Das andere Zeugs mit dem besonderen Zauber

„Some other Stuff“, etwas anderes Zeugs, trifft es ganz gut, was die gleichnamige fünfköpfige Band an diesem Abend im Michelstädter Hüttenwerk bietet. Akustisch bearbeitet, dazu noch interessant arrangiert und ungewöhnlich instrumentalisiert: Das Quintett aus dem Darmstadt-Dieburger Raum braucht nicht lange, um das begeisterungsfähige Publikum trotz der sterilen „Corona-Atmosphäre“ mit weit auseinander stehenden Tischen mitzureißen.

Die Pop- und Rock-Songs der etwas anderen Art leben von der Interpretation durch Sängerin Isabell Dupke. Die hat eine klasse, voluminöse Stimme, die man ihrem zierlichen Körper gar nicht zutraut. „Si jamais j’oublie“ von ZAZ oder „Rolling in the Deep“ von Adele: An die Stücke muss man sich erst einmal herantrauen. Mit zunehmendem Set wird Dupke selbstsicherer, haucht Michael Jacksons „Man in the Mirror“ in seiner akustischen Interpretation mit Akkordeon eine große Intensität ein.

Den fünf Musikern ist die Freude anzumerken, endlich wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Denn für sie, erläutert die Sängerin, war die Pause noch länger als für andere. Die Winterpause war etwas ausgedehnter geplant und sollte im März enden – genau dann, als wegen Corona alles abgesagt wurde. „Es ist jetzt sechs Monate her, dass wir das letzte Mal auf der Bühne standen“, verdeutlicht sie den langen unfreiwilligen Aussetzer.

Den haben auch die Gäste hinter sich, die am Wochenende zuvor erstmals wieder ins Hüttenwerk durften. War der Zuspruch bei der Premiere „nach Corona“ noch verhalten, so trauten sich neben denen, die immer da sind, dieses Mal ein paar mehr in den Saal, sodass sich die Tische – streng nach Abstandsregeln aufgestellt – sehr gut besetzt präsentierten. Vorn auf der kleinen Bühne taten die Musiker auch ihr Bestes, sich nicht allzu nahe zu kommen.

Die Atmosphäre ist sichtlich gelöster als ein paar Tage zuvor, als der Neustart noch einige Unsicherheiten in sich barg, manche sich noch nicht trauten. Jetzt ist im Hüttenwerk deutlich die zurückgekehrte Lebensfreude zu spüren. Musiker und Besucher sind dankbar dafür, dass die Eventlocation als eine der wenigen überhaupt solche Veranstaltungen in kleinem Rahmen ermöglicht – der große Saal macht‘s möglich, den geforderten Abstand einzuhalten und trotzdem knapp 70 Besucher unterzubringen.

Bernd Höhner am Akkordeon ist an diesem Abend eine hörbare Bereicherung des Standard-Vierers. Seine Einsätze und Soli bringen Pfiff in bekannte Songs. Die bekommen durch Kim Remspecher an der Cajon einen ganz anderen Anstrich, als wenn hinten ein fettes Schlagzeug stehen würde. Frank Schäfer, der neben Remspecher die Background-Vocals beisteuert, hat mit seinem runtergezogenen Mundschutz etwas vom Chirurgen mit akustischer Gitarre.

Fünfter im Bunde ist Bassist Oliver Hess, der ohne Bart fast als Charlie Sheen durchgehen könnte. Seine Fingerfertigkeit auf dem Fünfsaiter ist ein ums andere Mal gut rauszuhören. Gerade beim „Man in the Mirror“ belebt sein funkiges Spiel das Stück deutlich. Isabel Dupke steht aber klar im Mittelpunkt des Geschehens. Die verlängerte Winterpause nutzte die Band, um sich einige neue Songs draufzuschaffen. Einer davon: der von ZAZ. „Sieben Jahre Französisch haben sich gelohnt“, scherzt sie.

