joana Connor war sie auf Tour. Da ist ein kleiner Saal wie das Hüttenwerk für sie fast wie „Back to the roots“, ganz zurück zu den Anfängen. Was auch Stryder betont, der wieder die Verbindung zwischen Fans und Künstlern spürt, wo „vor Corona“ alles manchmal „nur noch“ ein Job war.

Die starken Frauenstimmen sind Ina Morgans Ding. „Jolene“ von Dolly Parton, „Love is free“ von Sheryl Crow oder auch „Empty Heart“ von Grace Potter verleiht sie mit viel Power und Substanz Ausdruck. „Sweet Child O’Mine“ bekommt eine ganze andere Note, wenn nicht Axl Rose sein Krächz-Organ ertönen lässt. Einziges Haar in der Suppe: Morgans Blick geht zu oft runter zur Gitarre, um die Riffs richtig zu greifen. Das lässt die Stimme zwischendurch etwas schwanken.

Doch dadurch lassen sich die Besucher nicht ihre Begeisterung trüben. Melissa Etheridges „Like the way I do“, Journeys „Don’t stop believing“ und schließlich „Angels“ von Robbie Williams als „Rausschmeißer“ bewirken das Gegenteil: Die Fans wollen mehr. Bekommen Sie auch. Ein Paradestück von Ina Morgan ist Janis Joplins „Me and Bobby McGee“, bei dem sie noch einmal richtig aus sich herausgeht. Große Gaudi dann ganz am Ende, als Michi Tischler mit ans Mikro kommt und alle drei „Shallow“ von Lady Gaga darbieten.

Folk-Klänge über Odenwald-Hügeln

Draußen trauriges irisches Wetter, drinnen fetzige irische Musik: Die Irish-Folk-Band „Heebie-Jeebies“ brachte das Hüttenwerk zum Mitklatschen, Mitsingen und sogar – im Rahmen des Erlaubten – Mittanzen. Die Band aus Oberzent und Überwald zog viele Gäste an die penibel nach Abstandsregeln aufgestellten Tische im Veranstaltungsaal. Balladen, Reels, Tänze, Jigs, Pubsongs, untermalt von vielen Irland-Fotos, holten ein paar Stunden Urlaubsträume in die Location.

Für Martin Müller, Michael Pascuzzi, Franz Lechner und Tina Czemmel-Zink war es der erste Auftritt, seitdem ihnen im März wegen Corona alles abgesagt worden war. „Da wir gerne für Publikum spielen, finden wir das mega-schade“, meint Czemmel-Zink. Zum Glück, sagt sie, machen die vier ihre Musik nicht hauptberuflich und sind deshalb nicht auf die Einnahmen daraus angewiesen. „Unser Verlust ist die Leidenschaft, die flöten geht“, ist es eher ein ideeller Faktor. Umso mehr freuten sich die vier auf den Neustart.

In die Gruppe haben ihre Mitglieder die Instrumente eingebracht, die sich schon lange vorher spielten. Beim Kortelshütter Mike Müller sind es die Gitarren, beim Rothenberger Michael Pascuzzi die diversen Schlaginstrumente. Beide machten bereits früher Mittelalter-Musik bei den Hirschhorner Rittern. „Wir haben zu dritt angefangen“, so Tina Czemmel-Zink, „und dann gemerkt, dass uns eine Geige fehlt“, ergänzt Müller.

Mit dem Hinterbacher Franz Lechner wurde diese Lücke gefüllt. „Er ist der einzige der uns, der Noten lesen kann“, hebt Pascuzzi lachend die „Vorteile“ des Geigers hervor. Seine folkloristischen Wurzeln in der „Egerländer Familienmusik Hess“ sind für die Band „ein wahrer Gewinn“, freut sich Müller. Gitarren, Mundharmonika, Bodhran, Cajon, Tambourin, Shake-Ei und Geige sind die Instrumente, mit denen die „Heebie-Jeebies“ die Lieder begleiten und untermalen.

