„Undercure“ machen den Originalen alle Ehre

„Heute treten wir das erste Mal im Hellen auf“, scherzt Sänger Holder Schwinn. Ziemlich ungewohnt für die Odenwälder Mannen von „Undercure“, die der legendären britischen Pop-/Rock-/Wave-/Gothic-Band The Cure huldigen. Denn ihr „regulärer“ Termin ist immer am Karfreitag im Hüttenwerk Michelstadt. Der fiel dieses Jahr wegen Corona aus. Dann eben Open-Air auf der Kulturbühne davor: Die Fans dankten es dem Quintett, das in bewährter Manier die Klassiker hoch und runter spielte.

Allzu oft ist die Band nicht auf den Konzertbühnen zu sehen. Das hat zum einen mit den Berufen zu tun: Bassist Jens Weimar ist oft im Ausland unterwegs, Bruder Dirk am Keyboard nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Gitarrist Markus Fabian hat vielfältige andere musikalische Verpflichtungen, etwa mit „Betty and the Daltons“, „Herr Fabian“ oder „Bob ist dein Onkel“. Holger Schwinn spielt darüber hinaus noch Theater.

Es gibt aber Traditionsevents. Wie im Hüttenwerk, wo die Band das 14. Mal auftrat. Oder beim Wave Gothic in Leipzig. Frankfurt, Hannover, Mannheim: Die Odenwälder kommen mit ihrer Reminiszenz an die Briten weit rum. Und haben ihre Fans auch weit verstreut, wie sich an den Autokennzeichen zeigt. „Wir wollen uns aber auch nicht überspielen“, betont Drummer Heiko Birkenstock.

Der Band ging es wie vielen anderen: Viele Monate war tote Hose. Da zu Jahresbeginn sowieso nichts anstand, bedeutete der Auftritt in Michelstadt der erste überhaupt in diesem Jahr. Was natürlich noch mehr Freude verhieß, den vor heimischem Publikum zu absolvieren. Als Gast war Mario Schuck dabei, der auf dem Keyboard einige Stücke anstimmte. Denn eigentlich wäre Dirk am Karfreitag nicht verfügbar gewesen und Mario wurde „eingearbeitet“. Dann fiel das Konzert aus – aber der Ersatzmann sollte natürlich nicht um seinen Einsatz kommen.

„Wir leben nicht davon, sondern dafür“: Birkenstock bringt es auf den Punkt, warum die Odenwälder Coverband „Undercure“ einen solchen Kultstatus genießt. „Wir kommen authentisch rüber“, erläutert der Schlagzeuger, denn die Bandmitglieder sind mit den Songs aufgewachsen und wurden vom New Wave der 80er Jahre geprägt. „Das ist unheimlich zeitlos“, betont er.

Das Konzert im Hüttenwerk „ist ein bisschen wie ein Familientreffen“, weiß Birkenstock. „Uns verbindet alle auch eine Freundschaft und nicht nur die Musik“, nennt er ein weiteres Geheimnis des Erfolgs. Auch wenn sie nicht so oft proben und auftreten können, „gibt es ein blindes Verständnis zwischen uns“. Birkenstock zählt am Schlagzeug den Takt an „und wir legen sofort los“. Das gemeinsame Musizieren ist locker, macht Spaß.

Er spricht von einem „Flow“, der auf der Bühne auch spürbar ist, wenn sich Jens Weimar und Markus Fabian musikalisch beharken. „Kein Lied hat uns je gelangweilt“, sagt der Schlagzeuger. Wenn Holger singt, „könnte da Robert Smith auf der Bühne stehen“, meint er. Und ist sich mit dem Publikum einig: „Die fühlen genauso.“ Was die Konzerte wie auch jetzt immer sehr gut besucht macht. Und für ein „tolles Feedback“ sorgt.

Den Bandmitgliedern geht es nicht darum, nur die Akkorde und Texte wiederzugeben, sondern bei aller musikalischen Detailtreue den Geist der Songs auferstehen zu lassen und aufs Publikum zu übertragen. Schwinn mit seiner hellen Stimme, die schon Richtung Falsett geht, schmaler Gestalt, schwarzen Klamotten, extrem rot geschminkten Lippen, toupierten Haaren und dem geschminkten Gesicht gibt den Smith par excellence. Er weiß die Musik, die grenzenlose Melancholie und die Atmosphäre der Kult-Formation ansprechend in Szene zu setzen.

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Hits The Cure geschrieben haben, die man irgendwo alle schon einmal gehört hat. „Undercure“ spielt die eingängigeren, bekannteren Songs vor allem im zweiten Set. „Pictures of You“, „Boys don’t cry“,  oder „Lovecats“ sind solche unvergesslichen Stücke aus den vergangenen 40 Jahren. „Friday I’m in love“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ gehören ebenfalls zum vielbeklatschten Set.

