Eine Kastanie erinnert nun an die frühere Rothenberger Selbstständigkeit

Eine Kastanie wird vor der evangelischen Kirche künftig an das Ende der 668 Jahre währenden Rothenberger Selbständigkeit erinnern. Von den Frauen der Weiberfastnacht stammte die Idee, bei der Realisierung wurden sie vom Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVR) unterstützt. Das notwendige Fleckchen Erde steuerte Ingrid Braun bei. Die Schaufel durfte der scheidende Bürgermeister Hans Heinz Keursten schwingen und damit dem Baum einen nährstoffreichen Untergrund geben.

„Meer bleiwe Rourebäjer Meed“ hieß es auf der Vorderseite der Schärpe, mit der die Fastnachtsfrauen zum festlichen Lied antraten. Dass sich hinten der Name Oberzent den verlängerten Rücken hinab zog, sei natürlich völlig ohne Hintergedanken, versicherten sie schmunzelnd. Und nein, es handelte sich auch nicht um eine Trauerweide. Nach ein paar einleitenden Liedern des VVR-Vorsitzenden Thomas Wilcke ging dieser auf den Anlass der Zusammenkunft ein.

Nachdem Rothenberg 1999 seine 650-Jahr-Feier beging, aber sicherlich noch um einiges älter ist, geht 668 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung die Zeit der Selbständigkeit zu Ende. Die Gemeinde wird Teil der Stadt Oberzent. Diese sei demokratisch legitimiert, betonte Wilcke. „Demokratie lebt von der Mitgestaltung.“ Deshalb appellierte er an die Bürger, wählen zu gehen und selbst aktiv zu werden. Man solle in der künftigen Stadtverordnetenversammlung und in den Ortsbeiräten mitwirken.

Die reichsunmittelbare Herrschaft Rothenberg gehörte nur wenige Jahre zur Grafschaft Erbach und damit zum Amt Freienstein, auch die „Oberzent“ genannt, führte er aus. Fast 300 Jahre Hirschhorner Herrschaft, die Herren von Cornberg, Degenfeld, Erbach und die Darmstädter Großherzöge hätten Spuren feudaler Macht hinterlassen, so Wilcke. Dies politisch und religiös, was sich noch heute durch die beiden evangelischen Kirchen zeige. Abgelegen und doch politisch interessant, sei die Bevölkerung immer in das konfessionelle Hin und Her einbezogen gewesen.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Rothenberg mit Hainbrunn, Unter-Finkenbach und Kortelshütte zur Gemeinde. Die gleichnamige Herrschaft gab es nicht mehr. Die Gemeindeakten drücken laut Wilcke das Selbstbewusstsein der Bürger sowohl gegenüber der Obrigkeit in Kreis und Land als auch die Renitenz der Ortsbürger gegenüber dem Bürgermeister aus, erläuterte er: „Man wollte bei wichtigen Entscheidungen gefragt werden.“ Nach der Gemeindereform in den 1970er Jahren kamen noch Finkenbach, Hinterbach und Raubach dazu.

Der VVR-Vorsitzende wünschte sich, dass aus der Fusion keine Konfusion wird. „Bringt euch selbstbewusst in die Gremien der Stadt Oberzent ein“, forderte er. Jedes Ende ist ein neuer Anfang, hob Wilcke hervor. Der Baum sei noch jung und wurzle in der Vergangenheit, jedoch „mit viel Lust, in der Zukunft zu wachsen und zu gedeihen“.

Die Idee zur Aktion entstand aus der Weiberfastnacht heraus, erläuterte Ingrid Braun. Es kam der Gedanke auf, auch ein Lied zu diesem Anlass zu präsentieren. Da der „Baum im Odenwald“ etwas langweilig war, wurde der Text kurzerhand für Rothenberger Zwecke umgedichtet. „Was hier bald wird zur Oberzent, ist Rothenberg gewesst“, heißt es nun. „So manche Straße ändert sich und auch die Postleitzahlen“, sangen die Frauen.

Ist das Bäumchen jetzt noch so klein, „wird es doch in Zukunft ein echter Rothenberger sein“, texteten die Fastnachterinnen weiter. „Bald sind wir nun die Oberzent, selbst dann wird er erblühen“, ging die Strophe weiter. Trotz aller neuen Stadt: „Es ist uns allen klar, meer blewe Rourebäjer Meed, sou wie es immer war“, schlossen die Sängerinnen mit einer gehörigen Portion Wehmut. Zur Stimmungsaufhellung gab’s im Anschluss weißen und roten Glühwein sowie Kuchen und Gepäck, damit sich die vielen frierenden Zaungäste stärken und wärmen konnten.