Im Hüttenwerk spielt die Band die irischen Klassiker hoch und runter. Ein Mehrstunden-Programm, gespickt mit 40 Stücken, erwartet die Gäste. Klassiker wie „Whisky in the Jar“, „Drunken Sailor“ oder „Galway Girl“ sind ebenso dabei wie „Ye Jacobites by name“ oder das typische „Molly Malone“. Pascuzzi wie auch Müller mögen die fetzigen Reels und Jigs mit der Geige, „bei denen man kräftig Gas geben kann“.

Für Tina Czemmel-Zink darf’s gerne auch mal die eine oder andere Ballade sein. Das merkt man bei „Danny Boy“ mit gezupfter Gitarre und ihrer Stimme. Später setzt dann noch die melancholische Geige ein. Dass die Iren auch jedem Schicksalsschlag noch etwas Positives abgewinnen können, merkt am an dem direkt folgenden Instrumental.

Pub und Kirche prägten die irische Geschichte, viele der Auseinandersetzungen in der Vergangenheit hatten kirchliche, religiöse Hintergründe. Das hat sich bis in die Neuzeit nicht geändert, Beispiel Nordirlandkonflikt. Die Iren suchten in der Musik einen Ausgleich für ihr hartes Leben, für ihre zahlreichen Konflikte, für die bittere Not nach Missernten, Kartoffelfäule, Pest, Not oder Auswanderung als letztes Mittel um zu überleben.

„Ye Jacobites by name“ gründet auf der Schlacht von Culloden 1746 zwischen englischen Regierungstruppen und aufständischen, katholischen Jakobiten. Sehr melodische Elemente wechseln sich ab mit den laut vorgetragenen Kriegsgedanken oder der Kriegstrommel. Die martialischen Einflüsse sind unüberhörbar, verdeutlichen sie doch auch, dass durch die Schlacht Schottland ein für alle Mal seine Unabhängigkeit verlor. Gleichzeitig wird das brutale Vorgehen der Engländer thematisiert.

Ein Song beschäftigt sich mit Connemara, der rauen Schwester der lieblichen Kerry-Halbinsel. Karg ist die Landschaft, hart das Leben, außer Schafen gibt es kilometerweit keine anderen Lebewesen. Die „Hills of Connemara“ sind ein typischer Mitklatsch-Song sind. Manche Besucher hält es schon im ersten Set kaum mehr auf ihren Plätzen, wenn musikalisch so richtig die Post abgeht. Das setzt sich im Verlauf des Abends fort, wenn die fröhliche irische Stimmung Wellen schlägt.

 

Info: http://www.heebie-jeebies.de

 

Wenn Dr. Soul Mr. Blues musikalisch verarztet

„Mr. Blues und Dr. Soul“: eine hervorragende Kombi für einen Gute-Laune-Abend im Hüttenwerk Michelstadt. Das liegt nicht nur an der Musikauswahl des Akustik-Duos, sondern auch an den gegenseitigen Neckereien und schnoddrigen Bemerkungen. Dass Klaus Wilka und Marco Born damit viele Fans erreichen, zeigt sich an den vielen besetzten Stühlen – beide ziehen bisher die meisten Gäste, seit das Hüttenwerk „nach Corona“ wieder öffnen darf.

Den beiden „Ourewällern“ geht es wie anderen Bands auch: Seit Ende Februar war Stillstand. „Wir haben uns nicht mehr gesehen und auch nicht geprobt“, grinst der Hetzbacher Wilka. Aber das ist bei einem Duo mit einer solchen Routine auch nicht nötig. Zwei akustische Gitarren, zwei Stimmen: Die sympathischen Musiker ergänzen sich bestens. Marco Borns Gesang steht im Vordergrund, während es bei den sechs Saiten die filigrane Arbeit von Wilka ist.