Die mal gefühlvollen, mal intensiven, dann wieder fetzigen Interpretationen sorgen dafür, dass „Some other Stuff“ viel Beifall einheimst. Rhythmisches Mitklatschen wie etwa beim „Englishman in New York“ muss nicht extra eingefordert werden. Ein paar Lieder gibt’s auch auf Deutsch, so die „Welt hinter Glas“ von Max Mutzke oder den „Lieblingsmensch“ von Namika. „Need you now“ von Lady Antebellum ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie der akustische Faktor greift und ein ganz neues Gewand schafft. Nach der Pause geht’s ähnlich ungewöhnlich weiter. Es sind die verstreckten Perlen abseits der Charts, denen sich die Band angenommen hat und die akustisch ihren Zauber entfalten

 

Endlich spielt wieder die Live-Musik

Die Spielfreude ist den Musikern in jeder Minute anzumerken. Endlich wieder live auf der Bühne stehen: Das ist nicht nur für Bobby Stöcker, Jürgen „Lucki“ Lucas und Christiane Weber das Salz in der Suppe ihres künstlerischen Wirkens. Im Hüttenwerk Michelstadt durfte das Trio nach über zwei Monaten „Lockdown“ aufs Neue losrocken. Wie das in Perfektion geht, zeigte ein „Special Guest“: Heiner Albus aus Groß-Umstadt, der mit seiner Blues Harp einigen Songs einen gnadenlos fetzigen Anstrich verlieh.

Bobby Stöcker gehört durch seine vielen Auftritte eigentlich fast schon zum Hüttenwerk-Inventar. Er ist ein musikalischer Tausendsassa, der unter anderem in verschiedenen Tribute-Bands aktiv ist. „The Adams Family“, „Coversnake“ oder die Kiss-Wiederauferstehung gehören dazu. Mit dem Trio „BoBbastic“ rockt er die Republik powervoll in Form von bekannten Coversongs, mit „Spirit of Soul“ feiert er in Frankfurt regelmäßig große Soul- und Black Music-Erfolge.

Natürlich keine Frage, dass er den Songs mit seinem Gitarrenspiel seinen Stempel aufdrückt. Das zeigt sich selbst bei einem Popsong wie „Time after Time“ von Cindy Lauper, von „Miss Christine“ interpretiert. Die teilt sich den Leadgesang mit Stöcker, während beide den jeweils anderen im Background begleiten. Das macht aus einem Trio gleich eine größere Band.

„Lucki“ Lucas ist sowieso ein ständiger Wegbegleiter von Bobby Stöcker, unter anderem bei „BoBbastic“ oder „Coversnake“. Die beiden brauchen keine Proben, damit es passt. Die gab es nämlich auch gar nicht, wie der schmunzelnd meint. Die den Takt haltenden Hintergrund-Töne von Lucas, der immer auch ein paar lockere Sprüche einstreut, zeigen: „Bobby & Friends“ haben viel Spaß und machen gute Laune.

So richtig die Post geht ab, wenn „der Heiner“ mit seinem großen Sortiment an Mundharmonikas die Bühne entert. Für jedes Stück gibt’s das passende Stück – wenn er nicht wie in Michelstadt genau die eine Tonlage vergessen hat. Aber kein Problem, es gibt genug andere Songs, die die Profis in petto haben.

Und so drückt der Vollblut-Blueser etwa „Long train running“ von den Doobie Brothers, „Wonderwall“ von Oasis, „Hard to handle“ von den Black Crowes oder „Stand by me“ von Ben E. King seinen Stempel auf. George Michaels „Faith“ ist ein Kracher, der das Original übertrifft. Das Ganze logischerweise „unplugged“ mit akustischer Gitarre und Cajon statt Schlagzeug, was den bekannten Pop- und Rockklassikern eine ganz neue Farbe verleiht.

Ein paar eingestreute Statements machen deutlich, wie sehr den Künstlern der ungewohnte Stillstand an die Nieren gegangen ist. „Ich habe nach dem letzten Gig Ende Februar zwei Wochen mein Auto nicht ausgeladen“, erzählt Stöcker. Weil er es nicht wahrhaben wollte, dass nun nichts mehr gehen sollte. Als dann wieder grünes Licht vom Hüttenwerk kam, „wollten es die Kollegen erst gar nicht glauben, dass es wieder Konzerte gibt“, lacht er.

