„Festival, Feeling, Odenwald“: Arte-Livestream vom Marbachstausee

Es ist eine magisch-mystische Atmosphäre an diesem Abend am Marbachstausee. Joris begrüßt die „Sound-of-the-Forest-People“, die ihm frenetisch applaudieren. Über dem See wabert der farbige Nebel, vom anderen Ufer her spiegelt sich der Festival-Schriftzug im Wasser. Besondere Lichtinstallationen und –wesen machen die Location wie in den Jahren vorher zu einem der schönsten Veranstaltungsorte in Deutschland.

Mit geschlossenen Augen ist es so wie immer. Mit offenen sind in diesem Jahr wegen Corona keine Besucher dabei, sondern nur die Crew- und Vereinsmitglieder. Sie stemmen den Livestream für das Arte-Zeitgleich-Festival, bei dem jeweils fünf Bands an drei verschiedenen Orten in Deutschland auftreten. „Watt en Schlick“ (Dangast) und „Rocken am Brocken“ (Oberharz) werden ebenfalls beschallt.

Die vier Jungs von der Multi-Kulti-Truppe „Bukahara“ fühlen sich drei Jahre in der Zeit zurückversetzt, als sie ebenfalls bei Sound of the Forest (SOTF) auftreten. Sie haben einige der wenigen Möglichkeiten in diesem Jahr, Material aus ihrer neuen CD „Canaries in a Coal Mine“ zu präsentieren. Mal eine Mandoline, dort die Posaune, hier das Susaphon: Es macht tierisch Laune, was die vier bieten.

Für die SOTF-Macher war die zweite Absage innerhalb von drei Jahren ein harter Brocken. Immerhin ließ sich durch den Arte-Livestream zumindest so etwas wie Festival-Feeling schaffen, wenn auch nur virtuell. 300 Vereinsmitglieder klotzen jedes Jahr ehrenamtlich ran, erzählt Jo Megow vom Orga-Team. Für die war es ein bewegender Moment, als nach fünf Tagen harter Vorarbeit „Klan“ den Auftakt im Odenwald macht, gefolgt von „Black Sea Dahu“ und „Ätna“. „Bei den ersten Tönen sind wir dagestanden mit Wasser in den Augen“, gibt Megow offen und ehrlich zu.

„Die Arbeit hat sich gelohnt“, bilanziert er gegen Ende. Gleichzeitig ist er aber „sehr wehmütig, dass wir die Forest-Family nicht sehen können“. Denn obwohl jedes Jahr inzwischen um die 5000 Besucher an den Stausee kommen, ist alles sehr familiär. Genau das wissen alle zu schätzen. Denn es packen alle mit an, macht Megow deutlich mit Blick auf seinen Vater, der am Bühnenaufbau beteiligt ist, oder auf seine Freundin, die ihn bei der PR unterstützt.

Auch wenn alles nahtlos klappt – die Macher sind durch elf Jahre Arbeit bestens eingespielt -, vermisst er die „lächelnden Gesichter“ der Fans. Die sind immer der Lohn für ein Jahr ehrenamtliche Arbeit, die kurz vor knapp meist rund um die Uhr stattfindet. „Bei der Bühne haben wir uns dieses Mal selbst übertroffen“, darf es auch ein bisschen Eigenlob sein. Der aufgebaute Holzhirsch ist zu einer Art Kultobjekt geworden. Die Künstler bieten sogar dafür, ihn mitnehmen zu dürfen. „Joris will den unbedingt“, lacht Megow.

Ein Festival zu organisieren ist schon viel Arbeit, aber drei als Livestream zu koordinieren „haben wir echt unterschätzt“, gibt er zu. Aber es funktioniert alles. Initiator Markus Blanke von Rocken am Brocken und Till Krägeloh (Watt en Schlick) „wurden richtig gute Freunde“, sagt Megow. Die erlebte Solidarität „ist einfach toll“.

Dass Joris wie auch im vergangenen Jahr dabei ist und den Abend beschließt, freut Megow besonders. „Der hat eine tolle Show gemacht“ – und ist nebenbei auch einer der größten Unterstützer des Festivals. Davon gibt’s viele, wird an dem Abend spür- und hörbar. Des Öfteren ertönt von der gegenüberliegenden Bundesstraße ein Hupen über den See. „Das sind unsere Fans“, weiß der Orga-Mann. Die zeigen damit ihre Solidarität.

Ein Blickfang sind auch die Feenfiguren von ArtArtistica während seines Auftritts.  Joris mit seiner einprägsamen Stimmen und angenehmen Songs wird groß gefeiert. Natürlich bedauert Megow die SOTF-Absage. Aber „es ist richtig, dass es nicht stattfindet“. Bei 5000 Besuchern ließe sich die Gesundheit nicht gewährleisten. Allerdings war es schon schwer, nach 2018 wieder zu verzichten. „Das musst du mental auch erst einmal schaffen“, meint er.