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Neue Schilder hängen schon: Beerfelden gehört bereits zur Stadt Oberzent

Still und heimlich gehören die verschiedenen Oberzent-Orte bereits zur neuen Stadt, obwohl die Fusion von Beerfelden, Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal noch gar nicht über die Bühne gegangen ist. Sie steht erst zum Jahreswechsel an Bereits vor Weihnachten startete die zuständige Straßenbehörde Hessen Mobil mit der Anbringung der neuen Ortsschilder an den Kreis-, Land- und Bundesstraßen. Beerfelden wurde aus Richtung Airlenbach bereits ein Stadtteil von Oberzent, ebenso wie Airlenbach nicht mehr Teil Beerfeldens wie bisher ist, sondern zur neuen Stadt gehört.

Auch im Bereich Rothenberg hängen im Vorgriff auf den Jahreswechsel bereits die neuen Bezeichnungen. 37 gelbe Stadtschilder sind es, die von der Straßenbehörde auch noch in den nächsten Tagen angebracht werden. Dazu kommen 15, die die Kommunen an ihren eigenen Straßen installieren, erläutert Christian Kehrer als Projektleiter Fusion beim Kommunalservice Oberzent. In der ersten Januar-Woche soll dann alles über die Bühne gegangen sein. Spitzenreiter im Schilderwald dürften Beerfelden (7) und Olfen (5) sein.

Neu dazu kommt Hinterbach, wo das gelbe Schild den bisherigen grünen Weiler an zwei Stellen ablöst. Der Leonhardshof bleibt auch weiterhin „nur“ ein Weiler, bekommt aber statt dem Zusatz Beerfelden jetzt Oberzent. Aber allein damit ist es nicht getan. Denn im Zuge der Fusion müssen ja diverse Straßen einen neuen Namen erhalten, sodass es keine Dopplung gibt.

65 Straßenschilder mit den neuen Bezeichnungen lagern derzeit in der Stadt und warten auf Anbringung. Sie kommen allerdings erst Mitte Januar zum Zuge, da der Bauhof aktuell noch keine Luft für diese Arbeiten hat. Kehrer beruhigt aber: „Die Post wird weiter wie gehabt zugestellt“. Mindestens ein Jahr nach der Fusion soll das weiterhin so reibungslos funktionieren, habe der Konzern zugesichert.

Wechsel vom Familienbetrieb in größere Firma: Sensbachtal blickt vor der Oberzent-Fusion auf das Geleistete zurück

Das war’s mit der eigenständigen Gemeinde Sensbachtal, die in diesem Form gar nicht so lange Bestand hatte: nämlich erst seit der Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre. Gemeindevertreter-Vorsitzende Karin Scior schellte die letzte Sitzung der Mandatsträger kurz vor dem Jahresende und damit der Oberzent-Fusion aus und lud danach noch zum gemütlichen Beisammensein in die „Krone“ ein, wo die Mandatsträger die Zeit in „Unabhängigkeit“ in trauter Runde Revue passieren ließen.

„Wir haben noch alle wesentlichen Dinge angestoßen, die für unsere drei Orte in den kommenden Jahren wichtig sind“, betonte Bürgermeister Egon Scheuermann. Er nannte vor allem die grundhafte Sanierung der Sporthalle. Diese ist eine „ganz, ganz wichtige Einrichtung“ für die Gemeinde und werde an jedem Tag durch Vereine und Gruppen stark genutzt. Weiterer Punkt ist die Dorfentwicklung, um das Gemeindezentrum auf Vordermann zu bringen. Das Geld soll auch in die Spielplätze in Ober- und Unter-Sensbach sowie Hebstahl fließen, um diese zu erneuern. Außerdem steht die Schaffung eines Dorfmittelpunkts in Ober-Sensbach an. Hier ist die Fläche des alten Löschweihers im Gespräch.

Scheuermann sprach von einer sehr erfreulichen Entwicklung im kommunalen Kindergarten Unter-Sensbach. Besuchten diesen zu Jahresanfang nur zwölf Kinder, so sind es aktuell 18. „Mit dieser Konstellation ist die gemischte Gruppe ausgelastet“, sagte er. Es könnten derzeit keine weiteren Kinder aufgenommen werden. Anfragen für Januar und Februar lägen aber bereits vor. Jedoch lassen es laut Rathauschef die Räumlichkeiten zu, „dass wir wieder einen zweigruppigen Kindergarten einrichten könnten“. Allerdings muss man dafür auch Erzieher auf einem leergefegten Arbeitsmarkt finden.