„Es ist seltsam, das Hüttenwerk bei Tageslicht zu sehen“, meint der Gitarrist mit Blick nach oben – eigentlich starten die Konzerte immer erst, wenn es dämmert oder bereits dunkel ist. „It never rains in California“ ist zum Glück nur der Songtitel und nicht aufs Wetter gemünzt. Wilka und Born albern sich weiter kräftig durchs Programm („jetzt kommt der Country- und Western-Teil“), um zwischendurch viele musikalische Perlen einzustreuen.

Etwa „Wish you were here“ von Pink Floyd, „Johnny be good“ von Chuck Berry oder „The Passenger“ von Iggy Pop. Auf die Tanzfläche darf zwar keiner, aber die Fußzuckungen und klopfenden Finger auf den Tischen machen deutlich, dass es so manchem Zuschauer schwer fiel, bei den eingängigen Songs ruhig auf dem Platz sitzen zu bleiben.

Bei „Sympathy for the devil“ von den Rolling Stones darf das Publikum dann so aktiv werden, wie es die Abstandsregeln zulassen, und den Rhythmus auf den Tischen mittrommeln. „I’m on Fire“ von Bruce Springsteen war ein ebensolcher Kracher. Sängerin Michi Tischler, die vorher durch die Reihen geflitzt war, um die Gäste mit Getränken und Snacks zu versorgen, hatte ebenfalls wieder ihren Auftritt: Mit ihr wurde „Like the way I do“ von Melissa Etheridge gespielt. Das Publikum war von der Rockröhre begeistert.

Natürlich wollte an einem solchen Abend keiner früh gehen, weshalb sich die Besucher noch Zugaben erklatschten. Nach dem Klassiker „Hey Jude“ von den Beatles folgte Eric Claptons „I shot the sheriff“ in einer „Special extended Soul-/Blues-Version“. Klaus Wilka, der schon zuvor auf der Gitarre gezaubert hatte, zeigte hier noch einmal so richtig, was er draufhat. „Gefühlte 100 Töne in einem Takt“, lacht er.

Beide Odenwälder waren in früheren Zeiten Mitglieder des legendären „Beerfelden Blues Brojects“: der Rai-Breitenbacher Marco Born als Sänger, Klaus Wilka als Gitarrist. Nach dessen Auflösung vor etwa 18 Jahren trat Born eine Zeitlang in kleinen Kneipen solo mit Akustikgitarre auf. „Irgendwann haben wir uns mal getroffen, gemeinsam gejammt und gemerkt, dass das gut funktioniert“, erinnert sich Wilka. Der spielt außerdem noch Leadgitarre bei der Odenwälder Hardrock-Band „Fools Crossing“, sein Kompagnon betreibt in Fränkisch-Crumbach die Musikschule „Born to Play Music“.

Der Schwerpunkt der Songauswahl liegt klar in den 60er und 70er Jahren. Aber wenn es passt und den jedem gefällt, kommen natürlich auch „jüngere“ Lieder ins Programm. Aus den 80ern, schmunzelt Wilka. Seine Leidenschaft gehört deshalb ganz klar den Gitarren. Er ist eigentlich ein „Strom-Gitarrist“, der sich seine ersten Sporen in einer Oberzent-Schulband verdiente. Für „Dr. Soul & Mr. Blues“ greift er zur akustischen, die er auch mit dem Bottleneck im Stile des Delta-Blues spielt.

Marco Borns gefühlvolle, tiefe Bluesstimme sticht gerade bei den eher ruhigen Stücken wie „Wish You were here“ hervor und ist prägend für den Sound. Als ausgebildeter Sänger ist er in der Lage, vielseitig zu agieren, aber trotzdem immer eigenständig zu klingen. So werden die Lieder mit viel Leidenschaft zelebriert und kommen sehr authentisch rüber.

