(Stolper-)Steine schrubben gegen das Vergessen: Beerfeldener Oberzent-Schüler engagieren sich

„Stolpersteine reinigen – wider das Vergessen“ hatte die Oberzent-Schule ihre Aktion genannt, mit der der jüdischen Bevölkerung der Stadt am Berge gedacht werden sollte. Gleichzeitig ging es um die Erinnerung an die Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2012 durch Gunter Demnig – 70 Jahre nach der Deportation der letzten Beerfelder Juden im Jahr 1942. Die Botschaft dahinter: „Das darf nie wieder passieren und auch nicht in Vergessenheit geraten.“

In den ersten beiden Schulstunden bereiteten sich die Sechstklässler mit verschiedenen Informationen auf das Thema vor. Da ging es um einen persönlichen Bezug durch Erinnerungen, das Interesse an der Thematik oder auch die heutige Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen. Anhand von Bildern bekamen die Schüler einen Eindruck von dem, was in den vergangenen Jahren unternommen wurde.

Durch einen Stadtplan aus dem Jahr 1905 ließ sich nachvollziehen, in welchen Häusern damals Juden wohnten. Auch wurde ein Bild der zerstörten Synagoge gezeigt, wo 2008 eine Gedenktafel angebracht worden war. Erwähnt wurde außerdem die Stolpersteinverlegung für Herbert Creutzburg im Juni 2016. Der war in den letzten Kriegstagen als „Fahnenflüchtiger“ von Nazi-Schergen auf dem Marktplatz gehängt worden.

Thematisiert wurde in den beiden Schulstunden daneben das Buch von Dirk Strohmenger, „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis“. Dort wird ebenfalls auf die Hinrichtung Creutzburgs eingegangen. Von besonderer Eindringlichkeit war ein Video mit dem zwischenzeitlich verstorbenen Franz Ulm, der als einfacher Soldat damals verantwortlich dafür war, dass der Verurteilte nicht in seiner Zelle Selbstmord beging. Auch die beiden Zeitzeuginnen Dr. Elisabeth Kellner und Hilde Bormuth kamen zu Wort.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15 Jahre alt, schilderte ihre Eindrücke der damaligen Zeit. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen.

Beim Gedenkgang der Klasse 6c hatten die 21 Schüler rote Rosen dabei. Diese wurden nach dem Sauberwischen der 19 im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine an diesen abgelegt. Außerdem zündeten die Jugendlichen an der ehemaligen Synagoge ein ewiges Licht an und stellten es auf – „wider das Vergessen“.

Ellen Ihrig, die elf Jahre in Israel lebte, informierte die Schüler über den Umgang der Juden mit dem Gedenken an den Holocaust. Dieser sei trotz Hightech und modernem Lebensstil noch immer sehr präsent. Heute lebten in Israel  noch etwa 200.000 Menschen, die die Nazizeit überlebten. Viele von ihnen „wurden wie unsere Beerfelder Juden in Konzentrationslager verschleppt, gequält, mussten schwer arbeiten und bekamen kaum etwas zu essen“, erzählte sie.

In Jerusalem gibt es einen Berg, der Berg des Gedenkens heißt, erläuterte Ellen Ihrig. Dort wurde ein Museum mit dem Namen Yad Va Shem errichtet. Sein Ziel sei es, den vielen namenlosen Opfern wieder einen Namen zu geben und sich an sie zu erinnern, ihnen ein Denkmal zu setzen, damit sie nicht vergessen werden. Eines der vielen Denkmäler sei den 1,5 Millionen von Nazis ermordeten Kindern gewidmet. Darunter war laut Ihrig auch die elf 11 Jahre alte Hilde Reinheimer aus Beerfelden. Auch die ehemalige jüdische Gemeinde der Stadt findet man im „Tal der Gemeinden“, einem weiteren Teil des Museums.