In der Diskussion ist dem Bürgermeister zufolge ebenfalls die Ausweitung auf einen Ganztags-Kindergarten. Die grundsätzliche Frage sei, „wie schnell können wir in der Oberzent weitere Plätze schaffen und was ist dafür notwendig“. Dies werde Thema einer der ersten Magistratssitzungen im neuen Jahr sein. Mit den Mitteln aus der Hessenkasse könnte es Scheuermann zufolge auch möglich sein, Maßnahmen wie das Ärztehaus besser zu stemmen.

Auf den Tag genau ist Scheuermann zehn Jahre im Bürgermeister-Amt, wenn am 1. Januar die Fusion steigt. „Das war eine nicht immer einfache Zeit“, meinte er, „aber wir haben es ganz gut über die Bühne gebracht“. Er bezeichnete den Zusammenschluss aus Sensbachtaler Sicht als interessante Perspektive: wie wenn man „aus einem kleinen Familienbetrieb in eine größere Firma überwechselt“. Deshalb freut sich der Bürgermeister auch auf seine Aufgabe als Staatsbeauftragter.

Fürs erste halbe Jahr, in dem er als De-fakto-Stadtoberhaupt „regiert“, nannte er Themen wie die Gesundheitsversorgung oder die Förderung des Tourismus als wichtige Aufgaben einer neuen gemeinsamen Stadtverordneten-Versammlung. In der will er sich dafür einsetzen, „dass die Dinge so bewährt weiterlaufen wie bisher“. Scheuermann dankte der Gemeindevertetung für eine „sehr konstruktive und aufs Gemeinwohl ausgerichtete Zusammenarbeit“.

Den hessischen Verdienstorden am Bande, mit dem er vor kurzem neben den drei anderen Oberzent-Bürgermeistern ausgezeichnet wurde, habe er nur erhalten, „weil die Mandatsträger in der Vergangenheit so klug und weitsichtig entschieden haben“. Es gelte immer in die Zukunft zu blicken: „Wer kein Risiko eingeht, wird nicht vorankommen“, sagte Scheuermann. Deshalb ist der Orden „für uns alle gedacht“.

Karin Scior dankte den Mandatsträgern für deren Arbeit in der vergangenen Zeit. Sie wünschte sich, dass alle offen für neue Herausforderungen sind. Denn notwendige Veränderungen brauchten Zeit, betonte sie. Sicherlich werde die Fusion nicht für jeden das „Nonplusultra“ sein. Von Jutta Haas gab es zum Schluss noch ein Präsent von Gemeindevorstand, -vertretung und Verwaltungsmitarbeitern für den Bürgermeister – im Vorgriff auf das zehnte Jubiläum in seinem Amt zum Jahreswechsel.

Die Oberzent-Fusion: Wahrhaft historisch

„Willkommen Oberzent“: Nicht mehr lange hin, und es entsteht im südlichsten Zipfel Hessens eine neue Stadt durch den Zusammenschluss von vier Kommunen. Die erste freiwillige Fusion seit der Gebietsreform vor über 40 Jahren, eine Pionierleistung, ein historischer Moment: Mit Superlativen wurde beim Festakt der hessischen Landesregierung in der Alten Turnhalle nicht gegeizt. Gemeindevertreter, Verwaltungsmitarbeiter, Abgeordneter und Vereinsvertreter waren dazu eingeladen. Festredner war Innenminister Peter Beuth.

Die Fusion zum 1. Januar bezeichnete der Staatsminister als „wahrhaft historisch“. Es geschehe etwas Neues für ganz Hessen. Den Festakt für die Geburt der neuen Stadt Oberzent betrachtete er als eine Art Hochzeitsfeier, „in deren Mittelpunkt die Brautleute stehen“, die neben Glückwünschen auch Geschenken erhalten.

Ein solches, erhofftes und erwartetes, hatte er wie vom kommenden Staatsbeauftragen Egon Scheuermann angedeutet im Gepäck: eine Entschuldungshilfe des Landes für die neue Stadt von 4,5 Millionen Euro. Damit verbleiben bei Oberzent noch 4,3 Millionen an Krediten. Die Pro-Kopf-Verschuldung reduziert sich laut Beuth durch diesen Schuldenschnitt von 840 auf 420 Euro. Beste Startbedingungen, um zu gestalten anstatt nur zu verwalten – ein Wunsch, der an diesem Abend mehrfach geäußert wurde.

