Einwohner von Finkenbach, Hinterbach und Raubach wehren sich „ganz oben“ gegen die Einkesselung durch Windräder

Das Wort von der „Einkesselung“ geht um. Was sich sehr militärisch-martialisch anhört, passt zur sich verschärfenden Diskussion um die Windkraft, die immer härtere Züge annimmt. Der Widerstand gegen den Entwurf des Regionalplans Südhessen, der vor allem im südlichen Odenwald eine Unzahl Windräder zulässt, wird immer heftiger. Nun tragen Finkenbacher, Hinterbacher und Raubacher den Protest ganz nach oben, unter anderem zum hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier.

Letztendlich, so Matthias Heiß als Sprecher der Initiative, werde vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt als zuständiger Behörde eine politische Entscheidung getroffen, wenn es um die Genehmigung von Windparks im Odenwald gehe. Deshalb lag für die Einwohner der drei Rothenberger Ortsteile der Schluss nahe, mit ihrem Anliegen an die Spitze der Entscheidungsträger zu gehen, um dort mehr Rücksichtnahme auf ihre Belange einzufordern.

„Wir sehen wenig direkte Einflussmöglichkeiten auf den Regionalplanwurf“, betonte Heiß. Die entsprechende Stellungnahme werde sowieso vom Odenwaldkreis und seinen zugehörigen Kommunen erarbeitet und beim RP eingereicht. Jedoch wollen die Finken-, Hinter- und Raubacher nicht warten, „was man über Kreis und Gemeinde machen kann“, sondern selbst die Initiative ergreifen.  Es geht laut Heiß um „möglichst viel Sperrfeuer von allen Seiten“. Die Planungen hätten „Ausmaße angenommen, die nicht mehr tragbar sind“. Es sei wichtig, dass sich Städte und Kommunen kurzschließen.

Neben dem WGR-Gemeindevertreter gehören weitere in den drei Ortsteilen wohnhafte Mandatsträger und Gemeindevorstände zu den Unterzeichnern des parteiübergreifenden Schreibens: Rainer Flick (WGR-Gemeindevorstand), Volker Schindler, Alexander Link (beide SPD), Martin Menges (CDU/BuLiRo) und Christa Helm (WGR). „Wir wehren uns nicht gegen Windkraft per se“, hob Heiß hervor. Sondern eben speziell gegen die „Einkesselung“.

Diese ist für die politischen Vertreter „nicht tragbar“, da sie eine deutliche Verschlechterung zur Lebensqualität zur Folge hat. Der neue Regionalplan-Entwurf habe „die bisherige Odenwaldplanung ad absurdum geführt“. Im Entwurf ist nicht nur der Höhenzug zwischen Finkenbach und Olfen enthalten, sondern einige weitere Gebiete im Bereich Rothenberg, Beerfelden, Etzean und Airlenbach. Und das nur im Odenwaldkreis.

Richtung Überwald ziehen sich die möglichen Windvorranggebiete wie an einer Perlenkette die Hügelkette vom Greiner Eck hoch bis nach Aschbach. Dazu weist der Eberbacher FNP im Badischen mehrere mögliche Rotoren oberhalb von Brombach aus, die sich auf hessischer Seite im Flockenbusch fortsetzen. Mittels einer Grafik wird klar, dass alle drei Ortschaften auf 360 Grad von Windrädern umzingelt wären.

Heiß macht darüber hinaus aber deutlich, dass sich die Gemeinde und ihre Vertreter „seit einigen Jahren konstruktiv und aktiv an den Diskussionen für die Platzierung von Windkraftanlagen im Odenwald“ beteiligten. Zusammen mit dem Odenwaldkreis habe man eine annehmbare Lösung erreicht, die auch in den Flächennutzungsplan (FNP) des Kreises aufgenommen wurde. „Allerdings wurde nach Fertigstellung des Plans dieser vom RP zurückgewiesen.“

Neben den hohen Kosten, die somit vergeblich waren, war auch „das bisherige lösungsorientierte Engagement obsolet“. Erneut müsse man nun dagegen ankämpfen, „nicht eingekesselt zu werden“. Das Schreiben betont, die Umstellung auf erneuerbare Energie müsse zusammen mit den Bürgern erfolgen. „Wir haben unseren Teil konstruktiv eingebracht.“ Die Verwaltungen von RP, Land und Bund „haben dies jedoch in keinster Weise gewürdigt“, obwohl der Plan bereits während der Erstellung abgestimmt wurde.