Vor der evangelischen Kirche informierte Schulleiter Bernd Siefert über das Schicksal Creutzburgs und zeichnete dessen Lebensgeschichte nach. In der Kirche gab es im Anschluss Musikstücke von Lea Siefert (Klavier) und Leonie Braun (Altflöte) zu hören. Pfarrer Roger Frohmuth sprach Gedenkworte, bevor gemeinsam das Vater Unser gebetet wurde.

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Beim Seniorentreff Finkenbach: Ein Blick auf Beerfelden während der Nazi-Zeit

Um die ehemalige Synagoge in Beerfelden, die Stolperstein-Verlegung für die Beerfelder Juden im Jahre 2012 und den in diesem Jahr angebrachten Stolperstein für Herbert Creutzburg, der als „Fahnenflüchtiger“ in den letzten Kriegstagen 1945 auf dem Marktplatz hingerichtet worden war, ging es beim vergangenen Seniorentreff in Finkenbach. Mitorganisatorin Edith Wilhelm freute sich, dazu eine große Zahl älterer Mitbürger begrüßen zu dürfen.

Der Finkenbacher Bernd Siefert, Leiter der Oberzent-Schule in Beerfelden und gleichzeitig Spiritus Rector für die drei Aktionen, referierte zusammen mit den Zeitzeuginnen Dr. Elisabeth Kellner und Hilde Bormuth. 2008 hatten die Oberzent-Schüler den Antrag gestellt, eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge anbringen zu dürfen, so Siefert. Das jüdische Gotteshaus lag am Beginn der Odenwaldstraße. Heute befindet sich auf dem Gelände die Gaststätte „S’Lagger“.

Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten Synagoge wurde sie in der Reichspogromnacht 1938 nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte. Das Gebäude befand sich in unmittelbarer Nähe zweier Gemeindescheunen und somit bestand die Gefahr eines Großfeuers. Stattdessen sägten die Nazis und ihre Helfershelfer Balken ein. Ein Traktor brachte das Gebäude zum Einsturz.

Um das Jahr 1900 gab es in Beerfelden noch über 100 jüdische Mitbürger. In der heutigen Judengasse wohnten keine Juden, erläuterte Siefert. Nur ein Weg führte durch die Straße zur Synagoge. Die Juden waren, das zeigt ein Stadtplan aus dem Jahre 1905, überall in der Stadt verteilt. Schon vor dem Novemberpogrom von 1938 war die jüdische Einwohnerschaft stark zurückgegangen. Viele emigrierten, vor allem in die USA.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. Damit spannte Siefert den Bogen zur Stolperstein-Verlegung im Jahr 2012 für die letzten Beerfelder Juden, als unter Mitwirkung der Oberzent-Schüler vor den ehemaligen Wohnhäuser 18 Gedenksteine in die Erde eingebracht wurden.

Dritter Punkt in Sieferts Ausführungen war die Stolperstein-Verlegung für Herbert Creutzburg Mitte dieses Jahres auf dem Marktplatz. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Der Schulleiter wurde im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam.

Der Oberzent-Rektor wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen 22-jährigen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau an Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt.

Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner berichteten als Zeitzeugen von der damaligen Tat und Zeit. Die 86-jährige Bormuth, deren Familie damals die Gastwirtschaft „Glocke“ oberhalb der Martinskirche betrieb, erlebte als 14-Jährige die Hinrichtung mit. Sie war von dem Lärm aufgeschreckt worden, der damit einherging, ging zum Marktplatz und bekam noch den Abschluss der Hinrichtung mit.

Auch die 92-jährige Dr. Elisabeth Kellner erlebte alles hautnah mit. Sie war kurz vor Kriegsende nach Wolfenbüttel zur Wehrmacht einberufen worden, versteckte sich aber und befolgte den Befehl nicht. „Europa ist unsere Garantie für Frieden“, appellierte Dr. Kellner an die gemeinsamen Werte und ging wie auch schon bei der Stolperstein-Verlegung darauf ein, den Anfängen neuer rechter Tendenzen engagiert entgegen zu treten. Eine Gesprächsrunde mit den beiden Zeitzeuginnen schloss sich an.