Ohne dass jemand dahinter steht, die Entwicklung vorantreibt, in schwierigen Momenten nicht nachlässt und weiter am Ball bleibt, könnte aber eine solche Entwicklung nicht gelingen, hob der Innenminister hervor. Und hier kommen die vier langjährigen Bürgermeister von Beerfelden, Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal ins Spiel.

„Sie haben es von Anfang bis Ende durchgestanden“, meinte Beuth mit Augenzwinkern. Die „herausragende Pionierarbeit“ wollte er in besonderer Form würdigen: durch den hessischen Verdienstorden am Bande, den der Staatsminister Gottfried Görig, Egon Scheuermann, Thomas Ihrig und Hans Heinz Keursten ans Revers heftete. Die vier hätten „wirklich Großartiges geleistet“, meinte er in seiner Laudatio.

Die Fusion betrachtete Beuth als „deutlich mehr als eine Vernunftehe“. Ob sie letztendlich eine Liebesheirat sein werde, wollte er den Bürgern überlassen. Denn die müssten die neue Stadt mit Leben erfüllen. Der Innenminister zeichnete den Weg vom Grenzveränderungsvertrag als Ergebnis monatelanger Beratungen bis hin zum kommenden Zusammenschluss mit den vielen auf dem Weg liegenden Aufgaben wie Wappen, Postleitzahl, Straßennamen oder Ortsrecht nach.

Damit es überhaupt zu einer Fusion kommen konnte, schuf die Landesregierung in den vergangenen Jahren einige rechtliche Voraussetzungen, beleuchtete der Staatsminister. Im Vorfeld der Namensfindung habe es „einen beispiellosen Beteiligungsprozess“ gegeben, lobte er. Inklusive mancher doch recht unkonventioneller Vorschläge. Beuth wies darauf hin, dass sich der Name Oberzent schon früh abgezeichnet habe und bereits heute in vielen Formen existiere – bei Schule, Geschichtsverein und Mitteilungsblatt. Ein neuer Stadtname musste her, sonst wäre es keine Fusion auf Augenhöhe gewesen.

Richtung Landrat Frank Matiaske meinte er, dass der Odenwaldkreis damit nur noch zwölf statt bisher 15 Kommunen zähle. Seit der Jahrtausendwende habe sich immer drängender die Frage gestellt, wie die Entwicklung im ländlichen Raum weitergehen kann. Ein „Weiter so“ hätte es in der Oberzent nicht geben können. Denn die Gemeinden hatten immer weniger eigene Mittel zum Gestalten.

Mit dem Zusammenschluss fanden die vier Kommunen darauf eine Antwort. Diese sei „ein eindrucksvoller Beleg, dass gut vorbereitete Fusionsbestrebungen durch die Bürgerschaft mitgetragen werden“, wies er auf die hohe Zustimmung beim Bürgerentscheid hin. Jetzt könne man beruhigter in die Zukunft blicken, weil sich neue Chancen durch eine bessere finanzielle Ausstattung ergeben.

Lob für Christian Kehrer vom Innenminister. Weil der Projektleiter Fusion beim Kommunalservice Oberzent einen Leitfaden für die freiwillige Fusion von Gemeinden in Hessen erstellt, leistet er laut Innenminister Peter Beuth „Pionierarbeit“. Davon werden in Zukunft viele profitieren. Den Gästen war das einen lang anhalten Applaus wert.

Launige Unterhaltung, komische Elemente, ein paar Scherze, dazu aber auch handfeste Aussagen – und natürlich zum Schluss ein reich gedecktes Büffet: Der Festakt zur Oberzent-Fusion in der alten Turnhalle war bei allen Reden doch kurzweilig gehalten. Dafür sorgten Moderator Johannes Scherer mit seiner flapsigen Art, der dem Abend eine lockere Atmosphäre gab, und „Bürgermeister-Kandidatin“ Herta Wacker (Marlene Schwarz), die etliche Lacher auf ihrer Seite hatte, als sie den Wahlkampf durch den Kakao zog.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von der Blaskapelle Gammelsbach unter der Leitung von Horst Pertersik mit schmissigen Weisen. Sängerin Nora Wieprecht gab den verschiedenen Stücken ein ganz besonderes musikalisches Aussehen. Er hätte sich nicht träumen lassen, „Zeitzeuge bei der Geburt einer neuen Stadt zu sein“, meinte Scherer. Der Moderator schmückte seine einleitenden Worte mit einigen Details zum neuen Gebilde, das am 1. Januar aus der Taufe gehoben wird.