Die Musik der drei – und zeitweise vier – passt gut in die Wohnzimmer-Atmosphäre, die sich aber durch die großen Abstände manchmal etwas kahl anfühlt. REM, Beatles, Duffy, Jupiter Jones, Bill Withers oder Luis Fonsi: Bobby & Friends machen Gute-Laune-Musik.

Christiane Weber aus Ludwigshafen kennt man im Hüttenwerk als Gast der Hausband „Another Livetime“ bereits. Für Claus Eisenmann, Edo Zanki oder Rolf Stahlhofen von den Söhnen Mannheims ließ sie ebenfalls schon ihre Stimme ertönen. Sie ist für die powervollen weiblichen Stimmen in den Songs zuständig. Etwa „Like the way I do“ von Melissa Etheridge oder „Valerie“ von Amy Winehouse.

Vier Songs feierten an diesem Abend ihre Premiere: Die hat Nicole Göbel getextet, während Bobby Stöcker die Musik dazu schrieb. Sie sprach den 51-Jährigen während eines Konzerts im Hüttenwerk an, ob er ihre Gedanken vertonen würde. Die dazugehörige CD mit deutschen und englischen Stücken soll Ende August erscheinen, kündigte Stöcker an.

 

Info: http://www.bobbystoecker.de

Musiker brennen für die Live-Auftritte

Die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben, dass nach mehr als zwei Monaten Pause endlich wieder ein Fitzelchen Kultur in Corona-Zeiten möglich ist. Zwar in kleinem Rahmen und mit vielen Auflagen, aber immerhin. Der Heidelberger Musiker Olli Roth machte im Hüttenwerk Michelstadt den Auftakt zum Neustart. Die Optik des Veranstaltungssaals war gewöhnungsbedürftig. Weit verstreute Tische, vorn in „sicherer Entfernung“ die Bühne mit dem Vollblut-Musiker.

„Ein Glück, dass wir wieder loslegen können“, meint Hüttenwerk-Chef Achim Tischler. Denn zum Schluss hin „wurde es doch ganz schön langweilig“. Die Konzerte in kleinem Rahmen sieht er als „Schadensbegrenzung“ an, denn die Location lebt von den Events mit mehreren hundert Gästen. Natürlich werden alle Vorgaben umgesetzt. Dazu zählt, dass das Personal Masken tragen muss – wie seine Frau Michaela, die diese auf Dauer als unangenehm empfindet, wenn sie viel mit den Gästen redet.

Achim Tischler fremdelt mit den unterschiedlichen Bestimmungen je nach Bundesland und Art des Betriebs. „Wir müssen regelmäßig die Türklinken desinfizieren“, erläutert er – was grundsätzlich ja eine gute Sache ist. Andererseits aber gibt es in den Supermärkten keine Pflicht, dass die Einkaufswagen desinfiziert werden müssen, moniert er. Der Hüttenwerk-Chef hofft einfach darauf, dass die Ansteckungszahlen niedrig bleiben und es bald mehr Lockerungen gibt.

Olli Roth, der übers Jahr ständig auf Tour ist und von seinen musikalischen Verpflichtungen lebt, trafen die Corona-Beschränkungen heftig. „Bisher 76 Absagen bei 152 gebuchten Terminen in diesem Jahr“, listet er akribisch genau auf, was ihm seit Ende Februar alles wegbrach. Ausfallgagen hat er dafür nicht gesehen. Der in Leimen Wohnende versuchte sich auf vielen Feldern über Wasser zu halten. „Das Streaming hat gut funktioniert“, nennt er ein Hauptbetätigungsfeld.

Das würde nicht ohne die Fans funktionieren, denen der 57-Jährige großes Lob zollt. „Ich habe ein super Publikum“, erzählt er. Die riesige Solidarität bei den Musikfans half Roth, diese schwierige Zeit durchzustehen. Denn die Künstler sind von der Krise mit am heftigsten betroffen. „Das ist schon sehr strange, nach über zwei Monaten wieder aufzutreten“, gesteht der alte Hase, der seit über 40 Jahren im Geschäft ist.