Die Bands sind froh, sich mal wieder live präsentieren zu dürfen. Die meisten haben in diesem Jahr gar keine bis wenige Auftritte. Und natürlich zählt auch die Solidarität. „Die kommen größtenteils nur für Fahrtkostenerstattung“, erzählt Jo Megow. Sie wissen eben, dass sie auf Profis treffen. Denn die Zahnräder greifen nahtlos ineinander, beschreibt er die professionelle Arbeit.

Eine Fernsehproduktion ist etwas anderes als ein Festival, erläutert der Festival-Profi. Da wird eine ganz andere Bildersprache benötigt. Deshalb vermischen die Organisationen Elemente aus zehn Jahren SOTF miteinander. Megow kommt gar nicht aus dem Schwärmen für die „wunderschöne Bühne“ heraus, wie man auch sonst merkt, wie er für das Festival brennt – auch wenn er nach fünf Tagen Nonstop-Orga kaum noch aus den Augen schauen kann.

Lichtkünstler Valentin Lüdicke von der Halle 02 in Heidelberg kümmert sich um die Leuchtbäume, für die große Drähte genommen und daraus entsprechende Konstruktionen geformt werden. Auch der ist schon seit zehn Jahren mit an Bord und stellt für diesen Abend alles kostenlos zur Verfügung. „Die Liebe zum Detail macht uns aus“, weiß Megow – und wird auch überall wertgeschätzt. „Da sitzt jede Lampe, jede Glühbirne und jedes Aststück“, lächelt er.

„Festival, Feeling, Odenwald“: Die drei Schlagworte wollen die SOTF-Enthusiasten weiter verbreiten und freuen sich, dafür mit Arte ein solch „tolles Medium“ gefunden zu haben. Im September soll es die Konzerte dann in einer regulären Sendung zu sehen geben. Schon jetzt „bekommen wir ein riesiges Feedback“, freut sich Megow. Über die sozialen Medien trudeln im Sekundentakt die Kommentare ein. Außerdem gab es im Vorfeld ein „gigantisches Interesse“ an der Produktion. „Musik begeistert eben alle Generationen“, hebt er hervor.

Selbst den alten Sound-Hasen bleibt die Spucke weg

War das zehnte „Sound of the Forest“ das Beste in der Geschichte? „Ein klares Ja“, sagt Festivalsprecher Jo Megow wie aus der Pistole geschossen. „Es war besser als je zuvor.“ Viele Faktoren kamen zusammen, dass die Macher nach der letztjährigen Absage jetzt angesichts des Erfolgs völlig aus dem Häuschen sind. „Wir sind völlig baff, wie gut alles funktioniert hat, wie super die Leute drauf waren und wie die klasse die Bands performt haben“, meint er begeistert im Rückblick. Freitag und Samstag waren mit 5000 Besuchern ausverkauft.

Die Organisatoren saßen am Samstag lange zusammen und überlegten, „wie man nächstes Jahr noch einen draufsetzen kann“, so Megow. Das wird schwierig, so sein augenzwinkerndes Fazit. Denn bis auf kleine Details, die aber nur ihnen selbst auffielen, war aus seiner Sicht quasi alles nah an perfekt. Selbst als erfahrene Veranstalter „standen wir mit offenen Mündern da und meinten nur: Wow, was hat sich in zehn Jahren daraus entwickelt.“

Auch wenn das Festival selbst bei Waldbrandstufe A hätte stattfinden dürfen, war der Regen eine Woche zuvor ein Segen. „Wir sind mittendrin über den Platz getanzt“, erklärt Megow die Erleichterung. „Sonst hätten wir ein mulmiges Gefühl gehabt.“ Bei den Bauten, freut er sich, „haben wir uns dieses Jahr selbst übertroffen“. Die Seebühne mit Hirschen, Rauch und Licht „sah gigantisch gut aus“.

Trotz der exakt 239 Helfer für die vier Tage „hatten wir am Samstagabend einen Mangel bei den Stage-Hands“, bedauert Megow. Sebastian Schimmer und Hauke Feiert waren fast allein damit beschäftigt, die beiden 40-Tonner der österreichischen Band „Bilderbuch“ auszuladen und das Equipment auf die Bühne zu schaffen. „Da brauchen wir im kommenden Jahr auf jeden Fall ein paar mehr Leute“, betont er.

Megow zollt den Besuchern ein Riesenlob: „Als am Sonntag 20 Leute, bewaffnet mit Mülltüten, auf den Platz gingen, hatten wir nichts zu tun.“ Die Gäste verließen das Gelände wie geleckt. „Das habe ich noch nie erlebt“, ist er baff. „Wirklich Wahnsinn.“ Und das, obwohl es auf dem „Sound of the Forest“ eine Dreifach-Mülltrennung gibt. Die Credits gibt er an Dana Vogel weiter, „die die Besucher auf spielerische Weise auf Kurs gebracht hat“.