Es entsteht an der Grenze zu Baden-Württemberg die flächenmäßig drittgrößte Stadt Hessens mit nur 10.125 Einwohnern. Sie habe sogar schon einen Wikipedia-Eintrag mit Bürgermeister, obwohl der erst am 29. April gewählt werde, flachste Scherer. Nämlich Egon Scheuermann, der jedoch „nur“ als Staatsbeauftragter die Geschäfte führt. Der Genannte freute sich über den Besuch von Innenminister Peter Beuth, da dieser nie mit leeren Händen komme.

Scheuermann blickte fünf Jahre zurück, als die ersten Gespräche mit der Landesregierung stattfanden. 2013 habe man dann ein Strategiepapier in die kommunalen Gremien eingebracht und damit „die Diskussion über die Veränderungen angestoßen“. Es folgten Machbarkeitsstudie (2015) und Bürgerentscheid (2016). Dieser brachte mit 82,6 Prozent Zustimmung zu Fusion ein „sehr beeindruckendes Ergebnis“. Mit dem Grenzänderungsvertrag und seiner Genehmigung im September nannte er weitere wichtige Eckpunkte.

In diesem Zusammenhang wertete es Scheuermann als wesentlich, dass die involvierten Kommunalpolitiker „nicht nur auf den Augenblick schauten, sondern in die Zukunft blickten“. Die am Prozess Beteiligten „waren nicht auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern wollten das Beste für alle“. Die Oberzent habe viele Stärken und Qualitäten. Diese Vorteile gelte es nun durch die sich bietenden Chancen zu nutzen.

„Das Ziel der Fusion ist nicht die Personaleinsparung“, betonte Scheuermann nachdrücklich. Vielmehr soll eine qualitativ und quantitativ gut aufgestellte Verwaltung geschaffen werden. „Unsere Mitarbeiter arbeiten aktiv an den Veränderungen mit“, sagte er. Durch Veränderungen werde es möglich, Bestehendes zu bewahren, hob der Staatsbeauftragte hervor. Stillstand sei Rückschritt. „Wir müssen uns verändern, um Akzente für die Zukunft setzen zu können“, sagte er. Durch die bessere finanzielle Ausstattung „können wir wieder gestalten statt nur die verwalten“.

Scherer war es dann, der sich süffisant über den Namen und die Bezeichnung seiner Bürger ausließ (Oberzenter oder Oberzentner – Oberzentler waren es später bei Landrat Frank Matiaske). Der griff auch gerne Scherers saloppe Formulierung des Gebietszuschnitts als „Kochkässchnitzel“ auf, um die große Ausdehnung zu verdeutlichen. Matiaske bezeichnete es als Herausforderung für die künftigen Gremien und die Bürger, sich mit der neuen Stadt Gehör zu verschaffen.

Der Landrat wies auf den neuen Zukunftsreport 2018 hin. Darin heiße es, dass sich der Zustrom in die Ballungsräume bald umkehren werde. Somit könnte es in den nächsten Jahren eine Renaissance des ländlichen Raums geben. Die Oberzent sei durch die Fusion „fit für die Zukunft“. Die Stadt darf seinen Worten zufolge dann nicht nur auf dem Papier stehen, sondern müsse auch im Herzen der Menschen wachsen. Einen Fortschritt „können wir alle nur gemeinsam erreichen“. Deshalb wünschte sich der Kreispolitiker eine Begleitung des neuen kommunalen Gebildes von der Geburt über Kindergarten und Schule bis ins Erwachsenenalter.

Oberzent-Fusion: Es werden noch Kandidaten für die Ortsbeiräte gesucht

Wenn am 29. April der neue Bürgermeister und die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Oberzent gewählt werden, sollen auch die Mitglieder der jeweiligen Ortbeiräte bestimmt werden. Ein Punkt, der in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht so richtig präsent zu sein scheint. Deshalb gibt es seit zwei Wochen Info-Veranstaltungen in den verschiedenen Ortsteilen der fusionierenden Kommunen, die nach der Winterpause fortgesetzt werden.

In 13 Ortsbezirken sind bis 17. Februar die jeweiligen Kandidaten zu benennen, die dann Ende April zur Wahl stehen werden. Die Ortsbeiräte sind ein freiwilliges Gremium: Gibt es nicht genügend Bewerber, dann kommen sie nicht zustande. Da 2018 allerdings nur eine Zwischenwahl bildet, könnten sie bei jetzigem Nichtzustandekommen 2021 beim regulären Wahltermin trotzdem ins Leben gerufen werden. Die bisherigen Gemeinden Sensbachtal und Hesseneck bilden mit ihren jeweils drei Teilorten einen gemeinsamen Ortsbeirat. Bis auf den neuen Zusammenschluss von Finkenbach, Hinterbach und Raubach sind in allen anderen Ortsteilen jeweils Gremien zu wählen.