 

Den Seniorentreff Finkenbach gibt es nach Angaben von Organisatorin Edith Wilhelm seit Mai 2002. Er wurde nach der Eröffnung der Hermann-Wilhelm-Halle mit dem Ziel ins Leben gerufen, diese mit Leben zu füllen. Zu Beginn waren es immer um die 25 Personen, heute sind es kontinuierlich etwa 30 bis 35 Besucher. Initiatoren waren Charlotte Birkel, Maria Birkel, Ruth Brechenser, Traudel Sauter, Marianne Schäfer und Edith Wilhelm.

Einmal im Monat treffen sich die älteren Mitbürger. Dann gibt es ein Essen je nach Jahreszeit, so etwa Zwiebelkuchen und neuen Wein. Ein Schlachtfest im Winter und ein Grillfest im Sommer gehören auch dazu. Vorträge der Polizei über Haustürgeschäfte und Enkeltricks, Diashows von Reisen durch den ehemaligen Apotheker Jürgen Frank, Referate über die Heimatgeschichte durch Dr. Rolf Reutter oder Bingo spielen, unterhalten, singen stehen auf dem Programm.

Ziel des Seniorentreffs ist das Erreichen eines Gemeinschaftsgefühls und der Verbundenheit mit der Dorfgemeinschaft. Diese zeigt sich auch darin, dass die älteren Mitbürger Kuchen für das jährliche Finki-Festival spenden. Die Besucher kommen mittlerweile auch aus Rothenberg, Hainbrunn, Kortelshütte, Falken-Gesäß, Beerfelden und Etzean.

Mit der Stolperstein-Verlegung auf dem Beerfeldener Marktplatz wurde der Hinrichtung Herbert Creutzburgs gedacht

In einer eindrucksvollen Zeremonie wurde vor der evangelischen Martinskirche der Stolperstein für Herbert Creutzburg verlegt. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Wie ein roter Faden zogen sich die mahnenden Worte der Redner durch die Gedenkveranstaltung, dass so etwas nie mehr passieren dürfe und man rechte Tendenzen mit ihren schlimmen Folgen schon im Keim ersticken müsse.

Angestoßen wurde die Stolperstein-Verlegung von den Religionsklassen der Oberzent-Schule mit ihrem Lehrer Bernd Siefert. Die 120 Schüler waren zusammen mit den 24 der Grundschule Sensbachtal bei der Gedenkveranstaltung dabei. Siefert wurde von Verwaltungsmitarbeiter Helmut Ulrich im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern im Jahr 2012 erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam gemacht, wie er auf dem Marktplatz erläuterte.

Daraus entwickelte sich dann der Kontakt zu Franz Ulm, der damals als junger Soldat zu Creutzburg in die Zelle gesperrt wurde, um dessen Selbstmord zu verhindern und ihn auch auf dem Weg zum Galgen begleitete. Ulm hatte noch ein Gnadengesuch verfasst, das aber nicht mehr angenommen wurde. Siefert verlas daneben eine Niederschrift des damaligen Pfarrers May, in der dieser die damaligen Ereignisse, die er aus der Kirche beobachtet hatte, aufs Schärfste verurteilte. Er sei traurig, dass der im vergangenen Jahr gestorbene Ulm nicht mehr teilnehmen könne, sagte Siefert.

Der Oberzent-Lehrer wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau an Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber des Befehls von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt. Dies zitierte Siefert aus dem Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945“ von Dirk Strohmenger.