Als Joris am Samstagabend zusammen mit den „K-Rings“ die Festivalhymne anstimmte, wurden heimlich ein paar Freudentränen verdrückt, lacht er. Neben den Headlinern gab es auch die kleinen Perlen. „Black Sea Dahu“ ist für den Festival-Sprecher eine dieser. Viele entdeckten ihre neue Lieblingsband und kauften sich gleich eine Platte, beobachtet Megow.

„Sommersounds, friedliche Stimmung, neue Leute, Sonnenuntergang, tolle Musik, Seemomente“: Das macht für Marcel Daub aus Hetzbach das Festival aus. „Über zehn Jahre eine klasse Arbeit“, spricht er den Veranstaltern ein großes Lob aus. Sound of the Forest sieht er als Veranstaltung für jedes Alter. Als Einheimischer sollte man es einfach unterstützen.

„Es ist immer weiter gewachsen und hat sich trotzdem seine familiäre Aura gewahrt“, betont ein Rothenberger Besucher. „Hier ist man einfach eine Familie. Jeder hilft jedem und alle unterstützen sich.“ Die Location ist „einfach mega“: Das ist oft zu hören. Der See im Rücken und der Wald drumherum haben etwas Mystisches.

Neben den Odenwäldern, die die familiäre Atmosphäre, die friedliche Stimmung und die Sommersounds schätzen, kommen inzwischen Gäste aus ganz Europa hierher. Etwa die Reisegruppe aus Spanien, der man im vergangenen Jahr gerade noch rechtzeitig am Flughafen die Absage mitteilen konnte – und die natürlich dieses Mal wieder dabei war. Oder die 200 Schweizer, 20 Polen, sieben Engländer, die es ins Herz Deutschlands zieht, um hier zusammen zu feiern.

Die einen kommen rudimentär mit Schlafsack und Isomatte zum Festival, die anderen etwas komfortabler mit Sackkarren und komplettem Hausstaat inklusive Getränkevorrat, der nach normalen Maßstäben eine Woche reichen dürfte. Der Stuhlkreis Marke Camping feiert fröhliche Auferstehung, die Gitarre wird ausgepackt zu einer gekühlten Dose mit Inhalt je nach Geschmack. Wobei selbst die eingefleischten Hobby-Sänger („Country Roads“) wohl ehrlicherweise zugeben müssen, dass die Jungs oben auf der Bühne besser singen.

Die Musik weiter oben ist manchmal die schönste Nebensache an einem Wochenende, bei dem es um nichts weniger geht als – Nichts(tun). Dass tagsüber der weiter unten liegende See frequentiert wird, machen diverse Fortbewegungsmittel deutlich: das fette Schlauchboot, die einfache Luftmatratze, aber auch das De-Luxe-Modell Marke Einhorn. Der See dient auch für andere Zwecke: sich selbst und Handtücher waschen, die dann dekorativ die Zelte verzieren.

Apropos Zelte: Der Unterschiedlichkeit sind keine Grenzen gesetzt. Die klassische Einzelunterkunft mit Stangen, die sich schon beim Anschauen verbiegen, bis zum fünf auf fünf Meter Profizelt, das keine Wünsche offenlässt – und dann womöglich noch mit Abdeckung Typ alter VW-Bulli: ein Fest für die Augen. Wie auch die Illumination an der Seebühne, wo es abwechselnd Programm gibt – oder einfach nur ein paar Beats für zu hören sind, denen mal nicht der Sinn nach lauter Beschallung steht.

Die Planungen für kommendes Jahr laufen logischerweise schon. Einige Bands, über die Megow aber noch nicht zu viel verraten möchte, sind bereits gebucht. „Es sind tolle Acts dabei“, verspricht er. Parallel feilen die Macher an kleinen Details, die das Festival so besonders machen. Etwa an der  Seilbahn in den See, die man aus Zeitgründen nicht mehr schaffte. Oder die Flirt-Line quer übers Gelände, die dieses Mal zwischenzeitlich den Geist aufgab.

Die „Forest Sessions“, 2016 letztmalig umgesetzt, gab es wieder. Wenn große Bands ihre größten Songs akustisch auf dem kleinen Floß im See anstimmen, ist das ein tolles Erlebnis fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wird dann bald auf YouTube hochgeladen. „Amber Run“ etwa spielte gleich drei Lieder ein. „Da ist mir die Spucke weggeblieben“, gesteht Megow. Wie überhaupt das zehnte „Sound of the Forest“ nur offen Münder hinterließ.