Während dies in diversen Beerfeldener Stadtteilen keine Neuerung ist, weil es sie bisher schon gab, hatte Rothenberg diese Institutionen nicht mehr. Inzwischen liefen im Höhendorf alle vier Infoveranstaltungen. Mit unterschiedlichem Feedback. 35 Besucher zählte Bürgermeister Hans Heinz Keursten in Rothenberg-Ort, je 28 in Finkenbach und Ober-Hainbrunn sowie 26 in Kortelshütte. Zusammen mit Fusions-Projektleiter Christian Kehrer führte er die Info-Veranstaltungen durch.

Die Interessierten wollten vor allem wissen, welche Aufgaben auf den Ortbeirat übertragen werden und welche Mitwirkungsrechte er haben wird. Die werden endgültig erst von der neuen Stadtverordnetenversammlung definiert. Deshalb erläuterten Kehrer und Keursten erst einmal die in der hessischen Gemeindeordnung vorgesehen Punkte. Die Ortsbeiräte sind zu allem, was den Ortsteil betrifft, und zum Haushaltsplan zu hören.

Angedacht ist ein eigenes Budget für die Ortsbeiräte als „Sprachrohr der Bevölkerung“: etwa eine Pauschale plus eine gewisse Summe pro Einwohner. Lindenfels hat erfolgreich vorgemacht, wie dies praktiziert werden kann. Damit wird auch die Verwaltung entlastet und muss nicht bei jeder Kleinigkeit mit ins Boot, erläutert Keursten. „Der bürokratische Aufwand lässt sich senken“, betont Kehrer. Blumenschmuck, Dorffeste oder Unterhaltungsmaßnahmen könnten darüber abgedeckt werden.

„Die Eigeninitiative der Bevölkerung kann so gestärkt werden“, führt Kehrer aus. Die Bürger können sich an ihrem Wohnort einbringen, mit ihm identifizieren und selbst ohne große Umwege das angehen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Keursten war angetan im „großen Interesse“ in Ober-Hainbrunn. Vier Personen signalisierten gleich ihre Bereitschaft mitzumachen. In Rothenberg und Finkenbach ist der Zuspruch noch etwas verhaltener. Eine „gute Resonanz und hervorragende Diskussion“ gab es laut dem Bürgermeister in Kortelshütte.

In den ersten Bürgerversammlungen im Vorfeld der Fusion hörte man 2015 heraus, dass es die Furcht vor einem großen Gebilde weit weg vom Wohnort gab, so Kehrer. Auch, dass sich die Bürger mehr engagieren wollen. „Jetzt sind sie aufgefordert mitzuwirken“, hob der Fusions-Projektleiter hervor. Der Vorsitzende des Ortsbeirats arbeite durch das neu geschaffene Gremium aller Ratschefs Magistrat und Bürgermeister direkt zu, wies er auf die unmittelbaren Einflussmöglichkeiten hin.

Bei den Veranstaltungen gab es aber auch weitere Infos rund um die Fusion. Um die Ausweisdokumente zu ändern, werden die Bürger ab dem 8. Januar alphabetisch nach Nachnamen geordnet in die jeweiligen ehemaligen Rathäuser gerufen. Kehrer bittet um Geduld bei den Änderungen. „Die alten Dokumente sind weiterhin gültig“, betont er.

Info: Auf der KSO-Homepage www.oberzent.info ist eine Liste mit den Behörden und Institutionen zu finden, die bereits zentral vom Kommunalservice über Adressänderungen informiert wurden. Dort lässt sich auch ein Formular herunterladen, mit dem die Bürger ihre neue Adresse weitergeben können. Christian Kehrer empfiehlt, vor allem die eigenen Versicherungen rund ums Haus wie Feuer-, Wohngebäude- und Hausrat- extra zu benachrichtigen.

Zwei Sondermarken der Deutschen Post würdigen die Oberzent-Fusion

Die neue Stadt Oberzent wird auch auf zwei Briefmarken verewigt. In einer Erstauflage von je 500 Stück gibt’s das Porto sowohl für die Postkarte (45 Cent) als auch für einen regulären Standardbrief (70 Cent). Der regionale Post-Politikbeauftragte Friedhelm Schlitt war von Bad Hersfeld aus extra in den südlichsten Zipfel seines Zuständigkeitsgebiets zum Rothenberger Rathaus gereist, um die 1000 selbstklebenden Postwertzeichen rechtzeitig vor dem Jahreswechsel in den Odenwaldkreis zu bringen.