 

Mehr unter http://www.drsoul-mrblues.de

Das andere Zeugs mit dem besonderen Zauber

„Some other Stuff“, etwas anderes Zeugs, trifft es ganz gut, was die gleichnamige fünfköpfige Band an diesem Abend im Michelstädter Hüttenwerk bietet. Akustisch bearbeitet, dazu noch interessant arrangiert und ungewöhnlich instrumentalisiert: Das Quintett aus dem Darmstadt-Dieburger Raum braucht nicht lange, um das begeisterungsfähige Publikum trotz der sterilen „Corona-Atmosphäre“ mit weit auseinander stehenden Tischen mitzureißen.

Die Pop- und Rock-Songs der etwas anderen Art leben von der Interpretation durch Sängerin Isabell Dupke. Die hat eine klasse, voluminöse Stimme, die man ihrem zierlichen Körper gar nicht zutraut. „Si jamais j’oublie“ von ZAZ oder „Rolling in the Deep“ von Adele: An die Stücke muss man sich erst einmal herantrauen. Mit zunehmendem Set wird Dupke selbstsicherer, haucht Michael Jacksons „Man in the Mirror“ in seiner akustischen Interpretation mit Akkordeon eine große Intensität ein.

Den fünf Musikern ist die Freude anzumerken, endlich wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Denn für sie, erläutert die Sängerin, war die Pause noch länger als für andere. Die Winterpause war etwas ausgedehnter geplant und sollte im März enden – genau dann, als wegen Corona alles abgesagt wurde. „Es ist jetzt sechs Monate her, dass wir das letzte Mal auf der Bühne standen“, verdeutlicht sie den langen unfreiwilligen Aussetzer.

Den haben auch die Gäste hinter sich, die am Wochenende zuvor erstmals wieder ins Hüttenwerk durften. War der Zuspruch bei der Premiere „nach Corona“ noch verhalten, so trauten sich neben denen, die immer da sind, dieses Mal ein paar mehr in den Saal, sodass sich die Tische – streng nach Abstandsregeln aufgestellt – sehr gut besetzt präsentierten. Vorn auf der kleinen Bühne taten die Musiker auch ihr Bestes, sich nicht allzu nahe zu kommen.

Die Atmosphäre ist sichtlich gelöster als ein paar Tage zuvor, als der Neustart noch einige Unsicherheiten in sich barg, manche sich noch nicht trauten. Jetzt ist im Hüttenwerk deutlich die zurückgekehrte Lebensfreude zu spüren. Musiker und Besucher sind dankbar dafür, dass die Eventlocation als eine der wenigen überhaupt solche Veranstaltungen in kleinem Rahmen ermöglicht – der große Saal macht‘s möglich, den geforderten Abstand einzuhalten und trotzdem knapp 70 Besucher unterzubringen.

Bernd Höhner am Akkordeon ist an diesem Abend eine hörbare Bereicherung des Standard-Vierers. Seine Einsätze und Soli bringen Pfiff in bekannte Songs. Die bekommen durch Kim Remspecher an der Cajon einen ganz anderen Anstrich, als wenn hinten ein fettes Schlagzeug stehen würde. Frank Schäfer, der neben Remspecher die Background-Vocals beisteuert, hat mit seinem runtergezogenen Mundschutz etwas vom Chirurgen mit akustischer Gitarre.

Fünfter im Bunde ist Bassist Oliver Hess, der ohne Bart fast als Charlie Sheen durchgehen könnte. Seine Fingerfertigkeit auf dem Fünfsaiter ist ein ums andere Mal gut rauszuhören. Gerade beim „Man in the Mirror“ belebt sein funkiges Spiel das Stück deutlich. Isabel Dupke steht aber klar im Mittelpunkt des Geschehens. Die verlängerte Winterpause nutzte die Band, um sich einige neue Songs draufzuschaffen. Einer davon: der von ZAZ. „Sieben Jahre Französisch haben sich gelohnt“, scherzt sie.

