Mahnerin vor dem Wiedererstarken des Rechtsradikalismus

Mit ihr verstummte vor kurzem eine mahnende Stimme, die immer mit Nachdruck der jungen Generation ins Gewissen redete, nie wieder Verhältnisse wie zwischen 1933 und 1945 zuzulassen. Die 94-jährige Dr. Elisabeth Kellner, 2.v.r., eine der letzten Zeitzeuginnen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges in Beerfelden, verstarb dieser Tage. Die Trauerfeier fand auf ihren Wunsch hin im engsten Freundeskreis statt.

1943/44 begann Kellner während der Kriegszeiten in Heidelberg das Medizinstudium, das sie nach Kriegsende 1947 wiederaufnehmen und abschließen konnte. In den 60er Jahren erwarb sie in Mannheim den Facharzt für Chirurgie und arbeitete am Krankenhaus in Eberbach sowie in der Uni-Klinik Heidelberg.

Später wurde sie ehrenamtlich politisch aktiv. Kellner trat bereits 1957 der CDU bei und war 1973 Gründungsmitglied der Christdemokraten in Beerfelden. In einer Zeit, in der nur wenige Frauen im politischen Raum zu finden waren, engagierte sie sich unter anderem im Beerfelder Stadtparlament und im Odenwälder Kreistag.

Für jene Partei, die auch die neue politische Heimat der Eltern geworden war, zog sie 1966 in den Odenwälder Kreistag ein. Für ihre Arbeit erhielt sie bereits in den 80er Jahren die Ehrenplakette des Odenwaldkreises in Bronze sowie das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15, war regelmäßiger Gast beim Gedenken, das die Oberzent-Schule in jedem Jahr zum 9. November, der Wiederkehr der Reichspogromnacht 1938, ausrichtete. Sie war auch bei der Stolperstein-Verlegung für die ermordeten Juden aus Beerfelden mit dabei und hielt bei deren jährlicher Reinigung immer aufs Neue einen flammenden Appell unter dem Motto „Wehret den rechten Anfängen“ an die Schüler.

Sie habe diese schlimme Zeit miterlebt, so Kellner. „Seid auf der Hut“, meinte sie an die Schüler gewandt. „Glaubt nicht denjenigen, die euch eine einfache Lösung versprechen“, spannte sie einen Bogen zu den politischen Entwicklungen der heutigen Zeit. „Die Gefahr des Rechtsradikalismus ist nicht abstrakt, sondern konkret“, so Kellner, die auch noch im vergangenen Jahr an einer solchen Veranstaltung teilnahm.

Man müsse aufpassen, dass die Menschen nicht wieder solchen Rattenfängern wie Hitler und der NSDAP nachliefen. Sie sah schon vor einigen Jahren eine sehr beunruhigende Entwicklung in Europa durch das Erstarken von rechtspopulistischen und -nationalistischen Parteien voraus. Da hatten Matteo Salvini oder Marine Le Pen noch gar nicht ihre Wahlerfolge gefeiert. Stets geistig hellwach, blieb sie bis zuletzt am Zeitgeschehen interessiert.

Kellner schilderte bereits früher in einem Beitrag für den evangelischen Gemeindebrief ihre Eindrücke der damaligen Zeit. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen. „Europa ist unsere Garantie für Frieden“, appellierte sie an die gemeinsamen Werte.

Keiner hätte sich je vorstellen können, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Deutschland „ein ersehntes Ziel für Flüchtlinge vor Krieg und Armut werden könnte“, so die ehemalige Ärztin. Über 70 Jahre Frieden und Freiheit „liegen heute hinter uns, das ist nicht selbstverständlich.“ Dieses hohe Gut gilt es zu bewahren, betonte sie

„Geht wählen, schaut und hört euch die Kandidaten genau, ja skeptisch an, testet ihre Einstellung gegenüber Fremden und Minderheiten und hütet euch vor denen mit schnellen und einfachen Lösungen“: Das sind laut Kellner die Erfahrungen, die die Alten der jungen Generation mitgeben können.

„Wir brauchen keine Populisten und Extremisten, sondern gute Politiker, die Kompromisse geduldig suchen“, meinte sie. Eine Regierung von Radikalen, auch wenn sie auf demokratischem Weg zustande komme, „könnte sich im Zeitalter der Digitalisierung als besonders gefährlich erweisen“.