Die „individuelle Briefmarke“ wird von der Post in begrenzter Anzahl für einen bestimmten Anlass hergestellt. Im Oberzent-Fall ist es quasi ein Geschenk des Unternehmens aus Anlass des ersten freiwilligen Gemeindezusammenschluss nach der Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre. Staatsbeauftragter Egon Scheuermann nahm die Briefmarken zusammen mit Fusions-Projektleiter Christian Kehrer vom Kommunalservice Oberzent (KSO) entgegen. Von der KSO war auch die Idee ausgegangen, das Ereignis in dieser bleibenden Form zu würdigen.

Auf der 70er-Cent-Marke steht zu lesen: „1. Januar 2018: Gründung der Stadt Oberzent Odenwaldkreis“. In der Mitte ist dann das neue Wappen zu sehen. Auf der 45er-Marke heißt es „Stadt Oberzent im Odenwaldkreis“. Diese ziert das nicht auf den ersten Blick zu erkennende Himbächel-Viadukt der Odenwaldbahn. Es sollte bewusst nicht ein einzelner Stadtteil herausgegriffen werden, so Kehrer, sondern mit diesem Wahrzeichen der deutschen Ingenieurskunst ein über die Regionsgrenzen hinaus bekanntes Identifikationsmerkmal.

Schlitt hob die lange, aufwändige Vorarbeit zwischen KSO und Post hervor, um das Thema neue Postleitzahl sowie geänderte Straßennamen und Hausnummern zu beackern, sodass zum Jahreswechsel alles steht. Er dankte Kehrer für das sehr vertrauensvolle Zusammenwirken. Dieser betonte, dass die Änderungen notwendig seien, damit es keine doppelten Straßennamen gibt und in Zukunft Rettungsdienste die richtige Adresse finden.

„Natürlich ist es nicht nur mit der Briefmarke allein getan“, meinte Egon Scheuermann. Damit ab dem neuen Jahr alles reibungslos funktioniert, bedarf es viel mehr Vorarbeit. Die Umbenennungen gingen seinen Worten zufolge fast immer problemlos über die Bühne. In Sensbachtal, wo der Staatsbeauftragte aktuell noch Bürgermeister ist, kamen die meisten Vorschläge für neue Straßennamen von den Anwohnern selbst.

„Der Sammlerwert der Marken ist sicher hoch anzusetzen“, betonte Schlitt. Deshalb liege die Entscheidung über die Ausgabe auch bei der Stadt, sagte er. Auf jeden Fall könne man damit Postkarte und Standardbrief freimachen. Wie Kehrer sagte, sollen Schreiben der Oberzent-Verwaltung an die Bürger ab dem kommenden Jahr mit der 70-Cent-Marke freigemacht werden. Er hob den Einsatz der Verantwortlichen bei der Post vor Ort und in der Zentrale hervor. „Auch die Briefträger haben uns sehr unterstützt“, sagte er. Die seien losgegangen und hätten die Veränderungen gegengeprüft.

„Wir sind in Hessen bekannt durch unsere Arbeit“, freute sich Scheuermann. Dass die Fusion nun durch eine Sondermarke gewürdigt wird, nannte er „eine tolle Sache“. Auf die Stadt kommen dadurch keine Kosten zu. Die Briefmarken sind von der Post „gesponsert“, um das bedeutsame Ereignis zu würdigen. Die 70-Cent-Marke soll voraussichtlich in den freien Verkauf gehen und ab dem 8. Januar in den Verwaltungen erhältlich sein. Die Verkaufsstellen werden noch bekannt gegeben.

SPD Oberzent nominierte Thomas Ihrig als Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in der neuen Stadt am 29. April

Thomas Ihrig ist der Bürgermeister-Kandidat der SPD Oberzent für die Wahlen in der neuen Stadt am 29. April. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung hob den 52-Jährigen mit übergroßer Mehrheit aufs Schild. Der scheidende Hessenecker Rathauschef erhielt nur eine Gegenstimme bei drei Enthaltungen. 35 der 40 anwesenden Genossen stimmten für seine Kandidatur (eine Stimme wurde nicht abgegeben). Ihrig hatte zuvor seine Ziele für die neue, fusionierte Stadt erläutert.

