Auf dass so etwas nie mehr passieren möge

Vor vier Jahren wurde vor der evangelischen Martinskirche Beerfelden der Stolperstein für Herbert Creutzburg verlegt. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Jedes Jahr wird der Gedenkstein von den Oberzentschülern bei einem Gedenken gereinigt. Dieses Jahr – zur 75. Wiederkehr der Ereignisse – war coronabedingt nur der Religionskurs von Schulleiter Bernd Siefert beteiligt.

Angestoßen wurde die Stolperstein-Verlegung 2016 von den Religionsklassen der Oberzent-Schule mit ihrem (damaligen) Lehrer Bernd Siefert. Der wurde von Verwaltungsmitarbeiter Helmut Ulrich im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern im Jahr 2012 erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam gemacht.

Daraus entwickelte sich dann der Kontakt zu Franz Ulm, der damals als junger Soldat zu Creutzburg in die Zelle gesperrt wurde, um dessen Selbstmord zu verhindern und ihn auch auf dem Weg zum Galgen begleitete. Ulm hatte noch ein Gnadengesuch verfasst, das aber nicht mehr angenommen wurde.

Durch seine Recherchen machte Siefert den über 90-Jährigen vor sechs Jahren in Köln aus. „Franz Ulm konnte sich noch sehr gut an das Ereignis erinnern.“ Dem ehemaligen Soldaten sei das „präsent gewesen, als ob es gestern war“. Das späte Gedenken durch die Stolperstein-Verlegung erlebte Franz Ulm aber nicht mehr: Er starb 2015.

Creutzburgs war Unteroffizier im Zweiten Weltkrieg und hatte sich kurz vor Kriegsende unerlaubt von seiner Truppe entfernt. Er hatte genug vom Krieg, wollte zu seiner Verlobten und sich Heiratspapiere beschaffen. An der Bahnüberführung zwischen Gammelsbach und Eberbach wurde er von Feldgendarmen festgenommen, nach Beerfelden ins Gefängnis gebracht, von einem Standgericht zum Tode verurteilt und vor der evangelischen Kirche hingerichtet.

Der Oberzent-Lehrer wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau am Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber des Befehls von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt.

Dies ist im Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945“ von Dirk Strohmenger nachzulesen. Laut Strohmenger blieb der Leichnam des Unteroffiziers Creutzberg zur Abschreckung der Bevölkerung „noch einige Zeit am Baum zwischen dem Kriegerdenkmal und der Kirche hängen“. In Beerfelden sei das Standgericht der Heeresstreife 17 für das Urteil Fahnenflucht und Hinrichtung zuständig gewesen. Wie der Autor weiter schreibt, seien die verantwortlichen Offiziere trotz Ermittlungen deutscher Justiz- und Polizeibehörden nach 1945 nie gefasst worden.

Der damalige Pfarrer May beobachtete die damaligen Ereignisse aus der evangelischen Kirche heraus und verurteilte sie aufs Schärfste. Die entsprechenden Passagen und Strohmengers Aufzeichnungen brachten die Neuntklässler Caroline Siebert und Sina Pehmöller zu Gehör. Letzte zitierte auch das Leitbild der Oberzent-Schule: „Wir begegnen uns in der Schule mit Respekt, Wertschätzung und Empathie.“ So etwas darf sich nie wiederholen, meinte Noah-Leon aus der 9a. Und Luisa wollte die damaligen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Bernd Siefert wies auf aktuelle Ereignisse hin. Wehret den Anfängen, so sein Tenor. Er nannte den Mord an Walter Lübcke im vergangenen Jahr als erschreckendes Beispiel, dass rechte Gedanken in Deutschland weiterhin präsent sind und unselige Auswüchse zeigen. Die Beschäftigung der Schüler mit diesem Thema ist laut dem Schulleiter wichtig bei der Erziehung zum mündigen Bürger. Nach der Reinigung des Stolpersteines wurden Kerzen angezündet, Blumen auf den Stolperstein gelegt und das Vater Unser gebetet.

Müllvermeidung geht an der OZS runter wie Wasser

„Wir denken vor und machen nicht nach“, bringt es Schulleiter Bernd Siefert auf den Punkt. Von der Schülervertretung kam eine innovative Müllvermeidungs-Idee, die nun zusammen mit der Firma Bechtold umgesetzt wurde. Weg von der durchs Land subventionierten Schulmilch in 0,2-Liter-Beuteln, lautete der Gedanke. In Kooperation mit den Odenwaldkreis wurde eine  Wasserzapfanlage an der Oberzent-Schule (OZS) installiert. 1000 wiederverwendbare Nachfüll-Flaschen werden von Bechtold kostenlos zur Verfügung gestellt.

„Wir sehen uns nicht hinten im Odenwald, sondern die Oberzent als Zentrum mit den Städten Heidelberg, Mannheim, Frankfurt, Mosbach, Darmstadt und Frankfurt an der unmittelbaren Peripherie“, lacht Siefert. Der Zusammenhalt der Menschen aus der flächenmäßig drittgrößten Stadt Hessens ist bemerkenswert, weiß er. Dazu kommt die Identifikation mit der OZS, zu deren Schülern er selbst zählte. Wie auch André Bechtold. „Hier wurden die Grundlagen gelegt“, betont der Schulleiter deshalb.

Die Wasserspender-Idee wurde im monatlichen Gespräch von SV mit ihm geboren. Lehrerin Derya Özdemir, Schulsprecher Tom Jahn, sein Stellvertreter Timo Kaden sowie Nele Schneider, Alicia Andryczka und Marlene Ulrich machten sich dafür stark, Nachfüll-Trinkflaschen und Wasserspender zur Verfügung zu stellen, damit die Schule einen Beitrag zum Umweltschutz leistet. „Wasser soll als Energiespender Nummer 1 für alle  kostenfrei zugänglich gemacht werden“, hieß die Intention.

Als Partner bot sich die Firma Bechtold aus Oberzent an, mit der es bereits einige gemeinsame Aktionen wie Kalender, USB-Sticks oder Fotobücher gibt. Dazu passt, dass als „Projektbegleiter“ im Betrieb die ehemaligen OZS-Schüler Markus Muth und Jerome Graser fungieren. Man kennt sich eben in Oberzent. Neben Flaschen für alle jetzigen Schüler und Lehrer sollen auch die neuen Fünftklässler welche bekommen. Daneben sind sie als Geschenk für Gäste etwa im Rahmen des Erasmus-Programms gedacht.

Die Firma Bechtold stellt unter anderem auch Flaschen aus Kunststoff her, erläutert der Seniorchef. Aktuell steht dieses Material etwas in der Diskussion, weiß er. Die Alternative wären seinen Worten nach Kunststoff auf Bio-Basis oder Recyclate. „Allerdings müssen für Trinkflaschen besondere Vorschriften beachtet und eingehalten werden“, erläutert Wolfgang Bechtold.

Start ist nun mit Flaschen aus Copolyester der Firma Eastman. Dieses Material ist von der Federal Drug Administration (FDA) freigegeben und enthält unter anderem kein Bisphenol-A, ergänzt André Bechthold. Die Flaschen sollen an der Oberzent-Schule an den dort installierten Wasserspendern eingesetzt werden. Die Firma hat eigens für diesen Zweck ein neues Herstellungs-Werkzeug anfertigen lassen. Design und Ausführung wurden mit der Schulleitung abgestimmt.

In einem zweiten Schritt, so Bechtold, werden Versuche mit Materialien auf Bio-Basis durchgeführt, die nach aufwendigen Tests und Freigaben eingesetzt werden können. Der Betrieb ist zusammen mit weiteren namhaften Firmen und der IHK im Kooperationsnetzwerk Biokunststoffe tätig. Man trifft sich regelmäßig mit den übrigen Netzwerk-Teilnehmern zum Austausch und zur Weiterentwicklung. Fördermittel im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand des BMWI (ZIM) sind beantragt, erklärt der Junior-Chef.

Die hier gewonnenen Erkenntnisse werden für viele Einsatzzwecke als Grundlage dienen, sagt der Firmeninhaber. Die Oberzent-Schule partizipiert von Anfang an und wird von den einzelnen Entwicklungsschritten jeweils zeitnah in Kenntnis gesetzt. Derya Özdemir zeigt sich begeistert davon, dass der Betrieb die OZS dabei unterstützt, allen Schülern kostenlos Trinkflaschen zur Verfügung zu stellen. „In Sachen Nachhaltigkeit sind wir damit auf einem tollen Weg“, betont sie.