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Oberzent-Schule setzte „ein Zeichen für Fremdenfreundlichkeit“

Die Stiftung der ehemaligen Lehrerin Johanna Käpernick-Krämer machte es möglich: Die Klasse 7a organisierte mit den Lehrerinnen Conny Frank und Derya Özdemir einen „Sporttag für Fremdenfreundlichkeit“, der sogar das Interesse des hessischen Rundfunks auf sich zog. Die Fußballer-Zwillinge Justin und Patrice Kabuya aus der U19 von Eintracht Frankfurt wurde nach Beerfelden eingeladen. Sie kamen zusammen mit ihrem Vater Jean Kabuya an die Oberzent-Schule.

Die Schüler wollten mit ihrem Projekt ein Zeichen für Fremdenfreundlichkeit setzen. Da es sich um eine sportbegeisterte Klasse handelt, wurde schnell die Idee entwickelt, im Rahmen eines Sporttages bekannte Sportler mit Migrationshintergrund einzuladen. Der Kontakt zu den jungen Fußballern kam durch Derya Özdemir zustande, die mit der Schülerverwaltung und der siebten Klasse von Conny Frank gemeinsam in kurzer Zeit ein Sportfest mit dem Schwerpunkt Fußball auf die Beine stellte.

Als Vorbereitung entwickelten alle Klassen ein Poster mit ihrem eigenen Statement, um sich mit der Thematik intensiv auseinanderzusetzen. Neben Fußballturnieren für alle Jahrgänge gab es ein Interview mit den Zwillingen und ihrem Vater, eine Autogrammstunde und die Vorstellung der Kicker mit DJ Leon Volk.

„Mit den Plakaten werden Zeichen gesetzt“, betonte Conny Frank. Vater Jean Kabuya, aus dem Kongo stammend, schnappte sich ein Plakat mit der Aufschrift: „C’est le caractère qui compte“ (auf den Charakter kommt es an). Es folgte dann ein Fußballturnier mit den jugendlichen Promi-Kickern. Jede Klasse erhielt, passend zu den Plakaten als Ausdruck von Vielfalt, bunte Bälle. Die konnten auch für Autogramme genutzt werden.

Johanna Käpernick-Krämer, die ihre Stiftung mit 50.000 Euro ausstattete, zeigte sehr zufrieden mit dem ersten Projekt, seit sie diese ins Leben gerufen hatte. „Besonders liegt mir am Herzen, dass sich die Schüler gegen Gewalt, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Neonazismus engagieren“, hob sie hervor. Das Kabuya-Trio wiederum war begeistert von der positiven Atmosphäre in der Oberzent-Schule. Papa Jean meinte: „Ich bin ganz geflasht, wie herzlich wir empfangen wurden.“

Die Kabuya-Jungs haben ihren Worten zufolge das Glück, „bisher meist positiv empfangen und aufgenommen worden zu sein“ – sowohl in ihrer Schulzeit als auch im privaten Umfeld und auf dem Fußballplatz. Bei Bemerkungen, die sich auf ihre Herkunft beziehen, „reagieren sie cool und gelassen“, erläuterte der Vater. Die Zwillinge gaben den Rat, selbst immer offen und freundlich auf die Mitmenschen zuzugehen.

Auch in der Siebener-Klasse wurde der Umgang mit Jugendlichen intensiv angesprochen, die einen Migrationshintergrund haben. Es entstand dabei der Eindruck, „dass sich erfreulicherweise die meisten Schüler gut integriert und akzeptiert fühlen“, bilanzierte die Pädagogin Frank. Wenn der Tag zum Nachdenken und Diskutieren anregte, „dann war es ein voller Erfolg im Sinne des Projekts“, freute sie sich: nämlich ein Zeichen zu setzen für Fremdenfreundlichkeit.

Eine Schülerin meinte stellvertretend für andere: „Ich liebe meine Schule. Es war toll, dass solch ein Event bei uns möglich ist. Wir sind stolz, wir haben ein Zeichen gesetzt.“ Schulleiter Bernd Siefert betonte im Interview mit dem Hessischen Rundfunk das Leitbild der Lernanstalt: „Wir begegnen uns mit Respekt, Wertschätzung und Empathie.“ Der Podcast ist unter www.hr4.de/programm/podcast/rhein-main/oberzent-schule-beerfelden-aktiv-fuer-fremdenfreundlichkeit-290519-1530h,podcast-episode46778.html nachzuhören.