Von unruhigen Zeiten sprach der Ortsvereinsvorsitzende Danny Zucht in seiner Begrüßung. Nationalismus keime allerorten auf. Deshalb sei es umso notwendiger, um Geschlossenheit zu werben und „Respekt vorzuleben“. Die SPD stehe derzeit am Scheideweg zwischen Opposition und Regierungsverantwortung, sagte er. „Egal welcher Weg eingeschlagen wird, wird dieser auch die kommende Kommunalwahl beeinflussen.“

Zucht forderte die Mitglieder auf, sich „im jüngsten SPD-Ortsverein Deutschlands“, der gleichzeitig der mitgliederstärkste im Odenwaldkreis sei, einzubringen. Mit dem entsprechenden Engagement „wird auch die Stadt Oberzent wahrgenommen“. Er wies auf die vielen verschiedenen Anforderungen eines neuen Bürgermeisters hin. Und schlug den Bogen zu Ihrig: „Ich vertraue ihm, er kann das.“

Ähnlich äußerte sich auch Landrat Frank Matiaske. Der SPD-Mann Ihrig kandidiere für den Posten in einem Zusammenschluss von vier Kommunen, „die immer wieder bewiesen haben, dass sie ihre Aufgabe erfüllen können“. In einem vorbildlichen Prozess, „der in Hessen bisher in dieser Form nicht stattfand“, erlebe man nun die erste freiwillige Fusion überhaupt. „Vier Mal eins ist mehr als vier“, betonte Matiaske.

Der Landrat bezeichnete das Thema Demografie als große Herausforderung für die Zukunft. Daneben thematisierte er die Ärzteversorgung auf dem Land. Matiaske nannte aber auch die großen Chancen der Stadt Oberzent in ihrer „Sandwich-Position“ zwischen den Ballungsräumen Rhein-Main, Rhein-Neckar und Heilbronn. Es sei für die Zukunft wertvoll, „die wichtigen Schritte gemeinsam zu gehen“. Dafür sei Ihrig der richtige Mann. Als „ruhig, kompetent, sachlich versiert“, bezeichnete ihn der Landrat.

Thomas Ihrig, seit 24 Jahren Hessenecker Rathauschef, nannte die Fusion die richtige Antwort auf die demografischen Entwicklungen der letzten Jahre. Mit den verbesserten finanziellen Rahmenbedingungen ab dem kommenden Jahr „haben wir uns etwas Luft verschafft, um an manchen uns wichtigen Stellen freier agieren zu können“. Der Bürgermeister-Kandidat ist seit fast 28 Jahren SPD-Mitglied und seit 1995 Vorsitzender des Ortsverbands in der bis dato kleinsten selbstständigen hessischen Gemeinde.

Er bezeichnete es als sein Ziel, „eine Verwaltung nach modernen Gesichtspunkte und mit moderner Technik aufzubauen, um für die immer größeren Anforderungen gewappnet zu sein“. Trotz aller Änderungen bleibe vieles in der neuen Stadt Oberzent erhalten. Hier nannte Ihrig die 19 eigenständigen Ortschaften von der Raubach bis zur Kernstadt Beerfelden. Eine flächendeckende Einführung von Ortsbeiräten ist seinen Worten zufolge eine Basis für den Erhalt dieser Identität.

Die neue Stadt kann dem SPD-Mann zufolge auf dem aufbauen, was die vier Kommunen in den vergangenen Jahrzenten an Infrastruktur geschaffen haben. Exemplarisch führte er die vier Kindertagesstätten plus die evangelische Einrichtung an, mit denen man einen „gewaltigen, wichtigen Bildungs- und Erziehungsauftrag im vorschulischen Bereich“ leiste.

Allerdings werden laut Ihrig auch aktuelle Themen mitgenommen. Der Kandidat erwähnte die Gesundheitsversorgung, wo Anfang 2018 weitreichende Entscheidungen in punkto Ärztehaus anstehen. Die Fortführung der Dorfentwicklungen und Flurbereinigungsverfahren ist ein weiterer Punkt. Dazu kommt der Aufreger Windkraft, bei dem sich Ihrig ganz klar gegen weitere Rotoren positionierte, und das Thema ÖPNV/Mobilität.

Große Freude bei der SPD Oberzent: Der scheidende Hessenecker Rathauschef Thomas Ihrig (2.v.r.) wurde von den Sozialdemokraten als Kandidat für den Bürgermeisterposten in der neuen Stadt nominiert. Glückwünsche gab es von (v.l.) dem Ortsvereinsvorsitzenden Danny Zucht, dem Landtagsabgeordneten Rüdiger Holschuh und Landrat Frank Matiaske.