Wenn man heute auf die Welt schaue, könnte man meinen, „die Menschen haben nicht viel aus den Weltkriegen gelernt“, meinte Bürgermeister Gottfried Görig besorgt. Er finde es „toll“, dass die Schüler mit ihrer Aktion mahnend darauf hinweisen wollten, „dass so etwas nie mehr passieren darf“. In diesem Zusammenhang dürfe man auch nicht die Menschen vergessen, die aus Krisengebieten hierher kämen „und Zuflucht suchen“.

Ähnlich äußerte sich auch Bernhild Hofherr, die Leiterin der Oberzent-Schule. „Ich hoffe, dass ihr Geschichte damit anders wahrnehmt als nur aus Büchern“, wies sie auf die direkte Begegnung mit der Historie hin. Sie forderte die Schüler auf, das Erarbeitete „für euch“ mitzunehmen, damit sich ein solches Ereignis nie mehr wiederholen könne.

„Das Ereignis wurde als Projekt im kompetenzorientieren Unterricht thematisiert“, erläutert Siefert die Annäherung ans Thema. Die Schüler hätten ihn bei zwischenzeitlichen Zweifeln, ob denn alles zu schaffen sei, bestärkt und selbst Arbeitsgruppen gebildet, um alles vorzubereiten. Aktenstücke wurden gelesen und vorgestellt. Zur Finanzierung der Verlegung wurden Gelder verwendet, die noch aus der Spendensammlung für die anderen Stolpersteine 2012 vorhanden waren.

Sehr berührend und von den Anwesenden im Anschluss hoch gelobt war der Vortrag des Lieds „Nachts weinen die Soldaten“ durch Annika Schmitt und Esther Wilka, von den Schülern umgedichtet auf Beerfeldener Verhältnisse. „Ohne Mitmenschlichkeit geht die Gesellschaft vor die Hunde“, mahnte Pfarrer Roger Frohmuth, ehe er gemeinsam mit allen Versammelten das Vater Unser sprach. Bauhof-Mitarbeiter Marco Gerbig verlegte nach dem Niederlegen von Rosen den Stolperstein.

Der Stolperstein-Verlegung wohnten auch einige Zeitzeugen bei, die wie der frühere Bürgermeister Adolf Engelter die Hinrichtung von Herbert Creutzburg noch selbst miterlebt hatten. Auch Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner, die bereits beim Gedenken im März anwesend waren, nahmen zusammen mit weiteren älteren Mitbürgern teil. Die knapp 92-jährige Dr. Kellner war es aufs Neue, die mit eindringlichen Worten der jungen Generation ins Gewissen redete, den rechten Anfängen zu wehren und nicht denen mit den einfachen Lösungen Glauben zu schenken.

„Die Gefahr des Rechtsradikalismus ist nicht abstrakt, sondern konkret“, so Kellner. Man müsse aufpassen, dass die Menschen nicht wieder solchen Rattenfängern wie Hitler und der NSDAP nachliefen. Kellner sah eine sehr beunruhigende Entwicklung in Europa durch das Erstarken von rechtspopulistischen und -nationalistischen Parteien. „Ich bin froh, dass ihr solche Lehrer habt, die euch zum Nachdenken anregen“, meinte sie an die Schüler gewandt.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15, schilderte bereits in einem Beitrag für den evangelischen Gemeindebrief ihre Eindrücke der damaligen Zeit und verwies bei der Stolperstein-Verlegung darauf. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen.

Es spanne sich ein weiter Bogen vom tragischen Tod des jungen Unteroffiziers bis zur Gegenwart, sagte Kellner. Keiner hätte sich je vorstellen können, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Deutschland „ein ersehntes Ziel für Flüchtlinge vor Krieg und Armut werden könnte“, so die ehemalige Ärztin. 70 Jahre Frieden und Freiheit „liegen heute hinter uns, das ist nicht selbstverständlich. Dieses hohe Gut gilt es zu bewahren.“

„Geht wählen, schaut und hört euch die Kandidaten genau, ja skeptisch an, testet ihre Einstellung gegenüber Fremden und Minderheiten und hütet euch vor denen mit schnellen und einfachen Lösungen“: Das sind laut Kellner die Erfahrungen, die die Alten der jungen Generation mitgeben könnten. „Wir brauchen keine Herrenmenschen, keine Populisten und Extremisten, sondern gute Politiker, die Kompromisse geduldig suchen“, meinte sie. Eine Regierung von Radikalen, auch wenn sie auf demokratischem Weg zustande gekommen sei, „könnte sich im Zeitalter der Digitalisierung als besonders gefährlich erweisen“.

