Dem Patienten Oberzent neues Leben einhauchen

Was zuerst nach einem Gute-Laune-Termin mit leckeren Häppchen für Staatsminister Axel Wintermeyer aussah, bei dem er in Augenschein nahm, was es in Oberzent an neuen, kreativen Geschäftsmodellen gibt, wurde für den Chef der Wiesbadener Staatskanzlei am Ende doch etwas ungemütlicher. Dann nämlich nutzten die ins Kaufhaus Knoll gekommenen Unternehmer die Gunst der Stunde, ihn ganz konkret auf die Benachteiligung von kleinen Firmen im ländlichen Raum anzusprechen.

Im Fokus der Wintermeyer’schen Sommertour stand das Projekt „Revive Oberzent“. Denn die ehrenamtliche Gründerunterstützung schaffte es in die Endausscheidung des hessischen Demografiepreises und hat damit ein Preisgeld von 2000 Euro bereits sicher in der Tasche. Am 15. August ist die finale Präsentationsrunde in Wiesbaden. „Von hilfreichen Tipps, einem starken Netzwerk und einer gezielten Wirtschaftsförderung profitieren alle“, betonte der Staatsminister.

Bürgermeister Christian Kehrer sprach zu Beginn an, dass es viele Ideen gebe, diese aber manchmal an zu hohen Auflagen scheiterten. In diese Kerbe hieben auch Christoph Seip und Mark Strauß von Revive. Wenn Behörden im Boot sind, werde es kompliziert, meinte Seip unverblümt. „Wir sind deshalb so erfolgreich, weil wir daran vorbeischippern‘“, sagte er am Beispiel IHK.

Zehn Unternehmensgründungen in zehn Jahren haben sich die Macher vorgenommen. Zwei erfolgte im vergangenen Jahr und zwei weitre in der der Realisierung lassen dieses Ziel realistisch erscheinen. „Warum fangen wir nicht einfach an“, plädierte Seip für eine andere Denke in der Gesellschaft. Das bestehende Netzwerk ist in Oberzent aufgrund seiner ineinandergreifenden Strukturen extrem dicht.

In der Stadt „kennt man uns“, weiß Seip. Die Revive-Leute wollen deshalb über den Oberzent.-Tellerrand hinausschauen. Seine Idee ist es, an Hochschulen Werbung zu machen. „Wir können Pioniere unterstützten, die woanders kaputtgehen“, betonte er. Eben weil der Odenwald ganz anders strukturiert ist. Hier helfen die Menschen einander, man nur auf sie zugehen und fragen.

Das bekräftigte auch Wolfgang Bechtold aus Mossautal. Er ist einer von acht ehemaligen Unternehmern, die dem Netzwerk mit ihrer langjährigen Erfahrung zur Seite stehen. Sie geben Tipps und vermitteln Kontakte: Das A und O bei einer Geschäftsgründung. Wichtig ist eine positive Einstellung: „Wir müssen auch in den Köpfen arbeiten“, betonte Seip. Jahrzehntelanger Leerstand darf nicht als gottgegeben hingenommen werden. Den Abwärtstrend gilt es zu bekämpfen.

Er sieht in Oberzent bedauerlicherweise einen gewissen Fatalismus, was die städtische Fortentwicklung betrifft, „aber auch einen unfassbar hohen Anspruch“. Nach dem Motto: Die seit einigen Jahrzehnten währende Abwärtsspirale soll sich gefälligst innerhalb kürzester Zeit ins Gegenteil verkehren: eine nicht umzusetzende Vorstellung. „Die Leute müssen aufwachen“, appelliert er an die Oberzenter.

Deutschland, Land der Vorschriften: Die machen vor allen Kleinbetrieben auf dem Land das Leben schwer, hob Strauß hervor. Bestes Beispiel: die Bäckerei Riesinger, die keinen Nachfolger findet. Egal wie groß ein Unternehmen ist, es muss laut Strauß – etwa beim Datenschutz – die gleichen Vorgaben erfüllen wie ein Riesenbetrieb. Nur fällt es dem viel leichter, weil er mehr personelle und finanzielle Ressourcen hat.

Er formuliert es plakativ: „Ich will doch meine Zeit voll in den Job stecken, mit dem ich mein Geld verdiene.“ Und nicht Stunde um Stunde der Bürokratie widmen. Genau hier entstand eine rege Diskussion mit Wintermeyer, dessen eher pauschale Aussagen die Anwesenden nicht zufrieden stellten.

Der Minister hatte zu Beginn den demografischen Wandel nachgezeichnet und dabei das Wort „Entjüngung“ als euphemistischen Begriff für die Überalterung der Gesellschaft mehrfach verwendet. Seiner Meinung kann ein Umschwung nur funktionieren, wenn sich die Bürgerschaft als Ganzes dagegen stemmt und die Stadt attraktiv auch für Auswärtige ist. Ein Thema, das Landrat Frank Matiaske ebenso für den kompletten Odenwald ansprach.