Nicht nur für ihn, schätzt Roth: „Die Gäste müssen sitzen bleiben, dürfen nicht tanzen oder sich zu nahe kommen“, hofft auch er auf baldige Verbesserungen. Aber: „Man muss es probieren“, denn ein ganzer Berufsstand steht auf der Kippe. Deshalb ist es für Olli Roth mit dem Rhythmus im Blut eine große Freude, „endlich wieder live vor Menschen spielen zu können“. Das war schon immer sein Lebensziel und -inhalt „und so soll es bleiben“.

Wie geht’s Musiker-Kollegen, so, zumindest mal wieder zuzuschauen oder demnächst selbst aufs Neue in die Saiten greifen zu können? „Geil“, bringt es Klaus Wilka aus Beerfelden auf den Punkt. „Endlich wieder Live-Acts“, sagt er. Bei ihm herrscht bis August ähnlich tote Hose wie bei Olli Roth. „Alles abgesagt“, meint er lakonisch. „Wir haben es vermisst wegzugehen“, freut sich Wilka über die Abwechslung zu Büchern, Hausarbeit und Netflix.

Ähnliches kommt auch von Bobby Stöcker aus Groß-Umstadt. „Nach zwei Monaten wieder rausgehen“, ist für einfach klasse. Denn das Streamen ist eben einfach nicht das Gleiche, wie vor Publikum aufzutreten. Michi Tischler lobte den Mut der Besucher, sich wieder in einen Veranstaltungssaal zu „wagen“. Wenn sich auch noch nicht die Masse aus dem Haus traute. Einige der knapp 70 Plätze blieben frei.

Tischler dankte Olli Roth und Bobby Stücker, dass sie zum Auftakt sofort dabei waren. „Die brennen beide darauf, endlich wieder live aufzutreten“, sagte sie. „Man merkt, dass du den Menschen was Wert bist“, ergänzte Roth. Nahm seine akustische Gitarre zur Hand und spielte sich drei Stunden lang „durch den Gemüsegarten in meinem Kopf“. Das bedeutete: viele altbekannte Rockklassiker, wie gewohnt perfekt dargeboten.

 

Info: Das nächste Konzert im Hüttenwerk findet am Freitag, 22. Mai, um 20 Uhr mit „Some other Stuff“ statt. Weitere Infos unter http://www.huettenwerk.info

„Es fällt das weg, was wir gerne machen“

Es ist einfach alles weggebrochen. Die Veranstaltungen, die Gastronomie, die Vermietungen im Hüttenwerk Michelstadt. Dazu die Beschickung von Volksfesten, Kerwen und Open-Air-Events mit Licht- und Tontechnik der Firma von Achim Tischer. Und darüber hinaus die musikalischen Engagements von Michi Tischler, unter anderem bei Hochzeiten. „Seit 14. März läuft bei uns beiden gar nichts mehr“, erzählt der Hüttenwerk-Betreiber. Er ist froh, bisher gut gewirtschaftet zu haben, um nicht sofort vor dem Nichts zu stehen.

Zwei Konzerte in der Woche, private Feste, Firmenfeiern, oder Bank-Motivationsveranstaltungen: Der Saal war bis zum Sommer gut gebucht. Jetzt hat Achim Tischler genau noch einen Auftrag abzuarbeiten und das war’s dann: In Mörlenbach-Weiher montiert er in der Sporthalle eine Traverse, damit die örtliche Theatergruppe dort einen Scheinwerfer aufhängen lassen kann.

Eine gewisse Zeit kann sich der 59-Jährige noch über Wasser halten. „Zum Glück habe ich nicht so hohe Verbindlichkeiten, dass mir alles um die Ohren fliegt“, sagt er. Aber es ist für ihn klar, dass er staatliche Zuschüsse beantragen wird. „Geld ist das einzige, was hilft“, sieht er dazu keine Alternative. Und das am besten nicht zurückzahlbar. „Um ein Darlehen aufzunehmen, brauche ich den Staat nicht“, bringt er es auf den Punkt.