 

 

Johanna Käpernick-Krämer war seit 1983 bis zu ihrer Pensionierung 2009 Pädagogische Leiterin an der Oberzent-Schule Beerfelden. Sie ist auch heute noch als Vorsitzende des Fördervereins aktiv und bringt sich tatkräftig ein. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie deren Haus in Darmstadt verkauft und eine Stiftung über 50.000 Euro für die Oberzent-Schule ins Leben gerufen. Davon werden jedes Jahr 4000 Euro zur Verfügung gestellt – in der Erwartung, dass die Antragsteller selbst zehn Prozent der Kosten aufbringen. In diesem Jahr werden insgesamt drei Projekte bezuschusst: außer dem hier genannten die Fahrt nach Dachau der Neunt- und Zehntklässler und die Erforschung der Situation der Juden in Beerfelden.

Eines der besten The-Mu-Ku-Festivals an der Oberzent-Schule

Das „Theater-Musik-Kunst“-Festival, kurz The-Mu-Ku, ist an der Oberzent-Schule bereits eine Institution und fest mit dem Namen von Conny Frank verbunden. Die Pädagogin drückt dem künstlerischen Bereich an der Gemeinschaftsschule schon seit knapp vier Jahrzehnten ihren Stempel auf. In diesem Jahr zu letzten Mal, wie mit viel Bedauern aufgenommen wurde. Denn Frank geht Ende des Schuljahres in den Ruhestand.

In seiner Begrüßung zitierte Schulleiter Bernd Siefert aus ihrem Würdigungsbericht von 1980: „Sie trägt durch ihre Ausstellungen von Schülerarbeiten zu einem musischen Schulklima bei.“ Das letzte Festival unter ihrer Regie „war ein voller Erfolg“, freute sich Frank. Kunst wurde mit Überraschungseffekten lebendig: als Inspiration, Irritation oder Provokation, über eine dadaistische Licht-Performance bin hin zu einer farbintensiven surrealen Kunst-Performance mit Bodypainting an mutigen Mitschülern, während parallel unterschiedliche Texte über surreale Stilrichtung gleichzeitig vorgelesen wurden.

Inspirierende Kunstwerke der Schüler wurden auf Staffeleien im Foyer ausgestellt: zu Abstraktion, Emotion, Poesie, Perspektive, Traumwelten des Surrealismus, Farbstudien oder humorvolle Antiwerbung als Design zum Thema „Verpackung“. Eine ehemalige Schülerin konnte man sogar beim virtuosen Zeichnen von nahezu lebensechten Tierbildern beobachten. „Eine rundum inspirierende, ausdrucksstarke Präsentation unserer fantasievollen Schüler“, so Frank.

Im kulturellen Rahmenprogramm begeisterte der Spanischkurs mit einem kolumbianischen Tanz. Die Choreographie geschah durch die zurzeit in Gastfamilien der Oberzent-Schüler lebenden kolumbianischen Austauschschüler. Außerdem spielte Schulhund Smilla eine große Rolle mit der Vorführung seiner Kunststücke, mit Begeisterung durchgeführt von den Lernhilfe-Schülern.

Die extra für das The-Mu-Ku gegründete Theater-Gruppe der Oberzent-Schule traf sich kurz vor der Aufführung, um ein eigenes Theaterstück zu schreiben und es zwei Tage später dem Publikum zu präsentieren. Sofort danach war klar: Es sollte mehr davon geben. Die Jugendlichen kreierten ein Szenario, bei dem zwei Schulen für einen Tag zusammengelegt werden, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Publikum hatte viel zu lachen und den Schülern fiel es sichtlich leicht, ihr eigenes Stück zu präsentieren.

Als weiteres Highlight zeigte die Zirkus-AG ihre Kunststücke zu Balance und Akrobatik, teilweise sogar auf Stelzen im Rhythmus zu Walzer, Rock‘n‘Roll und Twist. „Wie immer eine großartige Show“, stellte die Pädagogin fest, die das Publikum mit großer Spannung zuschauen und staunen lässt. Snacks und Drinks an einer Hawaii-Bar rundeten das Festival ab.