Alicia Andryczka von der Schülervertretung hebt hervor: „Wir waren überwältigt, mit wie viel Aufwand und Mühe sich alle für das Projekt einsetzen.“ Die SV freut sich darüber, „dass so etwas verwirklicht werden konnte“.

Der Tod als Mittel zur Fluchtverhinderung

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall fasziniert dieses prägende Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte junge Menschen immer noch. Über 100 Schüler der neunten und zehnten Klassen an der Oberzent-Schule Beerfelden lauschten gebannt den Ausführungen von Volkmar Raabe, früher Grenzschützer und dann Polizeihauptkommissar in Erbach. Vor dreieinhalb Jahren hatte er den heutigen Schulleiter Bernd Siefert mit dessen zehnter Klasse nach „Point Alpha“ an der innerdeutschen Grenze begleitet, erläuterte dieser in der Begrüßung.

Das prägendste Erlebnis seiner Tätigkeit als Grenzschützer hatte Volkmar Raabe 1982. Genauer gesagt am 29. März. Damals musste er mit anschauen, wie ein DDR-Flüchtling an der innerdeutschen Grenze von zwei NVA-Soldaten im Todesstreifen angeschossen wurde und 25 Meter vor dem rettenden bundesdeutschen Gebiet verblutete.

„Wir mussten den Notarzt festhalten, damit der nicht auch noch erschossen wird“, schilderte der ehemalige Polizeihauptkommissar die traumatische Situation, die ihn fast 40 Jahre später immer noch erfolgt. Ein Kreuz und ein Schild erinnern heute an die fehlgeschlagene Flucht von Hans-Josef Große. „Hier wurde ein Mensch erschossen, der von Deutschland nach Deutschland wollte“, ist darauf zu lesen. Große war einer von 715 Menschen, die von 1961 bis 1989 an der innerdeutschen Grenze zu Tode kamen, schilderte Raabe. Mit Berlin waren es sogar 872.

Dass der sogenannte „antifaschistische Schutzwall“ nur dem Zweck diente, die DDR-Bevölkerung an der Flucht in den Westen zu hindern, machte der ehemalige Grenzbeamte an der Tatsache fest, dass die Selbstschussanlagen nur nach Osten, ins eigene Land, gerichtet waren. „Vom Westen her konnte man die Befestigungen leicht überwinden“, sagte er.

Wie stark die heutige Gesellschaft durch Migration geprägt ist, machte der ehemalige Polizist anschaulich deutlich. Er ließ alle Schüler aufstehen und fragte dann nach und nach ab, wer selbst einen Migrationshintergrund hat, wessen Eltern und Großeltern zugewandert sind. Diejenigen durften sich setzen. Am Schluss stand nur noch ein Drittel der Jugendlichen.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961, als in Berlin der Mauerbau begann, gab es eine „brandgefährliche Situation“ mit den beiden Machtblöcken kurz vor einem erneuten Krieg. Genau in dieser Nacht flüchtete auch Raabes Familie von Ost- nach West-Berlin. Der Vater hatte aufgrund seiner Tätigkeit als Finanzbeamter Wind von den geplanten Ereignissen bekommen, war als Christ aufgrund seines öffentlichen Bekenntnisses zuvor schon verfolgt worden.

Nach dem Mauerbau wurde laut dem ehemaligen Grenzpolizisten auch der Aufbau der innerdeutschen Grenze immer mehr vorangetrieben. „Ab 1975 habe ich das selbst erlebt“, so Raabe. Zaun, Kfz-Sperrgraben, Spurensicherungsgraben, Kolonnenweg, Wachtürme, Minengürtel, später Selbstschutzanlagen – in deutscher Gründlichkeit wurde auf 1400 Kilometern quer durchs Land ein monströser, menschenverachtender Tötungsapparat hochgezogen.

Die DDR-Grenzanlagen sahen laut dem früheren Erbacher Polizisten „den Tod als Mittel zur Fluchtverhinderung“ vor. Erst waren es Minenstreifen, die die Flucht von Ost nach West verhindern sollten, dann ab 1971 die Selbstschussanlagen. Bevor die Mauer 1989 fiel, habe es bereits Pläne gegeben, alles elektronisch aufzurüsten.

Die Grenzziehung brachte laut Raabe aber auch so manch abstruse Ereignisse mit sich. So musste bei Lindewerra der hessische Zug ein Stück über thüringisches Gebiet fahren – was dazu führte, dass er dort von russischen Soldaten kontrolliert wurde. Um das zu ändern, gab es eine Grenzbegradigung, vereinbart zwischen Amerikanern und Russen: die sogenannte Whisky-Wodka-Linie.

Von Schülerseite wurde darauf hingewiesen, dass es auch heute noch Mauern zwischen Staaten gibt: Nord- und Südkorea sowie Israel und Palästina sind nur zwei Beispiele. Von Lehrerseite wurden die USA und Mexiko ergänzt. Lehrerin Barbara Bohn betonte zum Schluss die Wichtigkeit, keine neuen Grenzen zu errichten.

 

 

Volkmar Raabe, 1955 in der ehemaligen DDR geboren, flüchtete 1961 mit seinen Eltern erst von Ost- nach West-Berlin, kam vom Auffanglager Marienfelde dann ins Saarland und wuchs in Saarlouis auf. 1975 fing er beim Bundesgrenzschutz an und war danach an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in den verschiedensten Funktionen stationiert. 1992 wechselte er zur hessischen Polizei und erlebte dort verschiedene große Einsätze mit. Im Jahr 2000 kam Raabe zur Erbacher Polizei. Dort war der Polizeihauptkommissar bis zu seiner Pensionierung als Jugendkoordinator und Pressesprecher tätig. Heute ist Raabe als Diakon in der katholischen Kirchengemeinde Michelstadt aktiv.

„Es ist schlimm, was heutzutage wieder passiert“

Der 9. November ist seit jeher ein deutsches Schicksalsdatum. Wird er im geschichtlichen Kurzzeitgedächtnis eher mit der friedlichen DDR-Revolution vor 30 Jahre in Verbindung gebracht, so ist er mit dem 9. November 1938 als Reichspogromnacht eine mahnende Erinnerung, zu welchem schrecklichen Taten die Nazi-Herrschaft fähig war. Die neunten und zehnten Klassen der Oberzent-Schule Beerfelden gedachten den Übergriffen auf jüdische Mitbürger, der Ermordung von Menschen anderen Glaubens und der Zerstörung von jüdischem Eigentum.

Der Rundgang führte von der Schule aus über evangelische Kirche und ehemalige Synagoge zum katholischen Gotteshaus. Auf einem Teil waren auch Vertreter der muslimischen Ditib-Gemeinde dabei. Schulleiter Bernd Siefert nahm zu Beginn Bezug auf den Vorfall in Halle an Jom Kippur. Er verwies auf die Wichtigkeit der Veranstaltung. Die Erziehung zum mündigen Bürger wird in der Schule groß geschrieben, betonte er.

Die Ethik-Klasse 10 von Karin Walther sprach den Impuls. Dann ging es vorbei am Versammlungshaus der muslimischen Gemeinde in der Marktstraße in die gegenüber liegende Martinskirche. Dort freute sich Pfarrer Roger Frohmuth, dass weit über 100 Schüler den mittleren Teil des Kirchenschiffs füllten. „Es ist schlimm, was heutzutage wieder passiert“, dass Leid Vorurteile schürt, nahm der Geistliche Bezug auf aktuelle Entwicklung.

Konflikte würden zunehmend mit Fäusten ausgetragen, warnte der Pfarrer vor einer Verrohung der Gesellschaft. „Das ist keine Art, miteinander umzugehen.“ Für ihn ist es wichtig, die Faust des anderen wieder zu öffnen, „denn Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Wie es funktionieren kann, machte Frohmuth anschaulich deutlich.

Zwei Schüler schafften es mit aller Kraft nicht, seine Faust zu öffnen. Das schaffte erst Siefert, indem er mit ausgestreckter, offener Hand auf ihn zuging. „Nicht drauf, sondern einschlagen“, ist deshalb für Frohmuth das adäquate Mittel. Auch wenn es nicht immer leicht sein sollte. Aber: „auf der anderen Seite steht auch ein Mensch.“

Mevlüt Erdogan, Vorstandsmitglied der islamischen Ditib-Gemeinde, ging in seinen in seinen mahnenden Worten auf die mehr als 1400 zerstören Synagogen am 9. November 1938 ein. In ganz Deutschland gab es über 400 Tote. Die jüdische Gemeinde in Beerfelden blicke auf eine 300-jährige Geschichte in Oberzent zurück, sagte er. Bis zu 200 Mitbürger waren es 1861.