Info: Die kleine Schwester von „Sound of the Forest“, das Elektronik-Festival „Circle of Leaves“, findet am Marbach-Stausee von 16. bis 18. August statt. Mehr unter www.circle-of-leaves.com

 

Der Sound schallt über Wald und See

Zelte über Zelte säumen die Wiesen oberhalb des Marbach-Stausees. Selbst Freitagnacht um 11 trudeln noch ein paar Besucher beim „Sound of the Forest“ ein, ausgestattet entweder rudimentär mit Schlafsack und Isomatte, oder etwas komfortabler mit Sackkarren und komplettem Hausstaat inklusive Getränkevorrat, der nach normalen Maßstäben eine Woche reichen dürfte. Sie alles wollen eines: feiern bis zum Abwinken. Schließlich gilt es ein Jahr nachzuholen, weil im vergangenen Jahr das Festival wegen Waldbrandgefahr abgesagt werden musste.

Mit 5000 Gästen rechnen die Veranstalter übers Wochenende. Die dürften bereits am Freitagabend alla da gewesen sein. Zwischen den Zelten war kein Millimeter mehr Platz. Aber akribisch wird die Markierung mit Flatterbändern eingehalten, die die Wege freihalten sollen. Was aber nichts daran ändert, dass beim Auftritt von „Amber Run“ die Strecke zur Waldbühne völlig verstopft ist. Kein Durchkommen mehr heißt es für die, die sich zu spät auf den (engen) Weg gemacht haben.

Die britische Indie-Rock-Band um Joshua „Joe“ Keogh, Tom Sperring und Henry Wyeth hat die neue Scheibe „For the moment, I was lost“ im Gepäck. Die leicht psychedelisch angehaucht, fließende, vor sich hin plätschernde Gute-Laune-Musik passt perfekt ins Ambiente des Marbachstausees und der umliegenden Wälder.

„Vom Alltag abschalten, barfuß rumlaufen, gechillte Atmosphäre, vier Tage die Seele baumeln lassen“: Die Antworten, warum Gäste das Festival im Auen-Odenwald besuchen, sind alle ähnlich. Die Zeit scheint stillzustehen hier im Nirgendwo, abseits der großen Städte. Das wissen sie alle zu schätzen, die aus den Großstädten ganz Deutschlands und der angrenzenden europäischen Länder in diese idyllische Region anreisen. Beim Alter ist die Grenze ziemlich deutlich. Alle Ü30 dürften sich wie Aliens gefühlt haben, es ist eine große Party der Jüngeren.

Auch wenn es an der Waldbühne zum Konzert knallevoll ist, so bleiben doch genug bei ihren Zelten und feiern in kleinerem oder größerem Kreis. „Country Roads“ macht als Parallelsong die Runde, wobei selbst die eingefleischten Hobby-Sänger wohl ehrlicherweise zugeben müssen, dass die Jungs oben auf der Bühne besser singen. Der Stuhlkreis Marke Camping feiert fröhliche Auferstehung, die Gitarre wird ausgepackt zu einer gekühlten Dose mit Inhalt je nach Geschmack.

Die Musik weiter oben ist manchmal nur die schönste Nebensache an einem Wochenende, bei dem es um nichts weniger geht als – Nichts(tun). Dass tagsüber der weiter unten liegende See frequentiert wird, machen diverse Fortbewegungsmittel deutlich: das fette Schlauchboot, die einfache Luftmatratze, aber auch das De-Luxe-Modell Marke Einhorn. Der See dient auch für andere Zwecke: sich selbst und Handtücher waschen, die dann dekorativ die Zelte verzieren.

Apropos Zelte: Der Unterschiedlichkeit sind keine Grenzen gesetzt. Die klassische Einzelunterkunft mit Stangen, die sich schon beim Anschauen verbiegen, bis zum fünf auf fünf Meter Profizelt, das keine Wünsche offenlässt – und dann womöglich noch mit Abdeckung Typ alter VW-Bulli: ein Fest für die Augen. Wie auch die Illumination an der Seebühne, wo es abwechselnd Programm gibt – oder einfach nur ein paar Beats für zu hören sind, denen mal nicht der Sinn nach lauter Beschallung steht.

Am Merch-Stand hängen derweilen Erinnerungen: etwa ein Plakat von 2009, als der Sound of the Forest nur zwei Tage dauert und die Zahl der Bands deutlich geringer war. Damals wie heute dabei: „Dr. Woggle and the Radio“. Die K-Rings sind eine schöne Erinnerung an vergangene Zeiten. „Von wegen Lisbeth“ ist dagegen hier, heute und heftig angesagt, wie der späte nächtliche Run hoch zur Waldbühne beweist.

Info: Das Festival dauert noch bis Sonntagabend, mehr unter http://www.sound-of-the-forest.de