Zur guten Stimmung trugen außerdem gelungene musikalische Beiträge des Schulchors, von Pianistin Lea Siefert und des Musik-Ensembles mit Rapper Audrey Ganz Garcia bei. Der versteht es, mit seinem expressiven Stil das Publikum mitzureißen. Insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung, wie eine Besucherin kommentierte: „Eines der besten The-Mu-Ku-Festivals, das ich an der Oberzent-Schule je erlebt habe.“

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig talentiert sich unsere Schüler zeigen“, sagte Conny Frank. Sie ist „jedes Mal aufs Neue begeistert, das große Engagement im musikalischen und künstlerischen Bereich, aber auch im darstellenden Spiel zu erleben“. Die Jugendlichen entdecken mit großer Begeisterung ihre Stärken, entwickeln sie und wachsen daran. Auch das macht die Schule aus, betonte sie: „Hinschauen, Wertschätzen und Wohlfühlen.“

Das Festival „The-Mu-Ku“ gibt es seit ungefähr 15 Jahren. Die Grundidee war, Theateraktivitäten, Musikevents und Kunst-Vernissagen an der Oberzent-Schule, die jeweils als einzelne Veranstaltungen im Laufe eines Schuljahres stattfanden, zu bündeln und dadurch die Vielfalt der schulischen kulturellen Aktivitäten im Rahmen eines Festivals mit Theater, Musik und Kunst zu präsentieren. Somit können Kompetenzen der Schüler in kulturellen Bereichen deutlicher hervorgehoben werden und zum Ausdruck kommen, als es im regulären Schulalltag möglich ist.

Siebt- und Achtklässler der Oberzent-Schule besuchten den Judenfriedhof

„Ein Friedhof sieht doch ganz anders aus“, meinten die Siebt- und Achtklässler der Oberzent-Schule, als sie auf den jüdischen Friedhof kamen. Der liegt abseits der Stadt an der Sensbacher Straße. Fast alle Schüler hatten keine Ahnung davon, dass es dort eine weitere Begräbnisstätte gibt. Da das Thema Nazi-Deutschland im Lehrplan erst noch ansteht, wussten sie zum Großteil auch noch nichts von den damals an den jüdischen Mitbürgern begangenen Gräueltaten.

Der Unterrichtsgang zum Judenfriedhof in Beerfelden fand im Rahmen des Religionsunterrichts zum Thema Judentum statt. Die katholische Religruppe von Gabriele Maurer und die achte, evangelische Religionsklasse von Schulleiter Bernd Siefert, begleitet von Andreas Weinmann, machten sich dorthin auf den Weg. Die katholischen Schüler erfuhren von Siefert auch, dass beim Bau der katholischen Kirche ein Jude die Hälfte der Kosten trug. Abraham Salomon Rosenthal war in die USA ausgewandert, wurde dort reich, vergaß aber seine alte Heimat nicht.

Das Gelände des jüdischen Friedhofs mit einer Fläche von 840 Quadratmeter auf einem Gesamtgrundstück von 3500 Quadratmetern wurde dem Schulleiter zufolge 1926 von der Stadt Beerfelden an die dortige israelitische Religionsgemeinde verkauft. Zuvor wurden die jüdischen Mitbürger auf dem Judenfriedhof in Michelstadt beigesetzt. Die erste Beisetzung war die des Joseph Oppenheimer am 27. Februar 1927. Bis 1937 wurden dort 13 Mitbürger jüdischen Glaubens begraben.

Schändungen gab es seinen Worten zufolge während der Reichspogromnacht 1938 (Zerstörung der Kapelle, Umwerfen der Grabstein) und 1994 (Umwerfen der Grabsteine). Während des Zweiten Weltkriegs wurden keine Zerstörungen verzeichnet. Nachdem gegen Kriegsende das Grundstück an die Stadt überging, erstattete diese es 1953 an die Jewish Restitution Successor Organization (Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation/JRSO) zurück.