„Durch Hetze und Propaganda wurde eine ganze Gemeinde vertrieben und ermordet“, so Erdogan. Auch heute gebe es wieder Probleme: politische Parteien, die Hetze gegen Muslime oder Ausländer betrieben. „Wir sind auch hier, wir sind auch Beerfellmer“, betonte der zweite Vorsitzende. „Lasst nicht zu, dass sich die Geschichte wiederholt“, fordert er die Schüler auf.

An der ehemaligen Synagoge, wo sich heute das „S‘Lagger“ befindet, machte die Gruppen nach einem Schweigemarsch als nächster Station Halt. Das jüdische Gotteshaus war in der betreffenden Nacht vor 81 Jahren abgerissen worden. Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten Synaogen wurde sie nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. „Für diese Menschen haben wir 2012 die Stolpersteine verlegen lassen“, so Siefert.

Jetzt gibt es wieder jüdische Mitbürger in Oberzent, betonte der Schulleiter. Einer war der Einladung gefolgt: Sarig Nachum. Der ging „für die deportierten jüdischen Mitbürger mit“ und lobte am Ende das Engagement von Eltern und Schülern: „Sie machen tolle Aktionen an der Oberzent-Schule.“ In der katholischen Kirche als letzter Station hielt der Erbacher Pfarrer Martin Eltermann ein Plädoyer für den Frieden.

 

Info: Öffentlich ist der Vortrag von Dr. Dirk Strohmenger zur „NS-Zeit im Erbacher Landkreis am Beispiel von Beerfelden“, den er am Donnerstag, 14. November, um 19.30 Uhr in der Aula der Oberzent-Schule hält.

Mit HighTech brummt’s für die Bienen

In der Oberzent-Schule Beerfelden brummt es. Unter dem Motto „BEE-4-Future“ startete jetzt ein besonderes Naturprojekt. Im Schulhof werden derzeit drei Bienenvölker von Kindern und Jugendlichen betreut. Die bestehende Projektgruppe unter der Leitung von Stadtjugendpfleger René Tunn sowie den Schulsozialarbeiterinnen Tanja Stolp und Tünde Schweighardt vom Verein für Bildung und Kulturarbeit Lernstubb wurde aus 300 Bewerbern ausgewählt, einen von bundesweit 100 vergebenen HighTech-Bienenstöcken im Innenhof der Oberzent-Schule aufzustellen.

Die Jugendlichen hatten sich hierfür im Rahmen einer Projektwoche beworben und klassenübergreifend ein Bewerbungsvideo erstellt. Es ging darum, mit der Falttechnik Origami Bienen, Bäume, Schmetterlinge und Blumen herzustellen. Damit entstand als Modell der Innenhof nach den ihren Vorstellungen. Sie ließen darin alles einfließen, was sie als für Bienen wertvoll erachteten.

Mit dem Video der Modell-Entstehung ging es dann in die Bewerbungsphase für das von der Audi-Stiftung geförderten Projekts „We4Bee“. Nach der offiziellen Begrüßung durch Schulleiter Bernd Siefert und Bürgermeister Christian Kehrer wurde die Funktionsweise der „HighTech-Bienenbeute“ erläutert, stellvertretend von Siebtklässler Jannik Eichmann in Betrieb genommen und mit dem Internet verbunden.

Ab sofort werden alle Umwelteinflüsse wie beispielsweise Feinstaub, Niederschlagsmenge, Luftdruck oder Helligkeit über Sensoren gemessen und zur Weiterbearbeitung an die Uni Würzburg geleitet. „Die Innen- und Außenkameras lassen Interessierte zu jeder Zeit am Bienenleben teilhaben“, erläutert Tunn. Eine entsprechende Verlinkung wird sowohl auf der Homepage der Oberzent-Schule als auch auf der Internetseite der Stadt eingerichtet.

Die Lernklasse hatte für die Veranstaltung Honigplätzchen in Bienenform und andere Leckereien mit Honig vorbereitet. Anspruchsvolle Acrylbilder, die zu Gunsten des Bienenprojektes von den Schülern gefertigt wurden, konnten gegen eine Spende erworben werden. Ein Bienenlehrpfad führte die erwartungsvollen Besucher durch das Gebäude der Schule.

Die Oberzent-Schule ist nach eigener Aussage im Odenwald die einzige Lernanstalt, in der das Wissen rund um die Biene in dieser Form zielgerecht an die künftigen Generationen weitergegeben wird. Die entstandene, offene AG trifft sich einmal pro Woche und wird je nach Jahreszeit tagesaktuelle, am Bienenkalender orientierte Arbeiten durchführen.

Neben der Wissensvermittlung geht es bei diesem Projekt um praktische Fertigkeiten, um die für die Bienen vorgesehenen Materialien zu pflegen und den Innenhof instand zu halten (Streichen der Behausungen, Rasen mähen, Bepflanzung, Wandgestaltung). Den Projektinitiatoren ist es ein besonderes Anliegen, „den Erfahrungsraum Natur erlebbar und greifbar zu machen“, erläutert René Tunn.

Ihrer Meinung nach ist in einer immer schneller lebenden, verkopften, erfolgsorientierten Gesellschaft die Gefahr gestiegen, den Blick fürs Wesentliche, nämlich die Natur, zu verlieren. Wann immer sich die Möglichkeit bietet, wird generationsübergreifend gearbeitet, um Kindern, Jugendlichen und Interessierten das Wissen über Bienen, insbesondere aber über die Honigbiene zu vermitteln.

So wurden beispielsweise zu Beginn der Projektphase die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen von der fünften bis zur zehnten Klasse eingeladen, bei der Firma Wagner in Mudau erste eindrucksvolle Einblicke in das Bienenleben zu gewinnen. Ziel war es, Ängste und Vorurteile abzubauen oder ihnen entgegenzuwirken. Das Erlebnis, wie es sich anfühlt, eine Honigbiene auf der Hand zu haben, „wird die Beteiligten noch lange nachhaltig begleiten und das Projekt tragen“, ist Tunn sicher.

Schülern wienern Stolpersteine gegen das Vergessen

Wider das Vergessen: Die Erinnerung an die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten deportierten und dann ermordeten Juden wird in Beerfelden hoch gehalten. Vor sieben Jahren wurden von einer Religionsklasse der Oberzent-Schule zusammen mit den Künstler Gunter Demnig die sogenannten Stolpersteine vor den Häusern verlegt, wo früher jüdische Mitbürger lebten. Seitdem wird das Thema jährlich im November an der OZS aufgegriffen.

Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in über 1100 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas. Immer rund um den Jahrestag der Reichspogromnacht, als am 9. November 1938 jüdische Gebäude in Flammen aufgingen, werden in Beerfelden die Stolpersteine abgegangen, gibt es ein Friedensgebet, eine Gedenkminute vor der ehemaligen Synagoge, Vorträge von muslimischer Gemeinde sowie evangelischer und katholischer Kirchengemeinde.

In diesem Jahr findet die Aktion am Freitag, 8. November, ab 9.50 Uhr statt. Im Vorgriff darauf besprach Schulleiter Bernd Siefert mit seiner neunten Religionsklasse den Flyer zur Stolperstein-Verlegung von 2012. Darin werden die Namen der 18 jüdischen Mitbürger genannt, die vor allem 1942 in Konzentrationslager deportiert wurden und nie mehr zurückkehrten.

Durch einen Stadtplan aus dem Jahr 1905 ließ sich nachvollziehen, in welchen Häusern damals Juden wohnten. An der zerstörten Synagoge wurde bereits 2010 eine Gedenktafel angebracht. Im Vorfeld des Rundgangs vom 8. November werden die Stolpersteine gereinigt, was jetzt Sieferts Reliklasse erledigte. Der Lehrer freute sich darüber, dass Schüler, „die sich sonst eher wenig am Unterricht beteiligen“, die Steine mit Energie wienerten und reinigten. Die hatten das auch nötig, denn sie waren ganz beschlagen, stellte der Schulleiter fest.