Die mal gefühlvollen, mal intensiven, dann wieder fetzigen Interpretationen sorgen dafür, dass „Some other Stuff“ viel Beifall einheimst. Rhythmisches Mitklatschen wie etwa beim „Englishman in New York“ muss nicht extra eingefordert werden. Ein paar Lieder gibt’s auch auf Deutsch, so die „Welt hinter Glas“ von Max Mutzke oder den „Lieblingsmensch“ von Namika. „Need you now“ von Lady Antebellum ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie der akustische Faktor greift und ein ganz neues Gewand schafft. Nach der Pause geht’s ähnlich ungewöhnlich weiter. Es sind die verstreckten Perlen abseits der Charts, denen sich die Band angenommen hat und die akustisch ihren Zauber entfalten

 

Endlich spielt wieder die Live-Musik

Die Spielfreude ist den Musikern in jeder Minute anzumerken. Endlich wieder live auf der Bühne stehen: Das ist nicht nur für Bobby Stöcker, Jürgen „Lucki“ Lucas und Christiane Weber das Salz in der Suppe ihres künstlerischen Wirkens. Im Hüttenwerk Michelstadt durfte das Trio nach über zwei Monaten „Lockdown“ aufs Neue losrocken. Wie das in Perfektion geht, zeigte ein „Special Guest“: Heiner Albus aus Groß-Umstadt, der mit seiner Blues Harp einigen Songs einen gnadenlos fetzigen Anstrich verlieh.

Bobby Stöcker gehört durch seine vielen Auftritte eigentlich fast schon zum Hüttenwerk-Inventar. Er ist ein musikalischer Tausendsassa, der unter anderem in verschiedenen Tribute-Bands aktiv ist. „The Adams Family“, „Coversnake“ oder die Kiss-Wiederauferstehung gehören dazu. Mit dem Trio „BoBbastic“ rockt er die Republik powervoll in Form von bekannten Coversongs, mit „Spirit of Soul“ feiert er in Frankfurt regelmäßig große Soul- und Black Music-Erfolge.

Natürlich keine Frage, dass er den Songs mit seinem Gitarrenspiel seinen Stempel aufdrückt. Das zeigt sich selbst bei einem Popsong wie „Time after Time“ von Cindy Lauper, von „Miss Christine“ interpretiert. Die teilt sich den Leadgesang mit Stöcker, während beide den jeweils anderen im Background begleiten. Das macht aus einem Trio gleich eine größere Band.

„Lucki“ Lucas ist sowieso ein ständiger Wegbegleiter von Bobby Stöcker, unter anderem bei „BoBbastic“ oder „Coversnake“. Die beiden brauchen keine Proben, damit es passt. Die gab es nämlich auch gar nicht, wie der schmunzelnd meint. Die den Takt haltenden Hintergrund-Töne von Lucas, der immer auch ein paar lockere Sprüche einstreut, zeigen: „Bobby & Friends“ haben viel Spaß und machen gute Laune.

So richtig die Post geht ab, wenn „der Heiner“ mit seinem großen Sortiment an Mundharmonikas die Bühne entert. Für jedes Stück gibt’s das passende Stück – wenn er nicht wie in Michelstadt genau die eine Tonlage vergessen hat. Aber kein Problem, es gibt genug andere Songs, die die Profis in petto haben.

Und so drückt der Vollblut-Blueser etwa „Long train running“ von den Doobie Brothers, „Wonderwall“ von Oasis, „Hard to handle“ von den Black Crowes oder „Stand by me“ von Ben E. King seinen Stempel auf. George Michaels „Faith“ ist ein Kracher, der das Original übertrifft. Das Ganze logischerweise „unplugged“ mit akustischer Gitarre und Cajon statt Schlagzeug, was den bekannten Pop- und Rockklassikern eine ganz neue Farbe verleiht.