1960 wurde der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen Eigentümer des Friedhofsgeländes, so Siefert. Der Friedhof ist inzwischen als religionsgeschichtliches Denkmal in die Liste der denkmalwerten Bausubstanzen aufgenommen. Heutzutage geschieht die Pflege der Anlage durch die Stadt. Der Schulleiter ging auch auf die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung ein. Diese stieg im 19. Jahrhundert stark auf über 150 Seelen an, um dann aber nach der Jahrhundertwende stetig zurückzugehen.

Die Beerfeldener jüdische Gemeinde hatte rund um das Jahr 1900 noch zu wenig Geld für einen eigenen Friedhof. Sie baute aber 1905 am Gartengrundstück des Frauenbadhauses eine Remise für den Leichenwagen an. Es war dann ebenfalls Abraham Salomon Rosenthal, der mit 200.000 Mark aus seiner Stiftung die Verwirklichung ermöglichte. Die Planungen begannen schon 1924, als eine Friedhofsordnung erstellt wurde, verzögerten sich aber unter anderem durch Einsprüche der NSDAP. 1930 wollte man eine Leichenhalle in der Stadt errichten. Doch kam dieses Projekt ebenso wie die Sanierung der Synagoge nicht mehr zur Ausführung.

Mit der Geschichte der jüdischen Religionsgruppe haben sich die Oberzent-Schüler bereits in den vergangenen Jahren häufig beschäftigt. Auf ihren Antrag hin wurden bisher in Beerfelden eine Gedenktafel an der ehemaligen, 1938 zerstörten Synagoge angebracht (2008) und Stolpersteine für die letzten im Jahr 1942 aus Beerfelden deportierten jüdischen Mitbürger verlegt (2012).

Projekt „Kirche im Dritten Reich/Judenverfolgung in Beerfelden“

Im kommenden Schuljahr 2019/20 will der Religionskurs 8 der Oberzent-Schule ein Projekt durchführen, für das jetzt Unterstützung bei der Stiftung von Johanna Käpernick-Krämer angefragt wurde. Es heißt „Kirche im Dritten Reich/Judenverfolgung in Beerfelden“. Siefert will mit seiner Reliklasse den Auschwitz-Zeugen Ignaz Golik (97 Jahre) in Wiesbaden besuchen. Am 9. November wird in der dritten und vierten Stunde ein Gedenkgang mit Friedensgebet durchgeführt werden. Eine Gesprächsrunde mit der jüdischen Autorin Lena Gorelik ist für den 11. November terminiert, ein Vortrag von Dr. Dirk Strohmenger über „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis am Beispiel Beerfeldens“ für den 14. November.

Die Oberzent-Schule ist ihr Denkmal

„Aufpassen! Hinsehen! Anpacken!“: Das ist der Name der Stiftung von Johanna Käpernick-Krämer. Die ehemalige Lehrerin an der Oberzent-Schule rief sie mit dem Verkaufserlös des Hauses ihrer Mutter ins Leben. „Zweck der Stiftung soll es sein, die politische Bildung zu fördern“, betonte sie. Zur Enthüllung einer „Danktafel“ für die Pädagogin und zur Widmung von zwei Ebereschen kam die Schulgemeinde nun auf der Freifläche zusammen.

Schulleiter Bernd Siefert stellte dabei seinen hohen persönlichen Bezug heraus: „Du bist mir in Klasse 5 als meine Deutschlehrerin zum ersten Mal begegnet und hast mich als Persönlichkeit, mein Wirken und sowie meine Verbundenheit zur Oberzent-Schule stark geprägt“, sagte er. Aus einer Lektürearbeit in der sechsten Klasse über die Apartheid in Südafrika habe er mitgenommen, „dass man nicht alles hinnehmen darf und für seine Rechte eintreten muss“.

Käpernick-Krämer war seit 1983 bis zu ihrer Pensionierung 2009 Pädagogische Leiterin und „hat die Oberzent-Schule maßgeblich geprägt“, erläuterte Siefert. Sie ist auch heute noch als Vorsitzende des Fördervereins aktiv und bringt sich tatkräftig ein. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie deren Haus in Darmstadt verkauft und eine Stiftung über 50.000 Euro für die Oberzent-Schule ins Leben gerufen. Davon werden jedes Jahr 4000 Euro zur Verfügung gestellt – in der Erwartung, dass die Antragsteller selbst zehn Prozent der Kosten aufbringen.