Siefert erwähnte auch den Landrats-Bescheid vom 15. April 1942, der euphemistisch von einer „Evakuierung“ sprach. Unterlagen wurden gefälscht, damit nichts auf eine konzertierte Aktion hinwies. Ein weiterer Stolperstein kam 2016 hinzu: für den in den letzten Kriegstagen durch Nazi-Schergen ermordeten 22-jährigen Soldaten Herbert Creutzburg, der auf dem Platz vor der Martinskirche am 25. März 1945 gehängt wurde.

In November stehen noch zwei weitere Veranstaltungen zu diesem Thema an. Am Montag, 11. November, liest die jüdische Autorin Lena Gorelik für die Schüler. Öffentlich ist dann der Vortrag von Dr. Dirk Strohmenger zur „NS-Zeit im Erbacher Landkreis am Beispiel von Beerfelden“, den er am Donnerstag, 14. November, um 19.30 Uhr in der Aula der Oberzent-Schule hält.

Der Wissenschaftler analysierte für ein 2016 erschienenes Buch die Zeit des Nationalsozialismus im Altkreis Erbach und ergänzte die Darstellung um jene Gemeinden, die weit nach dem Zweiten Weltkrieg und im Zuge der kommunalen Gebietsreform von 1972 dem heutigen Odenwaldkreis eingegliedert wurden.

Sehr detailliert schildet Strohmenger in seinem Buch unter anderem die Hinrichtung Herbert Creutzbergs. Er weist auch auf den Zynismus und die Heuchelei der Machthaber hin. Denn der Befehl, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, kam durch Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger. Und genau dieser trat am 25. März 1945 die Flucht vor den heranrückenden Amerikanern nach Südbayern an.

 

Info: Das Buch von Dirk Strohmenger, „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945“, wurde in der Steinbacher M&K-Satz-, Druck- und Verlags-GmbH hergestellt und ist zum Preis von 25 Euro im Landratsamt Erbach (Bürgerservice) sowie im Buchhandel erhältlich. Die ISBN lautet 978-3-9815625-4-5.

 

Weg von den Mehrverpackungen an der Oberzent-Schule

Wolfgang Bechtold ist der Oberzent-Schule (OZS) schon seit Jahrzehnten eng verbunden. Seine beiden Kinder drückten hier die Schulbank, viele Azubis des Betriebs für Kunststoffverarbeitung und Werkzeugbau rekrutiert er von der OZS. Er ist auch gerne Partner der Lernanstalt, wenn es um Neuerungen geht. So wie jetzt beim Umstieg von Einwegtetraverpackungen auf Plastikmehrweg-Trinkflaschen.

„Wir wollen unseren Schülern jeden Tag frisches Wasser zur Verfügung stellen“, erläutert Schulleiter Bernd Siefert die Hintergründe. Die Idee kam von der Schülervertretung. Deren ursprüngliches Ansinnen ging in Richtung eines Wasserspenders. Der Weg soll auf jeden Fall wegführen von den Milchbeuteln hin zu weniger Verpackungsmüll. Vom Wasserspender kam man allerdings wieder ab – auch wegen der möglichen Keime.

Zwei Bechtold-Azubis, natürlich von der Oberzent-Schule, werden jetzt in einem speziellen Herstellungsverfahren im Betrieb Mehrweg-Plastikflaschen herstellen, mit denen dann die Wasserleitung direkt „angezapft“ werden kann. „Fridays for Future“ mal anders, meint Siefert augenzwinkernd. „Wir produzieren weniger Müll, was auch der Umwelt zugutekommt.“ Ein weiteres gemeinsames Bechtold-OZS-Projekt sind 300 Familienkalender, in denen sich die verschiedenen Termine gesammelt eintragen lassen.

Vor kurzem feierte der Unternehmer seinen 70. Geburtstag. Bernd Siefert schenkte seinem rotarischen Freund dazu ein Fotobuch mit Bildern der Belegschaft, von Andreas Weinmann „heimlich“ aufgenommen. Jeder Mitarbeiter konnte sich dazu mit einem Spruch eintragen. Ein Fotobuch mit Motiven aus Oberzent, ebenfalls von Weinmann geschossen, ist auch bei der Schule in Planung. Es soll als Geschenk für Partner beider Institutionen dienen, da es mit den jeweiligen Logos versehen ist.

Mahnerin vor dem Wiedererstarken des Rechtsradikalismus

Mit ihr verstummte vor kurzem eine mahnende Stimme, die immer mit Nachdruck der jungen Generation ins Gewissen redete, nie wieder Verhältnisse wie zwischen 1933 und 1945 zuzulassen. Die 94-jährige Dr. Elisabeth Kellner, 2.v.r., eine der letzten Zeitzeuginnen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges in Beerfelden, verstarb dieser Tage. Die Trauerfeier fand auf ihren Wunsch hin im engsten Freundeskreis statt.

1943/44 begann Kellner während der Kriegszeiten in Heidelberg das Medizinstudium, das sie nach Kriegsende 1947 wiederaufnehmen und abschließen konnte. In den 60er Jahren erwarb sie in Mannheim den Facharzt für Chirurgie und arbeitete am Krankenhaus in Eberbach sowie in der Uni-Klinik Heidelberg.

Später wurde sie ehrenamtlich politisch aktiv. Kellner trat bereits 1957 der CDU bei und war 1973 Gründungsmitglied der Christdemokraten in Beerfelden. In einer Zeit, in der nur wenige Frauen im politischen Raum zu finden waren, engagierte sie sich unter anderem im Beerfelder Stadtparlament und im Odenwälder Kreistag.

Für jene Partei, die auch die neue politische Heimat der Eltern geworden war, zog sie 1966 in den Odenwälder Kreistag ein. Für ihre Arbeit erhielt sie bereits in den 80er Jahren die Ehrenplakette des Odenwaldkreises in Bronze sowie das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15, war regelmäßiger Gast beim Gedenken, das die Oberzent-Schule in jedem Jahr zum 9. November, der Wiederkehr der Reichspogromnacht 1938, ausrichtete. Sie war auch bei der Stolperstein-Verlegung für die ermordeten Juden aus Beerfelden mit dabei und hielt bei deren jährlicher Reinigung immer aufs Neue einen flammenden Appell unter dem Motto „Wehret den rechten Anfängen“ an die Schüler.

Sie habe diese schlimme Zeit miterlebt, so Kellner. „Seid auf der Hut“, meinte sie an die Schüler gewandt. „Glaubt nicht denjenigen, die euch eine einfache Lösung versprechen“, spannte sie einen Bogen zu den politischen Entwicklungen der heutigen Zeit. „Die Gefahr des Rechtsradikalismus ist nicht abstrakt, sondern konkret“, so Kellner, die auch noch im vergangenen Jahr an einer solchen Veranstaltung teilnahm.

Man müsse aufpassen, dass die Menschen nicht wieder solchen Rattenfängern wie Hitler und der NSDAP nachliefen. Sie sah schon vor einigen Jahren eine sehr beunruhigende Entwicklung in Europa durch das Erstarken von rechtspopulistischen und -nationalistischen Parteien voraus. Da hatten Matteo Salvini oder Marine Le Pen noch gar nicht ihre Wahlerfolge gefeiert. Stets geistig hellwach, blieb sie bis zuletzt am Zeitgeschehen interessiert.

Kellner schilderte bereits früher in einem Beitrag für den evangelischen Gemeindebrief ihre Eindrücke der damaligen Zeit. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen. „Europa ist unsere Garantie für Frieden“, appellierte sie an die gemeinsamen Werte.

Keiner hätte sich je vorstellen können, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Deutschland „ein ersehntes Ziel für Flüchtlinge vor Krieg und Armut werden könnte“, so die ehemalige Ärztin. Über 70 Jahre Frieden und Freiheit „liegen heute hinter uns, das ist nicht selbstverständlich.“ Dieses hohe Gut gilt es zu bewahren, betonte sie

„Geht wählen, schaut und hört euch die Kandidaten genau, ja skeptisch an, testet ihre Einstellung gegenüber Fremden und Minderheiten und hütet euch vor denen mit schnellen und einfachen Lösungen“: Das sind laut Kellner die Erfahrungen, die die Alten der jungen Generation mitgeben können.

„Wir brauchen keine Populisten und Extremisten, sondern gute Politiker, die Kompromisse geduldig suchen“, meinte sie. Eine Regierung von Radikalen, auch wenn sie auf demokratischem Weg zustande komme, „könnte sich im Zeitalter der Digitalisierung als besonders gefährlich erweisen“.