Ein paar eingestreute Statements machen deutlich, wie sehr den Künstlern der ungewohnte Stillstand an die Nieren gegangen ist. „Ich habe nach dem letzten Gig Ende Februar zwei Wochen mein Auto nicht ausgeladen“, erzählt Stöcker. Weil er es nicht wahrhaben wollte, dass nun nichts mehr gehen sollte. Als dann wieder grünes Licht vom Hüttenwerk kam, „wollten es die Kollegen erst gar nicht glauben, dass es wieder Konzerte gibt“, lacht er.

Die Musik der drei – und zeitweise vier – passt gut in die Wohnzimmer-Atmosphäre, die sich aber durch die großen Abstände manchmal etwas kahl anfühlt. REM, Beatles, Duffy, Jupiter Jones, Bill Withers oder Luis Fonsi: Bobby & Friends machen Gute-Laune-Musik.

Christiane Weber aus Ludwigshafen kennt man im Hüttenwerk als Gast der Hausband „Another Livetime“ bereits. Für Claus Eisenmann, Edo Zanki oder Rolf Stahlhofen von den Söhnen Mannheims ließ sie ebenfalls schon ihre Stimme ertönen. Sie ist für die powervollen weiblichen Stimmen in den Songs zuständig. Etwa „Like the way I do“ von Melissa Etheridge oder „Valerie“ von Amy Winehouse.

Vier Songs feierten an diesem Abend ihre Premiere: Die hat Nicole Göbel getextet, während Bobby Stöcker die Musik dazu schrieb. Sie sprach den 51-Jährigen während eines Konzerts im Hüttenwerk an, ob er ihre Gedanken vertonen würde. Die dazugehörige CD mit deutschen und englischen Stücken soll Ende August erscheinen, kündigte Stöcker an.

 

Info: http://www.bobbystoecker.de

Musiker brennen für die Live-Auftritte

Die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben, dass nach mehr als zwei Monaten Pause endlich wieder ein Fitzelchen Kultur in Corona-Zeiten möglich ist. Zwar in kleinem Rahmen und mit vielen Auflagen, aber immerhin. Der Heidelberger Musiker Olli Roth machte im Hüttenwerk Michelstadt den Auftakt zum Neustart. Die Optik des Veranstaltungssaals war gewöhnungsbedürftig. Weit verstreute Tische, vorn in „sicherer Entfernung“ die Bühne mit dem Vollblut-Musiker.

„Ein Glück, dass wir wieder loslegen können“, meint Hüttenwerk-Chef Achim Tischler. Denn zum Schluss hin „wurde es doch ganz schön langweilig“. Die Konzerte in kleinem Rahmen sieht er als „Schadensbegrenzung“ an, denn die Location lebt von den Events mit mehreren hundert Gästen. Natürlich werden alle Vorgaben umgesetzt. Dazu zählt, dass das Personal Masken tragen muss – wie seine Frau Michaela, die diese auf Dauer als unangenehm empfindet, wenn sie viel mit den Gästen redet.

Achim Tischler fremdelt mit den unterschiedlichen Bestimmungen je nach Bundesland und Art des Betriebs. „Wir müssen regelmäßig die Türklinken desinfizieren“, erläutert er – was grundsätzlich ja eine gute Sache ist. Andererseits aber gibt es in den Supermärkten keine Pflicht, dass die Einkaufswagen desinfiziert werden müssen, moniert er. Der Hüttenwerk-Chef hofft einfach darauf, dass die Ansteckungszahlen niedrig bleiben und es bald mehr Lockerungen gibt.

Olli Roth, der übers Jahr ständig auf Tour ist und von seinen musikalischen Verpflichtungen lebt, trafen die Corona-Beschränkungen heftig. „Bisher 76 Absagen bei 152 gebuchten Terminen in diesem Jahr“, listet er akribisch genau auf, was ihm seit Ende Februar alles wegbrach. Ausfallgagen hat er dafür nicht gesehen. Der in Leimen Wohnende versuchte sich auf vielen Feldern über Wasser zu halten. „Das Streaming hat gut funktioniert“, nennt er ein Hauptbetätigungsfeld.

