„Herr Kall“ hat noch lange nicht genug von der Hainbrunner Narretei

Rote Jacke, schwarze Hose, graubraunes Hemd, überdimensionale, farbig-karierte Fliege und schwarze Melone mit Band: So kennt man Karl-Heinz Werner seit Jahrzehnten. Gemächlich schlurft der Ober-Hainbrunner immer in die Bütt, um dann als „Herr Kall“ Geschichten, die das Leben schrieb, zum Besten zu geben. An diesem Wochenende beginnt im Odenwaldkreis wieder die heiße Sitzungszeit – nicht nur bei der Narrhalla, auch die anderen Faschingsvereine rüsten sich.

„Ich will den Leuten Freude bereiten“, erzählt Werner über seine Motivation, Jahr für Jahr in die Bütt zu steigen und auch nach 35 Jahren noch nicht „amtsmüde“ zu sein. „Die sollen Spaß haben“, betont er, ein wenig aus dem Alltag rauskommen. Zu diesem Zweck sammelt er das ganze Jahr über Ideen. „Wenn irgendwo ein Witz erzählt wird, schreibe ich den auf“, schmunzelt er. Immer nach dem Motto: „Worüber ich lachen kann, finden auch andere witzig.“ Dazu kommen Begebenheiten aus dem Ort.

Ganz von null startete man im kleinen Odenwald-Dorf vor dreieinhalb Jahrzehnten nicht ins närrische Abenteuer. „Wir waren früher immer mit der Clique auf Maskenbällen“, erinnert sich das Faschings-Urgestein. Dazu gab es Sketche beim Familienabend. Die entstanden nach dem Vorbild der SDR Radio-Sendung „Die Straßenkehrer“. Nach dem Besuch einer Sitzung der Hirschhorner Ritter sagten die Ober-Hainbrunner: „So etwas stellen wir auch auf die Beine.“

Gesagt, getan, doch aller Anfang war schwer: Vor allem in der damals noch viel kleineren Turnhalle. Die platzte aus allen Nähten, die Zuschauer drängten sich. Ausverkauft. Alle Karten gingen bereits im Vorverkauf weg, aber trotzdem standen noch Massen an Besuchern vor der Abendkasse, erinnert sich seine Frau Hildegard, die sich immer noch um den Kartenvorverkauf kümmert. Die heutige Bühne gab’s noch nicht. Wo heute Garderobe und Technik-Raum sind, zogen sich Männlein und Weiblein gemeinsam auf engstem Raum um.

In den folgenden Jahren wurden deshalb erst zwei, heute drei Termine daraus. Eines hat sich nicht geändert: Es heißt wieder ausverkauft. Dieses Mal „so schnell wie noch nie“. Was für Karl-Heinz Werner nahelegt, dass die Fastnacht im Finkenbachtal nach wie vor die Menschen anzieht. Wie damals, als alles begann.

Der Oberzent-Stadtteil entwickelte sich zur Hochburg der fastnachtlichen Umtriebe. 35 Aktive zählte die Narrhalla zu Beginn, heute sind es um die 120. Wenn Werner sieht, mit welchem Feuereifer die Kleinsten in der Minigarde dabei sind, weiß der närrische Rentner, dass sich die gelohnt hat. „Wir bieten der Jugend im Ort eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung“, freut er sich – wo sonst auf dem Land die Möglichkeiten eher begrenzt sind.

Die Bütt hatte es Karl-Heinz Werner gleich angetan. „Ich hatte nie Lampenfieber“, meint er. „Es hat mir schon immer sehr viel Spaß gemacht.“ Dabei ist er uneitel. „Wenn einer sagt, Karl, her uff“, dann würde er das auch tun. Doch bisher, lacht er, bekam der Büttenredner das noch nicht zu hören. Im Laufe der vielen Jahre verschlug es ihn auf viele befreundete Bühnen, so nach Erbach, Michelstadt oder Breitenbronn. In den vergangenen beiden Jahren tat der Faschingssenior bisschen langsamer. „Daheim ist es doch am schönsten“, lächelt er.

Was rät der Profi den Jungnarren, die den ersten Schritt in die Bütt wagen wollen? „Ruhe ist ganz wichtig“, sagt Werner. Außerdem sollte man sich nicht zwingen (lassen) und vom eigenen Vortrag überzeugt sein. Ein wenig Talent zur Selbstdarstellung ist auch nicht schlecht. „Man muss ein bisschen dazu geboren sein“, weiß er. Und natürlich Spaß an der Sache haben.

An die erste Narrhalla-Prunksitzung vor 35 Jahren erinnert sich „Herr Kall“ noch zurück, als wäre es gestern. „Der Elferrat bestand aus sieben Personen“, grinst er. Das Männerballett gab es schon, eine Garde, die Damengymnastik-Gruppe – und natürlich die Bütten. Seppl Denner trat gleich drei Mal auf, „Schakeline“ Ralph Volk war schon dabei, und er selbst führte auch durchs Programm.

Karl-Heinz Werner (71) hat es nicht weit zum Auftrittsort: Die Sporthalle Ober-Hainbrunn in der Neckarstraße liegt quasi schräg gegenüber von seinem Wohnhaus. Da geht er gerne mal zwischendurch nach Hause, wenn der eigene Auftritt noch bisschen auf sich warten lässt. Den 1972 gegründeten Sportverein (SV) leitete er ab 1976 36 Jahre als Vorsitzender. Nachdem 1984 dessen Narrhalla-Abteilung gegründet worden war, war er 29 Jahre lang deren Präsident, außerdem 23 Jahre Sitzungspräsident, bevor er dieses Amt an Sohn Andreas weitergab. Auch Sohn Carsten ist familiär närrisch vorbelastet. Er ist fester Bestandteil der Sitzungen und außerdem als Bauchredner unterwegs.