Für die Unterzeichner ist deshalb klar: „Wir fordern eine Rückkehr zum ursprünglichen FNP sowie eine Abkehr von der Einkesselung der Bürger.“ Ausdrücklich werden die Adressaten um Unterstützung gebeten und darum, „sich persönlich für unser Anliegen einzusetzen“. Bei einem Ortstermin, so bieten die Mandatsträger an, könne man die Folgen der aktuellen Planung gerne erläutern.

Verteiler des Schreibens: Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramts, Ministerpräsident Volker Bouffier, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, Landtagsmitglieder Rüdiger Holschuh und Judith Lannert, Bundestagsmitglieder Patricia Lips und Jens Zimmermann, Landrat Frank Matiaske, Landrat a.D. Horst Schnur, Harald Buschmann, Mitglied der Regionalversammlung Südhessen.

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Heimat- und Verschönerungsvereins Finkenbach-Hinterbach-Raubach hatte zur Winterwanderung im Finkenbachtal eingeladen

Die Winterwanderung des Heimat- und Verschönerungsvereins Finkenbach-Hinterbach-Raubach ist bereits eine schöne Tradition. Vergangenes Jahr marschierten die Vereinsmitglieder in die Raubach. Dieses Mal ging es bei herrlichem Winterwetter auf dem Geopark-Pfad Richtung Ober-Hainbrunn und übers Sägewerk Ihrig bis zu den Fischteichen. „Völlig politikfrei“, schmunzelte Bürgermeister Hans Heinz Keursten in der Nachbetrachtung – selbst die Oberzent-Fusion blieb außen vor.

Stattdessen stand die schöne Landschaft im Finkenbachtal im Vordergrund. Auf dem Hinweg wählten die 25 Wanderer die rechte, sehr ruhige und einsame Talseite, von der aus man einen schönen Blick auf den Bachverlauf und das Naturschutzgebiet hat. Unterwegs wurde an einem Aussichtspunkt eine Rast mit Kaffee, Tee und Glühwein eingelegt. Dort ließ sich auch die Seenlandschaft in Augenschein nehmen, die langsam durch die „Arbeit“ eines Biberpärchen entsteht.

Von besonderem Interesse waren die von Matthias Bartmann neu errichteten Räumlichkeiten am Fischteich in der Nähe von Ober-Hainbrunn. „Sehr viele Vereinsmitglieder kannten diese noch nicht und waren sehr interessiert zu sehen, was dort saniert und renoviert wurde“, wusste Keursten um das große Interesse seines Vorschlags für diese Einkehrmöglichkeit. Kein Wunder, wer wandert, bekommt Hunger – und wurde nicht enttäuscht. „Die Fischspezialitäten waren hervorragend zubereitet“, waren sich alle einig.

Doch auch die schönste Rast hat einmal ein Ende, es musste nach Finkenbach zurückgehen. Es fiel allen Wanderern schwer, aus der gemütlichen „warmen Stube“ heraus wieder den Heimweg anzutreten. Auf der anderen Talseite ging es über den Wald zurück zum Ausgangspunkt, sodass an diesem Tag etwa zehn Kilometer per pedes absolviert wurden.

Für den Heimat- und Verschönerungsverein ist die Wanderung eine schöne Gelegenheit, den Zusammenhalt unter den Mitgliedern zu pflegen. Vor allem die drei „Bach“-Orte im Namen werden angelaufen. Aber es geht auch mal den Berg hinauf wie etwa zur Wirtschaft „Schlawitzer“ auf halber Strecke Richtung Beerfelden. Wichtig ist immer, lacht Bürgermeister Keursten, „dass sich in der Mitte eine Lokalität befindet“.

OWK Affolterbach wanderte durch malerische Schneelandschaften im Hinterbachtal

Eine naturkundliche Tageswanderung, die aufgrund der Wetterlage zu einer Tour durch die herrliche Winterlandschaft des Hinterbachtals wurde, bot der Odenwaldklub Affolterbach dieser Tage an. Historischer Widder, Raubacher-Jockel-Weg und Forsthaus „Saubuche“ waren Ziele der zwölf Kilometer langen Strecke, die mittags im Gasthaus „Raubacher Höhe“ ihren Abschluss fand. Es gab eine sehr positive Resonanz der Teilnehmer, die sich von den naturkundlichen Erläuterungen und der herrliche Umgebung angetan zeigten.