Das würde nicht ohne die Fans funktionieren, denen der 57-Jährige großes Lob zollt. „Ich habe ein super Publikum“, erzählt er. Die riesige Solidarität bei den Musikfans half Roth, diese schwierige Zeit durchzustehen. Denn die Künstler sind von der Krise mit am heftigsten betroffen. „Das ist schon sehr strange, nach über zwei Monaten wieder aufzutreten“, gesteht der alte Hase, der seit über 40 Jahren im Geschäft ist.

Nicht nur für ihn, schätzt Roth: „Die Gäste müssen sitzen bleiben, dürfen nicht tanzen oder sich zu nahe kommen“, hofft auch er auf baldige Verbesserungen. Aber: „Man muss es probieren“, denn ein ganzer Berufsstand steht auf der Kippe. Deshalb ist es für Olli Roth mit dem Rhythmus im Blut eine große Freude, „endlich wieder live vor Menschen spielen zu können“. Das war schon immer sein Lebensziel und -inhalt „und so soll es bleiben“.

Wie geht’s Musiker-Kollegen, so, zumindest mal wieder zuzuschauen oder demnächst selbst aufs Neue in die Saiten greifen zu können? „Geil“, bringt es Klaus Wilka aus Beerfelden auf den Punkt. „Endlich wieder Live-Acts“, sagt er. Bei ihm herrscht bis August ähnlich tote Hose wie bei Olli Roth. „Alles abgesagt“, meint er lakonisch. „Wir haben es vermisst wegzugehen“, freut sich Wilka über die Abwechslung zu Büchern, Hausarbeit und Netflix.

Ähnliches kommt auch von Bobby Stöcker aus Groß-Umstadt. „Nach zwei Monaten wieder rausgehen“, ist für einfach klasse. Denn das Streamen ist eben einfach nicht das Gleiche, wie vor Publikum aufzutreten. Michi Tischler lobte den Mut der Besucher, sich wieder in einen Veranstaltungssaal zu „wagen“. Wenn sich auch noch nicht die Masse aus dem Haus traute. Einige der knapp 70 Plätze blieben frei.

Tischler dankte Olli Roth und Bobby Stücker, dass sie zum Auftakt sofort dabei waren. „Die brennen beide darauf, endlich wieder live aufzutreten“, sagte sie. „Man merkt, dass du den Menschen was Wert bist“, ergänzte Roth. Nahm seine akustische Gitarre zur Hand und spielte sich drei Stunden lang „durch den Gemüsegarten in meinem Kopf“. Das bedeutete: viele altbekannte Rockklassiker, wie gewohnt perfekt dargeboten.

 

Info: Das nächste Konzert im Hüttenwerk findet am Freitag, 22. Mai, um 20 Uhr mit „Some other Stuff“ statt. Weitere Infos unter http://www.huettenwerk.info

„Es fällt das weg, was wir gerne machen“

Es ist einfach alles weggebrochen. Die Veranstaltungen, die Gastronomie, die Vermietungen im Hüttenwerk Michelstadt. Dazu die Beschickung von Volksfesten, Kerwen und Open-Air-Events mit Licht- und Tontechnik der Firma von Achim Tischer. Und darüber hinaus die musikalischen Engagements von Michi Tischler, unter anderem bei Hochzeiten. „Seit 14. März läuft bei uns beiden gar nichts mehr“, erzählt der Hüttenwerk-Betreiber. Er ist froh, bisher gut gewirtschaftet zu haben, um nicht sofort vor dem Nichts zu stehen.