Oberzent-Schule setzte „ein Zeichen für Fremdenfreundlichkeit“

Die Stiftung der ehemaligen Lehrerin Johanna Käpernick-Krämer machte es möglich: Die Klasse 7a organisierte mit den Lehrerinnen Conny Frank und Derya Özdemir einen „Sporttag für Fremdenfreundlichkeit“, der sogar das Interesse des hessischen Rundfunks auf sich zog. Die Fußballer-Zwillinge Justin und Patrice Kabuya aus der U19 von Eintracht Frankfurt wurde nach Beerfelden eingeladen. Sie kamen zusammen mit ihrem Vater Jean Kabuya an die Oberzent-Schule.

Die Schüler wollten mit ihrem Projekt ein Zeichen für Fremdenfreundlichkeit setzen. Da es sich um eine sportbegeisterte Klasse handelt, wurde schnell die Idee entwickelt, im Rahmen eines Sporttages bekannte Sportler mit Migrationshintergrund einzuladen. Der Kontakt zu den jungen Fußballern kam durch Derya Özdemir zustande, die mit der Schülerverwaltung und der siebten Klasse von Conny Frank gemeinsam in kurzer Zeit ein Sportfest mit dem Schwerpunkt Fußball auf die Beine stellte.

Als Vorbereitung entwickelten alle Klassen ein Poster mit ihrem eigenen Statement, um sich mit der Thematik intensiv auseinanderzusetzen. Neben Fußballturnieren für alle Jahrgänge gab es ein Interview mit den Zwillingen und ihrem Vater, eine Autogrammstunde und die Vorstellung der Kicker mit DJ Leon Volk.

„Mit den Plakaten werden Zeichen gesetzt“, betonte Conny Frank. Vater Jean Kabuya, aus dem Kongo stammend, schnappte sich ein Plakat mit der Aufschrift: „C’est le caractère qui compte“ (auf den Charakter kommt es an). Es folgte dann ein Fußballturnier mit den jugendlichen Promi-Kickern. Jede Klasse erhielt, passend zu den Plakaten als Ausdruck von Vielfalt, bunte Bälle. Die konnten auch für Autogramme genutzt werden.

Johanna Käpernick-Krämer, die ihre Stiftung mit 50.000 Euro ausstattete, zeigte sehr zufrieden mit dem ersten Projekt, seit sie diese ins Leben gerufen hatte. „Besonders liegt mir am Herzen, dass sich die Schüler gegen Gewalt, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Neonazismus engagieren“, hob sie hervor. Das Kabuya-Trio wiederum war begeistert von der positiven Atmosphäre in der Oberzent-Schule. Papa Jean meinte: „Ich bin ganz geflasht, wie herzlich wir empfangen wurden.“

Die Kabuya-Jungs haben ihren Worten zufolge das Glück, „bisher meist positiv empfangen und aufgenommen worden zu sein“ – sowohl in ihrer Schulzeit als auch im privaten Umfeld und auf dem Fußballplatz. Bei Bemerkungen, die sich auf ihre Herkunft beziehen, „reagieren sie cool und gelassen“, erläuterte der Vater. Die Zwillinge gaben den Rat, selbst immer offen und freundlich auf die Mitmenschen zuzugehen.

Auch in der Siebener-Klasse wurde der Umgang mit Jugendlichen intensiv angesprochen, die einen Migrationshintergrund haben. Es entstand dabei der Eindruck, „dass sich erfreulicherweise die meisten Schüler gut integriert und akzeptiert fühlen“, bilanzierte die Pädagogin Frank. Wenn der Tag zum Nachdenken und Diskutieren anregte, „dann war es ein voller Erfolg im Sinne des Projekts“, freute sie sich: nämlich ein Zeichen zu setzen für Fremdenfreundlichkeit.

Eine Schülerin meinte stellvertretend für andere: „Ich liebe meine Schule. Es war toll, dass solch ein Event bei uns möglich ist. Wir sind stolz, wir haben ein Zeichen gesetzt.“ Schulleiter Bernd Siefert betonte im Interview mit dem Hessischen Rundfunk das Leitbild der Lernanstalt: „Wir begegnen uns mit Respekt, Wertschätzung und Empathie.“ Der Podcast ist unter www.hr4.de/programm/podcast/rhein-main/oberzent-schule-beerfelden-aktiv-fuer-fremdenfreundlichkeit-290519-1530h,podcast-episode46778.html nachzuhören.

 

 

Johanna Käpernick-Krämer war seit 1983 bis zu ihrer Pensionierung 2009 Pädagogische Leiterin an der Oberzent-Schule Beerfelden. Sie ist auch heute noch als Vorsitzende des Fördervereins aktiv und bringt sich tatkräftig ein. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie deren Haus in Darmstadt verkauft und eine Stiftung über 50.000 Euro für die Oberzent-Schule ins Leben gerufen. Davon werden jedes Jahr 4000 Euro zur Verfügung gestellt – in der Erwartung, dass die Antragsteller selbst zehn Prozent der Kosten aufbringen. In diesem Jahr werden insgesamt drei Projekte bezuschusst: außer dem hier genannten die Fahrt nach Dachau der Neunt- und Zehntklässler und die Erforschung der Situation der Juden in Beerfelden.

Eines der besten The-Mu-Ku-Festivals an der Oberzent-Schule

Das „Theater-Musik-Kunst“-Festival, kurz The-Mu-Ku, ist an der Oberzent-Schule bereits eine Institution und fest mit dem Namen von Conny Frank verbunden. Die Pädagogin drückt dem künstlerischen Bereich an der Gemeinschaftsschule schon seit knapp vier Jahrzehnten ihren Stempel auf. In diesem Jahr zu letzten Mal, wie mit viel Bedauern aufgenommen wurde. Denn Frank geht Ende des Schuljahres in den Ruhestand.

In seiner Begrüßung zitierte Schulleiter Bernd Siefert aus ihrem Würdigungsbericht von 1980: „Sie trägt durch ihre Ausstellungen von Schülerarbeiten zu einem musischen Schulklima bei.“ Das letzte Festival unter ihrer Regie „war ein voller Erfolg“, freute sich Frank. Kunst wurde mit Überraschungseffekten lebendig: als Inspiration, Irritation oder Provokation, über eine dadaistische Licht-Performance bin hin zu einer farbintensiven surrealen Kunst-Performance mit Bodypainting an mutigen Mitschülern, während parallel unterschiedliche Texte über surreale Stilrichtung gleichzeitig vorgelesen wurden.

Inspirierende Kunstwerke der Schüler wurden auf Staffeleien im Foyer ausgestellt: zu Abstraktion, Emotion, Poesie, Perspektive, Traumwelten des Surrealismus, Farbstudien oder humorvolle Antiwerbung als Design zum Thema „Verpackung“. Eine ehemalige Schülerin konnte man sogar beim virtuosen Zeichnen von nahezu lebensechten Tierbildern beobachten. „Eine rundum inspirierende, ausdrucksstarke Präsentation unserer fantasievollen Schüler“, so Frank.

Im kulturellen Rahmenprogramm begeisterte der Spanischkurs mit einem kolumbianischen Tanz. Die Choreographie geschah durch die zurzeit in Gastfamilien der Oberzent-Schüler lebenden kolumbianischen Austauschschüler. Außerdem spielte Schulhund Smilla eine große Rolle mit der Vorführung seiner Kunststücke, mit Begeisterung durchgeführt von den Lernhilfe-Schülern.

Die extra für das The-Mu-Ku gegründete Theater-Gruppe der Oberzent-Schule traf sich kurz vor der Aufführung, um ein eigenes Theaterstück zu schreiben und es zwei Tage später dem Publikum zu präsentieren. Sofort danach war klar: Es sollte mehr davon geben. Die Jugendlichen kreierten ein Szenario, bei dem zwei Schulen für einen Tag zusammengelegt werden, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Publikum hatte viel zu lachen und den Schülern fiel es sichtlich leicht, ihr eigenes Stück zu präsentieren.

Als weiteres Highlight zeigte die Zirkus-AG ihre Kunststücke zu Balance und Akrobatik, teilweise sogar auf Stelzen im Rhythmus zu Walzer, Rock‘n‘Roll und Twist. „Wie immer eine großartige Show“, stellte die Pädagogin fest, die das Publikum mit großer Spannung zuschauen und staunen lässt. Snacks und Drinks an einer Hawaii-Bar rundeten das Festival ab.