Da einige potenzielle Mitwanderer die morgendliche Fahrt durch den Odenwald über teils rutschige Straßen gescheut hatten, war die Gruppe überschaubar. Doch der Tenor war einhellig: Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst. Wanderführer war Peter Assig, Naturschutzwart des OWK Affolterbach und Vorstandsmitglied des Naturschutzbundes in Fränkisch-Crumbach. Er zeigte den Teilnehmern den historischen Widder im Hinterbachtal, eine Wasserpumpe aus dem Jahr 1925.

Ein hydraulischer Widder, Stoßheber, Staudruck-Wasserheber oder Wasserwidder, ist eine wassergetriebene, intermittierend arbeitende Pumpe. Der Widder nutzt den Druckstoß oder Staudruck-Effekt, um einen Teil des Wassers, mit dem die Pumpe angetrieben wird, auf ein höheres Niveau zu heben. Er eignet sich besonders für Pumpaufgaben in der Nähe von Fließgewässern mit zum Betrieb ausreichendem Gefälle.

Für Landwirtschaft, Berghütten und Ferienhäuser, die in der Nähe von fließenden Gewässern liegen, werden zur Wasserversorgung gerne Widder benutzt. Meist handelt es sich um Anwesen in abgelegenen Gegenden, die weder an die öffentliche Wasserversorgung noch an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind (was früher in der Hinterbach und Raubach der Fall war).

Vom Parkplatz Hinterbachtal an der Kreisstraße 37 zwischen Ober-Ochönmattenwag und Finkenbach, östlich der Raubacher Höhe, ging es über den Raubacher-Jockel-Weg durchs Tal zu verschiedenen Biotopen. Vorbei am Forsthaus „Saubuche“ grüßte auf der Strecke das Konterfei des Odenwälder Originals auf verschiedenen Hinweistafeln. Sie erzählten amüsante Geschichten über den bekanntesten Sohn des Dorfes.

Seltene Gräser, Wiesenpflanzen, Wiesenvögel und Amphibien haben im Hinterbachtal ihren Schutzraum gefunden, zusammen mit einem malerischen kleinen Weiher, dessen Oberfläche zu Eis geworden war. Mit einem Schlenker an Olfen entlang und dem Gasthaus Spälterwald ging’s hinauf Richtung Höhe und ins andere Tal hinüber.

Das Naturschutzgebiet „Dürr-Ellenbacher Tal“ mit dem ehemaligen Forsthaus ist ein besonderes Juwel. Hier gibt es auch den ersten deutschen Waldlehrpfad. Normalerweise lassen Birken, Ginster, Wolfsmilch und Günsel einen leicht sumpfigen Boden erkennen, was aber durch den Schnee nicht wahrnehmbar war. Über die Raubacher Höhe führte die Straße dann zum gleichnamigen Gasthaus zurück.

Info: Weitere Touren in der näheren Region bietet der Odenwaldklub Affolterbach übers Jahr hinweg regelmäßig an. Mehr unter http://www.owk-affolterbach.de

Die Oberzentschulen waren „in Bewegung“

Die Oberzentschulen in Bewegung: Nachdem Schulleiterin Bernhild Hofherr zum 31. Juli in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet worden war, ist nun Bernd Siefert der neue Mann an der Spitze der Oberzent-Schule in Beerfelden. Um mit den anderen Kollegen der Grundschulen in der gleichnamigen Region in Kontakt zu kommen, lud er diese zu einem Austausch unter dem Motto „Schule bewegt sich“ ein.

Und das im wörtlichen Sinn: Denn es stand eine gemeinsame „Bewegung“ auf den Spuren des Raubacher Jockels auf dem Programm. Start war der Parkplatz im kleinen Rothenberger Ortsteil, wo zuerst ein Glas frisch gepresster Apfelsaft genossen wurde. Einkehr war im Anschluss an eine Wanderung auf dem Jockelrundweg im Landgasthof „Raubacher Höhe“. 15 Lehrer von den Grundschulen Mossau, Rothenberg und Sensbachtal sowie Kollegen der Oberzent-Schule schnürten hierfür die Schuhe.