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Die Narrhalla Ober-Hainbrunn bietet zum Start in die Jubiläums-Kampagne das Beste aus 33 Jahren auf

Durch elf teilbare Zahlen lassen grundsätzlich das Herz jedes Fastnachters höher schlagen. Wenn dann noch eine drei oder vier davor steht, dann geht es um gewichtige Jubiläumsfeierlichkeiten. So wie in der neuen Kampagne der Narrhalla Hainbrunn. Die begeht am Samstag, 14. November, mit großem Pomp und einer „Kult-Sitzung“ das 33-jährige Bestehen ihrer „Fastnacht mit Herz“.

„Wir sind ganz nahe an den Zuschauern dran“, betont der Vorsitzende Frank Flachs. Wenn die Narrhalla zu ihren Sitzungen rufe, „dann geht das eher in Richtung Saalfastnacht“. Das Jubiläum zieht sich seinen Worten zufolge „wie ein roter Faden“ durch die aktuelle Kampagne. Für den Start in diese haben die Hainbrunner tief in der Mottenkiste gekramt. Nicht nur in Form von alten Büttenreden, sondern auch von ehemaligen Büttenrednern und Aktiven, die alte Beiträge reaktivieren.

Zupass kommt den Fastnachtern im Finkenbachtal dabei, dass „wir damals bei der Vereinsgründung alle noch keine 20 waren“ – und somit laut Flachs einige der Gründer von damals als heutige Urgesteine weiterhin aktiv sind. „Wir haben immer auf Kontinuität gesetzt“, freut er sich im Jubiläumsjahr darüber, dass die Narrhalla auf altgediente Recken zurückgreifen kann. Er selbst sei zum Beispiel erst der zweite Vorsitzende seit der Gründung. „29 Jahre lang war das Karl-Heinz Werner.“

Der außerplanmäßige Kampagnenauftakt (normalerweise wird er nicht begangen) am kommenden Samstag soll mit viel Prominenz gefeiert werden – unter anderem hat sich der neue Landrat Frank Matiaske angesagt. Auch wird Besuch vom badisch-pfälzischen Karnevalsverein erwartet. Die Halle wird dabei wie bei den drei Prunksitzungen auch aus allen Nähten platzen.

„Bei uns kommen nur eigene Nummern auf die Bühne“, betont Flachs die Verwurzelung der Fastnacht im Ort. Sowohl in der Bütt als auch musikalisch. Dorfspatzen, Bembelsänger sowie „Kaschper und die Lumbesäggl“ stehen „für handgemachte Musik, live gespielt“. Da läuft laut Flachs „nichts vom Band“. 120 Aktive stehen sowohl beim Kampagnen-Start als auch bei den drei Prunksitzungen auf der Bühne – oftmals in wechselnden Rollen. Zusammen mit den 40 Helfern in der Sporthalle kommt so schon fast halb Hainbrunn zusammen.

In puncto Büttenreden kann die Narrhalla wuchern: „2014 hatten wir acht Stück“, so Flachs. Das wird in der neuen Saison nicht viel anders sein. Zum Jubiläumsstart gibt’s eine ganz besondere: Karl-Heinz Werner und Seppl Denner, zwei Gründungsmitglieder, haben ihre Rede von damals, vor 33 Jahren, wieder ausgegraben, etwas modernisiert, aufgepeppt, und werden damit eine gemeinsame Bütt bestreiten. Ralph Volk mit seinen Auftritt ist ein ebensolches Urgestein.

Auch andere „Klassiker“, eben das Beste aus drei Mal elf Jahren, holt die Narrhalla auf die Bühne. So Carsten Werner, der als „Antonio in flagranti“ die Gäste begeistern wird. „Ein berühmter Vortrag aus früheren Jahren“, wie Flachs betont. Oder die „Hallodris“, die es schon seit mehr als zehn Jahren als Gruppe nicht mehr gab, und die ein Revival mit ihren selbst geschriebenen Unterhaltungsstücken feiern.

Frank Flachs verspricht für den Start in die närrischen Jubiläumswochen noch weitere Highlights aus längst vergangenen Jahren. Andreas Werner als Hausmeister und Zauberer begeisterte schon einmal die mehr als 300 Zuschauer pro Prunksitzung – an drei ausverkauften Terminen kommen so über 1000 Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung zusammen. Jörg Heckmann hat für den 14. November die Büttenrede seines Vaters – auch er Gründungsmitglied – vom Staub befreit.

Bei den Crazy Girls stehen heute (junge) Frauen auf der Bühne, die mit zehn vor 20 Jahren die ersten Tanzerfahrungen bei den kleinen Garden machten – und in dieser Zeit immer der Narrhalla Hainbrunn treu blieben. Apropos Tanz: Den zelebriert, wenn auch in deutlich anderer Form, das Männerballett „Biergorgler“. Hier bewegen auch noch zwei aus den ersten Jahren ihre – in ebensolche gekommene – Hüften: Gerd Schwinn und Horst Michel.

„Die Idee für diese besondere Kampagneneröffnung wurde schon nach dem Ende der diesjährigen Fastnacht im Frühjahr geboren“, berichtet Frank Flachs. Nach dem Sommer sei man in die detaillierten Vorbesprechungen gegangen, „haben abgeklopft, wer was machen kann“. Überall sei die Bereitschaft groß gewesen mitzuziehen, freut er sich. „Wir machen das“, hieß es von allen Seiten. Gesagt, getan.

Info: Narrhalla-Kult-Sitzung „Das Beste aus 33 Jahren“ Samstag, 14. November, 19.31 Uhr, Sporthalle Ober-Hainbrunn. Karten bei Hildegard Werner unter Telefon 06275/586.