Zur guten Stimmung trugen außerdem gelungene musikalische Beiträge des Schulchors, von Pianistin Lea Siefert und des Musik-Ensembles mit Rapper Audrey Ganz Garcia bei. Der versteht es, mit seinem expressiven Stil das Publikum mitzureißen. Insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung, wie eine Besucherin kommentierte: „Eines der besten The-Mu-Ku-Festivals, das ich an der Oberzent-Schule je erlebt habe.“

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig talentiert sich unsere Schüler zeigen“, sagte Conny Frank. Sie ist „jedes Mal aufs Neue begeistert, das große Engagement im musikalischen und künstlerischen Bereich, aber auch im darstellenden Spiel zu erleben“. Die Jugendlichen entdecken mit großer Begeisterung ihre Stärken, entwickeln sie und wachsen daran. Auch das macht die Schule aus, betonte sie: „Hinschauen, Wertschätzen und Wohlfühlen.“

Das Festival „The-Mu-Ku“ gibt es seit ungefähr 15 Jahren. Die Grundidee war, Theateraktivitäten, Musikevents und Kunst-Vernissagen an der Oberzent-Schule, die jeweils als einzelne Veranstaltungen im Laufe eines Schuljahres stattfanden, zu bündeln und dadurch die Vielfalt der schulischen kulturellen Aktivitäten im Rahmen eines Festivals mit Theater, Musik und Kunst zu präsentieren. Somit können Kompetenzen der Schüler in kulturellen Bereichen deutlicher hervorgehoben werden und zum Ausdruck kommen, als es im regulären Schulalltag möglich ist.

Siebt- und Achtklässler der Oberzent-Schule besuchten den Judenfriedhof

„Ein Friedhof sieht doch ganz anders aus“, meinten die Siebt- und Achtklässler der Oberzent-Schule, als sie auf den jüdischen Friedhof kamen. Der liegt abseits der Stadt an der Sensbacher Straße. Fast alle Schüler hatten keine Ahnung davon, dass es dort eine weitere Begräbnisstätte gibt. Da das Thema Nazi-Deutschland im Lehrplan erst noch ansteht, wussten sie zum Großteil auch noch nichts von den damals an den jüdischen Mitbürgern begangenen Gräueltaten.

Der Unterrichtsgang zum Judenfriedhof in Beerfelden fand im Rahmen des Religionsunterrichts zum Thema Judentum statt. Die katholische Religruppe von Gabriele Maurer und die achte, evangelische Religionsklasse von Schulleiter Bernd Siefert, begleitet von Andreas Weinmann, machten sich dorthin auf den Weg. Die katholischen Schüler erfuhren von Siefert auch, dass beim Bau der katholischen Kirche ein Jude die Hälfte der Kosten trug. Abraham Salomon Rosenthal war in die USA ausgewandert, wurde dort reich, vergaß aber seine alte Heimat nicht.

Das Gelände des jüdischen Friedhofs mit einer Fläche von 840 Quadratmeter auf einem Gesamtgrundstück von 3500 Quadratmetern wurde dem Schulleiter zufolge 1926 von der Stadt Beerfelden an die dortige israelitische Religionsgemeinde verkauft. Zuvor wurden die jüdischen Mitbürger auf dem Judenfriedhof in Michelstadt beigesetzt. Die erste Beisetzung war die des Joseph Oppenheimer am 27. Februar 1927. Bis 1937 wurden dort 13 Mitbürger jüdischen Glaubens begraben.

Schändungen gab es seinen Worten zufolge während der Reichspogromnacht 1938 (Zerstörung der Kapelle, Umwerfen der Grabstein) und 1994 (Umwerfen der Grabsteine). Während des Zweiten Weltkriegs wurden keine Zerstörungen verzeichnet. Nachdem gegen Kriegsende das Grundstück an die Stadt überging, erstattete diese es 1953 an die Jewish Restitution Successor Organization (Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation/JRSO) zurück.

1960 wurde der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen Eigentümer des Friedhofsgeländes, so Siefert. Der Friedhof ist inzwischen als religionsgeschichtliches Denkmal in die Liste der denkmalwerten Bausubstanzen aufgenommen. Heutzutage geschieht die Pflege der Anlage durch die Stadt. Der Schulleiter ging auch auf die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung ein. Diese stieg im 19. Jahrhundert stark auf über 150 Seelen an, um dann aber nach der Jahrhundertwende stetig zurückzugehen.

Die Beerfeldener jüdische Gemeinde hatte rund um das Jahr 1900 noch zu wenig Geld für einen eigenen Friedhof. Sie baute aber 1905 am Gartengrundstück des Frauenbadhauses eine Remise für den Leichenwagen an. Es war dann ebenfalls Abraham Salomon Rosenthal, der mit 200.000 Mark aus seiner Stiftung die Verwirklichung ermöglichte. Die Planungen begannen schon 1924, als eine Friedhofsordnung erstellt wurde, verzögerten sich aber unter anderem durch Einsprüche der NSDAP. 1930 wollte man eine Leichenhalle in der Stadt errichten. Doch kam dieses Projekt ebenso wie die Sanierung der Synagoge nicht mehr zur Ausführung.

Mit der Geschichte der jüdischen Religionsgruppe haben sich die Oberzent-Schüler bereits in den vergangenen Jahren häufig beschäftigt. Auf ihren Antrag hin wurden bisher in Beerfelden eine Gedenktafel an der ehemaligen, 1938 zerstörten Synagoge angebracht (2008) und Stolpersteine für die letzten im Jahr 1942 aus Beerfelden deportierten jüdischen Mitbürger verlegt (2012).

Projekt „Kirche im Dritten Reich/Judenverfolgung in Beerfelden“

Im kommenden Schuljahr 2019/20 will der Religionskurs 8 der Oberzent-Schule ein Projekt durchführen, für das jetzt Unterstützung bei der Stiftung von Johanna Käpernick-Krämer angefragt wurde. Es heißt „Kirche im Dritten Reich/Judenverfolgung in Beerfelden“. Siefert will mit seiner Reliklasse den Auschwitz-Zeugen Ignaz Golik (97 Jahre) in Wiesbaden besuchen. Am 9. November wird in der dritten und vierten Stunde ein Gedenkgang mit Friedensgebet durchgeführt werden. Eine Gesprächsrunde mit der jüdischen Autorin Lena Gorelik ist für den 11. November terminiert, ein Vortrag von Dr. Dirk Strohmenger über „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis am Beispiel Beerfeldens“ für den 14. November.

Die Oberzent-Schule ist ihr Denkmal

„Aufpassen! Hinsehen! Anpacken!“: Das ist der Name der Stiftung von Johanna Käpernick-Krämer. Die ehemalige Lehrerin an der Oberzent-Schule rief sie mit dem Verkaufserlös des Hauses ihrer Mutter ins Leben. „Zweck der Stiftung soll es sein, die politische Bildung zu fördern“, betonte sie. Zur Enthüllung einer „Danktafel“ für die Pädagogin und zur Widmung von zwei Ebereschen kam die Schulgemeinde nun auf der Freifläche zusammen.

Schulleiter Bernd Siefert stellte dabei seinen hohen persönlichen Bezug heraus: „Du bist mir in Klasse 5 als meine Deutschlehrerin zum ersten Mal begegnet und hast mich als Persönlichkeit, mein Wirken und sowie meine Verbundenheit zur Oberzent-Schule stark geprägt“, sagte er. Aus einer Lektürearbeit in der sechsten Klasse über die Apartheid in Südafrika habe er mitgenommen, „dass man nicht alles hinnehmen darf und für seine Rechte eintreten muss“.

Käpernick-Krämer war seit 1983 bis zu ihrer Pensionierung 2009 Pädagogische Leiterin und „hat die Oberzent-Schule maßgeblich geprägt“, erläuterte Siefert. Sie ist auch heute noch als Vorsitzende des Fördervereins aktiv und bringt sich tatkräftig ein. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie deren Haus in Darmstadt verkauft und eine Stiftung über 50.000 Euro für die Oberzent-Schule ins Leben gerufen. Davon werden jedes Jahr 4000 Euro zur Verfügung gestellt – in der Erwartung, dass die Antragsteller selbst zehn Prozent der Kosten aufbringen.