Die Intention, so Siefert, war dabei, „miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam aufeinander zuzugehen“. Auch stand der Austausch über Schüler im Mittelpunkt. „Nicht übereinander, sondern miteinander reden“, war dem neuen Schulleiter ebenfalls wichtig. Er stellte sich den anderen Lehrern bei dieser kleinen Wanderung, bei der auch die einzelnen Stationen gelesen wurden, vor. Weiteres Ziel war Sieferts Worten zufolge, die jeweils anderen Lehranstalten kennenzulernen und zu verknüpfen.

Horst Schnur beim Seniorentreff: Wie es der Raubacher Jockel schaffte, am Rothenberger „Hirsch“ vorbeizugehen

Wenn Horst Schnur über den Raubacher Jockel erzählt, dann ist der ehemalige Landrat in seinem Element. In freier Rede schildert er lebendig die Ereignisse rund um das Odenwälder Original, dessen Geburtstag sich am 5. Mai zum 150. Mal jährte und dem Schnur zusammen mit Rolf Reutter ein 73-seitiges Büchlein widmete. Die älteren Mitbürger beim DRK-Seniorentreff sind für ihn auch genau die richtige Zielgruppe. Engagiert gehen sie bei den unterhaltsamen Erzählungen mit. Eine Seniorin kannte in jungen Jahren den Jockel sogar noch persönlich.

Da ist es kein Wunder, wenn sich ein angeregter Nachmittag entwickelt, von dem auch Schnur noch so einiges mitnimmt. Zum Beispiel, dass Unter- und nicht Ober-Schönmattenwag katholisch ist, wie er gleich bei einer Verwechslung korrigiert wurde. Oder dass der aktuelle Wirt vom „Hirsch“ Beisel und nicht Siefert heißt, wie er durch einen prompten Einwurf registrieren „muss“.

Denn über einen Besuch von Jakob Ihrig, wie er richtig hieß, im „Hirsch“ gibt es auch eine Geschichte, wie sie bis heute in der Gaststätte überliefert ist. Der damalige Wirt beobachtete nämlich erstaunt, wie der Jockel – sehr ungewöhnlich – erst einmal am Lokal vorbeilief. Dann doch noch rumdrehte und hineinkam. Darauf angesprochen, meinte Ihrig verschmitzt, ihm werde doch nachgesagt, er könne an keiner Gaststätte vorbeigehen. Nachdem er bewiesen habe, dass es ihm doch möglich sei, „kann ich jetzt wieder reinkommen“.

Schnur schilderte den Senioren auch die früheren, nicht einfachen Verhältnisse. 1774 sei das Gebiet in der Raubach von sieben armen Familien besiedelt worden. Die mussten im Gegenzug für den Erbacher Grafen Holz machen. „Die Leute hatten damals ihr liebe Müh und Not, die Familie durchzubringen“, sagte der Ex-Landrat. Was auch auf die Familie des Jockels zutraf.

Der Vater sei das zweite Mal verheiratet gewesen, die Mutter, aus Olfen stammend, hatte vor der Heirat fünf uneheliche Kinder (die alle früh starben) von fünf verschiedenen Männern. Was Schnur zu der Aussage führte: „Die Verhältnisse waren nicht nur arm, sondern auch versoffen.“ Die Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Die Schule in der Raubach wurde laut dem Referenten erst 1868, zwei Jahre nach Jockels Geburt, gebaut. Aber wie. Das ist auch wieder eine Story wert.

Denn in diesem Jahr kam die Zarin von Russland in den Odenwald. Dem Raunen aus dem Publikum folgte gleich die Erläuterung: „Die Zarin war ein echtes Darmstädter Mädsche“, das nach Russland eingeheiratet hatte. Von der Armut in der Raubach betroffen, steuerte sie 100 Gulden für den Schulhaus-Bau bei. „Der Jockel muss in die Schule gegangen sein“, meinte Schnur. Wenn er dorthin geschickt wurde. Und die Häufigkeit stand auch auf einem anderen Blatt.

„Die Landwirtschaft hatte Vorrang vor dem Lernen“, waren die Prioritäten damals klar verteilt. „Wir wissen nicht, wie oft er gefehlt hat“, machte Schnur deutlich. Aber der Jakob Ihrig sei ein schlauer Kerl gewesen, der es heute sicher zu was gebracht hätte. Damals aber folgte er dem Vater im Beruf nach. Er arbeitete als Tagelöhner, Holzkohlebrenner, Gemeindediener oder Totengräber.