Tischer sieht im Shutdown nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe für die Kulturmacher, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung. „Es fällt das weg, was wir gerne machen“, erzählt er. Denn der Hüttenwerk-Betreiber, selbst Hobby-Musiker, vermisst Gäste und Personal. „Mein Herz hängt an dem Laden“, betont er. Für seine festangestellten Mitarbeiter hat Achim Tischler bereits Kurzarbeit beantragt.

Freitags fand Mitte März im Hüttenwerk noch ein Clubkonzert statt, der Samstag wurde bereits abgesagt. Michi Tischler trat dienstags bei einer Tagungsveranstaltung auf, der Freitag wurde gecancelt. „Das kam von jetzt auf nachher“, berichtet Tischler. Er hatte bereits etliche Jobs für Ton- und Lichttechnik bei Veranstaltungen in der kommenden Wochen.

Während die 47-Jährige nun als Produktionshelferin bei einem Industriedienstleister arbeitet, kümmert er sich ums große Gelände. „Wir machen Lagerarbeiten und räumen auf“, berichtet er. „Da ist immer was zu tun.“ Die Tischlers sind da gleich gestrickt, schmunzelt er: Wenn eine Sache nicht läuft, wird was anderes gesucht. „Wir müssen ja essen.“

Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. „Wir müssen da halt durch, damit es weitergeht“, hebt er hervor. Sollte allerdings die Sommersaison inklusive Bienen- und Wiesenmarkt wegfallen, „dann wird es ganz eng“, weiß er. Denn sowohl in Erbach als auch in Michelstadt ist er gleich an mehreren Stellen eingebunden. Dazu noch die Freilichtbühne Bad König, das Finkenbach-Festival, ganz zu schweigen vom eigenen Hoffest an Christi Himmelfahrt, „das noch in den Sternen steht“ – seine Sorgenfalten werden tiefer.

Der Hüttenwerker hofft darauf, dass ab dem 20. April das öffentliche Leben wieder hochgefahren wird – quasi in ähnlicher Form, wie es runtergefahren wurde, nur rückwärts. Wenn kleinere Veranstaltungen dann wieder möglich wären, könnte man peu à peu freitags wieder starten, spekuliert er. Denn die Kosten auf den 1000 Quadratmetern des Komplexes laufen natürlich weiter.

Etliche Musiker, die im Hüttenwerk auftreten, haben nebenher noch einen festen Job, weiß er von Unterhaltungen. Andererseits gibt es wiederum auch sehr viele, „die nur Musik machen“ und dringend darauf angewiesen sind, dass sie wieder auftreten dürfen. Nicht mal mehr Musikunterricht ist möglich – ein zweites Standbein von einigen Künstlern.

„Die Leute drehen alle hohl“, hat Achim Tischler beobachtet. Leider werde nur noch mantraartig die Losung runtergebetet, dass alle zu Hause bleiben sollen. „Über andere Meinungen wird nicht geredet“, wünscht er sich eine differenziertere Betrachtung der Situation.

 

Das Hüttenwerk-Wohnzimmer swingt

Engelsgleicher Swing schwebt durch den Raum: Im Stil der Andrew Sisters widmen sich die „Swinging Angels“ vor allem der goldenen Ära dieser Musikrichtung in den 30er und 40er Jahren. Nicole Becker, Margit Garbrecht und Corinna Hecht liefern zusammen mit der Band „Quadrat“ beim vierten Wohnzimmerkonzert des Hüttenwerks Michelstadt einen vielbeklatschen Auftritt ab, der vom Format und von der Musikrichtung so ganz anders ist als die „normalen“ Veranstaltungen.

Die Kleinste ist auf der Bühne die Größte: Nicole Becker nimmt’s mit Humor, dass die Erklimmung des Barhockers mit engem Kleid keine einfacher Herausforderung ist. Sie ist in den Songs stimmlich am meisten präsent, bestreitet die meisten Einzelpassagen der oft dreistimmig vorgetragenen Lieder. Und wenn es dann mal nicht der Gesang ist, zückt sie die fast gleich große Posaune und gibt den Swingstücken ein ganz besonderes Format.