Um zu überlegen, welche Projekte gefördert werden können, gab es ein gemeinsames Brainstorming. „Ich habe ihr versprochen, ich baue dir ein Denkmal“, sagte der Schulleiter. Doch das wollte die verdiente Pädagogin nicht, „denn die Oberzent-Schule ist ihr Denkmal“. Um Verbundenheit, Dankbarkeit und großen Respekt zum Ausdruck zu bringen, wurden ihr nun die beiden Ebereschen gewidmet, die der Rotary-Club Michelstadt-Erbach spendete.

Dessen Präsident Jens Ruppert freute sich, „dass wir einen kleinen Beitrag zu dem leisten können, was den Rotariern am Herzen liegt“. Er äußerte seine Anerkennung all derer, die sich bürgerschaftlich engagieren. „Hut ab vor diesen Menschen“, so Ruppert. Einen Baum bezeichnete er als wachsendes Denkmal. Der sei „tief verwurzelt, aber auch flexibel“ und dem stetigen Wechsel der Jahreszeiten ausgesetzt. Ihm wie auch der Stiftung wünschte er „eine reife Frucht und viele Lebensjahre“.

Johanna Käpernik-Krämer wollte etwas unterstützten, „was Jugendliche zusammenbringt und sie gemeinsam etwas tun lässt“, sagte sie. Der Unterricht sei bereits vollgepackt mit vielen Themen wie Drogen- oder Gewaltprävention oder Umgang mit dem Internet. Eventuell kommen aber noch andere Dinge hinzu, die von der Stiftung gefördert werden sollen. Sie wünschte sich, dass sich die Schüler mit Ungerechtigkeit und Krieg auseinandersetzen, Empathie für deren Opfer empfinden und bewahren.

Die ehemalige Lehrerin erläuterte die drei Bausteine des Namens, die sich direkt an Schüler richten. Aufpassen sollen die Jugendlichen, wenn darüber gesprochen wird, „was in unserer Geschichte passiert ist und wozu es geführt hat“. Hinsehen bedeutet ihren Worten zufolge nicht wegzusehen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und Anpacken assoziiert sie damit, dass jeder etwas zur Veränderung beitragen kann.

„Besonders liegt mir am Herzen, dass sich die Schüler gegen Gewalt, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Neonazismus engagieren“, hob Käpernik-Krämer hervor. Zu Schuljahresbeginn beraten die Klassen oder Gruppen über ein Projekt, das nach positivem Bescheid möglichst noch im selben Schuljahr angegangen werden soll.

Pfarrer Roger Frohmuth freute sich über die Teilnahme seiner Zehner-Religionsklasse. „Ich habe es noch nie erlebt, dass sich Schüler wünschen, am Ende jeder Schulstunde das Vater Unser zu beten“, sagte er. Das folgte nun auch anlässlich der Einweihung. Die 5a unter Leitung von Andreas Weinmann sang „Herr, gib uns Frieden“, ehe im Schülerarbeitsraum Lea Siefert (Klavier) und Leonie Braun (Flöte) unterhielten.

Schriftstellerin Lena Gorelik stellte den Neunt- und Zehntklässlern an der Oberzent-Schule ihr Buch „Mehr Schwarz als Lila“ vor

Den Oberzent-Schülern begegnete Schriftstellerin Lena Gorelik als „sehr authentische, sympathische und entspannte Persönlichkeit“, sagten sie nach der Lesung. Die 38-Jährige stellte der neunten und zehnten Klassenstufe ihr aktuelles Jugendbuch „Mehr Schwarz als Lila“ vor. Einige Schüler hatten bereits im Vorfeld einige weitere Bücher von ihr erstanden und freuten sich auf die Lesung. Die Jugendlichen bekamen einen „sehr interessanten Einblick in das Leben als Autorin“, lautete eine weitere Rückmeldung.

Lena Gorelik wiederum freute sich über die Begrüßung von einzelnen Schülern zu Beginn der Lesung. Sie war sehr angetan von deren Interesse an ihrer Arbeit fühlte sich an der Oberzent-Schule wohl. Den Austausch danach „empfand ich als sehr angenehm, offen und wertschätzend“, so die 1992 nach Deutschland gekommene Autorin.

Die 1981 in Leningrad/Russland geborene Gorelik erzählt in ihrem Roman von einer überforderten Siebzehnjährigen, die der Welt mit Witz und einer Spur notwendigem Stolz gegenübertritt. Wie nebenher wirft die Schriftstellerin Fragen auf – wie kann man Erinnerung vermitteln, wie frei kann man sein? Vor allem aber geht es ums Erwachsenwerden und um die Bilder, „die wir von uns selbst und anderen haben“.

Im Buch konnten sich viele Neunt- und Zehntklässler wiederfinden: Denn Alex trägt lieber Schwarz als Lila, wie schon der Buchtitel suggeriert. Zum Inhalt: Ihr Vater schweigt die meiste Zeit, und ein Papagei soll ihre Mutter ersetzen. Auf der Klassenfahrt nach Polen küsst die Jugendliche von lauter Gefühlen überrannt Paul – am unpassendsten Ort der Welt, in Auschwitz. Jemand fotografiert sie, das Bild geistert durchs Netz, und dann reden alle über Alex und die Jugend von heute, der Papagei entfliegt, und Alex erkennt: „Jetzt ist das Leben da, und zwar mit voller Wucht.“

Dramaturgisch äußerst geschickt werden erinnerungskulturelle Aspekte und moralisches (Fehl-)Verhalten sowie gängige Topoi wie Freundschaft, Liebe, Außenseitertum und Trauerbewältigung miteinander verknüpft, heißt es über das Buch in der Nominierung für den deutschen Jugendliteraturpreis 2018. Gorelik wird „eine an Metaphern reiche Sprache, das virtuose Ausprobieren und Durchbrechen von Sprachkonventionen sowie die intertextuelle Dimension“ attestiert.

Die Lesung wird zum Großteil vom „Leseland Hessen“ finanziert und mit Gabriele Setzer von der Bücherstube in Beerfelden ein Jahr im Voraus geplant. In Absprache mit den anderen Deutschkollegen „haben wir uns für Frau Gorelik entschieden“, berichtete Lehrerin Derya Özdemir. Sie organisierte dann in Zusammenarbeit mit der Bücherstube die Lesung. Gefördert wird das „Leseland“ durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Lena Gorelik las jeweils eine Stunde aus „Mehr Schwarz als Lila“. In den anderen 30 Minuten entstand nach Eindruck von Özdemir „ein sehr angenehmer Austausch“, bei dem die Schüler sehr viele Fragen zum Autorenleben stellten. Am Bücherstand von Gabriele Setzer gab es die Möglichkeit, einige Werke der Schriftstellerin zu erstehen, um sie dann signieren zu lassen. Die Original-Unterschrift war stark nachgefragt.

Lena Gorelik emigrierte 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Sie erhielt ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Die Autorin veröffentlicht sowohl belletristische als auch wissenschaftliche Texte und Reiseliteratur. Sie ist Mitglied der Autorenedition Sarabande. In unregelmäßigen Abständen verfasst sie Beiträge für Deutschlandradio Kultur und schreibt über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen.

„Leseland Hessen“ ist das größte Literaturfestival des Landes. In über 40 Städten finden jedes Jahr zwischen Ende September und Mitte November etwa 150 Lesungen statt. Zusätzlich zu den öffentlichen Lesungen gibt es nicht-öffentliche Schullesungen. Leseland Hessen fand erstmals 2003 statt und wird seit 2013 vom Hessischen Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt durchgeführt, organisiert und koordiniert.

Lernen in der „Wohlfühloase Oberzent-Schule“

Wenn die Oberzent-Schule zur Präsentation der Projektwochen-Ergebnisse und zum Schnuppertag einlädt, dann ist die „Bude“ immer voll. Aber dieses Mal war es „so gut besucht wie selten“, freute sich Schulleiter Bernd Siefert. „Ausverkauft“ vermeldete sogar die Mensa, vom Förderverein mit Unterstützung aus den zehnten Klassen gemanagt. Über 200 Besucher zählten die Lehrer bei den verschiedenen Führungen durch die Gebäude.

Die Kombination von Projektwochen-Abschluss plus Info für die kommenden Fünftklässler zieht: Nicht nur die Eltern der aktuellen Viertklässler kommen mit ihren Sprösslingen vorbei, sondern die Erwachsenen der älteren Schüler wollen auch wissen, was ihre Kinder in der einen Woche so alles gemacht haben. Die Palette der angebotenen Projekte ist nämlich sehr vielfältig: Ski fahren, Theater, Medienwelten, Schach, Brettspiele bauen, Chemie, Sport, Erasmus, Zeichnen, Filme oder Fotoromane sind unter anderem im Angebot.