Andere präsentierte Projekte/Gründungsideen:

Alex Beck/Daniel Pracht (Beerfelden): Oberzent-Expo „Ox“

Gabriele Quanz/Amadeus van Lier (Odenwaldkreis): Oreg-Wirtschaftsförderung

David Shubart (Frankfurt): Segelschule auf dem Marbach-Stausee

Azadeh Seip/Ulrike Klein (Falken-Gesäß): „Orient küsst Odenwald“ (Oko), Aufstriche und Süßwaren aus Honig

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„Die Oberzent schreibt hessische Geschichte“: Staatskanzlei-Chef Axel Wintermeyer lobt bei seinem Besuch die Vorreiterrolle der vier Kommunen

„Sie schreiben hier Geschichte“: Kleiner ging’s nicht beim Besuch vom Chef der hessischen Staatskanzlei, Axel Wintermeyer, in der Oberzent. Im Rothenberger Rathaus kam er mit den vier Bürgermeistern, Hausherr Hans Heinz Keursten, Sensbachtals Egon Scheuermann, Hessenecks Thomas Ihrig und Beerfeldens Stadtchef Gottfried Görig zusammen, um sich über Entstehung und Verlauf des Fusionsprozesses zu informieren. Und um großes Lob für die Vorreiterrolle der Oberzent-Kommunen loszuwerden, deren Arbeit sicher als Blaupause für weitere fusionswillige Gemeinden in Hessen dienen werde.

„Ich habe nicht glauben können, dass die flächenmäßig drittgrößte Kommune in Hessen entsteht“, machte Wintermeyer die Dimension des Zusammenschlusses deutlich. Überhaupt sei ein freiwilliger Zusammenschluss per se bemerkenswert. Seiner Meinung nach ist eine Zwangsfusion „die schlechteste Variante, um Gemeinden zusammenzubringen“. Denn letztendlich hänge die Entscheidung an den Menschen, die es mitzunehmen gelte.

Wie es in der Oberzent gelang, die Einwohner zu einer solch hohen Zustimmung im Bürgerentscheid zu bringen, war für den Staatsminister ebenfalls eine Erwähnung wert. Das bezeuge, „dass hier alles richtig gemacht wurde“. In einer größeren Struktur sei das Wirtschaften besser möglich als in kleinen Einheiten, betonte er. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Wintermeyer „Demografiebeauftragter“ der hessischen Landesregierung ist.

„Bei abnehmenden Bevölkerungszahlen wird die Infrastruktur für eine Gemeinde immer teurer“, sagte der Staatskanzlei-Chef. Der Odenwald sei von dieser Entwicklung auch betroffen, allerdings nicht so stark wie Nordhessen. Dort gehe man in den nächsten 15 Jahren von einem Einwohnerschwund in Höhe von zwölf Prozent aus. Wobei Landrat Frank Matiaske einwarf, dass es auch im Odenwaldkreis regionale Unterschiede gebe. Der Norden stehe aufgrund der Nähe zu Darmstadt noch etwas besser da. „Im Südkreis müssen wir gegensteuern.“

Der Landrat wertete außerdem den in die Wege geleiteten Fusionsprozess in puncto Transparenz als „vorbildlich“. Von den vier Bürgermeistern sei eine Idee angeboten worden, „die zu diskutieren war“. Die Überzeugungsarbeit war von Erfolg gekrönt, wie das Ergebnis der Bürgerentscheide in den vier Ortschaften zeigte. In dieselbe Kerbe hieb auch CDU-Landtagsabgeordnete Judith Lannert, die das „positive Engagement vor Ort“ lobte.

Wintermeyer hinterfragte interessiert noch mehrere andere Aspekte des Fusionsprozesses. Diesen hatte zuvor der Projektleiter des Kommunal-Services Oberzent, Christian Kehrer, in einer Präsentation verdeutlicht. Kehrer legte dar, wie sich die Zusammenarbeit der vier Orte in den vergangenen zehn Jahren immer mehr vertiefte. Er verschwieg auch nicht die erst jetzt aufgetretene Diskussion um den neuen Stadtnamen.

Dem Staatsminister ging es unter anderem darum, wie sich die Kommunen kostengünstiger aufstellen können. Von ihm wurden die langen Abwasserkanäle und mögliche Alternativen gerade mit Blick auf Hesseneck angesprochen. Wobei Bürgermeister Ihrig meinte, man habe damals alle Varianten abgeklopft, die praktizierte sei die „günstigste“ gewesen.

Oder aber die ärztliche Versorgung, wobei das in Beerfelden projektierte Ärztezentrum auf besonderes Interesse von Wintermeyer stieß. Mit Einkaufsmöglichkeiten sei das wieder etwas anderes, meinte er, einen Arzt vor Ort wertete er jedoch „als ganz wichtiges Thema“. Auch vor dem Hintergrund, „die Region attraktiv zu machen“, die Ansiedlung nicht nur durch günstige Landpreise und niedrige Gebühren zu fördern, sondern auch durch harte Standortfaktoren.

 

„Was an Menschen hier in einer Gemeinde wohnt, macht in Frankfurt einen Straßenzug aus“, führte Christian Kehrer aus. Mit dem Unterschied, dass in Hesseneck Bürgermeister Ihrig 20 Kilometer mit dem Auto fährt, um in alle drei Ortsteile zu kommen und nicht ein paar hundert Meter. Seit 2001 habe die Oberzent über 1000 Einwohner verloren, deshalb „müssen wir schauen, dass wieder Menschen herkommen“. Aufgrund der hohen Wohnkosten in der Stadt hoffe man, dass wieder eine „Landflucht“ im positiven Sinn einsetzt.

165 Quadratkilometer Fläche, 170 Kilometer Kanäle: Kehrer legte dar, „dass bei der Wasserversorgung nicht viel zu sparen ist“. Von den Bürgern gebe es bei den notwendigen Straßenumbenennungen im Zuge der Fusion „viel Engagement und Begeisterung“. Das von einem Heraldiker entworfene Wappen erfahre „im 23. Entwurf sehr viel Sympathie“.