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„Stolperstein“ zum Gedenken an Herbert Creutzburg wird am 3. Juni in Beerfelden verlegt

Der Termin für die Stolperstein-Verlegung im Gedenken an den vor der evangelischen Kirche Beerfelden hingerichteten Soldaten Herbert Creutzburg steht: Am Freitag, 3. Juni, findet sie um 10 Uhr auf dem Kirchplatz statt. Auf Anregung der neunten und zehnten Religionsklassen der Oberzent-Schule soll dann der sogenannte „Stolperstein“ von Gunter Demnig in die Erde eingelassen werden. Der 22-jährige Creutzburg war am 25. März vor 71 Jahren, vier Tage vor dem Einrücken der Amerikaner in Beerfelden, durch ein SS-Standgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Schüler beschäftigen sich schon seit vergangenem Jahr hin mit dem Thema.

Da Gunter Demnig die Verlegung persönlich erst im Frühjahr 2017 hätte vornehmen können, geschieht sie nun in Absprache mit dem Künstler in Eigenregie unter Mitwirkung des Bauhofs noch in diesem Schuljahr. „Sonst wären die jetzigen Schüler, die sich mit dem Thema beschäftigten, nicht mehr dabei“, sagt Religionslehrer Bernd Siefert. Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas.

„Die Schüler brachten sich von Anfang an stark in die Aktion ein“, hebt Siefert positiv das Engagement der Jugendlichen hervor. Sie bildeten verschiedene Arbeitsgruppen etwa für Ablauf, Flyer-Gestaltung oder Stellwand-Ausstellung oder machten Vorschläge zur Programmgestaltung. Da im Geschichtsunterricht aktuell sowieso der Nationalsozialismus behandelt werde, habe er im Religionsunterricht die Zeit, das Thema zu vertiefen und genauer aufzuarbeiten, so der Lehrer.

„Das Ereignis wurde als Projekt im kompetenzorientieren Unterricht thematisiert“, erläutert Siefert die Annäherung ans Thema. Aktenstücke wurden gelesen und vorgestellt. Zur Finanzierung der Verlegung würden Gelder verwendet würden, die noch aus der Spendensammlung für die anderen Stolpersteine 2012 vorhanden seien. Im Jahr 1900 habe Beerfelden noch über 100 jüdische Familien gezählt, im Jahr 1942 keine mehr, meint er mit Blick auf den Hintergrund der damaligen Aktion

Siefert spürt bei den Schülern „eine hohe emotionale Beteiligung“. Denn bei dem von Nazi-Schergen Ermordeten handle es sich um einen jungen Mann, der von der sich auflösenden Front einfach nur heim zu seiner Freundin wollte. Die Jugendlichen könnten sich mit seiner Person identifizieren. „Ich habe ihnen gesagt, wenn ihr später einmal wieder an der Kirche vorbeilauft, werdet ihr immer an diese Aktion denken“, so der Lehrer. Geplant sei zur Verlegung auch der Besuch einer Gruppe von Asylbewerbern, die in ihrem Heimatland teilweise ähnlicher Repression ausgesetzt gewesen und zum Militärdienst gezwungen werden seien.