„Origami“ hatte noch einen anderen Hintergrund als nur etwas zu falten. Die Schüler stellten nämlich den Innenhof der Schule mitsamt Bienenkörben nach. Zusammen mit René Tunn und Tanja Stolp soll einen Bienenprojekt gestartet werden. „Dafür gibt’s auch Zuschüsse“, schmunzelt Bernd Siefert. Als Ziel dahinter steht die Produktion des eigenen Honigs. Mit Pressluftflaschen ging‘s zum Tauchen ins Hallenbad. Das Equipment dafür hatte Konrektor Dirk Konrad mitgebracht, nebenbei Vorsitzender des Tauchsportclubs in Michelstadt.

„In der Projektwoche herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre und es sind tolle Produkte entstanden“, bilanziert der Schulleiter. Von den Besuchern gab es nur positive Rückmeldungen. Die „gute Stimmung“ und das ansprechende äußere Erscheinungsbild der Lernanstalt wurden gelobt. Auf die Eigenwerbung ist die Oberzent-Schule natürlich auch angewiesen. 60 angehende Fünftklässler gibt es dieses Jahr, die man (und ihre Eltern) logischerweise gerne von einem Besuch der OZS überzeugen möchte.

„Wir wollen zeigen, warum die Oberzent-Schule die beste weiterführende Schule ist“, nimmt Siefert in punkto Schulvermarktung gerne einen Superlativ in den Mund. Neben der familiären Atmosphäre gehört dazu seinen Worten nach sicherlich auch die gute Anschlussfähigkeit für weiterführende Schulen. „Bei uns sind die Kinder gut aufgehoben, werden fachlich-methodisch und sozial gut geschult“, hebt er hervor.

„Wir öffnen unsere Schule nach außen“, sagt der Pädagoge. Denn vor zehn Jahren waren es noch 110 Viertklässler, die die Grundschulen der Region abschlossen. Aber die kleinere Schülerzahl hat auch was Gutes. Es gibt quasi die „Wohlfühloase Oberzent“. Siefert macht das auch am geringen Krankenstand fest. „In der vergangenen Woche war kein Lehrer krank“, sagt er. Und das bei immerhin 30 Pädagogen.

Die sind immer voll dabei, wenn es um die die Erarbeitung der Themen für die Projektwoche geht. Die Schüler können aus dann aus dem Angebot je nach eigenem Geschmack auswählen. Das Schulleitungsteam leistet laut Siefert in dieser Richtung „herausragende Arbeit“: Dirk Konrad, Heidi Domack, die Stufenleiterin für die Klassen fünf bis zehn, und Klaus Seeh, der Koordinator für die Übergänge ans Gymnasium, hängen sich mit den Kollegen voll rein.

Der Schulleiter spricht mit Blick auf die vielen Aktivitäten von einem gewissen Alleinstellungsmerkmal der OZS. Das Angebot kommt auch bei den Schülern gut an, beobachtet Lehrerin Angela Jöst. Die waren mit einem solchen Feuereifer bei der Sache, dass im Chemieversuch sogar der Feueralarm losging. Den zweiten Test der Brandmeldeanlage während der Herstellung gebrannter Mandeln konnte man gerade noch vermeiden, schmunzelt sie.

Traditioneller Abschluss des Tags ist immer die Präsentation des Zirkusworkshops, bei dem Ralf „Jeremy“ Breitinger die Fünf- bis Zehntklässler anleitet. Die AG findet seit langer Zeit immer einmal wöchentlich statt. Dieses Mal wurde in der Sporthalle jongliert und balanciert, was das Zeug hielt. Kleine und etwas größere Artisten freuten sich über den Applaus des Publikums.

Info: Beim Frühlingskonzert der Oberzent-Schule besteht am Sonntag, 31. März, 11 Uhr, das nächste Mal Gelegenheit, die Lernanstalt in Augenschein zu nehmen. Es spielt die Fachschaft Musik von Volker Reichelt.

Oberzent-Hallenbad ist jeden ersten Sonntag im Monat für alle offen

Es darf geplantscht werden: Jeden ersten Sonntag im Monat ist zukünftig das Hallenbad der Oberzent-Schule für die Öffentlichkeit zugänglich. Zwischen 10 und 13 Uhr kommen alle Wasserratten auf ihre Kosten. Beim jetzigen Start wurde deutlich, dass dieses Angebot noch etwas besser publik gemacht werden muss. Denn eigentlich war es ein oft geäußerter Wunsch aus der Bevölkerung, dass nicht nur Schulen oder Vereine dort baden dürfen, sondern alle schwimmfreudigen Bürger. Übrigens nicht nur aus Oberzent, jeder ist willkommen.

„Es gab immer wieder Anfragen, das Bad für die Allgemeinheit zu öffnen“, bestätigt Oberzent-Schulleiter Bernd Siefert. Bisher wird das Becken auch von den Grundschulen der neuen Stadt, der Eugen-Bachmann-Schule Wald-Michelbach sowie verschiedenen Gruppen genutzt. Über die Stadtverwaltung regelte man die dreistündige Öffnungszeit, so Siefert. „Mitglieder der Sportfachschaft übernehmen wechselnd die Aufsicht“, erläutert er. Die müssen dann einen Rettungsschwimmschein vorweisen.

„Wir schauen, wie es sich entwickelt“, kündigt Bernd Siefert an. Geplant ist vorerst der erste Sonntag im Monat, jedoch außerhalb der hessischen Ferienzeiten. Der Eintritt kostet zwei Euro, Kinder bis 14 Jahre sind frei. Dem Schulleiter geht es darum, einen Anreiz zum Schwimm-Besuch in einer Zeit zu schaffen, wenn immer weniger Kinder schwimmen können. Durch den Hubboden kann die Wassertiefe bis zu 1,80 Meter variiert werden. „Das ist ideal, um Schwimmen zu lernen“, betont er.

Für Fortgeschrittene wird der Boden herabgelassen, sodass sie in Ruhe ihre Bahnen ziehen können. Für Nichtschwimmer wird er angehoben, so dass niemand Angst vor dem Ertrinken haben muss. Diese Konstruktionsart unterstützt auch die Energiebilanz der Bäder, weil man unter anderem die Luftfeuchtigkeit kontrollieren kann.

Nicolas, Clara und Sascha mit ihrem Vater Dirk Boyens aus Beerfelden konnten kaum genug bekommen und wollten sogar länger bleiben. Kein Wunder bei karibischen Wassertemperaturen von 29 Grad, während draußen noch der Schnee lag. Auch Vivien mit ihrem Dad aus Rothenberg nutzte gerne das Angebot. Als Siefert gerade dabei war, den Hubboden hochzufahren, kam Daniel Pracht aus Falken-Gesäß noch vorbei und „bewaffnete“ sich mit Schwimmnudel und Luftmatratze. Auch Bälle und Tauchringe stehen zur Verfügung.

Der Odenwaldkreis ließ sich vor vier Jahren den Neubau des Hallenbads eine erkleckliche Summe kosten. Insgesamt wurden 2,3 Millionen Euro investiert, 650.000 Euro davon steuerte das Land bei. Das alte, aus den Anfangsjahren der Oberzent-Schule in den 1970er Jahren stammende Bad war in einem solch schlechten – auch technischen – Zustand, dass der Kreis von einer Sanierung absah. Der Neubau entstand an genau der gleichen Stelle mit denselben Beckenmaßen: acht Mal 16,67 Meter. Damit ergeben drei Bahnen genau die Länge einer Wettkampfbahn von 50 Meter.

Neu gebaut wurden Umkleiden und Duschen für Damen und Herren sowie Menschen mit Behinderung. Der Zugang zum Becken selbst ist barrierefrei möglich. Die Biomasseheizanlage stellt die Versorgung der Schwimmhalle, der Sporthalle, der Mensa sowie weiteren Teilen des Schulgebäudes sicher. Eine moderne Lüftungsanlage sorgt trotz hoher Luftfeuchtigkeit problemlos für eine gute Luftzirkulation. Ein Großteil der Arbeiten (über 80 Prozent) wurde damals von im Odenwald ansässigen Firmen ausgeführt.

Info: Das Hallenbad in der Oberzent-Schule ist wieder an den Sonntagen 3. März, 7. April und 5. Mai geöffnet, jeweils von 10 bis 13 Uhr. Eintrittspreis für alle ab 14 Jahren: zwei Euro.