Um zu überlegen, welche Projekte gefördert werden können, gab es ein gemeinsames Brainstorming. „Ich habe ihr versprochen, ich baue dir ein Denkmal“, sagte der Schulleiter. Doch das wollte die verdiente Pädagogin nicht, „denn die Oberzent-Schule ist ihr Denkmal“. Um Verbundenheit, Dankbarkeit und großen Respekt zum Ausdruck zu bringen, wurden ihr nun die beiden Ebereschen gewidmet, die der Rotary-Club Michelstadt-Erbach spendete.

Dessen Präsident Jens Ruppert freute sich, „dass wir einen kleinen Beitrag zu dem leisten können, was den Rotariern am Herzen liegt“. Er äußerte seine Anerkennung all derer, die sich bürgerschaftlich engagieren. „Hut ab vor diesen Menschen“, so Ruppert. Einen Baum bezeichnete er als wachsendes Denkmal. Der sei „tief verwurzelt, aber auch flexibel“ und dem stetigen Wechsel der Jahreszeiten ausgesetzt. Ihm wie auch der Stiftung wünschte er „eine reife Frucht und viele Lebensjahre“.

Johanna Käpernik-Krämer wollte etwas unterstützten, „was Jugendliche zusammenbringt und sie gemeinsam etwas tun lässt“, sagte sie. Der Unterricht sei bereits vollgepackt mit vielen Themen wie Drogen- oder Gewaltprävention oder Umgang mit dem Internet. Eventuell kommen aber noch andere Dinge hinzu, die von der Stiftung gefördert werden sollen. Sie wünschte sich, dass sich die Schüler mit Ungerechtigkeit und Krieg auseinandersetzen, Empathie für deren Opfer empfinden und bewahren.

Die ehemalige Lehrerin erläuterte die drei Bausteine des Namens, die sich direkt an Schüler richten. Aufpassen sollen die Jugendlichen, wenn darüber gesprochen wird, „was in unserer Geschichte passiert ist und wozu es geführt hat“. Hinsehen bedeutet ihren Worten zufolge nicht wegzusehen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und Anpacken assoziiert sie damit, dass jeder etwas zur Veränderung beitragen kann.

„Besonders liegt mir am Herzen, dass sich die Schüler gegen Gewalt, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Neonazismus engagieren“, hob Käpernik-Krämer hervor. Zu Schuljahresbeginn beraten die Klassen oder Gruppen über ein Projekt, das nach positivem Bescheid möglichst noch im selben Schuljahr angegangen werden soll.

Pfarrer Roger Frohmuth freute sich über die Teilnahme seiner Zehner-Religionsklasse. „Ich habe es noch nie erlebt, dass sich Schüler wünschen, am Ende jeder Schulstunde das Vater Unser zu beten“, sagte er. Das folgte nun auch anlässlich der Einweihung. Die 5a unter Leitung von Andreas Weinmann sang „Herr, gib uns Frieden“, ehe im Schülerarbeitsraum Lea Siefert (Klavier) und Leonie Braun (Flöte) unterhielten.

Schriftstellerin Lena Gorelik stellte den Neunt- und Zehntklässlern an der Oberzent-Schule ihr Buch „Mehr Schwarz als Lila“ vor

Den Oberzent-Schülern begegnete Schriftstellerin Lena Gorelik als „sehr authentische, sympathische und entspannte Persönlichkeit“, sagten sie nach der Lesung. Die 38-Jährige stellte der neunten und zehnten Klassenstufe ihr aktuelles Jugendbuch „Mehr Schwarz als Lila“ vor. Einige Schüler hatten bereits im Vorfeld einige weitere Bücher von ihr erstanden und freuten sich auf die Lesung. Die Jugendlichen bekamen einen „sehr interessanten Einblick in das Leben als Autorin“, lautete eine weitere Rückmeldung.

Lena Gorelik wiederum freute sich über die Begrüßung von einzelnen Schülern zu Beginn der Lesung. Sie war sehr angetan von deren Interesse an ihrer Arbeit fühlte sich an der Oberzent-Schule wohl. Den Austausch danach „empfand ich als sehr angenehm, offen und wertschätzend“, so die 1992 nach Deutschland gekommene Autorin.