Die drei Frauen können sich in jeder Sekunde auf ihre Band verlassen, die sie auf den Punkt genau begleitet. Volker Dieterich (Piano) und Thomas Wimmer (Schlagzeug) sind mit ihren diversen Soli, für die es immer wieder Applaus gibt, am präsentesten. Bei manchen Songs sind perlende Klavierläufe und wirbelnde Drumsticks das Salz in der Suppe. Heiko Reiss (Gitarre) und Alexander Holz (Bass) lassen sich aber ebenfalls nicht lumpen und stellen unter Beweis, dass hier vier Könner auf den Instrumenten am Ball sind.

„Fly me to the Moon“, vor allem durch Frank Sinatras Interpretation bekannt, ist ein solches Beispiel, wo Klavier, Posaune und Bass solistisch hervorstechen. Natürlich nicht zu vergessen der dreistimmige Gesang, der den Stücken die besondere Note gibt. Die eigenen Arrangements sind das andere: Da ist „Wuthering Heights“, durch Kate Bushs Interpretation im Gedächtnis, fast nicht mehr wiederzuerkennen, so viel Drive hat das eigentlich klassische Stück gegenüber dem der britischen Sängerin.

Das rein instrumentale „Chicken“ wiederum ist auch ohne Gesang ein sehr intensives Lied, bei sich Thomas Wimmer am Schlagzeug in einen wahren Rausch spielt. Den Drummer kennt man im Hüttenwerk bereits durch seinen Auftritt mit dem Akustik-Projekt „E3“, bei dem auch Mark Patrick aktiv ist.

Der „Boogie Woogie Bugle Boy“ als Knaller vor der Pause macht Lust auf mehr, was es danach reichlich gibt. „Chattanooga Choo Choo“ bedeutet einen fetzigen Beginn des zweiten Sets, in dem Sängerinnen und Band neben bekannten Swing-Stücken wie „In the Mood“ von Glenn Miller auch unbekanntere Perlen wie etwa „Charade“ präsentieren. Aber gerade das lebt wieder vom Wechselspiel der Instrumente, wenn Nicole Becker die Posaune auspackt. „Starke Nummer“, heißt es danach aus dem Zuschauerraum begeistert.

Corinna Hechts Stimme hat deutliche Gospelfarbe. Sie ist die Jüngste im Bunde. Mit der Musik  startete sie bereits in einem Kinderchor. Ein paar Jahre später folgte dann ein Jazz-Chor. Der Weg führte bis hin zum Landesjugendchor Hessen, bevor sie sich dann auf die Solokarriere und die Bandprojekte konzentrierte. „If The Stars Were Mine“ von Melody Gardot ist ganz ihr Ding, dem sie solo ihren Stempel aufdrückt.

Margit Garbrecht entdeckte schon früh ihre Begeisterung für die Musik und fiel durch ihre stimmliche Kraft auf. Über Malerei, Design und Fotografie kam sie zur Musik. Als Teenager spielte die dann eine immer größere Rolle und erste eigene Songs entstanden. Aufgrund zahlreicher Erfahrungen mit verschiedenen Bands und Musikern entschied sie sich später, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. 2018 schloss sie ihr Studium für Jazz- und Popularmusik an der Frankfurter Musikwerkstatt ab.

Was die A 66 bei Frankfurt, ist die „Route 66“ in den USA. Die gibt’s ebenso noch zu hören wie Duke Ellingtons „It don’t mean a thing“, den „Watermelon Man“ und „Mr. Sandman“, ehe ein begeistertes Publikum die Musiker und Sängerinnen mit viel Beifall nur ungern ziehen lässt. Die von Michi Tischler ins Leben gerufenen Wohnzimmerkonzerte haben sich etabliert und viele Fans gefunden, zeigt sich wieder einmal.