Die Musik, meinte der ehemalige Landrat auf Nachfrage, habe sich der Jockel wohl selbst angeeignet und nicht in der Schule gelernt. „Die Lehrer haben lieber auf die Finger gekloppt als zu zeigen, wie man damit Musik machte.“ Bei Lehrer Reutter in Finkenbach aber lieh sich Jako Ihrig immer eine Ziehharmonika, wenn er seine gerade wieder als Pfand in der Gastwirtschaft für die Schulden zurückgelassen hatte.

Eine enge Verbindung des Jockels gab es laut Schnur nach Olfen. Nicht nur, dass er mütterlicherseits dort viel Verwandtschaft hatte, auch seine Mitmusiker kamen von dort. „Die trafen sich dann auf den Festen der Region zum Musizieren“, erläuterte der selbst in Olfen wohnende. Aus dieser Zeit rühre auch der immer größer werdende Bekanntheitsgrad des Jockels.

Schnur stellte daneben die große Geschicklichkeit des Raubachers beim Uhren reparieren heraus. Die am Hirschhorner Bahnhof oder an der Kirche in Güttersbach habe er wieder instand gesetzt. Aus der Zeit als Totengräber bis 1923 rühre auch eine Anekdote mit dem Arzt Bernhard Keysser aus Beerfelden, dem Großvater von Raimund Keysser. Der habe den Jockel auf dem Friedhof als „Versenkungsrat“ begrüßt, worauf dieser mit „Guten Tag, Herr Lieferant“ konterte.

 

Der DRK-Seniorentreff im Gebäude neben Feuerwehr und Sporthalle hat sich in den zwei Jahren seines Bestehens zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt, sagt Hildegard Krauhs. „Er wird ehr gut angenommen.“. Krauhs kümmert sich schon seit Beginn zusammen mit einem etwa 15-köpfigen Helferteam aus allen Ortsteilen um die Organisation. Jeden ersten Donnerstag im Monat gibt es Referate zu verschiedenen Themen, aber auch jahreszeitlich gestaltete Feiern. Für die älteren Mitbürger gibt es darüber hinaus einen Hol- und Bringdienst.

„Unser Treff hat sich herumgesprochen“, freut sich Krauhs. Inzwischen verzeichne man sogar Teilnehmer aus Beerfelden. Zwischen 50 und 60 Senioren kommen so bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen immer zusammen, um sich unterhalten zu lassen, viele Gespräche mit Bekannten zu führen oder in den Erinnerungen zu schwelgen. Dabei werden auch örtliche Institutionen und Gruppen wie Kindergarten und Schule für die Adventsfeier oder die Jugendkantorei für den Neujahrsempfang mit einbezogen. Aber ebenso ist die Fastnachtsgruppe mit im Boot.

Die sangesfreudigen Senioren haben zwischenzeitlich selbst ein Liederbuch erstellt, weil sie gerne die alten Stücke erklingen lassen. Daneben werden auch eigene Beiträge und Gedichte vorgetragen. Die Reihen füllen sich immer schon vor der Zeit, „damit alle ihre üblichen Plätze ergattern“, schmunzelt Krauhs.

Info: Der nächste DRK-Seniorentreff am Donnerstag, 6. Oktober, 15 Uhr, im DRK-Heim dreht sich um die in Beerfelden verlegten Stolpersteine zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Juden. Dazu spricht der neue Leiter der Oberzent-Schule, der Finkenbacher Bernd Siefert. Auf seine Initiative geht die dortige Aktion zurück.

Jürgen Poth lässt beim Jockelsfest in der Raubach das Odenwälder Original in Liedern und Geschichten lebendig werden

Jürgen Poth lebt seinen Jockel. Der wurde ihm quasi mit der Geburt am 5. Mai auch in die Wiege gelegt: Denn der Mundart-Barde von den Odenwald-Nordhängen kam am gleichen Tag wie das Odenwälder Original „Raubacher Jockel“ auf die Welt – nur knapp 100 Jahre später. Aber Grund genug, zum 150. Geburtstag des Jakob Ihrig mit einem Jockel-Programm für einen guten Zweck durch die Lande zu tingeln. So auch beim „Jockelsfest“ der Raubacher Dorfgemeinschaft, mit dem diese dem berühmtesten Sohn des Dorfes gedachte.