Die 1981 in Leningrad/Russland geborene Gorelik erzählt in ihrem Roman von einer überforderten Siebzehnjährigen, die der Welt mit Witz und einer Spur notwendigem Stolz gegenübertritt. Wie nebenher wirft die Schriftstellerin Fragen auf – wie kann man Erinnerung vermitteln, wie frei kann man sein? Vor allem aber geht es ums Erwachsenwerden und um die Bilder, „die wir von uns selbst und anderen haben“.

Im Buch konnten sich viele Neunt- und Zehntklässler wiederfinden: Denn Alex trägt lieber Schwarz als Lila, wie schon der Buchtitel suggeriert. Zum Inhalt: Ihr Vater schweigt die meiste Zeit, und ein Papagei soll ihre Mutter ersetzen. Auf der Klassenfahrt nach Polen küsst die Jugendliche von lauter Gefühlen überrannt Paul – am unpassendsten Ort der Welt, in Auschwitz. Jemand fotografiert sie, das Bild geistert durchs Netz, und dann reden alle über Alex und die Jugend von heute, der Papagei entfliegt, und Alex erkennt: „Jetzt ist das Leben da, und zwar mit voller Wucht.“

Dramaturgisch äußerst geschickt werden erinnerungskulturelle Aspekte und moralisches (Fehl-)Verhalten sowie gängige Topoi wie Freundschaft, Liebe, Außenseitertum und Trauerbewältigung miteinander verknüpft, heißt es über das Buch in der Nominierung für den deutschen Jugendliteraturpreis 2018. Gorelik wird „eine an Metaphern reiche Sprache, das virtuose Ausprobieren und Durchbrechen von Sprachkonventionen sowie die intertextuelle Dimension“ attestiert.

Die Lesung wird zum Großteil vom „Leseland Hessen“ finanziert und mit Gabriele Setzer von der Bücherstube in Beerfelden ein Jahr im Voraus geplant. In Absprache mit den anderen Deutschkollegen „haben wir uns für Frau Gorelik entschieden“, berichtete Lehrerin Derya Özdemir. Sie organisierte dann in Zusammenarbeit mit der Bücherstube die Lesung. Gefördert wird das „Leseland“ durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Lena Gorelik las jeweils eine Stunde aus „Mehr Schwarz als Lila“. In den anderen 30 Minuten entstand nach Eindruck von Özdemir „ein sehr angenehmer Austausch“, bei dem die Schüler sehr viele Fragen zum Autorenleben stellten. Am Bücherstand von Gabriele Setzer gab es die Möglichkeit, einige Werke der Schriftstellerin zu erstehen, um sie dann signieren zu lassen. Die Original-Unterschrift war stark nachgefragt.

Lena Gorelik emigrierte 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Sie erhielt ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Die Autorin veröffentlicht sowohl belletristische als auch wissenschaftliche Texte und Reiseliteratur. Sie ist Mitglied der Autorenedition Sarabande. In unregelmäßigen Abständen verfasst sie Beiträge für Deutschlandradio Kultur und schreibt über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen.

„Leseland Hessen“ ist das größte Literaturfestival des Landes. In über 40 Städten finden jedes Jahr zwischen Ende September und Mitte November etwa 150 Lesungen statt. Zusätzlich zu den öffentlichen Lesungen gibt es nicht-öffentliche Schullesungen. Leseland Hessen fand erstmals 2003 statt und wird seit 2013 vom Hessischen Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt durchgeführt, organisiert und koordiniert.

Lernen in der „Wohlfühloase Oberzent-Schule“

Wenn die Oberzent-Schule zur Präsentation der Projektwochen-Ergebnisse und zum Schnuppertag einlädt, dann ist die „Bude“ immer voll. Aber dieses Mal war es „so gut besucht wie selten“, freute sich Schulleiter Bernd Siefert. „Ausverkauft“ vermeldete sogar die Mensa, vom Förderverein mit Unterstützung aus den zehnten Klassen gemanagt. Über 200 Besucher zählten die Lehrer bei den verschiedenen Führungen durch die Gebäude.