 

 

Huldigung der „Queen of Soul“

Was für eine Huldigung der „Queen of Soul“. Mit Jessica Born, Ina Morgan und Isabella Hof haben sich in der „Aretha Franklin Tribute Night“ drei Ausnahmesängerinnen aus dem Aschaffenburger Raum zusammengetan, um der vor eineinhalb Jahren gestorbenen Ausnahmekünstlerin Tribut zu zollen. Heraus kommt ein hochkarätiges Programm mit exzellenten Instrumentalisten, das durchaus ein paar mehr Zuschauer im Hüttenwerk Michelstadt  vertragen hätte.

„Son of a Preacherman“ geht nach dem Einstieg gleich in die Vollen. Hof, Gewinnerin des deutschen Rock- und Pop-Preises 2000, die bereits mit Rodger Hodgson (Supertramp) und John Davis (Milli Vanilli) zusammenarbeitete, zeigt hier gleich, warum sie eine so begehrte Künstlerin ist. Mal solo, mal zu dritt, mal mit einer Lead- und zwei Backgroundstimme, bestreiten die drei ihr Programm.

„Say a little Prayer“ sieht Ina Morgan den Song röhren, während sie die anderen beiden im Hintergrund unterstützen. Sie macht deutlich, dass sie zurecht deutschlandweit als Sängerin sehr gefragt ist und schon mit etlichen Größen der Szene auf der Bühne stand. Andy Kirchner (Gitarre), Gernot Dechert (Saxophon), Jörg Dewald (Keyboard/Vocals), Bernhard Kraft (Bass) und Martin Geiberger (Schlagzeug) sorgen für einen dichten Soundteppich, immer dirigiert von den drei Frontfrauen. Besonders Saxophon, Gitarre und Keyboard tun sich außerdem mit schönen Soli hervor.

Jessica Born ist an diesem Abend federführend für die Balladen zuständig. „Ain’t no way“ jagt einen Schauer nach dem anderen über den Rücken, wenn sie mit ihrer Janis Joplin angehauchten Stimme den Song förmlich zelebriert und ihren Schmerz mit Inbrunst herausschreit. Born ist einfach prädestiniert für die Blues- und Soul-Stücke, denen sie ungeheuer viele Emotionen mitgibt.

Ein paar langsame Stücke zu Beginn sind allerdings ein bisschen viel, sie ziehen die Stimmung gerade bei weniger Publikum ein wenig runter. Langsam geht’s dann wieder aufwärts. Erst die Disco-Nummer „Who’s zooming you“ und dann Aretha Franklins Meilenstein schlechthin: der Nummer-eins-Hit „Respect“, die Hymne der afroamerikanischen Befreiungs- und Frauenbewegung. Isabella Hof geht voll aus sich raus. Es kommt Bewegung in den Saal. Rechts wird schon kräftig getanzt, links zumindest zaghaft der Kopf bewegt.

Gegen Ende des ersten Sets kommen dann Kracher auf Kracher. Ina Morgan ist für „Spanish Harlem“ zuständig, ehe der Welthit aus dem Blues-Brothers-Film den vorläufigen Höhepunkt bildet: „Think“ mit Jessica Born, der dieses Stück wie auf den Leib geschrieben ist. Sie hat einfach am meisten Feeling in der Stimme, ohne die Leistung der beiden anderen schmälern zu wollen.

Dass Abrocken extrem viel Spaß macht, zeigen die drei bei „Jumping Jack Flash“ in der Version von Aretha Franklin. Isa Hof gibt die Vorsängerin, während Andy Kirchner ein Keith-Richards-Solo mit Angus-Young-Bewegungen runterrotzt, dass es eine Freude ist. In die zweite Halbzeit geht es mit weiteren Knallern des 1942 in Memphis, Tennessee, geborenen Weltstars Franklin.

„Chain of Fools“, „Natural Woman“, „I necer loved a Man“ oder „Sisters are doing it for themselves“ bilden einen bunten Querschnitt des Schaffens der 18-maligen Grammy-Gewinnerin. Kein Wunder, dass die Fans nicht genug bekommen und sich auch in kleinerer Zahl mit „Do right“ und „Baby I love you“ Zugaben erklatschen. Eine große Hommage an eine unvergessene Künstlerin, die mit 76 Jahren viel zu früh starb.