Mit „Lichtenberg“ kommt wieder Licht in die Kulturlandschaft

Lange, viel zu lange, dauerte die Corona-bedingte Veranstaltungspause. Nicht nur im Odenwald. Das Hüttenwerk Michelstadt startete als eine der ersten Locations der Region Mitte Mai wieder mit kleinen, abgespeckten Wohnzimmerkonzerten. Jetzt wird die ganze Sache in der Zusammenarbeit von Odenwälder Kulturschaffenden eine Nummer größer. Mit dem Konzert von „Lichtenberg“ startete die Kulturbühne auf dem Freigelände vor dem Hüttenwerk ihr Programm, das bis Ende Oktober laufen soll.

Die Erleichterung und Freude war allen Beteiligten anzumerken, dass dieses besondere Projekt zum einen auf die Beine gestellt wurde und zum anderen einen gelungenen Start hinlegte. Die optimalen äußeren Bedingungen trugen ihren Teil dazu bei. Unterholz, Spiellust, Hüttenwerk und Freilichtbühne Bad König haben sich zusammengefunden, um Theater, Lesungen und Konzerte Open-Air im Rahmen der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln zu bieten.

Sie alle eint ein Ziel: die Kultur (nicht nur im Odenwald) am Leben zu erhalten. Denn Großveranstaltungen sind noch bis Ende Oktober verboten. Auf den Hüttenwerk-Vorplatz dürfen 250 Besucher rein – mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand. Wenn auch bei der Premiere noch ein paar freie Plätze waren, so läuft der Vorverkauf für das Kikeriki-Theater und die Lesung von Sebastian Fitzek gut, erläuterte Fritz Krings von Peripherique. Der Bestseller-Autor hat Ende August sein neues Buch „Das Geschenk“ im Gepäck.

Roger Tietz von der Spiellust freute sich über die sehr positive Nachricht, „dass der Odenwald Dinge gemeinsam auf die Bühne stellt“. Er hätte sich zwar ein paar mehr Eröffnungsgäste gewünscht, sah aber auch das Positive: Bei weniger als 100 „dürft ihr aufstehen und tanzen“ – was später gerne angenommen wurde. „Wir brauchen jeder Art von Unterstützung“, betonte der Theatermacher. Die gab es auch, listete er die vielen Helfer auf. Marcel Iwanicki von Peripherique bekam Lob für die Umgestaltung des Parkplatzes in eine schöne Event-Location.

Clementine Dingeldein, Erste Stadträtin von Michelstadt, zeigte sich stolz darüber, dass die Stadt in Sachen kultureller Neuaufbruch Vorreiter ist. Die Verantwortlichen schafften es, „innerhalb von kürzester Zeit das Projekt zu stemmen und die Schockstarre der Veranstaltungsbranche nach dem Lockdown zu überwinden“, sagte sie.

Landrat Frank Matiaske sprach von einer „Vollkatastrophe“ durch den Lockdown. Er dankte den Organisatoren, dass sie sich in einer schwierigen Zeit dagegenstemmten. Auch der Kreis steht voll hinter der Sache, hob er hervor. Dass das Theaterstück „Gert, Königin des Odenwalds“ nicht aufgeführt wird, bezeichnete Matiaske als sehr schade. Gelang es doch, dafür eine „fette Förderung“ in die Region zu holen.

Zum Glück „switchten“ die Verantwortlichen schnell um und machen nun einen Film daraus, der Ende des Monats ebenfalls auf der Kulturbühne gezeigt wird. Der Landrat war mehr als angetan davon, mit welchem Gemeinschaftssinn „der kulturelle Lockdown im Odenwald auf diese Weise beendet wird“. Beate Beerboom von der Freilichtbühne, die auch den Act „Lichtenberg“ beisteuerte, freute sich „tierisch, dass wir die Zusammenarbeit hingekriegt haben“.

Ein Hoch auf Äbbelwoi, Handkäs und Ourewällerisch dann mit der Band Lichtenberg. Von Anfang an rocken die fünf die Menge. Alla Gude, die Scholze Gret, geboten von den feschen Odenwälder Jungs – das macht Laune. Die Gruppe schafft es perfekt, mit viel Schmackes traditionelles Liedgut in ein neues Gewand zu packen.

Irgendwo zwischen Westernhagen und Rodgau Monotones angesiedelt, gepaart mit einer Prise Rap und Soul, angereichert mit einigen Pop-Versatzstücken, vorrangig aber knackig mit E-Gitarre und wummerndem Bass, spielt sich das Gründer-Trio Marcel Zocher, Thorsten Großkopf und Sebastian Altzweig geschmeidig durch die verschiedenen Genres. Thomas Markowic (Piano, Trompete, Akkordeon und Gesang) ist dabei das instrumentale i-Tüpfelchen, der für die entsprechenden Mundart-Anklänge sorgt.

Infos: http://www.kulturbuehne-odw.de