Poth, als „de Guggugg“ unterwegs, unternimmt diese kleine Tour ganz im Gedenken an den Jockel und seine Raubacher Dorfgemeinschaft, die ihn in den letzten Lebensjahren umsorgte. Der damalige „Wandeltisch“ in der Form, dass sich wochenweise eine andere Familie des Jockel-Geburtsorts um das Wohlbefinden des über 70-Jährigen kümmerte, sieht der Mundartsänger als Vorläufer der heutigen Hospizvereine. „Für die damalige Zeit war das etwas Besonderes“, so Poth, und habe Eingang in seine (traurigen) Lieder gefunden. Deshalb gehen alle Erlöse seiner Konzerte an die beiden Organisationen im Odenwaldkreis, die Hospizvereine in Erbach und Rothenberg.

Bei der Raubacher Dorfgemeinschaft war man mit dem Fest sehr zufrieden. „Schon um 11“ waren die ersten vor Ort. Zu denen gestellten sich den ganzen Tag über etliche Gäste und ließen sich von Harald Walz mit bekannten Schlagern unterhalten. Zehn bis zwölf Personen zählte der harte Organisationskern, der vielfältige Hilfe aus dem Ort, aber auch den benachbarten Orten Finkenbach und Schönmattenwag bekam. So schaffte etwa der MGV Sängerbund Unter-Schönmattenwag sein großes Festzelt in die Raubach. „Alles hat super geklappt“, freute sich Petra Klein seitens der Initiatoren am späten Nachmittag.

In Odenwälder Tracht und nur mit seiner Gitarre unterwegs, näherte sich Jürgen Poth der Zeit vor 100 Jahren aber nicht nur musikalisch. Die Lieder über die Heimat, die Armut, die gesellschaftlichen Zwänge und das Zwischenmenschliche reicherte er bei seinem Auftritt im Festzelt auch mit vielen Hintergrundgeschichten an. Und natürlich der Mundart. Die zelebriert „de Guggugg“ förmlich. „Den Darmstädtern muss ich immer erklären, wo die Raubach ist“, meinte er schmunzelnd. Erst der Hinweis „zwischen Mannheim und Würzburg“ sorge für ein Aha-Erlebnis.

„Welche Lieder wurden gesungen und woher kamen diese?“, hat Poth den Jockel und seine Zeit erforscht. Vor allem wohl solche aus Familie und Nachbarschaft. Aber Raubach, Beerfelder Land und Überwald seien Ende des19. Jahrhunderts bereits Reiseziele gewesen, sodass es durchaus Einflüsse von außen gegeben habe könne. Schließlich sei Mark Twain schon 1878 den Neckar hinabgefahren und habe diese Reise in seinem „Bummel durch Europa“ verewigt. Die Straße in die Raubach sei aber erst 1929 gebaut worden.

Natürlich gab’s zwischen den Stücken auch viele Anekdoten über den Jockel zu hören. Vor allem sein etwas gespaltenes Verhältnis zur Obrigkeit und den geistlichen Würdenträgern ist vielfältig in Gestalt seiner despektierlichen Äußerungen überliefert. Aber auch die Geschichten des einfachen Mannes bringen selbst heute noch die Zuschauer immer wieder zum Schmunzeln.

Etwa die, wie der Jockel in der Raubach einem Besucher die Kastanie zeigte, an der sich ein Mann aus Schimmeldewog „aufgehonken“ habe. Worauf der Gast wissen wollte: „Aus Seelennot?“ Da musste Jakob Ihrig sein ganz Hochdeutsch hervorkramen um zu verdeutlichen: „Nein, aus Ober-Schönmattenwag“.

Poth skizzierte den Jockel als einen Menschen „mit dem Herz auf dem rechten Fleck“, einen „echten Ourewäller Musikanten“, dem er als Loblied zum 150. Geburtstag das selbst geschriebene Stück „Mein ganzer Reichtum“ widmete. Das Raubacher Original „wollte nie reich werden“, sagte er. Aber: „Wenn er nicht Musikant geworden wäre, würde man heute wohl nicht mehr an ihn denken“, hat sich die Erinnerung an den berühmtesten Sohn der Raubach vor allem dadurch erhalten.