Wie der Lehrer sagt, wurde er durch eine Akte im Beerfeldener Archiv auf das Schicksal des geflohenen Soldaten Creutzburg aufmerksam. Er stieß beim Aktenstudium auch auf den Namen Franz Ulm. Der war damals als 21-jähriger Soldat in Beerfelden im heutigen Bürgerhaus stationiert und begleitete ihn zum Galgen. Ulm schrieb noch ein Gnadengesuch für den Gefangenen, das aber nicht angenommen wurde.

Durch seine Recherchen machte Siefert den über 90-Jährigen vor zwei Jahren in Köln aus. „Ich habe ihn angerufen und einen Termin für ein Interview ausgemacht“, berichtete er von seinem Treffen mit dem Zeitzeugen. „Franz Ulm konnte sich noch sehr gut an das Ereignis erinnern.“ Dem ehemaligen Soldaten sei das „präsent gewesen, als ob es gestern war“. Das späte Gedenken durch die Stolperstein-Verlegung erlebt Franz Ulm aber nicht mehr: Er starb vor einem Jahr.

Dass der damalige Mord noch stark im Gedächtnis der älteren Mitbürger verwurzelt ist, stellte Siefert nach der Gedenkveranstaltung Ende März fest. Nicht nur, dass dort die Zeitzeuginnen Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner davon berichteten. Im Nachhinein sei er noch von einigen Beerfeldenern darauf angesprochen worden, die die Hinrichtung als Kinder miterlebt hatten und denen diese abscheuliche Tat nach wie vor präsent sei.

Sehr detailliert schildet der Historiker Dirk Strohmenger in seinem Buch „Nationalsozialismus m Erbacher Landkreis“ auf den Seiten 368 und 369 die Hinrichtung Herbert Creutzbergs in Beerfelden. Er weist auch auf den Zynismus und die Heuchelei der Machthaber hin. Denn der Befehlsgeber von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, sei Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger gewesen. Und genau dieser habe am selben Tag, dem 25. März 1945, die Flucht vor den heranrückenden Amerikanern von Frankfurt von Südbayern angetreten.

Laut Strohmenger blieb der Leichnam des Unteroffiziers Creutzberg zur Abschreckung der Bevölkerung „noch einige Zeit am Baum zwischen dem Kriegerdenkmal und der Kirche hängen“. In Beerfelden sei das Standgericht der Heeresstreife 17 für das Urteil Fahnenflucht und Hinrichtung zuständig gewesen. Wie der Autor weiter schreibt, seien die verantwortlichen Offiziere trotz Ermittlungen deutscher Justiz- und Polizeibehörden nach 1945 nie gefasst worden.

Info: Das Buch von Dirk Strohmenger, „Nationalsozialismus m Erbacher Landkreis 1923-1945“, wurde in der Steinbacher M&K-Satz-, Druck- und Verlags-GmbH hergestellt und ist zum Preis von 25 Euro im Landratsamt Erbach (Bürgerservice) sowie im Buchhandel erhältlich. Die ISBN lautet 978-3-9815625-4-5.

Ablauf Stolperstein-Verlegung 3. Juni

  • 10 Uhr offizieller Beginn
  • Musikalischer Einstieg durch kurzes Lied, vorgetragen von den Schülern
  • Lesung eines Auszugs aus Dirk Strohmengers Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis“
  • Begrüßung durch Schüler und Bürgermeister Gottfried Görig
  • Nachzeichnung der Geschichte Herbert Creutzburgs an einer Stellwand durch die Chronik von Pfarrer Karl Ludwig May, Strohmengers Buch und einen Auszug aus dem Beerdigungsregister der evangelischen Kirchengemeinde von 1945
  • Verlegung des Stolpersteins
  • Anzünden von Gedenkkerzen
  • Vortrag des Lieds „Nachts weinen die Soldaten“ von Andreas Weinmann, von den Schülern umgedichtet auf Beerfeldener Verhältnisse, durch Annika Schmitt und Esther Wilka
  • Vater-Unser-Gebet mit Pfarrer Roger Frohmuth

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