Teufelsgeiger Roesch reißt es raus

Wenn „Teufelsgeiger“ Dominik Roesch loslegt, ist Pfeffer drin. Seine klaren, vollen Geigentöne geben den Songs des Folk-Trios „Garden of Delight“ Schmackes, wo es sonst nur  Hausmannskost wäre. Aber irgendwann fällt auf, dass sich auch Roeschs Künste erschöpfen. Denn er bestreitet jeden Song mit einer einzigen Melodie, die er bis zum Exzess wiederholt. Das zwar in Perfektion, aber selbst die schönste Perfektion nutzt sich irgendwann ab.

Trotzdem ist es Roesch, der den Auftritt ein ums andere Mal rausreißt. Was ohne ihn im Hüttenwerk Michelstadt nur monotones Schlagzeug von Philip Möke, gepaart mit austauschbaren Riffs auf der akustischen Gitarre und einer sonoren Stimme von Michael Jung wäre, wird so zu einer fetzigen Mischung aus Folk, Piratenstücken und Country. Mit der unterhält die Gruppe, die sich selbst G.O.D. abkürzt, das sehr gut gefüllte Hüttenwerk bis weit in die Nacht. Die Gäste gehen mit, spenden kräftig Applaus, tanzen im Saal.

Was „Garden of Delight“ um Sänger und Gitarrist Michael Jung aus Lautertal bietet, sind somit gute musikalische Folk-Zutaten, angereichert keltischen Elementen, ergänzt um ein paar Country-Songs, gewürzt mit Piraten-Zutaten und aufgepeppt mit Best-Of-Sprengeln aus 20 Jahren Bandgeschichte.

Das alles kommt ein wenig austauschbar rüber. Das Schlagzeug ist absolut minimalistisch und oft auf zwei Handbewegungen beschränkt. Die Riffs der akustischen Gitarre gleichen sich. Bleibt die prägnante Geige von Roesch, die zum Glück immer wieder für ein Aha-Erlebnis sorgt. Kein Wunder, dass die Gäste richtiggehend aufwachen und mitklatschen, wenn der Derwisch auf der Bühne sie zückt.

Allerdings lässt die einen gewissen Sicherheitsabstand zu den Musikern, der sich lange nicht schließt. Dazu ist die Animation zu dürftig. Weiter hinten hüpfen, tanzen, klatschen die Leute. Der Geiger macht es ihnen in Vollendung vor.

Roesch ist immer in Bewegung, schwingt den Geigenbogen, springt selbst beim Spielen, kann nicht ruhig stehen. Er lebt seine Musik, bringt seine Begeisterung rüber, versucht immer mal wieder das Publikum zu animieren. Wenn er die Geige an den Hals legt und zu spielen anfängt, taucht er völlig in seine Welt ab. Der Geiger ist das musikalische Sahnehäubchen. Er holt die unglaublichsten Töne aus seinem Instrument heraus und singt noch dazu Background.

Mit ihm wird es fetziger Celtic Folk, wo es vorher ohne Geige und mit zweiter Akustik-Klampfe nach gemächlichem Country auf einem staubigen US-Highway klang. Wenn Roesch dann noch neckisch das Keltenröckchen hebt oder einen kräftigen Sprung hinlegt, dass die Kleidung fliegt, erntet er viel Begeisterung.

Über 20 Jahre gibt es Garden of Delight oder G.O.D. bereits. Beste Bedingungen für ein Best-Of aus dieser Zeit, garniert mit ein paar prägenden Songs, die die Musiker oder zumindest Michael Jung während zwei Jahrzehnten beeinflusst haben. Folk, Country und Gothic nennt Jung als Einflüsse. Wenn dann „The Tramp“ aus dem ersten Album, der Piratensong „Go Sailing with us“ oder „Hopeless Rolling Stone“ angestimmt werden, geht es ab.