Die Kombination von Projektwochen-Abschluss plus Info für die kommenden Fünftklässler zieht: Nicht nur die Eltern der aktuellen Viertklässler kommen mit ihren Sprösslingen vorbei, sondern die Erwachsenen der älteren Schüler wollen auch wissen, was ihre Kinder in der einen Woche so alles gemacht haben. Die Palette der angebotenen Projekte ist nämlich sehr vielfältig: Ski fahren, Theater, Medienwelten, Schach, Brettspiele bauen, Chemie, Sport, Erasmus, Zeichnen, Filme oder Fotoromane sind unter anderem im Angebot.

„Origami“ hatte noch einen anderen Hintergrund als nur etwas zu falten. Die Schüler stellten nämlich den Innenhof der Schule mitsamt Bienenkörben nach. Zusammen mit René Tunn und Tanja Stolp soll einen Bienenprojekt gestartet werden. „Dafür gibt’s auch Zuschüsse“, schmunzelt Bernd Siefert. Als Ziel dahinter steht die Produktion des eigenen Honigs. Mit Pressluftflaschen ging‘s zum Tauchen ins Hallenbad. Das Equipment dafür hatte Konrektor Dirk Konrad mitgebracht, nebenbei Vorsitzender des Tauchsportclubs in Michelstadt.

„In der Projektwoche herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre und es sind tolle Produkte entstanden“, bilanziert der Schulleiter. Von den Besuchern gab es nur positive Rückmeldungen. Die „gute Stimmung“ und das ansprechende äußere Erscheinungsbild der Lernanstalt wurden gelobt. Auf die Eigenwerbung ist die Oberzent-Schule natürlich auch angewiesen. 60 angehende Fünftklässler gibt es dieses Jahr, die man (und ihre Eltern) logischerweise gerne von einem Besuch der OZS überzeugen möchte.

„Wir wollen zeigen, warum die Oberzent-Schule die beste weiterführende Schule ist“, nimmt Siefert in punkto Schulvermarktung gerne einen Superlativ in den Mund. Neben der familiären Atmosphäre gehört dazu seinen Worten nach sicherlich auch die gute Anschlussfähigkeit für weiterführende Schulen. „Bei uns sind die Kinder gut aufgehoben, werden fachlich-methodisch und sozial gut geschult“, hebt er hervor.

„Wir öffnen unsere Schule nach außen“, sagt der Pädagoge. Denn vor zehn Jahren waren es noch 110 Viertklässler, die die Grundschulen der Region abschlossen. Aber die kleinere Schülerzahl hat auch was Gutes. Es gibt quasi die „Wohlfühloase Oberzent“. Siefert macht das auch am geringen Krankenstand fest. „In der vergangenen Woche war kein Lehrer krank“, sagt er. Und das bei immerhin 30 Pädagogen.

Die sind immer voll dabei, wenn es um die die Erarbeitung der Themen für die Projektwoche geht. Die Schüler können aus dann aus dem Angebot je nach eigenem Geschmack auswählen. Das Schulleitungsteam leistet laut Siefert in dieser Richtung „herausragende Arbeit“: Dirk Konrad, Heidi Domack, die Stufenleiterin für die Klassen fünf bis zehn, und Klaus Seeh, der Koordinator für die Übergänge ans Gymnasium, hängen sich mit den Kollegen voll rein.

Der Schulleiter spricht mit Blick auf die vielen Aktivitäten von einem gewissen Alleinstellungsmerkmal der OZS. Das Angebot kommt auch bei den Schülern gut an, beobachtet Lehrerin Angela Jöst. Die waren mit einem solchen Feuereifer bei der Sache, dass im Chemieversuch sogar der Feueralarm losging. Den zweiten Test der Brandmeldeanlage während der Herstellung gebrannter Mandeln konnte man gerade noch vermeiden, schmunzelt sie.

Traditioneller Abschluss des Tags ist immer die Präsentation des Zirkusworkshops, bei dem Ralf „Jeremy“ Breitinger die Fünf- bis Zehntklässler anleitet. Die AG findet seit langer Zeit immer einmal wöchentlich statt. Dieses Mal wurde in der Sporthalle jongliert und balanciert, was das Zeug hielt. Kleine und etwas größere Artisten freuten sich über den Applaus des Publikums.

Info: Beim Frühlingskonzert der Oberzent-Schule besteht am Sonntag, 31. März, 11 Uhr, das nächste Mal Gelegenheit, die Lernanstalt in Augenschein zu nehmen. Es spielt die Fachschaft Musik von Volker Reichelt.