Zwei Konzerte in der Woche, private Feste, Firmenfeiern, oder Bank-Motivationsveranstaltungen: Der Saal war bis zum Sommer gut gebucht. Jetzt hat Achim Tischler genau noch einen Auftrag abzuarbeiten und das war’s dann: In Mörlenbach-Weiher montiert er in der Sporthalle eine Traverse, damit die örtliche Theatergruppe dort einen Scheinwerfer aufhängen lassen kann.

Eine gewisse Zeit kann sich der 59-Jährige noch über Wasser halten. „Zum Glück habe ich nicht so hohe Verbindlichkeiten, dass mir alles um die Ohren fliegt“, sagt er. Aber es ist für ihn klar, dass er staatliche Zuschüsse beantragen wird. „Geld ist das einzige, was hilft“, sieht er dazu keine Alternative. Und das am besten nicht zurückzahlbar. „Um ein Darlehen aufzunehmen, brauche ich den Staat nicht“, bringt er es auf den Punkt.

Tischer sieht im Shutdown nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe für die Kulturmacher, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung. „Es fällt das weg, was wir gerne machen“, erzählt er. Denn der Hüttenwerk-Betreiber, selbst Hobby-Musiker, vermisst Gäste und Personal. „Mein Herz hängt an dem Laden“, betont er. Für seine festangestellten Mitarbeiter hat Achim Tischler bereits Kurzarbeit beantragt.

Freitags fand Mitte März im Hüttenwerk noch ein Clubkonzert statt, der Samstag wurde bereits abgesagt. Michi Tischler trat dienstags bei einer Tagungsveranstaltung auf, der Freitag wurde gecancelt. „Das kam von jetzt auf nachher“, berichtet Tischler. Er hatte bereits etliche Jobs für Ton- und Lichttechnik bei Veranstaltungen in der kommenden Wochen.

Während die 47-Jährige nun als Produktionshelferin bei einem Industriedienstleister arbeitet, kümmert er sich ums große Gelände. „Wir machen Lagerarbeiten und räumen auf“, berichtet er. „Da ist immer was zu tun.“ Die Tischlers sind da gleich gestrickt, schmunzelt er: Wenn eine Sache nicht läuft, wird was anderes gesucht. „Wir müssen ja essen.“

Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. „Wir müssen da halt durch, damit es weitergeht“, hebt er hervor. Sollte allerdings die Sommersaison inklusive Bienen- und Wiesenmarkt wegfallen, „dann wird es ganz eng“, weiß er. Denn sowohl in Erbach als auch in Michelstadt ist er gleich an mehreren Stellen eingebunden. Dazu noch die Freilichtbühne Bad König, das Finkenbach-Festival, ganz zu schweigen vom eigenen Hoffest an Christi Himmelfahrt, „das noch in den Sternen steht“ – seine Sorgenfalten werden tiefer.

Der Hüttenwerker hofft darauf, dass ab dem 20. April das öffentliche Leben wieder hochgefahren wird – quasi in ähnlicher Form, wie es runtergefahren wurde, nur rückwärts. Wenn kleinere Veranstaltungen dann wieder möglich wären, könnte man peu à peu freitags wieder starten, spekuliert er. Denn die Kosten auf den 1000 Quadratmetern des Komplexes laufen natürlich weiter.

Etliche Musiker, die im Hüttenwerk auftreten, haben nebenher noch einen festen Job, weiß er von Unterhaltungen. Andererseits gibt es wiederum auch sehr viele, „die nur Musik machen“ und dringend darauf angewiesen sind, dass sie wieder auftreten dürfen. Nicht mal mehr Musikunterricht ist möglich – ein zweites Standbein von einigen Künstlern.

„Die Leute drehen alle hohl“, hat Achim Tischler beobachtet. Leider werde nur noch mantraartig die Losung runtergebetet, dass alle zu Hause bleiben sollen. „Über andere Meinungen wird nicht geredet“, wünscht er sich eine differenziertere Betrachtung der Situation.