Raubach gedenkt auf dem Friedhof seines bekanntesten Sohns: des „Raubacher Jockels“

Auf dem kleinen Friedhof des Rothenberger Weilers wurde des berühmtesten Sohns gedacht: Hier liegt der „Raubacher Jockel“ Jakob Ihrig begraben, am 5. Mai vor 150 Jahren geboren und vor 75 Jahren in seinem Heimatdorf verstorben. Pfarrer Reinhold Hoffmann ließ dort das Leben des Jockels Revue passieren. Heimatliedersänger Jürgen Poth als „Guggugg“ trug einige Stücke in Mundart vor.

Bürgermeister Hans Heinz Keursten zitierte aus der im neuen Büchlein von Horst Schnur und Rolf Reutter abgedruckten Grabrede von Pfarrer Orth vom 26. Oktober 1941. Der habe vor einer großen Trauergemeinde die allgemeine Wertschätzung der Menschen zum Ausdruck gebracht: „Ich habe ihn leider nicht kennen lernen dürfen, den guten Raubacher Jockel, von dem der ganze hintere Odenwald irgendein humorvolles Stückchen zu erzählen weiß“, sagte der damalige Pfarrer am Grab.

„Und doch wollte ich versuchen, aus dem Gehörten ein Lebensbild zu zeichnen von dem frohen Waldarbeiter und Köhler, von dem kundigen Uhrmacher, von dem lustigen Musikanten, der euch die heiteren Stunden verschönte und der dann auch wieder der Dorfgemeinschaft in ernsten Stunden als treuer Totengräber diente. Diesen seltenen Menschen, der in Freud und Leid ein immer fröhlich Herz bewahrte und den ihr in so einem Beweis von echter Dorfgemeinschaft und christlicher Nächstenliebe versorgt habt. Wollte ich versuchen, ein Lebensbild des Verstorbenen zu zeichnen, ihr würdet mit vollem Recht empfinden, ein Fremder versucht uns zu sagen, was wir alles selbst doch so viel besser wissen“, trug Keursten weiter Orths Worte vor.

Beeindruckend sei ein Artikel von Gustav Siefert, einem Schwager des Schreinermeisters Eugen Siefert aus Finkenbach, zum 70. Geburtstag des „Raubacher Joggel“ gewesen. Dieser sei jetzt zum ersten Mal in der Broschüre veröffentlicht. „Wenn er uns sieht, wird seine Freude bestimmt groß sein“, meinte Keursten mit Blick auf den Besuch am Grab.

Ob in vorhandener Literatur, Überlieferung oder durch Zeitzeugen, wie Georg Sauter aus der Raubach, „wird der Jakob Ihrig als liebenswerter, lustiger und ehrlicher Mensch beschrieben“, so Keursten. Er habe in einer Zeit der Entbehrung gelebt, in der aber Jakob Ihrig den Menschen in der Region mit seiner Musik viel Freude bereitet habe. Sein „hämisches Verhalten“, gerne der Obrigkeit gegenüber, habe dazu beigetragen, „dass seine Geschichten bis heute noch viel Freude bereiten, wenn man sie hört oder liest“.

Manche Aussage, der Jockel sei ein „Tagdieb“ gewesen, sehen die Verfasser der Broschüre ganz anders, hob Keursten hervor. Auch Sauter, der als Kind und Jugendlicher Jakob Ihrig noch persönlich kennengelernt hatte, wandte sich gegen diese Gerüchte. Diese machten ihn wütend, bekundete er-. Jakob Ihrig sei eine absolut ehrliche Haut gewesen. „Der Jockel hat lieber noch 50 Pfennig dazugelegt als eine Mark weggenommen“, habe seine Großmutter gesagt. Die pflegte ein gutes Verhältnis zum Jockel.

Sauter erwähnte, dass sich die Raubacher Dorfgemeinschaft in seinen letzten Lebensjahren liebevoll um den bekanntesten Sohn der Raubach kümmerte. Nicht nur, dass er reihum von den Familien verpflegt wurde – als er krankheitsbedingt nicht mehr schlucken konnte, wurde eigens die nahrhafte „Jockel-Suppe“ kreiert, die sich als Begriff bis heute erhalten habe.

Pfarrer Hoffmann ging in seinen Worten auf die Gründung des Ortes Raubach ein. Die Besiedlung sei ursprünglich über sieben Familien erfolgt, die in ihren Heimatorten als Nachgeborene kein Land mehr bekommen hätten. Er erwähnte hinaus die starke und verschworene Raubacher Dorfgemeinschaft, die auch in der Betreuung des Jockels in seinen späten Jahren zum Ausdruck gekommen sei.